Walter Hövel
Grundschule Harmonie
„Sich selbst und sein Lernen begreifen“
vom eigenem Arbeiten bis zur Kinderuni

 

Seit unserer Gründung im Jahre 1996 arbeiten Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Kinder an der Grundschule Harmonie kontinuierlich daran, dass Schule mit vorgegebenen Lerninhalten und Lernwegen, mit Unter-Richten und dem Wiederkäuen für Noten und Tests verschwindet. Wir wenden uns gegen Langeweile, Aussonderung und Unterordnung. Wir legen den Grund für eigen verantwortliches Lernen in Selbstbestimmung, Inklusion und Demokratie.

 

Wer kein erzwungenes Einpauken von Lehrinhalten mehr haben will, muss aktive, selbst gestaltete und eigen verantwortliche Prozesse bei Kindern, aber auch bei den Erwachsenen, initiieren, im Alltag selbstverständlich und erfolgreich machen. Hier reichen nicht gut gesetzte oder einmalige Akte der Mitbestimmung von Entscheidungen oder in besonderen Projekten. Hier reicht es nicht die Fragen der Kinder oder ihre Lebenswirklichkeit so aufzugreifen, dass nachher wieder gelungener, funktionierender Unterricht herauskommt. Hier darf, wie in vielen Vorführstunden der „Lehrerausbildung“, nicht die vollendete Führung der Lehrerin so aussehen, dass in durchritualisierten Stunden die Kinder möglichst selbstständig tun, was die Lehrerin sich wünscht. „Unsere“ Kinder lernen ihren eigenen gesamten Lernweg und Lerntyp zu formen.

 

Im Rahmen eines offenen demokratischen Schulalltags lernen die Kinder ihren eigenen Lernweg mit eigenen Erfolgen und Leistungen zu gehen. Sie lernen sich selbst und ihr Lernen zu begreifen, zu gestalten und ihre Qualität durch ihr Arbeiten und Lernen stetig zu steigern. Unsere Übergangsquoten zu den weiter führenden Schulen, die tägliche Freude am Lernen in einer guten Atmosphäre und die Bundes- und Europaweite Anerkennung unseres Konzepts belegen die Berechtigung unserer Arbeit.

 

Unser Kollegium beschreibt die eigene Arbeit wie folgt:

„Lernen: Laut neurowissenschaftlicher Erkenntnisse ist nachhaltiges Lernen nur durch den positiven emotionalen Bezug des Kindes zu seinem Lernprozess gewährleistet. Deswegen entscheidet an dieser Schule das Kind in Absprache mit und in Beratung durch die Lehrkraft was, wann, wie und mit wem es lernt. Raum und Zeit für eigene Vorhaben ermöglichen den Kindern ein qualitativ wertvolles Lernen. Das Lernen wird hochgehalten, die Leistungen werden in der Gemeinschaft gewürdigt. Durch einen kontinuierlichen Prozess der Selbsteinschätzung in Form von Gesprächen im Kreis, mit anderen, Selbsteinschätzungsbögen und im Feedback der eigenen Präsentationen wird den Kindern ihr Lernen transparent. So können sie reflektiert und zunehmend eigenverantwortlich ihre weiteren Lernvorhaben planen.

Jahrgangsübergreifende Gruppen: Die Kinder arbeiten in gemischten Gruppen (Jahrgänge 1 bis 4) ohne künstliche „Jahrgangsgrenzen“. So lernen sie mit- und voneinander entsprechend ihres Leistungsvermögens und finden dabei Anregungen und Herausforderungen. In der vertrauten Gruppe erleben sich die Kinder im Laufe ihrer Schulzeit in unterschiedlichen Rollen. Mal sind sie die Lernenden, mal übernehmen sie als Experten anderen Kindern gegenüber Verantwortung und entwickeln so ein positives „Lernerbild“ von sich selbst.

 

Inklusive Schule: Es ist normal, verschieden zu sein. Das wesentliche Prinzip der inklusiven Schule ist die Wertschätzung von Vielfalt und die Akzeptanz von Heterogenität als Chance. Dazu gehört es, mit individuellen Verschiedenheiten flexibel umzugehen und Verantwortung für sich selbst und für Andere zu übernehmen.

 

Demokratie lernen und mitbestimmen: Die Kinder übernehmen von Anfang an Verantwortung für ihr Lernen, für die Gruppe und für die Schule. Sie haben das Recht ihren eigenen Fragen nachzugehen und sind vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft. Die demokratischen Strukturen der Schule (Klassenrat, Kinderparlament, Vollversammlung) bieten den Kindern einen Raum zur Formulierung ihrer Bedürfnisse und zur Entfaltung und Umsetzung ihrer Ideen. Sie vereinbaren die Regeln des gemeinschaftlichen Miteinanders und erleben sich als aktive und kompetente Mitgestalter des Schullebens. Wir setzen uns dafür ein, dass unsere Schule ein angst- und gewaltfreier Raum ist.

 

Europa ist unser Zuhause: Englisch, Romanes, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Türkisch,... In der Europaschule Harmonie werden die Sprachen der Kinder und Erwachsenen gelebt. Sie gehören selbstverständlich zum Alltag. Der Blick in und aus verschiedenen Kulturen erweitert Horizonte und hilft, sich selbst aus einer neuen Perspektive zu betrachten und besser kennen zu lernen. Unter anderem haben die Kinder die Möglichkeit, an einem jährlichen Austausch mit der Partnerschule “Lark Rise Academy” in England teilzunehmen. Aktive Kontakte haben wir zu vielen Schulen in Deutschland, England, Finnland, Luxemburg, Österreich, der Schweiz, Spanien und Italien.

 

Lernräume: Die Schule ist als Lernlandschaft konzipiert. Gelernt werden darf überall: im Klassenraum, Forum, Flur, Lehrerzimmer, draußen, auf dem Hochbett oder in der Jägerhütte... Überall sind Anregungen zu finden, wie Bücher, Natur, Computer, Materialien oder Spiele. Jede Klasse gestaltet ihren Klassenraum nach ihren Bedürfnissen. Unser naturnah angelegtes Schulgelände lädt zum Toben, Lernen, Spielen, Entdecken, Experimentieren, Forschen und Entspannen ein. Von den Montagsstiftungen wurden unsere Räumlichkeiten als “gelungener Bildungsort”[1] ausgezeichnet.

 

Erwachsene: Lehrkräfte sind Lernvorbilder, -berater, -begleiter und -“anstifter“. Sie schauen auf die Fähigkeiten der Kinder und bauen darauf auf. Es wird lehrplankonform gearbeitet mit dem Schwerpunkt auf Kompetenzen, die für das lebenslange Lernen von Bedeutung sind, wie z.B. kreatives Denken, eigenständiges Handeln, den eigenen Fragen nachgehen, Verantwortungsübernahme oder das Lernen lernen. Durch qualitativ hochwertige Angebote machen die Lehrkräfte ihre individuellen Fachkompetenzen und Begabungen den Kindern verfügbar. Wir erwarten, dass Erwachsene an unserer Schule Kinder als vollwertige Menschen wahrnehmen. Achtsamkeit und Anerkennung sind Grundlage für die Beziehungsarbeit. Die Kooperation mit Eltern ist in der Schule von zentraler Bedeutung und wird durch gegenseitiges Vertrauen bestimmt. Fragen, Anregungen und aktive Teilhabe am Schulgeschehen sind willkommen.

 

Ausbildungsschule: Die Schule wird regelmäßig von PraktikantInnen verschiedener Studiengänge aus verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen bundesweit besucht. Sie bietet Raum für zahlreiche wissenschaftlichen Forschungsarbeiten. Eine große Anzahl von engagierten LehramtsanwärterInnen sorgt für hochwertige und innovative Lernangebote. Die ständige Präsenz der Studentinnen der Studienganges „Inklusion“ der Uni Siegen garantiert vielen Kindern langfristige und intensive Begleitung. Hervorragende Ausbildungsabschlüsse sprechen für die Qualität unserer Schulpraxis.“[2]

 

Zwei Grundformen unseres Lernalltags prägen unsere Arbeit. In den Klassen bestimmen die Kinder mit Hilfe ihrer täglichen Klassenversammlungen, ihrer Lehrerinnen und Lehrer und ihrer Mitschüler der Jahrgangsmischung 1-4 Form und Inhalte ihres Arbeitens und Lernens. Sie lernen ihre Lernarbeit zu präsentieren, zu dokumentieren, zu reflektieren und ihre Leistung und Entwicklung selbst einzuschätzen. So werden sie zu selbst bewussten Menschen, die lernen, ihre eigenen Wege des Lernens und den Weg durch das Schulsystem für sich selbst zu gestalten.

 

Die tägliche Vielfalt von Lernaktivitäten unserer Kinder findet Tag für Tag mit neuen Inhalten und in neuen Formen statt. Sie ist immer darauf ausgerichtet, dass die Kinder lernen wirklich zu entscheiden, was sie mit wem zu welchen eigenen Inhalten, in welcher Qualität und Zeit arbeiten und lernen. Dies stellen sie im morgendlichen Kreis der Klasse, also im Klassenrat vor und präsentieren ihre Ergebnisse wieder in Vorstellungskreisen der Klassen oder anderer Gruppen.

 

In den Klassen im Ostflur unserer Schule gestalten ein paar Kinder ihre eigene Zeitung, Lucas  eine Fotoreportage, ein paar Mädchen gehen von Klasse zu Klasse, um eine Umfrage zu machen. Andere erproben Knete, eröffnen eine „Drachenmalschule“, sind als Sprachforscher unterwegs um Verdoppelungen von Konsonanten und Vokalen zu finden und zu begreifen. Jemand anders liest ein Artimis-Fowl-Buch auf dem Lesebett, andere gemeinsam ein englisches Bilderbuch auf dem Gang. Da werden eigene Texte für die Dichterlesung am Freitag geschrieben. In der Dichterlesung stellt jedes Kind den anderen ihren eigenen besten Text der letzten Woche vor. Wieder andere legen mit verschiedenfarbigen Glaskugeln ihre Matheaufgaben, Viertklässler erkämpfen sich auf diesem Weg ihre schriftliche Division. Da erprobt Paul auf einem Tablett die richtige Schreibrichtung von Buchstaben, Daniel recherchiert im Netz die Bedeutung des Worts „AUDI“ für seinen Vortrag über Automobile. Saskia forscht zum Thema „Dynamit“ und Clemens zum Thema „1.FC Köln“. Da wird mit Wasser experimentiert, dort mit Holger für die Schulband ein eigenes Rock’n’Roll-Stück geprobt. Kinder üben Flötespielen, Einmaleinsreihen oder Einradfahren. Bei den Fledermäusen findet gerade der Mathekreis statt. Sie  versuchen gerade zu begreifen, warum bei Subtraktionen zweistellige Zahlen, immer ein Ergebnis der 9erreihe rauskommt (96-69=, 71-17=, 54-45=). Da spielen welche Schach, ein andere erfindet einen eigenen Text mit genau 50 Wörtern in mehreren Zeilen, was er einen „Fuffi“ nennt.

 

In den Klassen auf dem anderen Flur sind zwei Klassen im Sportunterricht. Sie bauen heute in der Halle ein Minigolfturnier mit den vorhandenen Geräten und Materialien auf. Im Forum bietet eine Kollegin ein offenes Chorsingen an. Im Sommer werden wir mit dem hiesigen Chor Young Hope und vielen anderen Schulen gemeinsam Popsongs aus ihrem Programm singen. Zwei Kinder sind in der Druckerei und setzen ihre Texte, die sie zu den Partnerklassen in Österreich und der Schweiz senden. Zwei Kinder sitzen am Computer und  schreiben ihre E-mails für ihre englischen Partnerkindern von der Lark Rise School. Ein Kind arbeitet an Matheaufgaben mit einer der Inklusionsstudentinnen, zwei sagen sich gegenseitig Texte an, um die Groß-Klein-Schreibung zu üben. Im Kunstraum arbeitet ein Kind daran mit Pastellfarben zu malen, ein anderer sägt an seinem Schwert. Melanie hält ihren Vortrag „Fabelwesen“ und Marc danach zu „Napoleon“. Marcel arbeitet in der Lernwerkstatt und Songül führt gerade einen Gast durch die Schule. Chayenne malt an ihrem Piratenbilderbuch und Meike und Elena forschen mit dem Mikroskop.

 

Das Ziel dieses Alltags der Bestimmung der eigenen Arbeit ist eine Form der Erziehung zur Selbstständigkeit in Verhalten und Arbeiten. Sie sollen nicht so tun, als würden sie selbstständig arbeiten und doch wieder Arbeitsblätter ausfüllen, den Computer bespielen oder das machen, was ihre Lehrerin gerne sieht. Sie sollen selber herausfinden, was sie wissen und können wollen, was sie für sich selbst und ihr Weiterkommen in Schule und Leben brauchen. Dies ist ein ziemlich hoher Anspruch an so junge Menschen! Die Praxis einer solchen Schule darf kein Alleinlassen mit dahin dümpelnder Beschäftigungstherapie oder gespielter, aber doch vorgegebener Eigenständigkeit sein. Hier darf nicht Verantwortung von unselbstständigen Erwachsenen auf Kinder abgewälzt werden. Vielmehr wird den Kindern die Verantwortung für das eigene Lernen als ein spielerischer und kindgemäßer Lernvorgang zurückgegeben und die Erwachsenen sind sich ihrer Verantwortung als Vorbilder, zuverlässige Bezugspersonen und selbst neugierige und lernwillige Experten bewusst. Sie halten sich dort zurück, wo das Kind zu viel Begleitung einfordert und sind präsent, wo das Kind ihre Erfahrung und Präsenz brauchen.

 

Das Kollegium formulierte diese Grund-Sätzean den eigenen Anspruch:

 

„Dass Schule mir hilft mich zu finden, ich selbst zu sein und weiter werden zu können.

Die Kinder bestimmen, organisieren und bewerten ihr Arbeiten, ihre Leistung und ihr Lernen selbst, sie

- ihre Texte so erzählen und schreiben, dass sie ausdrücken können, was sie beeindruckt

Lesen cool finden

– Das mit ihren Händen tun können, was sie mathematisch denken sollen

– ihre mathematischen Techniken so weiter entwickeln, dass sie Freude an Mustern, flexiblen und vernetztem Denken, dem eigenständigen und gemeinsamen Erkennen, Benennen und Lösen von Problemen gewinnen

– Gelegenheit haben Mathematik in ihrem Alltag wieder zu finden

 – experimentieren, forschen und erkunden, und so eigene und übernommene Fragen, Hypothesen und Ziele selbstständig bearbeiten

ihre Arbeiten auswerten, überprüfen und so neue Kenntnisse und Erkenntnisse gewinnen, so wie Zusammenhänge erkennen

-  eigene Themen und Inhalte so bearbeiten, dass sie die Welt, die Anderen, sich selbst und neue Fragen entdecken, sich orientieren und stärken können

– eigene Themen nicht für andere oder die Schule bearbeiten, sondern für sich selbst 

ihren freien Ausdruck durch Mittel des Tanzes, des Theaterspiels, der Sprache, der Mathematik, der Musik, der Kunst und der Bewegung entwickeln, genießen, rezipieren und hinterfragen

– Gelegenheit haben, sich in ihren Familiensprachen und in Deutsch und Englisch auszudrücken

– sich so bewegen, dass sie Freude und Anstrengung empfinden

– die Medien und ihre Technik so beherrschen, dass sie selbst nicht von ihnen beherrscht werden

– ihre Präsentationen so gestalten, dass sie andere erreicht

 – um die Zonen ihrer aktuellen Entwicklung wissen und daran arbeiten

– im Gespräch über sich, ihr Arbeiten und Lernen ihre eigene Sprache und Welt konstruieren und     entwickeln

 -  über die eigene Meinung, eigene Fragen, Konflikte, Zweifel und Sorgen in Austausch und Zusammenarbeit treten*

– sich mit Sinn, Zweck und Notwendigkeiten von Lerninhalten und Kompetenzen auseinandersetzen

 – ihr Arbeiten begründen können*

ihre Zeit selber lenken können*

– ihre Achtung gegenüber der Welt, sich selbst und anderen zum Ausdruck bringen

Freude an Entwicklung haben*

 - Verantwortung übernehmen*

- aktiv demokratisch gestalten*

- ohne Aggression und Langeweile zusammen und allein arbeiten, spielen und ruhen

– Erwachsene vorfinden, die ihre Rechte und ihre Person schützen

 – von den Menschen ihrer Umgebung unterstützt werden und Teilhabe in allen Situationen möglich ist

– ihre Lernumgebung so vorfinden, das sie Freude an deren Gestaltung, an Ästhetik und haben*

- Freude an Leistung und Wertschätzung erfahren und sich und ihre Persönlichkeit durch Arbeiten und Lernen stärken und daran wachsen.“[3]


Die Angebote der Lehrkräfte an die Kinder bilden den anderen Teil unserer Arbeit. Auch hier erzwingen wir keine vorgegebenen Lernwege durch Klassenarbeiten, Tests, Fachstunden, Noten oder gleichschrittigen Unterricht. Vielmehr bieten wir täglich in den Klassen einzelnen Kindern oder Lerngruppen Lerngelegenheiten an. In der Einzelarbeit mit Kindern führen wir grundlegende schulische Fähigkeiten ein, erklären Grundtechniken oder schulische Verfahren oder begleiten individuelle Lernvorhaben und Projekte. Zudem können alle Kinder der Schule immer wieder besondere Angebote besuchen. Hierzu zählen Chor, Fußballtraining für Mädchen, Lesungen von Eltern und Gästen, mitgestaltete Gottesdienste, Trommeln und Skills4life, aber auch Schulversammlungen, Unterrichtseinheiten mit Lehramtsanwärterinnen, besondere Theater-, Englisch- oder andere Projekte, selbst organisierte Gruppen der Kinder bis hin zu Vorlesungen und den Veranstaltungen der Kinderuni.

 

Kinder werden nie allein gelassen. Es sei denn, wir handeln so aus Absicht, weil wir die Situation so einschätzen, dass das Kind seinen eigenen Weg finden wird. Die vielen bei uns tätigen Integrationshelfer, unsere vielen Studentinnen, unsere Lehramtsanwärterinnen, Praktikantinnen, Assistenten, Eltern und Ganztagsangestellten begleiten die vielen kleinen und großen Situationen, in denen Kinder zurecht Unterstützung einfordern.

 

Das Einbringen der Erwachsenenangebote geht aber weiter. Seit vielen Jahren arbeiten wir in der Konferenz der Lehrerinnen und Lehrer, in Arbeitskreisen und Sitzungen mit den Eltern und vor allem aus den Klassenversammlungen, Feedbackkreisen, Schulversammlungen und dem Kinderparlament heraus mit den Kindern an der Effektivierung und Weiterentwicklung dieser beiden grundlegenden Lernformen unsere Grundschule Harmonie. Unser Standbein ist das selbstbestimmte Lernen der Kinder, unser Spielbein das qualifizierte Angebot der Erwachsenen zur stetigen Steigerung des Lernniveaus. So wird, wie Falko Peschel es beschrieb, „das Lernen hochgehalten“.

 

Die eigene „Kinderuniversität“ ist ein besonderes Mittel des Inputs von Lerninhalten neuer und spannender Qualität. Sie bietet mit den Kinder ansprechenden und herausfordernden Inhalten neue Techniken des Arbeitens und Darstellens. Sie bringt desweiteren Ideen zur Selbsterziehung zur Erziehung und zur Verankerung des demokratischen Umgangs. So werden für jedes Kind neue eigene Lernwege gefunden. Lernmöglichkeiten und die permanente Aktualisierung der Entwicklung von Bildung und Schule werden transparenter, viabler und einsichtiger. Individuelles und gemeinsames,  kooperatives und privates Lernen werden gestärkt und bewusst erfahren ausgebaut und verbessert.

 

Schulentwicklung mit Kindern war immer eines der größten Anliegen unserer Schule. So kannten wir schon seit Jahren Feedbackrunden mit allen Kindern zur Evaluierung unserer Englischangebote. In den Klassenräten werden das eigene Lernen und seine Struktur permanent besprochen und verändert. Schon wenige Jahre nach Gründung der Schule wurden von den Kindern und den LehrerInnen besondere Tage des Kompetenztransfers und der Verbreiterung von Arbeits- und Darstellungstechniken ausgedacht. Bald nannten wir solche Tage „Kinderuniversität“. Hierbei spielte das Ärgern über Sparkassen- und staatlich-industrielle Angebote eine Rolle. Warum sollten wir nur mit freundlicher Genehmigung einmal im Jahr ein „hochbegabtes“ Kind zu  in den Ferien, zudem noch von den Eltern bezahlt, in Chinesisch oder Chemieunterricht schicken? Schließlich kann jedes Kind „auf Verdacht“ gefördert werden, ist jeder Mensch einzigartig, also begabt. Außerdem können wir auf hohem Niveau, z.B. mit einer Inklusionsstudentin aus China oder anderen Erwachsenen Fremdsprachen anbieten oder Experimentieren und Forschen. Und schließlich bedeutet die „Universitat“[4] ursprünglich „die Gemeinschaft der Lernenden und Lehrenden“. Und es soll doch nicht unser Problem sein, dass dieser Gedanke an unseren Universitäten zugunsten einer nur noch dumm gelaufenen Verschulung gewichen ist.

 

Also begannen wir mit unserer eigenen Kinderuni und entdeckten sie bald als Mittel der Schulentwicklung. Zunächst boten wir „Techniken des Erzählens“ in vielen Seminaren an. Die Kinder konnten sich für drei Tage ihr Seminar, ihr Thema und ihre Dozenten (meistens Lehrerinnen und Lehrer, oft qualifizierte Gäste) aussuchen. Dann folgten halbjährlich Themen wie „Kunststile“, „Musikseminare“ oder „Naturwissenschaften“. Wir erfanden die wöchentliche Vorlesung im Forum unserer Schule, etwa zu „Grundbegriffe der Mathematik“, „Vollständige Übersicht über alle Dinosaurierarten“, „Die Bibel, ihr Aufbau und ihre Geschichte“, „Abstimmen und Wählen in Europa“, „Juden in Deutschland und Eitorf“ oder „Beispiele für das Schreiben freier Texte“.

 

Wir lernten eine unserer Kinderunis über ein ganzes Halbjahr neben und mit unserem täglichen Lernen zu machen. Unser Ortsteil wurde 100 Jahre alt und wir beschäftigten uns in allen Klassen und mit verschiedensten inhaltlichen, personellen und zeitlichen Angeboten ein halbes Jahr lang mit den letzten 100 Jahren unserer Geschichte.

 

Wir entdeckten die Kinderuni als Mittel, sich eigene neue Entwicklungen zu eröffnen. Wir arbeiteten an den „Rechten der Kinder“, am „Kompetenztransfer zwischen Kindern“, am Begriff „Inklusion“, an der Frage „Was verstehen Kinder unter Erziehung?“. Wir lernten dies in Elternabenden und in verschiedenen anderen Formen zu präsentieren und dokumentieren. Der Schul-Alltag unserer Kinder und der Erwachsenen wurde demokratischer, inklusiver und kompetenter.[5]

 

Anfang des Schuljahrs 2012/13 brachten Kinder den Vorschlag ins Kinderparlament ein, während der dreitägigen Kinderuni alle Klassen- und sonstigen Räume der Schule zu „Fachateliers“ zu machen. Sie schlugen vor, dass die Kinder sich aussuchen könnten, wo sie was, bei wem lernen konnten. Wir haben es so umgesetzt und der Erfolg war überwältigend.

 

Einige Aussagen der Kinder in der Auswertung lauteten:  „Wir haben mehr auf einander geachtet. Wir haben mehr zusammen gearbeitet. Wir haben viel machen können. Wir hatten mehr Spaß. Wir haben vielmehr lernen können. Die LehrerInnen hatten bessere Laune, sie waren besser, sie konnten mehr helfen als sonst, sie haben deutlicher und klarer erklärt.  Die Lehrer waren besser drauf. Wir haben schneller und mehr gelernt. Die Vielfalt der Angebote war toll“.

 

Auf allen Versammlungen, in Klassenräten, Schulversammlungen und im Parlament der Kinder nannten sie über 50 (!) weitere Möglichkeiten der Angebote für die Kinder-Uni-Ateliers. Sie nannten viele Verbesserungen, Arbeitsmöglichkeiten für die, die sich lieber mit eigenen Themen und Aufgabenstellungen beschäftigen wollten,  und, sie wollten so weiter arbeiten.

 

Beispiele für Kinderuni-Angebote: Schreibatelier, Schriftlabor, Erzählen und Schreiben zu Bildern, Herausfordernde Mathematik, Musik mit Schattenspiel, Weihnachtsaufgaben rechnen, Englisch im Rollenspiel, Forschen zu eigenen Fragen, Experimente, Texte setzen und illustrieren, Mathe mit eigenen Verkaufsläden, Schach, Einrad, Boden und Geräteturnen, VIERA-Aufgaben in Mathe, Team-Workshop, An eigenen Themen arbeiten, Tanz, Kunst, Chor, Rechenstrategien, Christmas Postcards to Lark Rise, Schulzeitung, Erzählen, Chinesisch, Spanisch, Grammatik-Wortarten, Grundrechenarten, Leseraum, Fermis, Schrift, Philosophieren mit Kindern,…

 

In den Seminaren entfaltet jede Dozentin, jeder Dozent seine Angebote. Einer unserer beeindruckensten Gäste war bisher Johannes Merkel von der Uni Bremen, der so mit den begeisterten Kindern erzählte, wie er dies schon in den 1960igern  beschrieb[6]. In weiteren Seminaren ist da das Matheseminar, in dem die Kinder nicht einfach mit Verkaufsläden spielen und rechnen. Sie gründen Geschäfte, erfinden Verkaufsstrategien, Partnerschaften, Währungen und Wirtschaftskrisen! In der „Herausfordernden Mathematik“ war die beliebteste Aufgabe die Fragestellung „Wie komme ich von Eitorf nach Köln? Nenne mir 20 Möglichkeiten, wie lange dauern sie und was kosten sie?“ So ging es zu Fuß, schwimmend, mit dem Heißluftballon oder mit dem Rad nach Köln. Im englischen Rollenspiel lernen Piraten viel leichter sich in Englisch zu verständigen und die „Stringtheorie und das Problem der Zeit“ mit Grundschülern zu diskutieren, geht nicht nur, sondern ist ein Vergnügen.

 

Im Kinderparlament beschlossen die Kinder in allen Klassenräten die Weiterführung der Kinderuni zu besprechen, eine folgende Schulversammlung und eine Urabstimmung darüber, in welchem Rahmen das Lernen in der Kinderuni festgelegt werden kann. Sie beschlossen im ersten Schritt die Kinderuni jede zweite Woche in der Form stattfinden zu lassen: Der Morgen beginnt in der Klasse, um abzusprechen, wer welche Angebote besucht und endet mit dem Treffen in der Klasse, um vorzustellen, was und wo gearbeitet wurde. Zurzeit gibt es 14tägig vor der großen Pause von 8.30 bis 10 Uhr  in der Regel 12 bis 15 Angebote. Viele dieser Angebote sind hier zu finden, zu denen uns unsere Lehrpläne und Richtlinien zur „Gestaltung von gutem Unterricht“ auffordern. Hier werden die Inhalte der staatlichen Lehrpläne  von Kindern und Erwachsenen als eigene Lernpläne selbst entwickelt und wiederentdeckt. Auch so machen Kinder sich das Lernen wieder zu Eigen.

 

Das Besondere an dieser Situation ist auch für uns, die Konsequenz mit der die Kinder unserer Schule das regelmäßige Arbeiten in Fachatelierräumen einfordern und dies verankern wollen. Sie tun nun, wozu wir sie immer aufgefordert haben: Sie betreiben Schulentwicklung! Wir nutzen diese Zeit um intensiver denn je mit ihnen darüber reden zu können, wie sie lernen, wie sie besser und mehr lernen. Wir reden mit ihnen darüber, wie sie die Besuche der Ateliers und die Qualität ihres Lernens dokumentieren, wie sie in die „richtigen“ Angebote gehen und wie sie alles mitnehmen, was sie brauchen.

 

Die Grundschule Harmonieist eine sich ständig entwickelnde, ein selbst lernende Schule.  Wer mehr über uns wissen will, kann vieles auf unserer Homepage nachlesen[7].

 

Und übrigens ist unsere Arbeit deshalb inklusiv, weil wir nicht fragen, ob jemand an unserem Lernen und Schulleben teilhaben kann, sondern bei jedem Kind in jeder Situation „nur“ wie.



[1] http://www.lernraeume-aktuell.de/einrichtungsname/gs-harmonie/steckbrief.html

[2] Kollegium der Grundschule Harmonie, Europaschule-Inklusive Schule - Grundschule Harmonie, Eitorf 2012,  http://www.grundschule-harmonie.de/pdf/Harmonie_Flyer_2012.pdf

[3] Den vollständigen Text finden Sie unter: http://www.grundschule-harmonie.de/artikel-pdf/Grund-Saetze.pdf Alle Sätze, die mit einem Sternchen* gekennzeichnet sind, wurden gekürzt.

[4] universitas magistrorum et scholarium

[5] Vergl. hierzu: Walter Hövel, Kinder-Uni selber machen! Wer forschend und eigenständig lernt, entdeckt die Universität wieder, Eitorf 2011,  In: Fragen und Versuche 138/2011 und  http://www.grundschule-harmonie.de/artikel-pdf/Artikel_2_pdf/Kinder_Uni_selber_machen.pdf

[6] Johannes Merkel , http://www.stories.uni-bremen.de/erzaehlen/kinder.html

[7] www.grundschule-harmonie.de