Walter Hövel

 

Zur Strafe schreiben

 

 

 

Gestern früh brachte ich meinen zehnjährigen Sohn zur Schule. Jakob öffnete die Autotür und sagte:

 

Ich habe meine Sportsachen vergessen.“ Dann brach er in Tränen aus und schluchzte: „Jetzt darf ich

 

nicht bei Sport mitmachen und muss einen Aufsatz schreiben.“

 

 

 

Ich habe ihm versprochen, das zu verhindern. Zum ersten Mal, seit 10 Jahren, habe ich wegen meiner

 

Jungs in der Grundschule angerufen. Der neue Schulleiter ist ein padagogisch engagierter Mensch, ihm

 

habe ich die Geschichte erzahlt. Er war sehr betroffen und sagte, dass dies bereits die zweite Beschwerde

 

in dieser Angelegenheit wäre und versprach, die Kollegin anzusprechen.

 

 

 

Mittags erzählte Jakob, dass er mitturnen durfte, ohne einen Kommentar von der Lehrerin zu hören.

 

Am nächsten Morgen hatte ich mit meiner eigenen Klasse in der Sporthalle dieser Schule selber Sport.

 

Jakobs Sportlehrerin kam und sprach mich an. Die Atmosphäre war sofort sehr unangenehm, ich begegnete

 

dieser nassen, kalten Art zwischen Beleidigtsein und Aggressivität, die Lehrer drauf haben können.

 

 

 

Sie versuchte den ganzen Vorgang herunterzuspielen, den Vorgang zu verharmlosen, Jakob die „Schuld

 

zu geben“: Jakob würde ja so oft seine Sportsachen vergessen, und sie und die Klassenlehrerin hatten

 

sich darüber unterhalten und zunächst hatten sie ihn zur Strafe immer Mathe machen lassen. Aber dann

 

hatten sie gemerkt, dass ihm Mathe auch noch Spass macht. Und da hatte er schreiben müssen, aber

 

keine Aufsätze, nein, nur so.

 

 

 

Ich unterbrach sie, schon ziemlich sauer und schilderte ihr nochmals, dass Jakob in Tränen ausgebrochen,

 

dass dies für ihn ungewöhnlich und dass sie doch einmal überlegen solle, ob dies vielleicht durch

 

ihre Maßnahmen ausgelöst worden sei.

 

 

 

Was mir dann als Antwort entgegenkam, ließ mich für einen Augenblick nach Luft schnappen. Die Reaktion von Jakob wäre wohl eine bedauerliche Überreaktion aufgrund seiner Probleme mit der Trennung seiner Eltern. Auf diesen „Dorfklatsch statt Pädagogik“ antwortete ich betont ruhig und versicherte ihr freundlich, dass ich solche und solche Reaktionen bei meinem Kind unterscheiden könne.

 

 

 

Als sie versuchte auf dieser Spur weiter von dem wirklichen Problem abzulenken, unterbrach ich sie in scharfem Ton und teilte ihr recht formal mit:

 

Erstens habe sie kein Recht ein Kind vom Unterricht auszuschließen, auch nicht vom Sportunterricht,

 

zweitens ware es ein Unding, das Schreiben als Strafe zu benutzen, da unsere Richtlinien die Lehrer

 

auffordem, die Schreiblust der Kinder zu erhalten und zu fördern

 

und drittens wäre ich jederzeit bereit, sie dabei zu unterstützen, dass mein Sohn lernt, seine Sportsachen regelmäßig mitzubringen.

 

 

 

Jakob hatte seinen Sportsachen nicht vergessen. Sie lagen auf dem Boden im Auto vor dem Sitz. Vor

 

lauter Panik hatte er sie nicht gesehen.

 

 

 

Auch die Kinder meines zweiten Schuljahres vergessen ihre Sportsachen. Sie turnen dann trotzdem mit.

 

Sie vergessen sie immer weniger. Ich bitte sie immer wieder nur, die Sportsachen mitzubringen. Es gab

 

auch ein Mädchen, dass seine Sachen vergaß, um nicht mitzuturnen. Sie turnte immer wieder in ihren

 

Alltagssachen mit, bis sie von selbst Sportsachen mitbrachte.

 

 

 

Der Umgang mit dieser Lehrerin, die nur Vertreterin einer größeren Zunft ist, bereitet mir große Probleme.

 

 

 

Was steht hinter dieser Haltung? Ein menschenfeindliches Bild vom Kind?

 

 

 

Ist es Angst, Angst davor, Kinder wirklich ernst zu nehmen, sie als Menschen zu akzeptieren, ihnen wirklich zu begegnen, seine Macht als Lehrer abzugeben. Ist es ein Gruppenverhalten, in dem Sinne, dass man gegenüber der Schulleitung zusammenhält, die pädagogische Veränderungen fordert, eine „Solidaritat“ gegen Mehrarbeit, gegen die Belastung, die unser Beruf heute mit sich bringt? Ist es die Furcht vor bestimmten Eltemkreisen, die eine Schule wünschen, die Druck macht, pauken läßt und den Kindern nicht traut.

 

 

 

Oder ist es die geistige Übereinstimmung mit diesen Auffassungen? Oder ist es einfach die Unfähigkeit eigenes Handeln zu überdenken und zu korrigieren, was wiederum Erfolg einer schulischen Erziehung sein

 

könnte, die sie selbst genossen haben?

 

 

 

Diese Unfähigkeit zum Dialog mit seiner eigenen Pädagogik verärgert viele Eltern. Sie fördert eine allgemeine Missstimmung gegen Schule, auch in jenen Eltemkreisen, die eher zu der alten Schule tendieren.

 

 

 

In der Schule gibt es keine Alternative zum Gespräch.

 

 

 

Eitorf, Mai 2000

 

 

 

 

 

(Der damalige Schulleiter nahm sich später das Leben. Sicher aus anderen Günden.

 

 

 

Seine ihm nachfolgende Schulleiterin machte viele Aktionen mit den Grundschulen Eitorfs. Unter anderem „Eitorf liest“. Sie war toll, verstand aber auch nie die Pädagogik der Grundschule Harmonie.

 

 

 

Dann gab es einen Wechsel im Schulamt und eine neue Schulleiterin kam. Viel später (nach meiner Pensionierung) übernahm sie die Leitung der Grundschule Harmonie. Sie schaffte eine Pädagogik für die Kinder, wie wir sie verstanden, Schritt für Schritt wieder ab.

 

 

 

Ich glaube, sie weiß bis heute nicht, was sie tat, - oder was der hier geschriebene Aufsatz mit ihr zu tun hat.

 

 

 

An den vier, später zu zweien zusammen gelegten Grundschulen Eitorfs, erlebte ich 12 Schulleiter*innen. An der eigenen Schule übrigens mehr!

 


Eitorf September 2021)