Walter Hövel

 

Wie vorgegebenes Lernen das Lernen beeinträchtigt

 

 

Was machen Lehrer*innen, um Kinder so zu machen, wie sie selber als Erwachsene sind, und nicht das Kind werden lassen wie es würde, wenn wir es lassen würden?

 

Oder anders: Wie funktioniert unsere Schule als Kopieranstalt, die die freie Entwicklung von Kindern zu freien Erwachsenen behindert?

 

Seit 2014 muss ich nicht mehr in Schule unterrichten. Ich lehre an einigen Unis, berate Schulen und helfe Erzieher*innen und Lehrer*innen, die anders werden sollen, als ihre Kolleg*innen.

 

Einer der spannendsten Erlebnisse ist die Rückkehr zu der Stelle, wo ich vor 55 Jahren angefangen habe ein anderer Lehrer zu werden.

 

Mein eigener Anfang war, dass ich begann Geld mit Nachhilfe zu verdienen. Ich konnte schon damals jungen Menschen klar machen, was Lehrer*innen von ihnen wollten.

 

So gebe ich einer achtjährigen syrischen Schülerin Nachhilfe, um ihr zu helfen durch die deutsche Grundschule zu kommen.

 

Ich schildere im Folgenden nicht die Dummheit und Borniertheit der bisher zuständigen Lehrerinnen und des Schulleiters.

 

Vielmehr bin ich froh, dass nun eine „altmodische“ Lehrerin wenigstens mit dem Kind redet und versucht ihr zu helfen.

 

Vielmehr begreife ich, wie ich dem Kind nicht mit alternativen, demokratischen Lernformen helfen kann. Vielmehr bedeutet „Nachhilfe“ ein Nachhelfen dabei durch das vorhandene System des Lernens zu kommen. Es bedeutet so zu lernen, dass Schule dies als Leistung anerkennt.

 

Was passiert da?

 

Das Kind soll beweisen, dass es schlau ist, indem es die Denkweise der sie unterrichtenden Erwachsenen versteht. Sie soll begreifen, dass z.B. die 5 in 4+1 oder 2+3 oder 3+2 zu zerlegen ist. Sie soll begreifen, dass 10-3 gleich ist mit 3+4.

 

Gar keine dummen Aufgaben!

 

Schule verlangt nicht mehr als dass Kinder das verstehen, was Erwachsene in Deutsch, Mathe oder Kunst denken. Kinder können ihre Intelligenz dadurch beweisen, dass sie nachahmen können, was Erwachsene für lernenswert halten.

 

Es ist das das alte Top-Down-System, die alte Sackgasse. Du bist nur anerkannt intelligent, wenn du verstehst, was der Erwachsene, die Schule, das Fach da denkt.

 

Das Kind soll den Erwachsenen verstehen, nicht der Erwachsene das Kind.

 

Modern ist es, wenn Lehrer*innen mehr vom Verstehen des Kindes verstehen, um den Unterricht so zu verbessern, damit Kinder besser verstehen, mehr individuelle Zugänge finden, selbst handelnd lernen und kreativ viele verschiedene Lösungen finden.

 

Aber welche Lehrkräfte schaffen das schon. Anbetracht der Unterbezahlung, der psychischen und physischen „Störungen“ der Kinder gilt es im schulischen und gesellschaftlichen Alltag Kindern aus benachteiligten Familien trotz selektiven Schulsystems zu helfen, dem Druck der Eltern standzuhalten, die tägliche Überbelastung auszuhalten, …

 

Wen interessiert schon, dass meine „Nachhilfeschülerin“ eine Zahl in mehr als zwei Komponenten zerlegen will, dass sie die Ecken ihres Blattes ästhetisch benutzt um die Muggelsteine zu legen, dass sie die Null mehr interessiert als alles andere. Warum verwechselt ihr Gehirn links und rechts. Warum will sie Dinge schneller lösen als sie „kann“. Warum malt sie lieber oder versteht die angebotenen Systeme zunächst nicht. Was wäre, wenn sie nicht im Zehnersystem erzogen, wenn ihnen nicht vorgegeben würde so denken zu müssen, wie Mathematik im Buch und Unterricht geht?

 

Trotzdem lernen Abermillionen junger Menschen was Schulen von ihnen verlangen und (!) lernen trotzdem Neues, was die Menschheit ständig nach vorne bringt und verändert. Menschen scheinen klüger zu sein als ihre eigenen Schulen.

 

Maria Montessori begriff schon vor hundert Jahren, dass „ohne das Kind, das ihm hilft, sich ständig zu erneuern, der Mensch degenerieren würde“. Erziehung ist das Mittel der Erwachsenen die Rasanz der eigenen Entwicklung zu verlangsamen, zu kontrollieren. Sie tun es jeden Tag, mit jedem Menschen, obwohl ihnen schon lange gesagt wird, dass es anders geht.

 

Selbst Montessorileute setzen ihr Material so ein, dass das Material die Kinder genau in die bekannten Bahnen des Erwachsenendenkens zwingt. Nur wenige öffnen den Kindern die Wege in das eigene Denken. Nur wenige Pädagog*innen arbeiten a la Ruf und Gallin so, dass Kinder erst ihre Fragen, ihre Lösungen, ihre Wissenschaften entwickeln, bevor sie sie an bestehenden messen.

 

Zu wenige Freinetpädagog*innen, „freien“ Pädagog*innen oder offenen „Unterrichtler*innen“ benutzen die Demokratie ihrer Kreise und Klassenräte, ihre Kooperation mit der selbst-lernenden Welt oder ihre „Kernideen“ und „Wiedererfindungen“ um das freie menschliche Lernen zu fördern. Es geht in der Regel darum die „Schule zu schaffen“ oder „besser zu lernen“. Es geht ums Reparieren von Kindern und sie „funktionstüchtig“ zu machen. Und immer wieder wurde und werde ich in diese Rolle hineingezwungen. Wie schwer ist es, beim Eigenen zu bleiben!

 

Meine Chance in der „Nachhilfe“ ist nur das „Kind dem Erwachsenen gewachsen zu machen“ (Janusz Korczak). Meine Chance ist Vertrauen in das eigene Können so zu schaffen, dass sie auch Schule und Erwachsene aushalten. Die Chance ist, sie mehr verstehen zu lassen.

 

Zum Glück haben wir in der Grundschule Harmonie vorgemacht, dass Lernen mehr ist, als das Lernen der Erwachsenen zu imitieren. Zum Glück kann ich mit vielen anderen mehr eigenes Lernen wenigstens in der „Ausbildung“ vermitteln. Ich kann nur den Wunsch leben und leben lassen nicht verbessertes Unterrichten, sondern mehr Lernen zuzulassen.