Walter Hövel

 

Ihr wertet eure Arbeit nicht aus“

 

 

 

Marta und Leonardo, Freinetkolleginnen aus Neapel, waren von unserem Silvestertreffen sehr angetan. Und ihre Kritik kam genau so direkt: "Einige von euren Ateliers waren zu handwerklich. Hier fehlte etwas, was für die Freinetpädagogik typisch sein sollte. Ihr wertet eure Arbeit nicht aus!"

 

 

 

Sie erzählten von 6-tagigen italienischen Seminaren mit 3 Tagen Arbeit in den Ateliers und anschließenden 3 Tagen der Evaluationsarbeit. Sie schlossen sofort die Kritik an ihrer eigenen Arbeit an: Bei uns wird zu viel gesprochen, wir bewundern euer Feuerwerk der Techniken, die Art,

 

wie ihr mit Fantasie, Kreativität und Vielfalt immer wieder in kürzester Zeit eine Lernwelt der Imagination schafft.

 

 

 

In meinem Kopf schoben sich sofort zwei Dinge zusammen: Unsere Art der ganzheitlichen Ateliers mit der italienischen Zeit der Evaluation und Dokumentation der eigenen Arbeit, des eigenen Lernens kombinieren

 

 

 

"Früher dauerten die Plenen auch viel länger", sagte ein Altfreini zu mir. Ja, da wurde stundenlang, wenn auch oft chaotisch, um das freinetische Sosein, Dasein und Anderssein gestritten. Diese Diskussionen nervten oft, da diese Arbeit nicht mit den Techniken der Freinis geleistet wurde, sondern mit den Unsitten der Geschäfts- und Debattierordnung der 68iger und 70iger Studenten-parlamente und den ersten Empfindlichkeiten der gruppendynamischen Selbsterfahrungsgruppen.

 

 

 

Vor nun fast 10 Jahren führte dies zu großen Auseinandersetzungen in der Freinetbewegung, zwischen den "Roten" und "Blauen", den "Freinet ist eine Kooperationsgemeinschaft für die

 

Freinis selbst und sonst nichts" und den "politischen Professionalisierern, die eine Aufteilung in einen ideellen und kommerziellen Freinetbereich anstrebten".

 

 

 

Nach einigen schrecklichen Veranstaltungen des Hauens und Stechens, kehrte "Friede" ein, da sich keine Seite durchsetzen konnte. Die Entwicklung der Freinetbewegung wurde sich selbst, den Frauen im Bremer Materialvertrieb, dem Vorstand, regionalen, so wie individuellen Initiativen überlassen.

 

 

 

Es blühten Lernwerkstätten auf, Prinz Höfte als Fortbildungszentrum,Fort- und Weiterbildungs-veranstaltungen in unterschiedlichsten Gestalten, es kam zur Herausbildung von Treffen mit speziellem Charakter, etwa in Berlin oder Altenmelle, die FortbilderInnenfortbildung, etc.,etc.(?).

 

 

 

Die Freinetpädagogik hat sich seither in einer großen Vielfalt und Verschiedenheit entwickelt. Aber das gab ihr auch ihre Dynamik. Neues, Altes und Anderes wurde einfach getan, erprobt, verworfen und übernommen. Viele von uns lernten, ihre eigene Verantwortung alleine oder gemeinsam für ihren eigenen "Freinet" zu übernehmen.

 

 

 

Dieses so entstandene Selbstbewusstsein scheint nun dazu zu führen, dass viele (?), angesichts einer gewaltigen Krise der staatlichen Bildung und erster heftiger Turbulenzen im Tiefschlaf des Wissenschafts- und Lehrerlnnenbildungsbereichs, bereit sind, ( - die Notwendigkeit sehen - ), sich wieder des eigenen, selbst gegebenen Auftrags zu entsinnen. Freinet war doch der Anspruch eine politische Pädagogik zu sein.

 

Politisch dadurch, das die Kinder selbst als politikfähige und lebensfähige fähige Wesen gesehen und (!) in der täglichen Schulpraxis behandelt werden. Politisch dadurch, dass wir nicht auf politische Veränderungen warten, um das zu machen, was in der humanistischen pädagogischen Literatur beschrieben und gefordert wird. Wir tun, was hier und heute machbar ist, auch gegen Widerstände.

 

 

 

Politisch dadurch, dass wir die Kooperation der Menschen zur Gestaltung der eigenen Welt nicht nur in der Schule organisieren, sondern auch darüber hinaus.

 

 

 

Aber gab es da nicht auch den Anspruch, dass auch Lehrerinnen solche politischen Wesen sind, die selbst handeln, lernen und leben können? Gehört dazu nicht auch der Anspruch das eigene pädagogische Handeln immer wieder auf den eigenen politischen Anspruch hin zu überprüfen?

 

 

 

Bei den Freinis jedenfalls war die übergroße Angst vor Streit, Anstrengung und psychischer Verletzungsgefahr eingekehrt. Die eben beschriebene Vereinzelung und "Vergruppung" wurde noch vom Zeitgeist unterstützt. Die einen verzogen sich in Therapien, um sich anschließend als Therapeuten ihrer eigenen Behandlung ausbilden zu lassen, andere gingen ihren 68-iger langen Weg durch die eigene Institution, andere setzten auf EDU, TAI CHI, Gestalt, NLP, Biodynamik, Lernwerkstatt oder Permakultur.

 

 

 

Dies gab der Freinetbewegung, die daran nicht unterging, sogar neue Impulse durch positive oder negative Lernerfahrungen. Es gab vielen ein gewachsenes Selbstbewusstsein (bei eben solchen Verlusten), was auch dazu fuhrt, das verstärkt die Frage gestellt wird:

 

 

 

Was ist die Freinetpädagogik heute?

 

Was kann sie leisten?

 

Was kann sie lernen?

 

 

 

Und zum Lernen scheint anzustehen: Wenn wir in der Lage sind, unsere Strukturen, die nicht die hierarchischen, linearen, versteinerten und unbeweglichen sind, zu beschreiben, zu vermitteln, dann sind wir auch in der Lage in der Zukunft "moderne Schule" zu machen.

 

 

 

Evaluation heißt Auswerten

 

Es geht nicht darum, sich gegenseitig zu bewerten,

 

sondern gemeinsam Werte zu finden.

 

 

 

Wir können uns von 68-iger Ängsten gegenüber Wissenschaften, Profis oder Autoritäten verabschieden, ohne die Distanz zu den tradierten Vertretern dieser Zünfte aufgeben zu müssen.

 

 

 

Wir sind in der Lage, in Zusammenarbeit mit humanistisch und ganzheitlich orientierten Wissenschaftlerlnnen, Profis und Bildungsautoritäten unsere Formen und Inhalte der wissenschaftlichen und professionellen Arbeit zu finden. Wir können kooperationsfähig werden.

 

 

 

Wir können lernen, das zu erklären und in Zusammenhang mit unseren Aktionen zu versprach-lichen, was wir warum wie tun. Wir sind in der Lage, unsere eigene Arbeit zu evaluieren.

 

 

 

Die Ansätze dazu sind vorhanden. Wir können wieder an das Mit-einander-reden anknüpfen, eine eigene Redekultur entwickeln.

 

Die Reflexion der Arbeit wurde bei Berliner Treffen gepflegt. In den Lernwerkstätten in Berlin, Hamburg oder Kassel ist dieser Anspruch nicht unbekannt. In Prinz Höfte, bei Treffen und Fortbildungen ist in Ateliers an Formen des Freien Schreibens, Visualisierens, Sprechens und Dokumentierens zwecks "Erfahrungsgerinnung" gearbeitet worden.

 

 

 

Wir haben die Möglichkeit unsere Form der Evaluationsarbeit von hier aus und auch mit der Erfahrung unserer ausländischen Freinetkollegen voranzutreiben.

 

 

 

Last not least gibt es einen entscheidenden Ort, wo wir das Evaluieren bereits permanent, professionell und erfolgreich praktizieren, in unseren Klassenräten. Wir können aus unserer eigenen Praxis eigentlich nur lernen.