Walter Hövel
Elektronische Technik in deutschen Grundschulen

 


Lieber Freund, Walter! (Im März 2019)

 

Ich schreibe einen Text für die "Schul Zeitung" über das Lernen von Informatik im primären Bereich. Haben Schüler*innen in Deutschland ein Pflichtfach im Informatikunterricht (1. bis 4. Klasse)? Wenn ja, wer unterrichtet dieses Themen: Primary Education Teachers oder Professionals (Fachlehrer Informatik)? Hier in Kroatien gibt es eine große Debatte über das. Die Politik wird von Vertretern der STEM (Science, Technology, Engeniering, Mathematics, deutsch: MINT Mathematik-Informatik-Naturwissenschaften-Technik) - Bereiche geleitet und sie möchten, dass ihr Fachbereich Informatik IT im primären Bereich unterrichtet wird. Ich bin natürlich, dagegen! Kinder müssen (sollen) einige Kompetenzen aus diesem Bereich lernen, jedoch nicht als Spezialgebiet. Und das sollen Grundschullehrer*innen unterrichten – das ist meine Meinung!Bitte ein paar Sätze: Wie wird dieses Problem in Deutschland gelöst?

 

Unterrichten das Program der Informatik eine Klassenlehrerin oder wird sie von einem speziellen Expertenlehrer (Fachlehrer-innen für Informatik) in Grundschule durchgeführt ? Und zweitens: Haben die Schüler ein spezielles Fach in der Grundschule, wie Mathematik oder Sachunterricht, oder ist es als eine Reihe von Workshops organisiert, in denen einige Freizeitaktivitäten, außerhalb des Lehrplans stattfinden?

 

Milan
(Milan Matievic ist Anfang 2019 eremitierter Professor an der PH Zagreb in Kroatien)

 

Lieber Milan!

 

Im Vorfeld weise ich darauf hin, dass in Deutschland 16 verschiedene Bundesländer die Oberhoheit in eigener Regie über die Bildung in Kindertagesstätten und allen, selbst privaten, Schulen haben. Gleichzeitig gibt es mit der KMK (Ständige Konferenz der Kultusminister*innen) den stetigen Versuch die verschiedenen Aktivitäten zu kooerdinieren. So gehen m. W. mit Berlin und Brandenburg bisher zwei Länder hin und führen zumindest Unterrichtsmodule der Elektronik in der Grundschule ein, während alle anderen, darunter das Bundesland NRW, das nicht tun wollen.

 

Die Antworten der Länder sind sehr ideologisch, aber nicht an den Kinderinteressen orientiert. Es überwiegt die Auffassung, dass die Vermittlung von IT Aufgabe jeder einzelnen Schule, also der Grundschulklassenlehrer*innen ist. Eine Ausbildung für Grundschulinformatiklehrer*innen ist mir aus meiner Vergangenheit unbekannt. Wenn IT für Grundschulen entsteht, geschieht dies in den Studiengängen der Hochschulen, durch Inititativen der Industrie. Es gibt kein besonderes Fach „Technik IT“ für Grundschulen oder es gab bisher keine dafür vorgesehene Unterrichts-Fach-Zeit. Die Aufgabenbeschreibungen sind Bestandteil anderer Fachlehrpläne. Informatikunterricht an Grundschulen ist in Deutschland vollkommene Fehlanzeige. Es gibt ihn einfach nicht als verpflichtendes eigenes Fach!

 

Hinzu kommt, dass die Thematik jungen und älteren Grundschulpädagog*innen in einem hohen Maße egal zu sein scheint. Oder sie sind durch ihre Arbeit so überbelastet, dass sie nicht zum Beantworten von diesbezüglichen Fragen, die ich abschickte, kommen. Oder es fehlt jeder Glaube an Vorgesetzte und Wissenschaft auch nur irgendetwas in die richtige Richtung bewegen zu können.

 

In Berlin und Brandenburg versuchen es die dortigen zuständigen Stadt- und Landesregierungen nun mit Unterrichtsmodulen. 5 soll es für Klasse 1 bis 3 (30 einzelne Einheiten à 30 bis 60 Minuten) und 4 für Klasse 4 bis 6 (23 einzelne Einheiten à 1 bis 1,5 Stunden) geben. Sie wollen dabei z.B. auf Computer verzichten!?

 

Vornehmlich drängen die nationale, die EU und weltweiten Industrien und ihre Stiftungen auf eine Stärkung der MINT-Fächer und der Informatik IT in Kindertagesstätten und Grundschulen. In die Arbeit der Stiftungen werden Milliarden gesteckt. Hier sind die Stiftungen der Telekom, von Robert Bosch, Bertelsmann, Siemens, Coca-Cola, der Deutschen Wirtschaft, aller Sparten der gesamten Auto-, Chemie-, Metall-, Elektronik-, Ernährungs-Industrien, die Initiative Mittelständischer Unter-nehmer, aller Banken, großen Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, etc. etc. aktiv. Die Zahl und die Gelder der „Stiftungen“ sind unvorstellbar. Kaum eine pädagogische Groß- oder Kleinveranstaltung, kein Wettbewerb oder Einrichtung werden seit vielen Jahren nicht von den Geldern dieser „Stiftungen“ finanziert.

 

So finanziert sich Wikipedia z.B. über die Wikimedia Foundation. Sie ist als ihre Trägerin eine gemeinnützige Organisation, die sich hauptsächlich aus Spenden finanziert. Zu den Spendern gehören unter anderen Adobe, Apple, Cisco, Google, Hewlett Packard, Oracle, Netflix sowie Salesforce. Das ist fast die gesamte Tech-Branche.

 

Google als einer der größten Sponsoren hat erst vor wenigen Tagen (im März 2019) 3,1 Millionen Dollar an Wikipedia gespendet und damit die Höhe seiner Zuwendungen in der letzten Dekade auf 7,5 Millionen Dollar aufgestockt. Darüber hinaus erhalten Wikipedia-Editoren kostenlosen Zugang zu Machine-Learning-Werkzeugen. Google-Mitbegründer Sergey Brin, mit seiner Brin Wojcicki Foundation einer der größten Spender, bezeichnete Wikipedia einmal als 'einen der größten Triumphe des Internets'“1. Da wird Reklame für elektronisches Arbeiten gemacht.

 

Unsere Praxis seit 1987

 

An der Grundschule Harmonie wurde das Arbeiten mit elektronischen Techniken weder zu Fächern gemacht, noch wurden Fachlehrer*innen oder Klassenlehrer*innen mit der Vermittlung beauftragt. Das Erlernen technischer Elektronik zählte einfach zum Lernkatalog aller. Es ist seit mehr als 20 Jahren, also spätestens 1997 im Alltagslernen aller Kinder täglicher unverzichtbarer Gegenstand ihres eigenen Lernens!

 

Wir schafften uns schon 1986, und dann immer wieder, von der Industrie ausrangierte Computer an. Wir stellten in jeden Kassenraum maximal fünf Geräte, die wir unter einander und mit der Welt vernetzten. Diese Arbeit erledigten Schüler*innen des hiesigen Gymnasiums, einmal ein Fachmensch der Gemeinde und selbst-eingestellte Arbeitslose. Wir kauften eigene Laptops, um sie an alle Klassen - nicht in Klassenstärke - zu verteilen.

 

Unsere“ Kinder mußten und müssen nicht von Erwachsenen erfahren wie ihre PowerPoint-Präsentation funktionieren, wie sie ihre eigenen Texte auf dem Computer schreiben und abspeichern. Sie brachten sich gegenseitig bei, mit Kindern und Schulen in England oder Österreich zu chatten und zu schreiben. Sie schnitten selbst Filme mit eigenen Programmen, machten eigene Online-Kunstwerke oder programmierten selbst. Sie wissen, wie sie in gute Lernprogramme kommen und kennen oft mehr als ihre Lehrer*innen. Sie mußten nicht um Erlaubnis fragen ihre eigenen Geräte als Computer oder die für alle offenen Geräte in der Klasse jederzeit zu benutzen. Sie lernen einfach mit der Elektronik. Sie lernten zu beherrschen, was sonst sie beherrscht. Ein guter Satz einer Tochter zu ihrer Mutter war: „Mama, ich kann es mir überhaupt nicht vorstellen, wie ihr als Kinder ohne Netz und Computer gelebt habt!“

 

Bildung und die Ökonomisierung

 

Der Grund für alles (!) ist sehr einfach. Seit mehr als zwanzig Jahren können Kinder besser mit der elektronischen Technik umgehen als Erwachsene. Alle Schichten der Bevölkerung begannen vor 200 Jahren nach und nach - mit Papier und Bleistft - in Verwaltungen und ihrem sich demokratisierenden öffentlichen Leben das Lesen und Schreiben in der „Pflicht“schule zu lernen. Selbst in jenen Regionen der Welt, wo Bildung nur in wenigen staatlichen oder kirchlichen Einrichtung - oft genug gegen Eigenbezahlung - zu bekommen ist, lernen sie heute -oft ohne Schule- mit „ihren“ Computern das Lesen, Schreiben, Forschen, Fragen und Lernen.

 

Schule und Erwachsene hinken Entwicklungen immer wieder hinterher. Übrigens auch in Deutschland, Frankreich oder Österreich, weniger in den Schulen Finnlands oder der Niederlande. Versagen, Missachtung der menschlichen und gesellschaftlichen Bedürfnisse war und ist oft das Programm der staatlichen Bildung bei der Einführung von IT. Gegen die nötige Investition von Geldern um neue Technologien und neues Denken einzuführen, wird die erste Aufgabe von Schule, die Erziehung der Menschen ins System der Anpassung und des Gehorsams bedient. Aber selbst das verändert sich. Auf Drängen des Vokes und(!) der Industrie verändert sich Bildung. UnsereAufgabe als Lehrer*innen ist dabei darauf zu achten, dass nicht die Menschen-, also Kinderrechte auf der Strecke bleiben.

 

Jetzt sind einige dieser Kinder, die uns Erwachsenen damals überlegen waren, schon lange selbst Erwachsene! Aber kaum jemand, die oder der mit diesen Geräten umgehen kann, ist Lehrer*in geworden. Die wirklich guten, begabten Leute arbeiten in der Wirtschaft oder Zuhause, nicht in der Schule. Es gibt wenige gut bezahlte Stellen der IT-Branchen. Aber jeder braucht IT in jedem Job – und scheinbar im Leben.

 

So sind es in der Schule „ungenierte, unbekümmerte“ Kinder, die allen anderen Kindern (und manchmal lernbereiten Lehrkräften) beibringen damit zu arbeiten. Diese Menschen sind – trotz oder mit Schule – bereits so viele geworden, dass sie in Flashmops oder Demonstrationen für ihre Rechte gegen Politik und Wirtschaft eintreten. Weitere treten offen gegen kommerzialisierte IT-Bereiche auf.

 

Zurück zur Schule. Wir wissen, dass Schule nicht als gesellschaftliche Selbst-Lern-Stelle der Kinder und Jugendlichen funktionieren soll! „Wo kämen wir hin, wenn der Staat seine Lehrmacht konsequent an die Lernenden selbst abgibt.“ Der Gedanke der Selbst-bestimmung des Lernens weicht den alten Gedanken von Schule als Wissensvermittlung auf. Er gerät vieler Orts aus den Händen staatlicher Lehrpläne und der Vermittlung „richtiger“ Inhalte in die Hände derer, die lernen. Übermächtige staatliche Lehrkräfte als Vertreter selektiver Schulsysteme werden in Frage gestellt.

 

Es ist aber zweierlei. In Deutschland gibt es viele gute Schulen, die mit Computern und Elektronik erfolgreich arbeiten. Das Problem ist nur, dass „unsere“ (europäischen und noch mehr nationalen) Firmen nicht im elektronischen Weltgeschäft sind. Sie hinken hinter US-Amerikanischen Vorreiterfirmen, chinesischen und japanischen erfolgreichen Nachbauern, hinterher. Sie bekommen hier(!) keinen bis selten Anschluss an das internationale Geschäft. Unsere Gesellschaften und Menschen gehören zur Kundschaft.

 

Somit sind die Fragen, die in unseren Ländern gestellt werden, oft Scheinfragen. Es sind keine echten Alternativen, da wir weder in den USA noch in China oder Japan sind! US-amerikanische Firmen haben als Erste verstanden und verwirklicht aus der Elektronik das neueste, weltbewegendste und verändernste Geschäft zu machen.

 

Wenn es darum geht „unsere“ deutsche oder europäische Wirtschaft in der Welt konkurrenzfähig zu machen, wird dies nur über viel, viel mehr Geld gehen, das in Schulen gesteckt wird. Aber dieses Denken setzt sich gegen das immer noch geltende Prinzips der kurzfristigen Profitmaximierung in modernen Industrieunternehmen nur schwer durch. Stattdessen sollen die Lehrkräfte des Staates Kindern in Kindergarten, Schule und Hochschule das beibringen, was das Berufs- und Konkurrenzleben später braucht.

 

Es wäre allerdings mehr als spannend zu untersuchen, ob z.B. die mit Computern und Elektronik aufgewachsenen ehemaligen Schüler*innen der Grundschule Harmonie. oder ähnlicher Einrichtungen heute „besser“, „selbstverständlicher“ oder „mehr“ mit neueren Medien umgehen als Kinder herkömmlicher Schulen. Ich vermute, dass es angesichts der Bedeutungslosigkeit staatlicher Schulbildung durch eine gesellschaftliche Konsum-bildung zu einem „entspannten“ Umgang aller mit der Elektronik führte.

 

Eine Frage für mich lautet, wie unsere Staaten versuchen das naturwissenschaftliche Gebiet zur Verbesserung der Verwertungsbedingungen und Konkurrenzfähigkeit der Industrie in ihre Kindergärten, Schulen und Hochschulen zu holen. Liegen sie überhaupt richtig mit ihrer derzeitig geltenden Strategie der Ökonomisierung der Bildung? Bleiben dabei die Demokratie des Lernens und die Menschenrechte der Kinder auf der Strecke?

 

Den jetzigen Umgang mit elektronischen Möglichkeiten der Dokumentation und Erlangung von Wissen in Schule und Gesellschaft, scheint mir in der Regel bis heute außerhalb von staatlicher Bildung erworben zu sein. Andererseits scheint es sich um einen weiteren Versuch zu handeln die Ökonomisierung der Bildung zugunsten weltweiter großer Firmen stärker in ein europäisches Bildungsprogramm zu verstärken.

 

Ich hoffe, du hattest keine andere Antwort von mir erwartet.

 

Grüße, Walter

 

 

 

 

 

1https://www.sueddeutsche.de/digital/wikipedia-spenden-google-amazon-1.4333588