Walter Hövel

Die Geschichte der Kartoffeln

Eine Kartoffel erzählt selbst

 

Schon vor über 2000 Jahren lebte ein Volk im fernen Amerika, das uns Kartoffeln anpflanzte. Es war das Volk der Inkas, das in den hohen Bergen von Peru lebte. Die heutige Wissenschaft hat nicht die blasseste Vorstellung davon, wer die Inka waren, obwohl sie gerne das Gegenteil behauptet. Sie glauben, dass die Inka nur einen Bruchteil der Ethnik der Bevölkerung stellten. Das ist auch heute unvorstellbar. Entweder es war ganz einfach, wie sie herrschten, es war vollkommen kompliziert oder total anders als Menschen heute denken können. Was die Europäer konnten, war die Kultur zu zerstören, so wie die Menschen laut Schopenhauer ein Leben zertretenen, aber kein Neues schaffen können.

 

Die Deutschen essen von uns so viele, dass sogar deren Spitzname „Kartoffel“ ist. (Was mehr mit den Leuten dort als mit uns Kartoffeln zu tun hat.) So will ein anderes Land, China, im Karrtoffelanbau Nummer1 auf der Welt werden.

 

Aber auf jeden Fall aßen die Europäer Kartoffeln. Die Ureinwohner von Peru nannten uns „Papas“. Warum ihr Europäer diesen Namen nicht beibehalten habt, habe ich -wie vieles anderes, nie ver-standen. Es wäre doch lustig, wenn es „Salzpapas“, „Bratpapas“ oder „“Papasalat“ zu essen gebe.

 

Was ich euch erzähle, ist, wie ich zu meinem jetzigen Namen komme.Um euch gleich zu verwirren, ich habe viele Namen und eine sehr eigene Geschichte bei euch Menschen.

 

Mein häufigster Name ist „batata“. „patate“, „albatatis“, „Potato“ oder so ähnlich. So heiße ich auf Englisch, Spanisch, Französisch, Portugisisch, Walisisch, Arabisch, Griechisch oder auf Türkisch. Das Dumme ist nur, dass das der falsche Name ist. Die „Batate“, übrigens ein Name aus Hawai, heisst „Süßkartoffel“ und ist ein Windengewächs. Ihre Knollen sehen den unserigen nur sehr ähnlich. Wir, die Kartoffeln sind aber ein Nachtschattengewächs und überhaupt nicht verwandt mit Windengewächsen. Die Batate ist in den Regalen der Supermärkte genau so zu finden wie im Bioladen.

 

Gemeinsam ist nur, dass wir vor gut 450 Jahren gemeinsam per Schiff von Amerika nach Europa gebracht wurden. Die Menschen hier aßen Brot oder Wurzel und kannten keine Kartoffeln, keine Gurken, keinen Tabak, zuerst als Heipflanze eingeführt, keine Tomaten, Bataten, keine Cocapflanze, kein Kokain, Paprika, Auberginen, Mais, Zuckerrohr oder Rum.

 

Es gibt aber noch eine dritte Verwandte, die Topinambur. Die Topinambur ist mit der Artischocke verwandt, sieht aber aus wie eine Sonnenblume, nur mit kleinen gelben Blüten. Sie sind als Korbblüter in der Tat mit der Sonnenblume verwandt, aber weder mit Kartoffeln noch den Bataten. Auch sie bildet an den Wurzeln kleine Knollen, die gut schmecken und auch essbar sind. Sie wachsen in vielen Gärten und sind in Gemüseläden zu kaufen.

 

Aber jetzt zu mir selbst. Ich heiße also „Kartoffel“. Dieses Standardwort, oder diese Namensgebung kommt aus dem Italienischen von „tartufulo“, was soviel heißt wie „kleiner Trüffel“. Trüffel sind knollenartige Pilze, die unter dem Erdboden wachsen. Da werden sie von Hunden oder Schweinen rausgeholt, was die einzige Gemeinsamkeit mit uns Kartoffeln ist. Ich bin als Nachtschattengewächs eher mit Gurken, Auberginen oder Tomaten verwandt. Mit der Tomate bin ich ganz eng verwandt. Allmählich wurde aus dem „t“ ein „K“. Die Italiener benutzen heute das Wort „patata“, nicht mehr „tartufulo“. Auch die Peruaner werden angehalten das spanische Wort „patata“ zu benutzen.

 

Dieses falsche Wort wird im Deutschen gebraucht. Russen nennen es nach unserer Sprache „kartoschka“ oder auch nach der Herkunft „Brandenburga“. Estnisch ist es „kartul“, isländisch „kartöflu“, „kartol“ auf Kurdisch. Das sind lange Wege.

 

Im Dialekt des Autors, Kölsch, heißt es übrigens „Tatufelle“, „Ääppele“ oder „Eedääppele“, ein Kartoffelsalat es “ne Ääppelschloot“.In anderen deutschen Dialekten heißt es auch Knedel, Bumser, Knolle, Potakn, Bodabira, Gumel, Arpfel, Erchtbohn, Erdkästen, Easchtöpfel, Duffer, Pudel oder Tüften . Daran merkst du, dass „Deutsch“ eigentlich eine „Kunstsprache“ ist, die vor gut 500 Jahren aus den vielen Dialekten gemacht und ausgesucht wurde. Wir hießen lange Erdapfel, Grund- oder Krummbirne.

 

Im Chinesischen heißen wir „tudou“, was soviel wie „Erdbohnen“ bedeutet, im Polnischen „ziemniak“(Erdapfel). Ungarisch „Burgonya“(von Brandenburg)  oder Kumpi, (von Grumbier oder Krummbeere („Grundbirne“), Finnisch „perunya“, (nicht wegen der Peruaner, sondern weil im Finnischen der Boden „peru“ heißt), Slowenisch „krompir“ (Krumme Birne?), so ähnlich wie in der türkischen Speisekarte „kumpir“. „Alu“ heißen wir im Turkmenischen, „aaloo“ auf Hindi, „alu“ in „Sanskrit“. In Malayisch „kentang“, mongolisch „töms“ und walisisch „tömws“ (das W wird „u“ gesprochen), in Suaheli „viazi“, „amazambane“ auf Xhosi „izambane“ auf Zulu. Romanes hat einen sehr eigenen Namen für mich: „matrela“.

 

Meine Blüten sind klein, weiß, zartblau oder rosa. Meine Früchte sind Beeren, die etwa 120 Samenkörner enthalten. Diese Beeren sind sehr giftig! Aber keine Angst, Was die Menschen essen sind Verdickungen meiner Wurzeln, unter der Erde! Diese Knollen sind nicht giftig. Im Gegenteil.

 

Es heißt, Friedrich der Große und Napoleon kommandierten sogar Soldaten ab, um meine Kartoffelfelder zu bewachen. Da gab es nichts zu kontrollieren, weil die Bevölkerung mich zu Anfang nicht essen, geschweige denn trinken mochte. Militaristen wollten mich nur interessant machen. Ihr Ziel war es ihre Truppen mit mir zu ernähren, um sie zu ernähren und sie vom Plündern abzuhalten. Bald lernte auch das Volk auf dem Land und in den Fabriken mich zu essen, auch die Schweine wurden mit mir ernährt. „Feinere“, also reichere Leute ließen mich mich als Zierpflanzen in ihren Gärten anpflanzen.

 

Ich bin eine sehr anspruchlose Pflanze, die nur gerne fault oder von Kartoffelkäfern aufgefressen wird. Aber ich enthalte viel mehr Nährstoffe als alle bisher angepflanzten Feldfrüchte. Man kann sich – ohne Mangelerscheinungen – fast von mir alleine ernähren. Die Vergrößerung der Zahl der Menschen hängt mit mir zusammen.

 

In der besser ernährenden Neuzeit haben die Leute behauptet, ich sei ein Dickmacher. Das ist purer Unsinn. Was dick macht, sind die falsch gemachten Soßen und das viele Fleisch, was mit uns gegessen wurde. Ich bin und bleibe eine wertvolle Speise.

 

Deshalb höre ich auch gerne meinen französischen Namen, „pommes de terre“, was übersetzt natürlich „Erdapfel“ bedeutet. So heißen die Fritten bei uns auch „Pommes“ oder „Pommes frittes“, was „gebratene Äpfel“ heißt. In Österreich werde ich heute, wie in Köln, noch „Erdapfel“ genannt.

 

In Köln wurde ich zum erstenmal 1740 auf dem „Altermarkt“ verkauft. Von da ab begann der Siegeszug dieses Exportschlagers.

 

Aber mein Name ist und bleibt eigentlich „papas“. Als Erdäpfel oder -birnen wurden alle Früchte genannt, die im oder am Boden wuchsen, selbst auf Bäumen. So sind unsere „Apfelsinen“ eigentlich „Äpfel aus China“. Andere sind Gurken, Kürbisse und Melonen. Der älteste überlieferte Name für mich ist „Grundbirne“, wie ich noch heute in einem Märchen der Gebrüder Grimm genannt werde.

 

Schade, ich hätte gerne meinen eigenen Namen behalten. Aber ich lebe auch mit vielen Namen, ob Stampf, Puffer, Rievkooche, Knällchen, Fritten, French Fries, Chips, Brei, Kroketten, Qualmann, Folien- und Bratkartoffel, Rösties, Erdäpfelsalat, Abernsuloat, Klöße oder was einem sonst noch so begegnet.

 

Zum Abschied möchte ich gerne ein altes Kölner Rezept vorstellen, nämlich „Ädäppelspannekochen“. Das ist ein Pfannengericht aus uns Erdäpfeln, in der Schale gekocht, dann zerrieben mit Eiern und Speck, mit Salz und Pfeffer gewürzt, die auf beiden Seiten in der Pfanne gebacken werden.

 

Guten Appetit!