Walter Hövel
Denken und Tun

 


„Nicht das Denken macht das Tun, sondern umgekehrt das Handeln die Haltung.“

 

nach John Dewey

 

 

 

Denken und Tun, Tun und Denken, das ist die Summe aller Weisheit, von jeher anerkannt, von jeher geübt, nicht eingesehen von einem jeden.

 

Beides muß wie Aus- und Einatmen sich im Leben ewig fort hin und wider bewegen; wie Frage und Antwort sollte eins ohne das andre nicht stattfinden.

 

Wer sich zum Gesetz macht, was einem jeden Neugebornen der Genius des Menschenverstandes heimlich ins Ohr flüstert, das Tun am Denken, das Denken am Tun zu prüfen, der kann nicht irren.“
Johann W. Von Goethe

 



 

Wir denken uns diese Welt“
Paul Pütz, mein Hausarzt

 

 

 

Seit einigen Jahrzehnten erlebe ich nun Fortbildungen, Seminare, Vorträge, Ateliers und Workshops. Ich weiß, wer oder was mich beeindruckte, was mich prägte und was mich interessierte. Es waren Personen und ihre Themen, aber auch Abläufe, Techniken oder Teilnehmer*innen.

 

 

 

Es waren viele, die bei mir hängenblieben. Da war Holger Butt oder Gudrun Maaser, da waren Wolfgang Mützelfeldt und Lutz Wendeler, Jochen Hering, Paul le Bohec, Ute Geuß und Jürgen Reichen. Es waren das Malen und Schattenspiel mit Florian Söll, das Boaltheater mit Sepp Kasper, Theaterspiel mit Jürgen Opgenorth und Herbert Pfeiffer, die Zusammenarbeit und Planungsarbeit mit Marta Fontana, Uschi Resch und Udo Hecken, Freie Texte schreiben mit Elise Kenntner, Toni Lane und Rolf Wagner, die politischen Foren mit Monika Bonheio, Pia Hölzel und Ben Schreiner und außerhalb der Freinis „die bilinguale Methode, Erzählanlässe bei einem holländischen Kollegen, dann wieder das Fragenbeantworten mit Falko Peschel und Ulli Schulte, Mathe mit Angela Glänzel, Vorträge mit Herbert Hagstedt und Wulf Wallrabenstein, Ausdrucksmalen mit Barbara Daiber oder das Reden mit Angela Bolland, Pia-Maria Rabensteiner, Franz Krönig, Hans Brügelmann oder Ursula Svoboda, das Nähen mit Maria Wald. Ich lernte viel von Yüce Seyfi, Linda Thiele, Lani Nguyen, Lea Schulz, Melek Elicora und Yesim Karabel, von Karl-Heinz Imhäuser, Gerhard Rabensteiner und vielen anderen mehr. Ich lernte sehr viel in Gesprächen mit Alexander Lubomierski, Karl Heusch, Jürgen Selge, Frank Trienenjost, Marco Holländer, Heike Wagner, Klaus Caul, Wolfgang G. Mayer, Vivian Breucker oder Anne Mondig. Ich lernte auch von einem Manfred Dahl, Kurt Bachmann oder Rudi Nußbaum, ohne viele Worte von Milan Matievic oder Attila Horvath. An der Stelle ein Dank an „meine“ Kinder, ihre Männer und Frauen und die Enkelkinder. Ich danke den Kindern der Grundschule Harmonie und allen anderen Lernenden der Schulen, Kindergärten und Unis. Danke an „meine Freidenker“, an die Freinets, die Teilnehmer *innen internationaler Treffen, meinen Kolleg*innen, meinen Comeniuspartner*innen und an meine vielen Mitsänger*innen.

 

 

 

Es waren und sind Menschen, Beziehungen zu ihnen. Ich lernte aus ihren Zusammenhängen, von ihren Taten und ihrem Denken. Selten oder nie lernte ich, ohne die Menschen zu kennen oder kennengelernt zu haben. Alle Dinge, die sie zeigten hatten sie selbst erprobt oder machten es gerade. Sie konnten sie. Ich kupferte ab. Ich lernte von ihnen – einiges nicht.

 

 

 

Ich machte selbst Fortbildungen als Teamer oder Veranstalter. Ich schätze, dass ich – ohne meine Auftritte in und um die Grundschule Harmonie - auf gut 300 dieser Veranstaltungen komme.

 

Ich weiß, dass die Berliner, Altenmeller, die PrinzHöfter, die geeler, die GEWler, gggler, die Montis unzählige gute Veranstaltungen durchführten.

 

 

 

Und der Erfolg? Es müsste Abertausende von Kolleginnen und Kollegen geben, die ein anderes Lernen können. In jedem Kollegium sollte es mehr als die Hälfte von ihnen sein.

 

 

 

Seit gut 25 Jahren arbeite ich in der Lehrerinnenbildung. Ich erlebte aberhunderte, Tausende von jungen Kolleginnen und Kollegen, die (fast) alle eine demokratische Grundhaltung zeigten, die fair sein wollten, Schüler zentriert sein, Kinder achten wollten,… Und was wurde aus ihnen?

 

 

 

Zu oft „normale“ Menschen, geprägt vom Beruf, geprägt vom bestehenden selektiven, kontrollwütigen und misstrauenden Bildungssystem.

 

 

 

Wie kommt es, dass eine „Haltung“, die auf Fortbildungen, in der Ausbildung, beim Lesen von Literatur immer wieder erarbeitet und geformt wird, so schnell verschwindet?

 

 

 

Jürgen Koch1, sagte einmal: „“Was du nicht innerhalb von 14 Tagen nach einer Fortbildung umsetzt, ist weg!“ Ist das eine „normale“ Verfallzeit von Haltung?? Ist Fort- und Weiterbildung unnötige Liebesmüh? Muss unsere ganze Aus- und Fortbildungsarbeit sein, nur um den immer vorhandenen Prozentsatz „fortschrittlicher Pädagog*innen“ im Dienst zu erhalten?

 

 

 

Oder folge ich John Dewey? Machte ich richtiger Weise mit den Lehrer*innen und Student*innen Pläne für deren eigenes Handeln? Ich lasse sie ihr neues, gefundenes oder wieder gefundenes Denken festhalten. Ich baute die spätere Veränderung des Eigen-Tuns, das Auswerten, Einschätzen und die Neuplanung ein. Ich lernte dies vom Klassenrat. Das ist das, was Kinder immer tun, wenn du sie selber lernen lässt.

 

 

 

Ich sah alle Arten von Versuchen. Die mit Strenge, Notendruck und Schleifen, die mehr Praktischen, die mehr wissenschaftlichen. Ich sah rezeptive Ansätze wie bei Montessori oder demokratische wie bei Freinet. Ich sah eher naturwissenschaftlich und wissenschaftlich basierte, und eher von Ästhetik und Theaterspiel beeinflusste Inhalte und Formen des Lernens. Ich sah fachdidaktische und psychologisch, die politischen oder die systemischen Ansätze. Ich sah die Lernwerkstätten oder Medien basierten, die von Netzwerken oder Stiftungen ausgingen, von den Kirchen und die staatlichen, oder etc. etc.

 

 

 

Unsummen werden ausgegeben, nur um die Weiterqualifikation (nicht genügend für die gegenwärtigen Anforderungen) durch gleich mindestens fünf Ausbildungen mit Kindergarten, Pflichtschulzeit, Oberstufe, Studium und „Lehramtsanwärter“zeit fortzuführen.

 

 

 

Aber was ist bei meinen Anstrengungen herausgekommen?

 

 

 

Heute kann ich es beantworten. Ich sehe Taten und Denken, an Orten und in Personen, wo ich es nicht vermutete. Nur, alle machen es anders. Zu oft scheitert es an der Enge eines Mittelschichtendenkens. Es ist oft stärker als das Denken der Menschen. Die Menschen sind verschieden. Jede/r ist ihre/seine eigene Welt. Manchmal tun sie etwas, was ich anders täte.

 

 

 

Und allgemein?

 


Die Kindergärten haben sich gewaltig gemausert. Hier sorgen private Träger, anders als im Schulwesen, viele sonst misstrauten Eltern in eigener Trägerschaft, für eine Professionalisierung.

 

Hier heißt Professionalisierung mit der eigenen Person für den Raum und die Zeit stehen, die Kinder für ihr eigenes Denken und Handeln, ihr eigenes Spiel und Lernen brauchen.

 

 

 

In den letzten Jahrzehnten waren Kollegien der Grundschule die Träger von schulischen Reformen. Das verschwindet erfolgreich. Mehr und mehr bestimmen Wissenschaften, Wirtschaft über Stiftungen und Verlage die Inhalte und Ziele der Schulen und Kitas. Aber überall sind Menschen, die lernen. Sie schaffen Neues, Zukünftiges. Menschen sind veränderbar. Menschen lernen.

 

 

 

Jetzt diskutiert man darüber, seit 1980 misslungene Versuche der Einführung der Elektronik und Technik in Schulen und Hochschulen zu implementieren und zu forcieren. Aber die alte Dame „Schule“ scheint zu alt.

 

 

 

Ich bin verführt optimistisch zu sein, da Menschen alles lernen können, was sie einmal begriffen haben. Schließlich haben sie dieses „Packende“ bereits mit ihrer emotionalen Bereitschaft zur Begeisterung für eine Veränderung angepackt, bzw. ergriffen. Es gilt das Be-Greifen abzusichern. Dies geht nur durch das Tun, - und durch eine veränderte Haltung, die ihren Durchbruch findet.

 

1 Schulleiter der GGS Heiligenhaus, ehemaliger Konrektor an der Grundschule Harmonie