"Dass Baurecht für die Räumung missbraucht wurde, das war für mich eine Machtdemonstration. Das hat mich wütend gemacht", sagt die 50-jährige Düsseldorferin Sandra ShebeikaWalter Hövel
Von Recht und Ordnung und Menschenrechten

 


„Wir waren uns einig, dass wir auf der Grundlage der Menschenrechte gegen die frechen Rechtskräfte zusammenarbeiten müssen.
Dann hielt er mir vor, dass man sich dabei „an Recht und Ordnung“ halten muss. Ich habe nicht geantwortet. Ich wollte unsere Zusammenarbeit nicht gleich wieder beenden.“
                                                                                                                                                                         16.September 2018 in Bouchain, Frankreich

 

Stattdessen schreibe ich einen Artikel über die Verwirklichung von Menschenrechte mit Recht und Ordnung.

 

Wenn ich seit 55 Jahren für die Rechte der Menschen eintrete, weiß ich, was ich tue. Ich handle im Sinne von Antonio Gramsci, der klar hatte, dass sich eine Veränderung der Gesellschaft nur über die Erringung der Rechte des Individuums erreichen lässt.

Meine eigene Herkunft
Meine eigene Geschichte ist die, dass meine Eltern bis zu ihrem Tod 1978 und 2007 nationalsozialistische Faschisten waren. Ich musste sie lieben, um überhaupt leben zu können. So lernte ich sie zu verstehen. Sie wollten Gutes tun und wurden zu Mördern. Ich lernte jedes ihrer Argumente und jede ihrer Absichten, - um mich dagegen stellen zu können.

 

In meiner Kindheit glaubten alle Menschen meiner riesengroßen Familie noch immer an jene rechte Ideologie Ihrer Jugend und ihres Erwachsenseins. Fast 100% der deutschen Bevölkerung hatten 10 Jahre vor meiner Zeugung in einer Wahl für „Ihren Führer“ und die Faschisten gestimmt. Sie folgten ihm ergriffen selbst bis zum Selbstmord. Nach dem Krieg hatten noch nicht viele begriffen, dass der nationalistische Weg der Exklusion, der Denunzierung, des Tötens und Kriegs ein Irrweg war.

 

So wuchs ich konsequent als Faschist erzogen auf. Die Mehrzahl meiner Lehrer am Kölner Gymnasium erzog mich ebenso.

 

Ich musste 15 Jahre alt werden, um zu begreifen, dass da etwas nicht stimmte. Niemand zuvor hatte je versucht mir etwas anderes zu erklären. Ich musste und konnte es selbst begreifen.

 

Die Entnazifizierung unserer Gesellschaft war gescheitert, nicht aber die „Reeducation“. Ich lernte in der Schülermitverwaltung und später in Fachschaften und Studentenparlament meine eigenen und die Rechte der Menschen zu vertreten.

 

Und so zählte ich bald zu jenen Menschen meines Landes, die „mehr Demokratie wagen wollten“. Ich lernte, dass alle Menschen gleich sind. Ich lernte kritisch zu sein gegenüber allem was die Geister der Vergangenheit sagten. Ich lernte die Freiheit und das Leben zu lieben. Ich war und bin gegen Kriege und lernte, Armut und Lügen nicht hinzunehmen.

 

Ich wurde Lehrer und Schulleiter und lernte Menschen zu helfen.

 

Ich lernte Menschenrechte zu lieben und Recht und Ordnung meiner Vorfahren unter dem Aspekt der Weiterentwicklung von Menschenrechten in Frage zu stellen. Ich lernte Recht und Ordnung. Ich lernte diese zum Schutz und zum Vorteil aller Menschen zu begreifen.

 

Ich lernte das zu tun, was Politiker*innen in einer demokratischen Ordnung immer tun. Ich lernte diese Ordnung immer weiter so zu verändern, dass der Grad der Menschenrechte wächst. Ich lernte einen Verfassungsanspruch immer weiter zu einer Verfassungswirklichkeit zu machen.

 

Ich wurde, was ich als Kind schon war, ungehorsam[1].

 

Ich blieb dies auch als Pädagoge. Ich wollte nicht mehr unter-richten, sondern mit Menschen lernend und lebend Freiheit und Glück in die Mitte unseres Zusammenlebens stellen. Ich konnte dies, weil ich immer offensiv für jedermanns Würde eintrat und immer eine Alternative zu bestehenden Ungerechtigkeiten suchte.

 

Ich begriff, dass bestehendes Recht uns als Bürgerinnen und Bürger schützt. Ich achte darauf, dass es nicht die Stärkeren und Mächtigeren schützt, sondern das Recht für alle Menschen will. Ich lerne, dass Demokratie nicht einfach die Meinung einer Mehrheit ist, sondern in seiner Vielfalt und Verschiedenheit der Inhalt unseres Zusammenlebens.

 

Ich lerne, dass Polizei, Schulen oder Arbeit den Menschen gehören und nicht jenen, die über andere herrschen wollen. Ich lerne, dass diese Menschen – mit all ihren Verschiedenheiten – nach und nach jene ablösten, die falschen Führern oder populistischen Ideologien folgen. Ich begann in der Veränderung der Menschen an Menschen zu glauben.

 

Verstärkt wurde dieses Denken dadurch, dass ich mit jungen Menschen an Hauptschulen, Gesamtschulen, Grundschulen, in Kitas und an Universtäten über 40 Jahre arbeitete.

 

Ich lerne Konsequenz, Offenheit, die Akzeptanz von Menschenwürde, Inklusion, Mut, Diversität, Heterogenität, Demokratie und Optimismus.

 

Entscheidend war meine zweite Schulzeit. Ich lernte junge Menschen, Kinder und Erwachsene selbst lernen zu lassen. Ich verlernte Kontrolle, Fehlersuche und Rechthaberei. Ich verlernte meine Macht als Lehrer gegen Menschen zu richten, sondern sie für sie einzusetzen.

 

Aus meiner Praxis
So forderte ein Justiziar der Kreisverwaltung, dass Sinti und Roma ihre Kinder „genauso ordentlich wie andere“ zur Schule zu schicken hätten. Er musste angesichts der Geschichte, einer Schulrätin, eines Schulleiters und eines betroffenen Vaters einsehen, dass „Recht und Ordnung“ eine andere Umsetzung wünschen.

 

Als Grundschulkinder das Wegholzen einer 30-Jahre-alten Buchenhecke anprangerten, mussten kommunale Politiker und eine ganze Verwaltung gegen einen Landrat, gegen einen einzigen mutigen Journalisten und eine einzige Schule zugestehen, dass heute Schule eine Schule der Demokratie ist und aktiv für eine solche Haltung erzieht.

 

Als die kommunale Schulverwaltung verbieten wollte, dass Tische, Stühle und Kinderbilder in das Forum einer Schule gehören, musste sie nach sieben Jahren Fluchtwege, die eine Kreisverwaltung sehr wohl sah anerkennen. Eine neue,  Kinder nahe Praxis setzte sich durch.

 

Die Gemeindeverwaltung und die herrschenden Parteien mussten die Entstehung eines offenen Schulgeländes auch auf „Gemeindeausgleichsflächen“ als Lebensraum für Kinder akzeptieren.

 

Religiöse Eiferer mussten zulassen, dass Kinder selbst entschieden zu Religionsunterricht oder Gottesdiensten zu gehen. Sie mussten lernen, dass es nicht heidnisch war, dass Katholische und Evangelische zur gleichen Zeit am gleichen Ort zusammen arbeiten. Dies ging, weil die Pfarrer der Religionsgemeinschaften ihre eigenen Gesetze demokratisch interpretieren konnten.

 

Als Schulleitung entschied ich, dass Kinder aus anderen Schulbezirken und Gemeinden an der Grundschule Harmonie aufgenommen wurden. Eltern entschieden - schon bevor die Bundesrepublik bei der UNO die Inklusion unterzeichnete -, dass der Staat ihre Kinder nicht an Förderschulen, sondern dass sie sie als Eltern an unsere staatliche „Regel“schule schickten. Sie alle wurden praktizierende Verfechter einer Demokratisierung durch Inklusion und Menschenrechte.

 

Eltern und Schulleitung entschieden über Noten, Klassenarbeiten und Zeugnisse. Gesetze veränderten sich und erfuhren andere, mögliche Interpretationen. Unsere Gesellschaft, und somit Recht und Ordnung, entwickeln sich seitdem ich sie kenne.

 

Kinder mussten nicht auf ihren Stühlen sitzenbleiben. Sie durften ohne Erlaubnis aufs Klo. Sie entschieden, ob sie drinnen oder draußen arbeiteten oder Pause machten. Sie machten die Regeln, die für sie bestimmt waren. Und dabei zeigten ganz junge Menschen ein hervorragendes Verständnis von Recht und Ordnung. Welch einen Raum Gesetz und Ordnung Menschen geben, wenn sie unter dem Aspekt von Menschen- und Kinderrechten gesehen werden.

 

Und natürlich entschieden Eltern und Kinder, dass sie in altersgemischten Gruppen lernten. Alle Kinder lernten zu entscheiden, was sie mit wem und in welcher Zeit arbeiten. Kinder entschieden sich für Selbsteinschätzung statt Noten und Tests, für selbstorganisierte Seminare und Vorlesungen in der eigenen Kinderuni. Sie entschieden, ob sie mit Lehrer*innen, Assistent*innen, Besucher*innen, Eltern, Lehramtsanwärter*innen, Expert*innen, anderen Kindern oder alleine lernten, mit Büchern oder PCs, Mails, Skype oder per Telefon. Sie lernten das eigene Leben in Freiheit zu entscheiden. Es zeigte sich, dass eine demokratische Umgebung und Gemeinschaft zu immer mehr Demokratie und Selbstbestimmung befähigt.

 

Sie fassten als Kinder in ihren Kreisen, Versammlungen und Parlamenten Beschlüsse über ihr Leben, Lernen und Essen in der Schule, die auch für Erwachsene bindend waren. Das war Demokratisierung durch Reeducation zur Demokratie.

 

Da wurde kein Cateringserviceessen vorgesetzt. Da kochten eigene Köchinnen in einer eigenen Küche für sehr wenig Geld notwendig gesünder. Da bekamen auch Kinder etwas zu essen, wenn ihre Eltern nicht zahlten. Da gab es kostenfrei täglich ein Frühstück für alle. Da gab es Ganztagsbetreuung für sehr wenig Geld. Der Ganztag schrieb schwarze Zahlen und viele Erwachsene arbeiten dort mit Kindern. Die Schule hatte mit einer Lehrer*in pro Klasse angefangen. Nach wenigen Jahren arbeiteten dort über 40 bezahlte Menschen in für sie sinnvollen, nichtfremden, aber neuen Beschäftigungen.

 

Unterschichtenkinder flogen umsonst zur Partnerschule nach England und erhielten immer eine Förderung zum besseren Lernen, zu mehr Leistung und Erfolg. Mädchen hatten nicht nur eigene und gemischte Fußballteams. Wir lernten Spanisch, Türkisch, Chinesisch, Französisch oder Latein. Flüchtlingskinder, alle Kinder, waren immer willkommen und erwünscht, so wie sie waren.

 

Glauben Sie wirklich wir hätten den Bürgermeister oder Schulrat gefragt, ob wir das dürfen? Wir haben die Kinder und Eltern gefragt! Wir haben uns selbst schlau gemacht, um niemals Gesetze zu übertreten!

 

Wir bekamen bis zu elf „Integrationshelfer*innen“ von verschiedenen Jugendämtern. Glaubt jemand Jugendämter würden „freiwillig“ zahlen? Wir haben diese Hilfen für Kinder, Eltern und Lehrer*innen gefordert, begründet und erhalten.

 

Die Gemeinde weigerte sich Toiletten mit Deckeln zu versehen. Wir haben nicht nur sie selbst gekauft. Die Gemeinde hat über zehn Jahre gebraucht bis unsere Kinder Bürgersteige bekamen. Wir haben aufgepasst, weil es andere zu wenig taten. Die Gemeinde hat sich immer wieder geweigert uns einen Hausmeister zu stellen. Wir haben nicht nur ihn selbst oft genug finanziert. Es gab zu wenige Sekretärinnenstunden, zu wenig Reinigungspersonal. Die Gemeinde konnte sich immer wieder mit der Einhaltung von Gesetzen, Vorschriften oder der prekären Haushaltslage herausreden. Recht und Ordnung dienen durch passive Anwendung dem Erhalt eines Status quo. Wir haben Recht und Ordnung verändert, indem wir zeigten was geht.

 

Immer wieder hatten wir zu wenig Lehrpersonal. Entweder das Kreisschulamt hatte zu wenige Planstellen oder es gab einfach niemanden „auf dem Markt“. Wie oft haben wir Klassenlehrer*innen selbst besorgt. Vertretungslehrer*innen? Krankheitsreserven? Fehlanzeige. Wie oft haben wir andere Stunden zugunsten von Klassenlehrerstunden ausfallen lassen? Wie oft gingen Eltern, Lehramts-anwärter*innen oder der Schulleiter zu den Kindern, um keine einzige Stunde der wertvollen Lern- und Lebenszeit ausfallen zu lassen. Die Einhaltung bestehenden Rechts und seiner Ordnung reichen oft nicht. Es geht um ihre demokratische Weiterentwicklung!

 

Es gab noch viele Verschiedenheiten in Auffassung und Umgang mit Geld, Macht, Recht und Ordnung. Dazu zählen ein „Lernmittelfreiheitsgesetz, die Verteilung von Haushaltsmitteln, die „Qualitätsanalyse“ der Schule, die internationalen Kontakte, Gewalt, das Bild vom Kind, Erziehung, Nutzung des Schulgebäudes, Stundenplangestaltung, Beurlaubungen, der Ganztag, die Rolle von Lehrkräften, die Bildung junger Lehrer*innen, der Elternarbeit und Inklusion und, und, und.

 

 Einige „Verwaltungsmenschen“ benutzten Bestimmungen als Machtdrohgebärden. Andere versuchten den Schulen durch Beratung zu helfen. Wir lernten mit den Kindern demokratisches Recht und menschenrechtliche Ordnung mit der Hilfe letzterer und sehr vieler Menschen zu lernen.

 

"Dass Baurecht für die Räumung missbraucht wurde, das war für mich eine Machtdemonstration. Das hat mich wütend gemacht", sagt die 50-jährige Düsseldorferin Sandra Shebeika am 5.10.2018 anlässlich einer Demonstration gegen die Rodung des Hambacher Walds durch RWE und Landesreguerung.

[1] Reinhard Stähling, Barbara Wenders, Ungehorsam im Schuldienst, Der praktische Weg zu einer Schule für alle, Schneider Verlag 2009, Interview mit Walter Hövel, Seite 291ff unter: http://www.grundschule-harmonie.de/artikel-pdf/Artikel_2_pdf/Festschrift_Hoevel.pdf