Walter Hövel
Rezension: 'Wege zur Freien Arbeit'

 

erschienen bei 'Kaleidoskop“

 

 

 

Kaleidoskop(.Sepp Kasper) vertreibt seit Dezember 1986 eine 131 Seiten starke Schrift mit dem Titel "Wege zur Freien Arbeit-Sek. I - GEW Workshop 86.

 

 

 

Die äußere Form verspricht viel, eine schöne Grafik, die erhoffen lässt, etwas zu finden,im Gestrüpp der Pädagogik, eine transparente Deckfolie, das ganze in Ringbuchform, als ob noch eine eigene Erweiterung der folgenden Sammlung möglich wäre.(Leider gibt es wenige Locher, die 21 rechteckige Löcher machen.)

 

 

 

Die Herausgeber, Hanna Paul-Calm und Wolf Weipert, haben wohl die ersten 20 Seiten geschrieben. Zunächst beschreiben sie die Schule heute als Produkt der industriellen Spezialisierung und ihrer Arbeitsteilung, also als Taylorisierung.

 

 

 

Sie konstatieren die fehlende Ganzheitlichkeit der Erziehung und des Unterrichts, ohne jedoch darauf einzugehen, was dieses "Kinder erleben ihre Umwelt ganzheitlicher" bedeuten konnte. Stattdessen entwickeln sie anhand einiger Namen

 

einiger Pädagogen (Richard, Stevenson, Dewey, Kilpatrick) eine historische Gegenentwicklung der Projektorientierung, um dann eine "europäische Reformpädagogik" zu finden, die eine "ganzheitliche Systematik" als bindendes Glied haben soll.

 

 

 

Sie nennen dabei Petersen, Montessori und Freinet und nennen als methodische Prinzipien Freie Arbeit, Wochenplan und Epochalen Unterricht.

 

 

 

Mir schauert bei dieser verkürzten, undifferenzierten Darstellung. Die Autoren beschreiben selbst die Fächer Mathematik und Englisch als Beispiele für die Taylorisierung des Unterrichts, nennen dann aber Petersen als "Ganzheitler", obwohl sie sehr gut wissen, dass gerade Petersen in seinen Jena-Plänen den Kursunterricht überhaupt nicht so versteht.

 

 

 

Auch gehen sie gegen besseres Wissen nicht hin und beschreiben die bereits in NRW deutlich sichtbaren Fehlinterpretationen der genannten Begriffe „Freie Arbeit“ als von Lehrern durchprogrammierte Übungs-stunden, „Wochenplan“ als von Lehrern - unter Auslassung derm Schüler - erdachten Aufgabenstellungen, „Epochaler Unterricht“, der nur Stunden zusammenfasst, ansonsten einen lernzielorientierten Unterricht - wie

 

gehabt – abspult.

 

 

 

Im Folgenden fordern isie selbstgesteuerte Lernprozesse und Arbeitsformen, Anknüpfen an die Grundschul-richtlinien NRW (die z.B. den Begriff der Freien Arbeit kennen), versäumen allerdings wieder, dies mit Inhalt

 

zu füllen.

 

 

 

Die Situation in der Sekundarstufe I beschreiben sie so, das die "Träger reformpädagogischer Ideen mit Ar

 

beitsformen Innerer Differenzierung … bisher insbesondere der Integrierten Gesamtschulen" seien. An falscher Stelle, mit den falschen Mitteln haben die Autoren wohl versucht ihr Bekenntnis - als Hauptschul-lehrer/in zur Gesamtschule unterzubringen (die Intention unterstütze ich voll und ganz!).

 

 

 

Auch dies ist eine Simplifizierung, die die äußere Differenzierung in der Gesamtschule, ihre 'Verfachwissen-schaftlichung' außer Acht lässt, und vor allem die Problem, die selbstgesteuerte Lernprozesse und Arbeits-formen an dieser Schulform bereiten (siehe Artikel von Hannes Germann in der letzten FuV).

 

 

 

Die Hauptschule wird korrekt als Selektionsfolge des gegliederten SchuIsystems beschrieben. Aber wieder snd es die Schüler, die "motivationsschwierig" sind, es wird nicht an das angeknüpft, was zu Anfang über Schule gesagt wird.

 

Im folgenden fordern sie Schulreform "von unten”, die Einbeziehung ”tatsächlicher Praxisbedingungen, frei-willig zusammengeschlossene Arbeitsgruppen, Freistellungen vom Unterricht für Kooperationen von Lehrern.

 

Sie beschreiben die Arbeit der AG der GEW-Fachgruppe in Bonn.

 

 

 

Im Kapitel "‘Freie Arbeit contra Lernzielorientierte Didaktik?” fordern die Autoren das Nebeneinander von Lernzielorientierter Didaktik und Freier Arbeit, wobei „Freie Arbeit als Ergänzung zu systematischen Curricula verstanden” wird. (Sollte mensch da nicht umgekehrter Ansicht sein?) Die dazu angebotene Karikatur spricht für sich selbst.

 

 

 

Fast peinlich ist das bekannte Freinet-Fahrrad-Zitat, das nun folgt. Es folgt ein Aspektekatalog zum

 

Begriff Freie Arbeit, eine nicht üble Übersicht über Materialien, gute organisatorische Hilfen. Beschrieben sind nun 20 Seiten, die ihre Stärken haben,weil die Autoren in vielen Fortbildungen der GEW erfahren haben, welche Fragen die Kolleginnen haben. Daher geben sie einige gute Tipps und Hilfen.

 

 

 

Inhaltlich aber, sind diese Seiten oberflächlich,eklektizistisch und ungenau,ich werde den Verdacht nicht los,

 

das niemandem wehgetan werden soIl, vor allem "oben denen” nicht, der Text strotzt von Kompromissen und Taktizismus. Er ist schlampig(!) gemacht.

 

 

 

Aber noch schlampiger wird es nun:Nachdem Sepp s Artikel "Fantasie an die Macht” zum x - ten reproduziert wird, kommen 5 Seiten zusammengewürfeltes Lay-out-Material, dann 33(!) Seiten Bild-Sprachanlasskarten - ohne jede Erklärung, in miesester Bildqualität. Zwei Beispiele, mit einer guten Erklärung, dass mensch nur Bilder aus Illustrierten ausschneiden muss, um Sprachanlasskarten zum Schreiben Freier Texte zu haben, hätten genügt um verständlich zu machen, um was es geht. Stattdessen – Seitenfüller, die unbrauchbar sind.

 

 

 

Dann 18 Seiten "Spiele mit Sprache”. Wieder ohne Erklärung, ein Gemisch aus Tipps zum Schreiben von Freien Texten und krampfhaften Versuchen, Rechtschreibung schmackhaft zu machen.

 

 

 

Dann folgen ”Ausschnitte(?)” aus der Bonner Testknackerkartei. Und jetzt wird besonders haarig: "frischer Atem beim Vorstellungsgespräch?, Körperpflege?, Schmuck? Make up?, Achte a

 

uf deine Sprache!,...” ...pass dich an, und du kriegst "einen Job...

 

 

 

Keinen anderen Eindruck hinterlässt diese Kartei! Es kann ja möglich sein, dass diese Kartei in ihrer Gesamtheit besser ist. Nur, Kollegen, meiner Schule haben sie zur Erprobung beim Bonner Arbeitskreis angefordert, allerdings nicht bekommen. Auf jeden Fall nutzen die Beispiele, die in dieser Schrift wieder gegeben werden, nichts! !

 

 

 

Es folgen 18 Seiten mit Ausschnitten aus einer Geschichtskartei(?). Es beginnt mit "Die Frühzeit des Menschen”: Texte, die die geschichtsübliche Auffassung von Männergeschichte wiedergaben, die Fragen stellen nicht die Schüler, sondern die Lehrer, die sich aber progressiv hinter Karteikarten verstecken. Handlungsorientierte Anweisungen(!), wie etwa ”Versuche einen Webrahmen zu bekommen und ein Gewebe herzustellen!” erinnern mich an früh ganzheitliche Versuche des ganzheitlichen Unterrichts der 5Oiger Jahre...."male ein Bild, wie deine Familie Weihnachten feiert".... Was da angeboten wird

 

hat nichts,aber auch garnichts mit "selbstgesteuerten Lernprozessen" zu tun!

 

 

 

Die Alibiseite "Frauen" wird im Grunde noch peinlicher : "Sie spielten in der Gesellschaft und Politik kaum eine Rolle... " Warum hat es wohl eine Hexenverfolgung gegeben??“ Die aufkommenden Rechte der Frauen „mussten beschnitten“ werden.

 

 

 

Da retten auch keine 5 Seiten "Wir verschönern unseren Klassenraum" und 6 Seiten "Der Raum als Lernfakt

 

or" von Kaiser/Bienecke, die bereits, wie anderes, zig mal veröffentlicht wurden.

 

 

 

Fazit: In einem kleinen mehrseitigen Artikel hatte alles gesagt werden können, was zu sagen war!

 

Was hier vorliegt, scheint mehr eine Verlegenheitsarbeit zwecks Veröffentlichung, Rechtfertigung zu sein (?)

 

 

 

Besonders traurig erscheint mir dies vor dem Hintergrund, das die Autoren Hanna Paul - Calm und Wolf Weipert vor Jahren ein gutes Buch zur Projektarbeit veröffentlicht haben, ein tolles Schülerpraktikum in Buchform herausbrachten ( mit einem Schritt in der Wirklichkeit), einen echt guten Film über ein handlungs-orientiertes Praktikum drehten, eine Broschüre "Reformpädagogik -Baustein1: Freie Arbeit in der HS

 

"(Kostenlos bei: Schulamt für die Stadt Bonn, Bottlerplatz 1,53oo Bonn1 ) organisierten und nicht zuletzt

 

in der gewerkschaftlichen Diskussion einmal Anstöße gaben, die erst die Verankerung unseres Gedankenguts ermöglichten . Vor diesem Hintergrund ist die Veröffentlichung des hier beschriebenen Werks, nur zu bedauern. Schade.

 

 

 

An Sepp Kasper und seinen Verlag soll nur die Frage gestellt sein, ob er sich mehr als die Titelseite und die Inhaltsangabe anguckte, bevor er sich für den "Bezug" durch Kaleidoskop entschied... Aber Lehrer

 

sind Sammler und Jäger... sie werden auch dieses Werk kaufen.

 

 

 

Wie immer sich mit Freuden in die Nesseln setzend.

 

Walter Hövel