Anne Witt (A.W.)
Erinnerungs-Notizen

 

aus einem Interview 2008 mit Walter Hövel (W.H.)

 

Alle Zitate sind aus dem Artikel „Kinder sind kompetente Lerner“ von Walter Hövel

 

A.W.: Seit wann bist du im Schuldienst?
W.H.: Offiziell seit 1978, nach dem Referendariat, aber eigentlich schon seit '73 nach meinem Ersten Staatsexamen, also seit 35 Jahren.

 

A.W.: Gehst du nach wie vor gerne zur Schule?
W.H.: Ja.

 

A.W.: Welche Aufgaben hast du?

W.H.: Willst du das wirklich wissen? Ich habe mir mal wirklich den Spaß gemacht und habe das alles aufgeschrieben. Das steht auf unserer Homepage. Heraus kam sooo (zeigt mit den Händen) eine lange Liste mit verschiedenen Punkten ….

 

Eine wichtige Aufgabe ist es eine Atmosphäre zu schaffen in der Schule. Eine Atmosphäre des Vertrauens und des gegenseitigen Respekts. Das gelingt vor allem durch Gespräche – viele kleine Gespräche. Die haben immer Vorrang.

 

Eine andere Aufgabe ist die, die Kinder zu verstehen. Die Kinder, die Neil Postman beschrieb (vor-1970er) sind heute die Elterngeneration. Es gibt keine aktuelle Beschreibung der Kinder von heute, also muss ich selbst gucken, wie die Kinder so „ticken“.

 

Eine weitere Aufgabe ist es zu gucken „Was machen die Kollegen?“ Ich habe jetzt zwar keine eigene Klasse mehr, aber ich muss trotzdem immer mal wieder in den Unterricht rein, um zu gucken, um überhaupt noch mitreden zu können. Sonst könnte ich das alles hier nicht mehr verantwortlich machen.

 

Eine zentrale Aufgabe von Schule ist die Weiterentwicklung als „Lernende Institution“. In Schule, als Haus des Lernens, sollen nicht nur die Kinder lernen und die Lehrer lernen – sondern die gesamte Schule. Dazu muss man sich immer wieder prüfen. Immer wieder gucken, ob es gut ist, was man macht. Das ist ungeheuer wichtig.

 

Nichts geschieht bei uns mehr ohne Evaluation. Jeder Vortrag, jedes Klassenprojekt, jedes Seminar, jede Projektwoche … wird mündlich und schriftlich in die Nachbereitung von Kindern und Lehrern geschickt“ (Hövel 2008 19).

 

Immer wieder sollen neue Dinge „erfunden“ werden. Wie z.B. in einem Gespräch mt dem Psychologen und den Eltern eines Kindes. Das Kind soll das „Monotoring“ lernen. Also soll es lernen sich selbst wahrzunehmen.. Früher hätte man es gewiss anders genannt – aber dann wäre es auch etwas anderes gewesen.

 

Eine Schule muss sich auch präsentieren. Und eineSchule muss auch über den Zaun gucken. Ich bin so dankbar über unsere Partnerschule in England. In Europa gibt es so viele Konzepte, nur so kann eine Schule auch Lösungen aus dem Ausland aufnehmen.

 

 

A.W.: Zu den Stichworten „Präsentieren“ und „Atmosphäre schaffen“: Ihr habt euch für den Deutschen Schulpreis 2007 beworben. Was macht eure Schule zu etwas besonderen?

W.H.: Da stecken mehrere Fragen drin. Was unsere Schule zu etwas Besonderem macht, kann man u.a.in Elena Schiemanns Artikel mit über 100 Punkten, wie sie unsere Schule sieht, in dem neuen Demokratie-Band nachlesen.

 

Wir haben uns für den Deutschen Schulpreis beworben, weil wir die Anerkennung für unsere Arbeit woanders suchen müssen. Die Institutionen hier in der Umgebung, die für uns zuständig sind, machen dies nicht in diesem Umfang.

 

Was macht unsere Schule zu etwas Besonderem? Wir helfen den Kindern ihr Lernen selbst zu organisieren und zu bestimmen. Aus ihnen sollen Lernerpersönlichkeiten werden. Wir wollen auch, dass sie kooperieren lernen. Unser Ziel wären also lernende, kooperierende Kinder.

 

In den letzten Jahren kommen unsere Gespräche und unsere Arbeit immer weder beim Begriff der „Kompetenz“ an. Es ist kein neues Wort für Fertigkeiten und Fähigkeiten, sondern es ist die integrierte Gesamtheit der individuellen Persönlichkeitsentwicklung, der Entwicklung der Persönlichkeitsentwicklung und einer demokratisch sich entwickelnden Gemeinschaft von Lernern, die unter Einschluss von Kindern, LehrerInnen, Eltern Schulträgernund anderen gesellschaftlichen Partnern wiederum Schule genannt wird“ (Hövel 2008 16)

 

A.W.: Kannst du die Atmosphäre in deiner Schule näher beschreiben
W.H.: In unserer Schue arbeitet das gesamte Kollegium als Ganzes. Dies war ein langer Weg, er hat sich allerdings gelohnt. Ein weiterer Punkt, der die Atmosphäre prägt, ist die Demokratie an unserer Schule. Wir wollen die Kinder nicht nur zu mündigen Bürgern machen. Bei uns sind sie schon mündige Bürger mit den gleichen Rechten wie Erwachsene. So (mit Respekt und Achtung) werden sie auch behandelt. Gleichwohl wissen wir, dass es Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen gibt.

 

Wir begannen 1996 dem eigenen Anspruch einer demokratischen Lehrerin gerecht zu werden und einen Lernort zu pflegen, der auf einem hohen Gesamtniveau , jedes Kind auf senem Niveau erreicht, mitnimmt und selbst zum Gestalter einer kompetenten Lernerpersönlichkeit werden lässt. Es entstand das Leitbild der Leistungsfreude gegen die Pflicht zum Leistungsdruck!“ (Hövel 2008: 16)

 

A.W.: Hat diese Atmosphäre Auswirkungen auf den Unterricht?
W.H.: Natürlich.

 

A.W.: Wie würdest du den Unterrichtsstil an deiner Schule beschreiben?

W.H.: Wir organisieren das Lernen mit den Kindern gemeinsam. Wie bereits erwähnt, wollen wir Lernerpersönlichkewiten entwickeln und erfüllen durch diese Organisation des Lernens die Forderungen von Klafki (und Dewey) von vor mehr as 30 Jahren.

 

A.W.: Was ist für dich „Offener Unterricht“?

W.H.: Das ist ein Widerspruch in sich. Ich würde es lieber als offenes Lernen bezeichnen wollen.

 

Das offene Lernen, wie wir es pflegen, braucht das Öffnen der Tore des Wissens der Welt, der Natur, der Gesellschaft und seiner Medien, wie auch die Strategien der Lernenden, die ihnen das Öffnen der richtigen Türen erlaubt. Das offene Lernen soll sie befähigen Informationen zu finden, zu sammeln, zu unterscheiden, ,zu relativieren, zu bewerten, sie für ihre Zwecke zusammenzusetzen und zu sinnvollen Handlungs- und Entscheidungsaktivitäten zu nutzen.“ (Hövel 2008 17)

 

Trotzdem könnte man es als Unterricht bezeichnen, da es bestimmte Abfolgen gibt (Morgenkreis, Dichterlesung, etc.) und das Lernen immer noch in die Institution Schule eingebunden ist.

 

Zum Stichwort Morgenkreis:

Jeden Morgen trifft sich jede 'Klasse', es sind eigentlich Lerngruppen vom ersen bis zum vierten Schuljahr, oft auch hospitierende 0-Klässler aus den Kindergärten im Kreis. Dieser Klassenrat beschließt jeden Tag, was jeder Einzelne, die Klasse oder Gruppen oder Teams, oft auch mit Kindern anderer Klassen gebildet, arbeiten werden. Jeden Morgen stellt jedes Kind seine selbst gewählten Themen, Informationsquellen, Materialien, Arbeits- und Darstellungstechniken vor. Sie zeigen auf mit welchen Problemen, mit welchen Zielen, in welcher Zeit, mit welchen Partnern sie sich auseinandersetzen wollen. Nach dem Kreis arbeiten sie in aller Regel in allen (!) Räumen der Schule, bei warmen Wetter auch draußen in einem entsprechend gestaltetemSchulgelände.“ (Hövel 2008 16)

 

Offener Unterricht ist keine formale Lösung. Was heißt schon „offen“? Das sind doch alles nur Begriffe. Was mit 'Freiarbeit' begann und später 'freies Arbeiten' hieß, hat heute wieder ganz andere Namen ... In der aktuellen Diskussion über 'Offenen Unterricht' meinen aber alle im Prinzip den gleichen Kern.

 

A.W.: Welchen Nachteil kann 'Offener Unterricht' bieten?
W.H.: Es ist immer noch Unterricht. Wir leben in einem Land, in dem es immer noch die Schulpflicht gibt -nicht wie in vielen Nachbarländern. Charakteristisch für diese Pflicht ist die Unfreiwilligkeit. Man sollte mal probieren diese Schulpflicht abzuschaffen, damit auch das Lernen als freiwillig angesehen werden kann. Die Dreigliedrigkeit der Sekundarstufe der weiterführenden Schulen ist eine Misshandlung.

 

A.W.: Besteht da nicht die Gefahr, dass sozial benachteiligte Kinder außer Acht gelassen werden?

W.H.: Ich war früher Lehrer an einer Hauptschule. Da kamen die Jugendlichen aus der 7., 8. oder 9. Klasse freiwillig in die Schule, um zu lernen. Da kamen auch Kinder aus den unteren Schichten freiwillig. Klar, man kann die Auflösung nicht von einem auf den anderen Tag machen. Die Schule muss erst so reizvoll gestaltet sein, dass die Kinder nicht nicht kommen wollen. Klar ist das schwerer bei den unteren Schichten, (besonders, wenn die Eltern in der dritten Generation arbeitslos sind) und vielleicht kommen sie auch die erste Zeit nicht, aber über kurz oder lang doch.

 

Lennart (4. Schulbesuchsjahr) erklärt einer hospitierenden Professorin über das Selbst-entscheiden der Kinder beim eigenen Lernen: 'Es darf erst gar nicht dazu kommen, dass ein Kind sich dazu entscheidet nicht lernen zu wollen. Man muss den Hintergrund so attraktiv machen, dass jedes Kind lernen will'.“ (Hövel 2008 15)

 

Wir müssen mit inhaltlich hochwertigen, für Kinder spannenden Bildungs-Angeboten überzeugen.“ (Hövel 2008 17)

 

A.W.: Welche Bedeutung hat der Unterrichtsstil für die Verbesserung der Lernbedingungen?

W.H.: Es gibt Psychologen, die schreiben, dass 'schwache' Schüler strikte Strukturen brauchen und das man ihnen sagen soll, was sie zu tun haben. Wir wissen, dass dem nicht so ist.

 

A.W.: … Hier werden viele Dinge nochmal wiederholt, da die Fage nicht auf die Schule übertragen werden kann, da es sich um ein Gesamtkonzept handelt, wobei de Unterricht aber indirekt das Ganze ist.

Schule ist für die Kinder da, damit sie sich alle Kompetenzen aneignen können, die sie für sich und ihre heute schon begonnene Zukunft brauchen. Sie sind vollständige, kompetente Menschen, die lernen. Und wir Lehrerinnen und Lehrer auch. Und deshalb hören wir auf mit dem Unterrichten, damit Raum und Zeit für das Lernen entstehen.“ (Walter Hövel 2008 19)

 

A.W.: Welche Bedeutung hat der 'Offene Unterricht“ für die Förderung sozial benachteiligter Kinder?
W.H.: 55% eines Jahrgangs gehen im Durchschnitt mit einer gymnasiablen Empfehlung von der Grundschule ab. In diesem Jahr sind es bei uns mehr als 70%. Aber auch die Kinder, die auf die Hauptschule kommen, zeigen Schulerfolg. Sie werden beispielsweise Klassensprecher, gehen in die 10B, schaffen die Überweisung in die Fachoberschule, usw.

 

So lernen unsere Kinder … ihr eigenes Lernenlernen. Dieser Weg ist, gerade in einer staatlichen Schule, in einer teilweise auch schwuerigen sozialen Umgebung, unter nicht priviligierten Bedingungen, erfolgreich.“ (Hövel 2008 17)

 

A.W.: Du sagtest, dass die Hauptschüler erfolgreich werden. Trifft das auch für die sozial benachteiligten Kinder zu, de auf das Gymnasium geschickt werden?
W.H.: Teils, teils. Im Großen und Ganzen ja. Wir legen durch die Förderung der Lernerpersönlichkeit die Basis. Es gibt Kinder aus der Unterschicht, die das Abi gemacht haben. Aber wir können keine gesellschaftlichen Krankheiten heilen, die Ursprünge für Süchte, kriminelle Kinderbanden, etc.

 

Wir können in der Schule nur zeigen, was im Rahmen des Möglichen Positives erreicht werden kann. Wir können nicht die Gesellschaft verändern. Wir können nur das Beste daraus machen!

 

A.W.: Was schätzt du, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund gibt es an deiner Schule?

W.H.: Von den 180 Kindern haben wir 35 aus der ehemaligen Sowietunion, deren Eltern beide oder einer Russisch spricht. Dann haben wir 15 Kinder mit türkischem Migrationshintergrund und nochmals 15 Kider aus Sinti-Familien. Diese werden ja offiziell nicht dazu gerechnet, aber die Probleme sind sehr ähnlich. Insgesamt sind dies schon 70 Kinder, was insgesamt gut die Hälfte ausmacht.

 

Häufig haben wir Probleme mit Eltern aus der ehemaligen Sowietunion,die in religiösen Gemeinschaften verankert sind. Der Umgang mit dem Kind ist, um es gelinde auszudrücken, „altbacken“. In vielen Familien wird mit Schlägen und Angst erzogen. Mit diesen Eltern haben wir Probleme.

 

A.W.: Wie geht ihr dann mit diesen Eltern um?
W.H.: Wir machen diesen Eltern klar, dass das unserem Erziehungskonzept widerspricht. Sie haben dann auch die Möglichkeit ihr Kind auf eine andere Grundschule zu schicken. Ansonsten machen wir viel mit unseren Eltern. Wir machen eine konkrete Aufklärungsarbeit über unsere Schule und unseren 'Unterricht', wo das Schreibkonzept, das Mathetor, etc. vorgestellt werden. Gruppentreffen über Erziehungsfragen sind auch angedacht, inzwischen notwendig und von der Gesellschaft so vorgesehen. Da kommen nicht alle Eltern hin, besonders die aus unteren Schichten, weil sie solche Diskussionsrunden aus ihrem Leben nicht kennen. Aber zu den Klassentreffen kommen sie bei uns zum Glück immer alle, wo wir auch vieles erklären können.

 

A.W.: Wie würdest du die Zusammensetzung der Schichtenzugehörigkeit beschreiben?
W.H.: 'Die Schicht' lässt sich soziologisch nicht klar definieren. Bei uns gehört niemand zur Oberschicht, wenn man sie so sieht, dass Vater mal eben 10.000€ oder 100.000€ für ein Projekt oder Vorhaben locker machen kann. Solche Väter haben wir (leider) nicht. Wenn man sagt die Mittelschicht besteht aus Lehrern, Studienräten, Ärzten, Rechtsanwälten, Gewerbetreibenden, Beamte, dann haben wir etwa ein Drittel Mittelschichts-Kinder. Der Rest, also zwei Drittel, kann man in zwei Gruppen einteilen: Die mit Job und die arbeitslosen Eltern, wobei ein leichtes Übergewicht bei denen mit Arbeit ist. Da müssen allerdings beide Elternteile hart arbeiten gehen, um den Kredit für das neue Häuschen abstottern zu können. Ich würde sagen, dass einViertel der Kinder sozial gefährdet ist.

 

A.W.: Auf eurer Homepage steht nirgendwo explizit (jedenfals kann ich es nicht finden), dass ihr benachteiligte Kinder besonders fördert. Ist das, weil ihr die Vielfalt als Selbstverständlichkeit anseht?
W.H.: Ja, das ist so. Die sehen wir als Selbstverständlichkeit an. So ist Schule für uns. Bei dem Förderplan, der auch im Internet steht, haben wir das erste Mal hochbegabte Kinder und ihre Förderung aufgeführt, weil das auch einige Eltern interessiert. Das ist auch eigentlich selbstverständlich für uns. Aber das stimmt, diese Kinder haben wir nicht extra aufgeführt., weil das für uns selbstverständlich, also Normaltät ist. - Was aber nicht unbedingt richtig ist und so bleiben soll....

 

A.W.: Ja, dann vielen Dank für das Gespräch!

W.H.: Gerne.

 

 

Unzugeordnete Gesprächspassagen

W.H.: … Die Mischung sehen wir als etwas Großartiges und Lernchance an. Wir müssen uns zum Glück nicht wie die Waldorfschulen um den Erhalt einer Quote bemühen.

 

A.W.: Also wirkt sich die Auflösung der Schulbezirke nicht negativ aus

W.H: Auf welche Schule Eltern ihre Kinder schicken, hängt im echten Leben nicht von dem Prestige ab. Da spielen andere Kriterien eine Rolle, wie z.B. die Nähe zum Wohnort, die Gewohnheit, die Wahl der Schule bei den Freunden oder der Anspruch an Bildung. Zum Glück müssen wir noch nicht auswählen, welche Kinder wir nehmen. Wir freuen uns über die bunte Mischung, die kommt.

 

W:H: Bei uns gibt es keine Lehrer mehr, die heimlich frontal unterrichten. Und klar gibt es Frontalunterricht, wenn eine Lehrerin sagt 'Ich muss euch jetzt Mathe beibringen. Ich halt das nicht mehr aus.' Aber selbst das wird dann im Kreis besprochen.

 

Zitierte Literatur

Hövel, Walter 2008, Kinder sind komtetente Lerner. In: Bartnitzki, Horst (Hrsg) 2008. Selbständig lernen. Grundschulverband/Arbeitskreis Grundschule e.V. (=Zeitschrift des Grundschulverbands Heft 102. Seiten 15-19