Walter Hövel
Vom Lernen der Hummel

 

 

 

Es war einmal eine feine, wenn auch kleine Hummel. Auch wenn sie noch sehr jung war, so hatte sie doch alles, was eine Hummel haben musste.

 

 

 

Sie konnte bereits fliegen. Sie konnte sich mit den Großen und den Kleinen, den Starken und den Fleißigen, wie den Frauen, den Halbstarken und den Verträumten verständigen. Sie konnte bereits essen und trinken, Nahrung finden, auswählen und transportieren. Sie konnte so viel schlecken, saugen und schlürfen wie sie wollte, mit Pollen spielen und das Fell mit Nektar bekleckern.

 

 

 

Sie tanzte schon gerne mit den Heimkehrern und Daheimgebliebenen bei den Hummelreigen zum Sonnenuntergang. Sie liebte die täglichen Konzerte, in denen die Schwingen der Altvorderen sich zu Symphonien und Rhapsodien vereinigten, wenn die Rhythmen der pollenschweren Füße die Erde erbeben ließen und ihre Fühler im Takt mitwippten.

 

 

 

Wie wunderschön waren jene Abende, wenn sie zum Surren und Zittern der Hinterkörper mitvibrierte, wenn sie im Summen und Brummen des sich neigenden Tages den Erzählungen von fernen riesengroßen Sonnen gleichen Blumen, die eines Tages ganze Weltteile bedecken würden.

 

 

 

Sie schauerte vor den Gräuelmärchen, in denen Hummel fressende Pflanzen vorkamen, die einen in ein Verlies ohne Entrinnen oder einen tödlichen Säuresumpf stürzen ließen.

 

 

 

Sie bebte vor Entsetzen und Erregung, wenn die Alten von den unwirklichsten, tödlichsten aller Blumen erzählten. Jenen fliegenden Blumen, ohne Wurzeln, ohne Farben, Nektar oder Blätter. Jenen Blumen aus Eis, die im Wind tanzten, wo keine wie die andere aussah und deren Anblick bedeutete, dass man nie mehr zur Hummelhöhle zurückkehren konnte ohne dass man - vielleicht noch fliegend -, aber selbst schon zu Eis erstarrt war.

 

 

 

Sie kannte die gefährlichsten Schatten der Lüfte, das kaum hörbare Geräusch des Rauschens tödlicher Schwingen, das Donnern nahender zwei- und vierbeiniger Schritte. Sie spürte die Kräfte der Tiefen, die Töne des Windes und die warnenden Rufe des Himmels und der Tiere. Sie fand ihren Weg, wo hin auch immer sie wollte und erreichte, wenn auch manchmal erschöpft, immer ihr Zuhause.

 

 

 

Sie konnte sie bereits unterscheiden, die verschiedenen Blumen, Ranken und Kräuter, ihren Geschmack, ihren Duft, ihre Wirkungen und Folgen. Von den kleinen, etwas scharfen Violetten naschte sie nur, sie besuchte die betörenden, stolzen Roten voller Glück, badete in den prickelnden und schäumenden Pollen der tiefen Gelben. Sie wusste jene zu schätzen, die heilten oder linderten, aber auch jene älteren und lang gereiften, die betörten und die Welt ganz anders aussehen ließen.

 

 

 

Sie torkelte und tollte von Blüte zu Blüte mit tausenden ihres Volkes, mit Bienen und Fliegen in den majestätischen Kronen der Könige der Pflanzen. Sie lebte indem sie trank und tanzte, sie tanzte und trank indem sie lebte.

 

 

 

Sie wusste bereits wie viel Pollen sie an den Hinterbeinen tragen, wie voll ihre Taschen und Haarsträhnen sein durften. Sie kannte die Längen der Flugstrecken, die Anzahl der Mitbewohner aller ihr bekannten Hummelbauten, die Trachten und Sitten der vielen Tunnel und Nester der gelb-schwarzen Völker.

 

 

 

Sie kannte die Zeiten der Tage, wie sie sich wandelten mit dem Winkel der Sonne und der Größe des Mondes. Sie kannte die Bilder des nächtlichen Himmels und die Bedeutung der Formen und Farben bei Tageslicht und ihre Bedeutung für das bald Folgende.

 

 

 

Sie wusste zu teilen und einzuteilen, konnte Waben konstruieren, Stollen graben und befestigen. Sie kannte die Stärke der Winde, konnte andere vor diesem oder Anderem warnen, sie konnte die Kräfte der Lüfte mitteilen.

 

 

 

Sie flog in Formationen, beherrschte viele Formen des Sturzflugs, konnte auf der Stelle, im Kreis und zwischen Gefahren schweben, beschleunigen, blitzschnell ausweichen und kannte zweiunddreißig Variationen des Starts ohne Wind, neun gegen den Wind und beliebig viele mit dem Wind.

 

 

 

Sie wusste, dass Wasser zum Kühlen der Erdhöhlen geschöpft werden konnte, sie konnte sogar kurze Strecken schwimmen. Sie beherrschte Form, Inhalt und den Aufbau der Sprache des Tanzes, die Sprache der Fühler, die Zeichensprache des Hinterkörpers und konnte jene Melodien summen, die die Hummeln seit Urzeiten zur Verständigung mit weit entfernt lebenden Verwandten, und sogar mit Wespen, Hornissen und Eintagsfliegen benutzen.

 

 

 

Sie wusste, dass das Hummelleben nicht ewig dauern würde. Sie wusste von jenen Tagen an denen selbst jene großen Baumriesen auf den Dorfplätzen der Menschen nicht mehr genügend Nahrung für alle boten. Sie wusste, dass sie in ihren Kindern fortleben würden, so wie in ihr ihre Vorfahren und ihre Erinnerungen lebten. Sie glaubte an jene ewige Höhle, in der es einen Himmel gab, der immer blau war, in der alle Blumen und Pflanzen wuchsen, wo es keine Fleisch fressenden Vögel, keine Milben, Igel oder Katzen gab. Sie trug immer das Bild der heilen Wabe mit sich, dem Sinnbild der sechs immer wiederkehrenden Farben und Zyklen der Welt.

 

 

 

Sie ahnte die Unendlichkeit der Horizonte und die Vergänglichkeit der Kräfte bei zu langen Flügen. Sie kannte alle Karten, die sie zur Orientierung brauchte, auswendig, sie kannte die Mischungsverhältnisse zur Herstellung von Baumaterial, von Futter für Keimlinge, Futter für Beweglinge, Kranke, Dahinscheidende, von Futter zur Zucht von Vermehrern und das große Hummelgeheimnis des Mischens des Königinnenmanas.

 

 

 

Sie kannte sich aus mit den Stadien des Wachsens aller Blumensorten, sie wusste, wie man Rüssel in welche Naben, Pollenbrunnen und feuchte enge Blütenkelche stieß. Sie wusste alles über ihre Freunde und, wem sie besser aus dem Weg ging. Sie konnte mit den anderen denken, arbeiten, feiern, um gemeinsam eine Lösung oder eine neue Aufgabe oder ein neues Spiel zu ersinnen. Mit Freunden konnte sie jedes Gefühl, jedes Erlebnis und jede Erkenntnis teilen. Sie konnten über sich, das Aufsteigen in Höhen und Stürzen in Tiefen und die ganze weite Welt reden, lachen und weinen, sie konnten vergessen, Fehler machen, Gefahren und Gefährlichem deutlich lauter brummend aus dem Weg fliegen.

 

 

 

Sie freute sich bereits auf den Tag der Hochzeitsflüge, die Zeiten der Aufzucht der neuen Keimlinge, die vielen Tage und Nächte, die ein erfülltes Hummelleben noch ausmachen würden.

 

 

 

So lebte sie glücklich, obwohl sie jene kleinen fast unwichtigen Veränderungen wahrgenommen hatte. Kaum merkliche Veränderungen, weil sie so alltäglich, so unauffällig auffällig waren. Da gab es jene, die anfingen sich abzusondern, erst wie im Spiel, dann immer mehr und länger. Sie begannen „ihre“ Wege zu suchen, „ihre“ Lieblingsorte und Lieblingssorten zu bestimmen, „ihr“ besonderes Futter zu reservieren, einen Teil der Höhle als „den ihren“ zu reklamieren.

 

 

 

Sie sahen es nicht gerne, wenn man „ihren“ Teil der Höhle betrat oder „ihre“ Blumen bestäubte. Bald erkannten sie, dass man gerade die Pollen „ihrer“ Blumen hereinbrachte oder nach dem Nektar „ihrer“ Blüten roch. Dann durfte man noch die gesammelte Ernte in „ihrem“ Höhlenteil ablegen, den man sonst nur noch mit „ihrer“ besonderen Erlaubnis betreten durfte. Auch erklärten sie immer neue Teile der Höhlen zu den „Ihrigen“ und nannten sich gerade in Zeiten schlechter Witterung und kargerer Ernte zu Besitzern der dort übernommenen Vorräte.

 

 

 

Wenig generös verteilten sie bei von ihnen kontrollierten Pollenzeiten Teile diese Vorräte an „ihre Sammler“ und verboten ihnen während des Fluges zu essen. Sie erklärten im Namen des „Herrn der Großen Wabe“ zu handeln und zu wissen, was ein Hummelvolk groß und glücklich macht.

 

 

 

Die Größe der Vorratskammern wuchs und sie sagten, dass so auch das Glück des gesamten Hummelstaates gewachsen sei. Unsere feine, aber kleine Hummel war fasziniert vom Anblick der gefüllten prächtigen Kammern, sie trug mit ihrer jugendlichen Sammelkraft zu dieser Pracht bei und war stolz. Sie war stolz eine so fleißige Hummel zu sein.

 

 

 

Andere wollte eigene Vorratskammern behalten, andre wollten ebenso prächtige und noch andere wollten einfach die Höhle verlassen und taten das auch. Und während sich noch andere unmerkliche, unauffällige diskrete Veränderungen ereigneten, fand unsere feine, aber kleine Hummel nur Gründe zu bleiben.

 

Sie merkte nur, dass die abendlichen Geschichten unheimlicher geworden waren, die Rhythmen der Musik härter und treibender, die Warnrufe vor zu weiten Flügen und Gefahren häufiger und es nicht nur mehr einen Hummel gab, sondern auch jenes Reich der brennenden Höhlen, wo die Flügel versengten, die Fühler in der Gluthitze verstümmelten und das Singen und Surren der Gliedmaßen in einen ewigen Schrei der Angst übergingen. Andere hauchten Geschichten in die Stille des Entsetzens, die von der Kälte des Lebensjahres berichte, die man nur in der Mitte des eigenen Nests überlebt.

 

 

 

Und dorthin kamen alle, die sich gegen die Ewige Ordnung der Höhlen auflehnten.

 

 

 

Es kam zu Streit, ja Kämpfen um Blumen oder Flugschneisen. Die Besitzer „ihrer“ Höhlen boten ihnen Schutz an, in dem sie sie zwangen sich zu bewaffnen und alsbald andere Höhlen zu ihrer eigenen Verteidigung anzugreifen, da sie sonst selbst angegriffen würden, wie es bald auch geschah.

 

 

 

Es gab nun Eindringlinge in die eigene Höhle, gemeine Überfälle, Verschleppung von Vorräten, Keimlingen und jungen Königinnen. Die Rhythmen wurden härter, Tänze wurden zu Märschen. Manchmal näherten sich Freunde im Sturzflug mit Stacheln von verschiedenen Hornissen oder Wespen. Sie lachten, wenn die kleine aber feine Hummel sich erschrak und riefen : „Schlappstachel“.

 

 

 

Bald konnte sich niemand mehr so recht an Zeiten erinnern, wo es keine Anführer der Höhlengänge, der eigenen Höhle oder gar von Höhlenländern gegeben hätte. Ihre Anführer wussten was für alle richtig war und wenn sie es einmal nicht oder allzu gut wussten, wurden sie durch neue ersetzt.

 

 

 

Sie teilten alles ein, Flugzeiten, Pollensammelzeiten, Nektartransportzeiten, Arbeitszeiten, Schlafzeiten, Brummverbotszeiten, Aufstehzeiten, Höhlenreinigungs- und -bauzeiten, Tanzruhezeiten, Paarungszeiten, Essenszeiten, Hunger- und Fastenzeiten, Wachzeiten, Kriegszeiten, Friedenszeiten, Anfangs- und Endzeiten.

 

 

 

Sie schützen die Ordnung und bald mussten sie die ersten bestrafen, die sich nicht an die Ordnung hielten. Aber immer mehr glaubten gegen die ewigen Wahrheiten, die Beschützer und das allgemeine Wohl handeln zu müssen. Die Strafen mussten härter werden, die ersten wurden aus der Höhle vertrieben, es kam zu Flügel- Fühler- und Beinamputationen, Höhlenteile wurden zu Kerkern umgebaut und bald wurde die erste Hummel öffentlich hingerichtet.

 

Es gab immer mehr Hummeln, die die eigenen Regeln nicht verstanden. Alles geriet durch einander. Nichts funktionierte wie einst, die Hummeln waren zu dumm geworden.

 

 

 

Da riefen der gerechteste und strengste alle Anführerinnen in ihrer unsäglichen Weisheit: „Hummeln, ihr müsst lernen!!! Ihr müsst lernen für das Leben!! Ihr müsst fleißige, pflichtbewusste und wohl gebildete Hummeln werden! Wir brauchen ab sofort die Hummelschule.“

 

 

 

Die alt gedienten der Hummelverteidigungsstaffeln, die gebildeten Prediger und die frommen Dienerinnen der Großen Wabe und die alten Ex-Königinnen, die keine Eier legen durften, konnten oder wollten, wurden in eiligst eingerichteten Hummellehrerlehrhöhlen zu Hummelerziehern gemacht. Und bald lernten sie und auch unsere kleine aber feine Hummel.

 

 

 

Fliegen wurde als Hauptfach in viele Kapitel aufgeteilt. Begonnen wurde mit dem Abfliegen. Immer wieder galt es die gleichen exakten Formen des Abhebens von der Erde zu üben, zu festigen und zu wiederholen. Dann folgte das Vorwärtsfliegen, immer und immer wieder die gleichen Strecken und Bahnen markieren, heraussuchen und die Wegstrecken sichtbar machen, um sie dann abzufliegen. Das Landen musste auswendig sitzen. Es folgte das Rückwärtsfliegen, das Fliegen in Gruppen, das Streckenfliegen, aufgelockert durch das Figurenfliegen, um dann aber sogleich das tägliche Richtigfliegen und das Schönfliegen zu üben. Der Höhepunkt der schulischen Anstrengungen bildete das wöchentliche Flugdiktat, für alle gleich, in der gleichen Zeit und in der gleichen Länge.

 

 

 

Auch das Auflesen der Nahrung erfolgte in diesem Kapitel. Es wurde dadurch erlernt, dass jede Hummel täglich öffentlich vorfliegen und dabei Pollen und Nektar möglichst schnell einsammeln und möglichst große Mengen erfassen musste.

 

 

 

Als die besten Aufleser galten die, die dabei am lautesten brummten, deutlich die gesammelte Nahrung zeigten und sich mit eleganten flüssigen Bewegungen die Aufmerksamkeit der ErzieherInnen verdienten. Im entsprechenden Unterkapitel des Flug- und Sammellehrplan standen noch der Gleitflug beim exemplarischen Sammeln, das geraffte Sammeln im Vorbeiflug, das gründliche Sammeln im Schwebeflug, das kunstvolle Sammeln im Schwirrflug, das Teamsammeln im Formationsflug, der selbst aktive Hüpfflug zum Sammeln bei niedrigen Temperaturen und der angedeutete Rückwärtsbrummflug als letzte Aufgabe der Sammelabschlussprüfung.

 

 

 

Zu Anfang fand dieser Unterricht noch im Freien statt. Mehr und mehr setzten sich aber die Erfahrungen des Fremdsprachenunterrichts durch. Zunächst wurden nämlich noch gezähmte Vertreter der Hornissen, Wespen, Bienen oder Ameisen, manchmal sogar Eintagsfliegen oder Schmetterlinge, in die Schule eingeladen oder diese erst in deren Nester, später auf neutralem Wiesengrund besucht, damit sie den Hummeln ihre Sprache beibrachten. Nicht alle lernten diese Sprachen, aber zumindest die Händler, Spione und Tanzlehrer sollten in gesonderten Schulen diese Fertigkeiten erlernen.1

 

 

 

Flugsimulationsprogramme entstanden an elektronischen Rechnern. Bald folgten Spiele, die das „Freie Fliegen“ simulierten. Alles war perfekt organisiert, durchdacht, ...

 

 

 

Da wurden die ersten Hummeln krank...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1 Zudem lernten sie dort noch richtiger fliegen, Befehle brummen und weitergeben, gerecht bestrafen, begnadigen, oder für besonders begabte das Anführen, Hummelgeschichte, Hummelanatomie, Weltkunde und archaische Hummeldialekte