Arbeit-"Geber" wollen noch mehr von unserer Zeit, mehr Selbstoptimierung und eine effektivere Ausbildung

- ohne die bewusst leer gehaltenen öffentlichen Kassen für Bildung, Kindergärten und Schulen zu füllen.

 

Walter Hövel
Noten in der Lehrerinnenbildung

 

Die Perversion der Notengebung wird sehr deutlich in der „Lehrerausbildung“ oder "Erzieher*innenausbildung" selbst. Die Bildung der Lehrendenund Erziehenden kennt Noten, die noch "feiner" mit einer Stelle hinter dem Komma bewerten als die Noten, die sie „ihren“ kindlichen und jugendlichen Lernenden geben sollen.

 

In der ersten Phase der Hochschule lernen angehende Erzieher*innen oder Lehrer*innen (in verschiedenen Ausbildungsgängen gezüchtetet, verschieden bezahlt und angesehen) so, wie sie selbst in der Schule und im Kindergarten lernten. Sie reproduzieren möglichst perfekt, was andere ihnen vorsagen und vorleben. Ihr Ziel ist die Bestätigung es „richtig“ und „fehlerfrei“ gemacht zu haben. Bei schlechten Noten droht – wie schon in der Schule - der Ausschluss, das "Wiederholen", die schlechte Benotung oder die „Abschulung“. Je weiter du in der Bildungsleiter aufsteigst, um so intensiver wird die Notengebung. Dein Aufgeben ist dein Fehler, nicht das Problem deiner "schlechten Lehrer*in", des falsch angebotenen Schulstoffs, des Schulsystems oder gar deiner sozialen Herkunft.

 

Bald machen die meisten ihre Prüfungen nur noch um die Prüfung zu schaffen. Ein*e „gute*r Lehrer+in, Erzieher*in, Pädagoge oder Pädagogin“ zu werden ist dann als Sekundärziel inkludiert.

 

Wir erleben an unseren Schulen seit vielen Jahren wie hoch begabte junge Student*innen und Schüler*innen in der Ausbildung „einknicken“. Sie beginnen, nicht mehr sich selbst zu bilden, an den eigenen Kompetenzen zu arbeiten oder mit Freude zu lernen. Viele werden als "letzte Möglichkeit", als "einfache Alternative doch noch zu studieren" Lehrerin oder Lehrer. Sie beginnen immer wieder sich selbst vom inneren Kompass des eigenen Weges zugunsten einer Fremdorientierung am Ausbildungsseminar der Unis oder der zweiten Ausbildungsphase zu verabschieden. Sie folgen ihren Lehrer*innen oder Dozent*innen und ihre Benotung.

Bildung ist das Fenster, durch das wir auf dieses Land blicken
Franz Kühmayer, Experte für Arbeit und Zukunft

 

 Sie haben schnell begriffen, dass sie bereits im Lernprozess benotet werden. Sie begreifen, dass selbst, wenn sie für sich arbeiten wollen, sie in Wirklichkeit für andere arbeiten oder lernen, sich und die eigenen Fähigkeiten möglichst teuer oder clever zu verkaufen.

 

Die Note für die eigene Prüfung wird mit dem ersten Unterrichts-oder Praxisbesuch bereits grundgelegt. Sie wissen, dass diese Besuche schon immer Schaustunden waren und blieben. Hier wird kein langfristiger eigener Lernprozess begleitet, sondern sofort aus der subjektiven, mal akzeptablen, mal inakzeptablen Sicht einer Fachleiterin über Schicksale, nicht über Ausbildungen entschieden. Sie wissen, dass ihre Noten über ihre Einstellung entscheiden wird, und somit die Sicht der Fachleiter und Seminarleiter(!). Und diese verstecken sich gerne hinter ihren Vorgesetzten, Lehrplänen und den „Wissenschaften“.

 

Junge, schlaue Erzieher*innen und Lehrer*innen erkennen, dass sie in dieser Gesellschaft nur bestehen, sie bedingt verändern oder verbessern, wenn sie ihre üblichen und gefragten Fähigkeiten haben. Du musst geboren, "berufen" sein, um Erziehen und Unterrichten zu können. Wenige nutzen ihre pädagogischen Fähigkeiten, um verändern zu wollen und dies durchzuhalten. Um eine gute Note zu erhalten reicht aber oft durchschnittliches Fühlen und Denken. Du musst das Lernen können, was das System und ihre Vertreter*innen verlangen. Nicht die Bedürfnisse der Kinder sind gefragt, sondern du musst sie wissen.

 

Studierende beginnen also Stunden so zu machen, wie sie glauben, dass ihre Ausbilderinnen und Ausbilder sie sehen wollen. Diese "Ausbiler*innen" beteuern zwar, dass sie das gar nicht wollen, propagieren aber gleichzeitig, Rituale, Regeln, Formen des Unterrichts, Unterrichtsdidaktik1, „guten Unterricht“. Viele reden - ohne zu zeigen wie es geht - oder gar die angehenden Lehrkräfte selbst erst einmal Lernformen an sich selbst erproben und sie und sich selbst in diesem Prozess erleben zu lassen. Sie selbst haben als Ausbilder*innen in ihrer „Schulzeit“ in den seltensten Fällen so etwas erlebt, fordern aber andere auf eine andere Schule zu praktizieren . Zudem sehen sie nicht die Probleme der Studierenden. sie geben stattdessen ihre eigenen oder wissenschaftlichen Probleme den Studierenden in ihren arbeiten rüber. Sie sind eben auch als Lehrernde das Lehrern gewohnt und bringen zukünftigen Lehrernden  - als ihre Hilfestellung bei - , dass sie oder die Kinder nicht lernen sollen, sondern das Lehren zu lernen haben, damit ihre Lernenden auch "das Richtige" lernen. So entsteht oft neuer Wein in alten Schläuchen, statt alten und neuen Wein trinken zu können.

 

Sie beginnen die „geheimen Lehrpläne“ oder offenen, didaktischen Lehrpläne ihrer vor-gesetzten Ausbilder*innen zu erforschen, sie zu begreifen, nicht mehr um möglichst viel für sich selbst und den Beruf zu lernen, sondern für ihre Note, die über ihren Berufseinstieg entscheiden wird. Über sie wird zum Ausdruck gebracht wie viel du von ihnen in ihren Augen begriffen hast.

 

Wer verneint, dass dies geschieht, hat noch nie mit jungen Lehrerinnen und Lehrern gearbeitet oder hält seinen eigenen (geheimen) Lehrplan für den einzigen und schon immer, richtig gewesenen oder fürchtet die Alternativen als nicht durchsetzbar oder zu radikal. Es wird also weitergewurschtelt, weil immer gewurschtelt wurde. Oder du hast Glück und stößt auf „Aus“bilderinnen, die etwas können und das auch vermitteln können.

 

Viele dieser jungen Lehrkräfte beginnen zu „klonen“, was ihre Mentoren und die Umgebung der ihnen zugeordneten Schule zu bieten haben. Meist ist dies die Schul-und Hochschulausbildung von vor 20, 30 Jahren, die damals von den damals jungen Lehrerinnen schon geklont wurde. Das Resultat ist was es ist: In der Mehrzahl werden junge Lehrerinnen und Lehrer einfach wieder Lehrerinnen und Lehrer. Sie werden gute Staats-Diener, wie die, die sie betreuen.

 

Und zwar so, wie man sie kennt. Sie reproduzieren, was sie selbst als Kinder in der Schule erlebt haben und was sie in der Ausbildungszeit gesehen, erlebt und durchlebt haben. Sie haben in der Regel schlechte bis mäßige Vorbilder.

 

Wir verdanken der Veränderung der Menschen, der Veränderung ihrer Produktionsweise und der damit verbundenen Entwicklung ihres gesellschaftlichen Denkens allerdings - trotz Noten, Lehrplänen und Gehorsam - die Veränderung der Erzieherschaft von autoritären, feudalen Obrigkeitsfans oder militanten Nazis zu grün-konservativ denkenden Bürger*innen.

 

Unsere Werte wollen eine „notwendige“ Wertegesellschaft, die (durch Noten) Werte verkauft, auch die eigene Zeit, unsere Not und Lebenskraft.

Ohne Noten kämen wir in eine Würdegesellschaft.

 

Selbst, wenn sie nun an der Uni, im Seminar oder an einer selbst lernenden Schule mit kompetenten Mentoren Menschen erlebt haben, die sie zu einer veränderten, demokratischen, menschlichen, inklusiven und erfolgreichen Grundhaltung zu Lernen und Lernern auffordern, wird die Realität der Ausbildung sie zu dem machen, was das System „Lehrerausbildung“2 will:
An das vorhandene Konzept von Schulpflicht und Schulrealität angepasste Streber, Pragmatiker, Teilresignierte, oft genug schon Kranke oder Aufgeber, die versuchen, nie das „Falsche“ zu machen, damit sie keine schlechten Noten bekommen.

 

Es sind immer unzählige Richtungen, die aufeinander stoßen. Einerseits sind es junge Menschen, die anders sind als ihre Eltern, ihre Vorfahren, ihre Geschwister. Obwohl von ihnen erzogen, gestalteten sie sich selbst. Sie entscheiden wer sie werden. Vor allem beim Älterwerden merken die Menschen, was sie von wem „haben“ - und was nicht. Trotz aller Erziehung, trotz allen Vorlebens, entscheiden alleine die Kinder, was sie von den Eltern, Großeltern, Geschwistern, der Umgebung, von Freunden, etc. übenehmen. Einiges wollen sie nicht und tun es trotzdem, anderes wollen sie unbedingt, schaffen es aber nicht. Wieviel ist nur bei Nahestehenden Wiedergefundenes, wie viel ist wann gewollte Übernahme? Welche Rolle spielt die freie Entscheidung, welche Rolle „nur“ das eigene Schreiben und Umschreiben des eigenen Buchs des Lebens?

 

 

 

Wichtig scheint mir immer zu sein, dies als zukünftige*r Pädagogin oder Pädagoge zu wissen, sich mit sich selbst und dem Ich, der eigenen Vergangenheit und Gegenwart auseinander zu setzen. Brauche ich dafür Noten?

 

 

In den letzten Jahren ist es gelungen, dass die Probanden viel besser reden können als früher. Sie können viel besser auswendig sagen, wie Pädagogik gehen sollte. Sie wissen mehr über Kinder, das Denken des Menschen und sein Lernen. Die Ausbildung der Erzieherschaft wurde verbessert.  Alle kennen den Kinohalbkreis, Regeln, Rituale, Diagnostikformen, etc., etc. und können (fast) alle dafür sorgen, dass das, was sie da zeigen, wie Unterricht oder ein Konzept aussieht.

 

Aber die Qualität des Lernens, das Lernen der Menschen, die Qualität von Leben, die Verwirklichung der Qualität eines jeden Leben eines jeden Einzelnen, das kommt zu selten in den Mittelpunkt von Erwachsenen, die gelernt haben mit Kindern zu lernen.

 

Noten sind heute das Ansprechen auf gute Werbung, aufgeklärtes Konsumverhalten und das Leben in einer funktionierenden Natur und Umwelt. Du musst kommunikativ, elektronisch fit und kreativ flexibel auch im Umgang mit Gesundheit, Essen oder Bildung sein. In vielen anderen Sprachen heißt das übrigens "education", nur auf Deutsch gibt es "Bildung" uns "Erziehungswissenschaften". Die Lehre der Edukation ist die Pädagogik.

 

Du musst heute mehr können für eine gute Suche nach Zeugniserfolg und formaler Anerkennung.  Hauptsache aber bleibt das „Sehr gut“, wenn du auf der Sonnenseite des Lebens arbeiten willst. Die Schattenseite gilt es als "bildungsfern" zu meiden.

 

Lehrer*innen glauben, sie müssten Kinder glücklich machen, sie müssten Eltern belehren und überzeugen. Sie bräuchten die Anerkennung und Bestätigung der Kollegen oder der Schulleitung. Sie müssten nur innerhalb der Lehrpläne und Unterrichtsstrategien ihr Bestes geben.

 

Dabei wäre es an der Zeit, auch hier über Menschenrechte nachzudenken. Die Urmutter der Menschenrechte, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung nennt drei Grundrechten als die wichtigsten: Leben, Freiheit und die Verfolgung des Glücks.

 

Es ginge im Lehrer*innenberuf also darum, das Lernen als Lebensverwirklichung, in Freiheit, mit dem Ziel des Glücks zu sehen. Es geht nicht um Noten und Abschlüsse zur Befriedigung des Funktionierens, um besser zu sein als andere oder man selbst, wie Schule es provoziert.

 

Noten, Bewertung, Sitzenbleiben, Test, ein nach gesellschaftlichen Schichten sortiertes Erziehen, sind genau so out wie die alte Schule, besser noch die Schule überhaupt zum Lernen in einem demokratischen Dorf.

 

1 im Gegensatz zu einer Didaktik des Lernens. „Mathetik“ wird eher für einen Begriff aus der Mathematik gehalten. Lernen in der Schule als systemisch steuerbarer Vorgang des demokratischen Miteinanders in einer Lernumgebung ist noch weiter weg von jedem Verständnis in der tagtäglichen Lehrerinnenbildung..

 

2 anstatt „Lehrerinnen- und Lehrerbildung“. Nur einige Folgen seien aufgezählt: Die Kinder leiden, die „Lehramtsanwärter“ leiden, das Niveau des Unterrichts leidet, die Schulentwicklung leidet, die Ausbilder leiden, und es kostet Abermillionen von Euros, die für Ausbildung, Fortbildung, Schulentwicklung, Forschung, Lehre und Wissenschaft zum Fenster hinausgeschmissen werden, und uns jeden Tag in der Schule fehlen! Wir sollten als Erzieher*innen, Grundschul-, Sek1-, Sek2-, Berufsschule,- und Hochschullehrer*innen lernen die Leidensursachen abzustellen und das „Leiden“ durch und in Schule kompetent und professionell anzuerkennen.