Walter Hövel

Lernen ist das Lernen aller Facetten des Lebens
Gesundheit, Bewegung, Ernährung und Lernen sind eins

 

Unter Harmonie (lat.-gr. harmonia, Zusammenfügung, Einklang) versteht man die teilweise bis weitgehende Übereinstimmung und Beschränkung in den aufbauenden Grundelementen zweier oder mehrerer Systeme bzw. Systembereiche. Harmonie ist eine eher im Verborgenen bzw. in tiefer liegenden aufbauenden Strukturen feststellbare Übereinstimmung, die auf diesem Weg indirekt in weiten äußeren Bereichen erfahrbar wird. Die gemeinsame Verwendung und die Beschränkung ruft bezogen auf die gesamte Erscheinung ein Gefühl von entwickelter und ausgeglichener Einfachheit hervor.

 

Daher ist Harmonie auch Abwesenheit (innerer) Konflikte. Dies wird von einer wahrnehmenden Instanz als angenehm bzw. ästhetisch schön empfunden. Denn die tiefere Übereinstimmung und Einfachheit lässt sich leicht abbilden, ohne dass das Maß des Wahrgenommenen gemindert wird.1

 

Altersgemischtes Lernen

Die Europaschule Harmonie ist eine Schule für Kinder vom 5. bis zum 11.Lebensjahr. Wir liegen im westlichen Teil der 20.000-Seelen-Gemeinde Eitorf. Unsere Schule, als zweizügige Schule geplant, beheimatet in jeder unserer acht Klassen alle Jahrgänge vom ersten bis zum vierten Schuljahr.

 

Ein kinderfreundliches Schulhaus

Sie liegt ein paar hundert Meter vom Ufer der Sieg, zwischen einem Neubaugebiet und der alten Schule, die in den 70iger Jahren geschlossen wurde. Im Ortsteil „Harmonie“, einer alten Bergbausiedlung wurde die Schule 1995 als ein Bungalow ähnlicher Bau mit viel Licht, Stein, Holz und Glas mit einem großen Forum und einem anschließenden Theater- und Musikraum gebaut. Hugo Kückelhaus’ Vorstellung2 von Schulgebäuden diente dem Architekt als Vorbild.

 

Schule mit Abenteuergelände

In Eigeninitiative der Kinder, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer schufen wir um unser Gebäude ein großes Schulgelände als Abenteuerland-schaft. Im Jahre 2000 erhielten wir hierfür den Umweltpreis des Rhein-Sieg-Kreises und wurden Umweltkontaktschule. Heute sind 180 Kinder in unserer Schule, von denen über ein Drittel aus anderen Gemeinden zu uns kommt.

 

Nicht nur Lehrer…

An der Schule arbeiten neun Lehrerinnen und Lehrer mit voller Stundenzahl, zwei weitere mit wenigen Stunden. Eine der Kolleginnen ist Sonderpädagogin mit Schwerpunkt Sprache, eine weitere ausgebildete Sozialpädagogin und Erzieherin. Unserem Team gehören des Weiteren fünf Lehramtsanwärterinnen, bis zu acht Lernassistenten und fünf pädagogische Mitarbeiterinnen im Nachmittagsbereich. An zwei Tagen in der Woche arbeiten fünf Studentinnen des Studienganges „Entwicklung und Inklusion“ der Uni Siegen mit uns.

 

Zudem haben wir zwei Künstler eingestellt, die unseren Kunst- und Kreativbereich betreuen, zwei Küchenkräfte und einen Medienadministrator. Hinzu kommt noch einmal eine große Zahl von Praktikanten aus Schulen und Universitäten. Insgesamt arbeiten über 30 Erwachsene – ohne die vielen helfenden Eltern, Praktikanten und Hospitanten in unserem Haus des Lernens. Uns gelang es Erwachsene als Assistenten oder Betreuer zu gewinnen, die verschiedene Qualifikationen mitbrachten, die wir in unseren Lernalltag einbauen.

 

So gibt es Menschen, die z.B. Türkisch, Romanes(!) oder Spanisch mit Kindern sprechen können und so im besondern Maße ihr Lernen unterstützen können.

 

Eltern unserer Schule bieten Stunden an, in denen aktuell Spanisch, Türkisch Französisch, Gitarrenunterricht, Stricken, Meditation und Entspannungsübungen, und Drucken angeboten werden.

 

Die Schule lernt von und mit anderen

Wir kooperieren seit vielen Jahren mit vielen Schulen und der Lehrerausbildung des Inlands und des europäischen Auslands, so dass wir ständig von anderen lernen. Dies geschieht in gegenseitigen Besuchen, wie etwa bei „Blick über den Zaun“, eine Organisation deutscher Reformschulen, dem Excellenzforum des Deutschen Schulpreises3, mit zwei englischen Partnerschulen, den Comeniuspartnern in Europa, wöchentlich bei uns hospitierenden Gästen und vielen Vorträgen und Seminare, die wir an z.B. an Unis und Fortbildungsinstituten anbieten können. Wir wurden 2009 als Europaschule zertifiziert.

 

Ein besonderes ganzheitliches pädagogisches Konzept

Die Eltern nehmen Fahrtwege bis zu 40 km täglich in Kauf, um ihre Kinder in Rahmen unseres besonderen ganzheitlichen, pädagogischen Konzepts bilden und sich entwickeln zu lassen. So sind wir eine Schule, die vom Lernen jedes einzelnen Kindes ausgehend, ganzheitlich denkt. Lernen, Bewegung, Denken, Gesundheit, Lachen, Ernährung, Entspannung, Miteinander, Demokratie und Leistung gehören bei uns zusammen.

 

Zuverlässige Schule

Als staatliche Schule bieten wir auf der Grundlage der Richtlinien und Lehrpläne des Landes Nordrhein-Westfalen eine Schule an, die morgens um 7 Uhr ihre Türen öffnet, um 8 Uhr mit den Planungskreisen der Kinder beginnt. Sie endet um 12.30 Uhr und für die 80 Ganztagskinder um 15 Uhr. Unsere Schule ist immer zuverlässig und schickt und schickte Kinder seit unserem Bestehen nie wegen „Unterrichtsausfalls“ nach Hause.

 

Lernen in eigener Bewegung

Die Kinder unserer Schule lernen im ganzen Schulgebäude und im Sommer auch im gesamten Schulgelände. Wenn sie entschieden haben an was und mit wem sie arbeiten, suchen sie ihren passenden Arbeitsplatz aus. Das kann in der Klasse, im Flur, im Gelände, im Lehrerinnenzimmer im Forum oder einem unserer Angebotsräume sein. Sie müssen nicht „in der Bank“ oder „an ihrem Platz“ sitzen. Sie können sich immer, in ihrer Klasse im Gebäude und im Schulgelände bewegen. Sie entscheiden, ob sie im Liegen, Sitzen, Stehen oder Gehen schreiben.

 

Zuerst selbst das eigene Lernen bestimmen

Sie können ganz alleine arbeiten, sich aber auch mit anderen Kindern oder einem von ihnen ausgesuchtem Erwachsenen lernen. Entscheidend ist, dass sie zu allererst selbst entscheiden lernen, was sie arbeiten. Dies knüpft an die pädagogischen Traditionen von Elise und Celestin Freinet, John Dewey und Paul Geheeb an. Dazu können sie sich ihre „eigenen Lehrmeister“ im Rahmen unserer wöchentlichen Vorlesung, unserer monatlichen Kinderuni, unserem wöchentlichen „Adam-Riese-Kreis, bei den Angebote der Lehramtsanwärterinnen, der Studentinnen der Uni-Seminare, die auch in unserem Haus stattfinden, bei Angeboten eingeladener Experten, unserer Eltern oder der Praktikantinnen und Praktikanten, aussuchen. Hier orientieren wir uns an Martin Wagenscheins Vorarbeit und an der Pädagogik der Bauhausschule.

 

Lehrerinnen und Lehrer lernen nie aus

Wir Lehrerinnen und Lehrer arbeiten in engster Kooperation. Jeder Tag beginnt mit einer gemeinsamen Frühkonferenz, in der alle Dinge des Tages und das pädagogische Leben der Schule besprochen werden, bis hin zur Auseinandersetzung mit Theorie oder Bildungspolitik. Jeden Montag ist Lehrerinnenkonferenz, die der schulpro-grammatischen Arbeit, der eigenen Forschungs- und Reflektionsarbeit und der Weiterentwicklung des Selbstverständnisses als Bildungsschule für uns selbst, die Lehramtsanwärterinnen und Studentinnen dient. Einmal im Monat findet diese als kollegiale Fallberatung oder selbst organisierte pädagogische Supervision statt, die wir „Kinderkonferenz“ nennen. In unregelmäßigen Abständen gibt es Besprechungen aller im Ganztag arbeitenden Menschen, der Assistenten oder der bei uns arbeitenden Studentinnen oder aller dieser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit den Lehrerinnen und Lehrern. Mit unseren Lehramtsanwärterinnen treffen wir uns zu regelmäßigen Sitzungen zu Reflektion ihrer Arbeit, ihres Lernen und Lehrens.

 

Kinder lernen selbst und bewusst

Die Kinder unserer Schule lernen ihr Lernen selbst zu organisieren und zu bestimmen. Sie müssen jeden Tag - ohne Lehrer gemachte Jahres-, Wochen- oder Tagespläne, ohne Arbeitsblätter, Schulbuchunterricht oder Lehrervorgaben - selbst in Kooperation ihrer Klassen-gemeinschaft entscheiden, an was, wie, mit wem und in welcher Zeit sie arbeiten und lernen.4 Sie lernen einen intrinsischen Leistungsbegriff zu entwickeln, der sie zu erfolgreichen selbst bewussten Lernern werden lässt.

 

Erfolgreiche Kinder

Zwischen 60 und 75% unserer Kinder verlassen uns mit einer Empfehlung für die Gesamtschule und das Gymnasium, kaum ein Kind muss mehr zur Hauptschule geschickt werden. Verschiedene Langzeituntersuchungen belegen auch den weiteren Erfolg „unserer Kinder“ in den folgenden Schuljahren. Lehrer und Eltern unserer Schule sind sich einig: Besser wäre eine Verlängerung der Grundschule als Gesamtschule, am Besten bis zur 12.Klasse.

 

Eine Schule für alle Kinder

Wir sind dabei in der sozialen Zusammensetzung keinesfalls privilegiert. Wir beherbergen sowohl Kinder bildungsbewusster Mittelschichteneltern, als auch Kinder aus Sintifamilien oder anderen Familien, in denen zuhause mehr als eine Sprache und gesprochen wird und das Geld verdammt knapp ist. Unsere Erfahrung seit 1995 zeigt, dass alle Kinder, egal aus welcher Schicht, egal welcher Begabung offen, demokratisch und selbstständig lernen können.

 

Wir sind eine Schule der Inklusion

Wir sind eine Schule, in der orientiert am Index für Inklusion, das Miteinander aller Menschen gelebt wird. Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch in seiner Einzigartigkeit auch einen einzigartigen Weg der Formung seiner Lernerindividualität gehen muss.

 

Wir arbeiten mit dem BlickMobil zur Behebung von visuellen und auditiven Problemen in täglichen Kursen mit neun unserer Kinder. Eine Schulbegleiterin kümmert sich um ein autistisches Kind, ansonsten gibt es keine hervorgehobenen Förderkurse, sondern jedes Kind unserer Schule hat sein eigenes Lernprogramm und greift auf die Hilfe andere Kinder oder von erwachsenen Experten zurück, wenn dies dem Kind erforderlich erscheint.

 

Das geringere Problem scheint uns die Aufnahme von Menschen mit körperlichen oder geistigen Problemen in der Schule zu sein. Hier muss und wird die Gesellschaft wie in anderen europäischen Ländern schnell umdenken. Bedenklicher sind Versuche in der deutschen Bildungslandschaft neben der menschrechtsfeindlichen Selektion in verschiedene Schulformen nach der 4. oder 6. Klasse, Kinder mit Lern- oder Verhaltensauffälligkeiten aus der Regelschule heraussondern zu wollen. Wir stellen uns der Aufgabe durchzusetzen, dass jeder Mensch das Recht hat in der Gemeinschaft zu leben, also auch in der Regelschule zu lernen!

 

Individuelle Förderung als Grundprinzip des eigenen Lernens

Wir gehen davon aus, dass eine solche konsequente individuelle Förderung als Lernprinzip einer Schule eingebettet sein muss in eine demokratische funktionierende Kooperation und Kommunikation aller an Schule Beteiligter.

 

Demokratisches Schulleben

So beginnt jeder Morgen der Kinder mit der Planung des Lernalltags, der Schulwochen und -monate im Kreis der Klasse durch die Kinder selbst. Die Organisation eines demokratischen selbst bestimmten Schullebens findet seine Fortsetzung in Flurversammlungen, Schulversammlungen und im Kinderparlament. Dieses findet jede Woche statt und hat die gleichen Entscheidungsrechte wie die LehrerInnenkonferenz. Durch das Vertrauen in die Gestaltungskraft der Kinder entscheiden sich die Kinder für ein Lern- und Sozialverhalten ohne Aggressionen, Zerstörung und Langeweile. Sie haben Freiheiten und Rechte weder geschenkt noch verkauft bekommen. Sie haben sie sich selbst erarbeitet und zu eigen gemacht.

 

Die verschiedenen Aspekte des Lernens nicht von einander trennen

In diesen das Lernen der Kinder und das Leben in der Schule organisierenden Organen der Kinder und den Gremien der Erwachsenen wird auch über die gesundheitlichen und anderen Aspekte des Schullebens entschieden. Das bedeutet, dass nicht ein vorgegebenes Schulprogramm bestimmt, wann welche Aktionen, Projekte oder Unterrichtseinheiten zu Gesundheit, Ernährung, Bewegung oder Umwelt stattfinden, sondern das Schulprogramm ermöglicht die Planung und Durchführung durch die ständige gemeinsame Planung und Entwicklung der Kinder, der Klassen und die Schulgemeinde.

 

Kinder wissen für was sie sich entscheiden

So beschlossen die Kinder die Verlängerung ihrer großen Pause und die des Schultags, legten den Umgang mit Computern fest, entscheiden über Angebote im Englischunterricht, regeln ihr Leben in den Fluren und Räumen, draußen und im Bus. Sie lernen sich nicht immer nur beraten zu lassen, sondern selbst zu denken, zu planen und zu entscheiden.5

 

Kinder forschen sich gesund

Kinder bestimmen in ihrer täglichen Lernarbeit ihre eigenen Forschungs- und Studienthemen. So werden Lebensmittel wie eine Dose Fanta auf ihre Zusammensetzung hin untersucht, die Herkunft und Wirkung von Pflanzen bestimmt, Funktionen des Körpers und Kreisläufe der Natur untersucht. Die Ergebnisse dieser Kinderforschungen werden immer in Vorträgen und Ausstellungen dokumentiert. So organisieren die Klassen selbst ihr „Gesundes Frühstück“, ihr Sammeln und Pflücken von Früchten im Schulgelände oder auf Streuobstwiesen der Nachbarschaft, so pressen sie selbst Säfte mit unserer Presse, kochen Marmelade, backen Brote oder Menüs, passend zu einem Land, das sie in einem Vortrag vorstellen.

 

Wir kochen selbst!

Wir haben durchgesetzt, dass unsere Schule selbst kochen kann. Wir haben in Kooperation mit dem Sozialamt der Gemeinde und der ARGE zwei Frauen einstellen können, die unser Kochen übernehmen. Wir haben seit Januar 2010 eine eigene große Küche. Wir weigern uns Essen anliefern zu lassen und kochen selbst, damit wir wissen, dass wir ohne Geschmacksverstärker oder ähnliche Zutaten, Gesundes und Abwechslungsreiches essen. Diese Küche erhielten wir nur, weil wir als Schule 10.000€ zum Einbau der Küche der Kommune hinzu gaben. Um den größten Teil dieser Summe zusammenzubekommen, organisierten wir eine Sternwanderung aus Wohnorten unserer Kinder bis zur Schule. Bei dieser Sponsorenwanderung gingen Kinder bis zu 18 Kilometer für ein gesundes Essen zu Fuß durch Wälder und Wiesen des Rhein-Sieg-Kreises.

 

Wieder gemeinsam essen

Die Kinder und ihre Lehrer, die über Mittag bleiben, treffen sich zum Essen in ihren Klassenräumen. Mit den Kindern legen wir die Rahmenbedingungen des Essens fest und halten sie auch ein. Für einige unserer Kinder sind dies die einzige gemeinsame Mahlzeit und ein ungewohntes Einhalten von familiären Ritualen.

 

Ästhetik

Die Kinder benutzen eigene Tischsets, und wir achten mit ihnen auf Hygiene und Tischsitten. Wir achten auch in den anderen Bereichen unserer Schule auf eine Ästhetik der Tische, der Wände, der Regale, der Ecken, des Bodens, ohne dies zu einer sterilen Ordnung werden zu lassen. Kinderordnung kommt oft vor Erwachsenenordnung.

 

Die Sportzeiten selbst organisieren!

Unser Sportbereich war durch die kommunalen Vorgaben unterentwickelt. Wir müssen mit Bussen zu den Sporthallen gefahren werden und hatten weniger als 50 Minuten Sport in der Woche. Wir sorgten dafür, dass wir unsere Sportstunden in einer großen Halle abhalten konnten und lassen immer zwei Klassen gemeinsam – in der Begleitung von zwei Lehrern – gemeinsam in die Halle, die so vielen Menschen ausreichend Platz bietet. So können wir zwei volle Zeitstunden Sport in der Halle für jedes Kind anbieten. Unser Sport, von den Kindern organisiert, findet in von ihnen oft mit erfundenen und meist selbst gebauten Bewegungslandschaften statt. Wir Erwachsenen können immer neue Übungen und Ideen und vor allem Kooperationsspiele vorstellen.

 

Mit dem Bau des Schulgeländes legten wir zunächst einen Bolzplatz neben der Schule an. 2009 gelang es uns in Kooperation mit der Gemeinde und dem DFB ein DFB-Minispielfeld auf unser Gelände zu bekommen. Seitdem haben alle Klassen zusätzliche Sportzeiten im Freien. Unsere Mädchenfußballgruppe trainiert hier regelmäßig, hier gibt es Handball- oder Hockeylehrgänge, hier wird neben Fußball Badminton oder Elefantenball gespielt. Wir können nun immer wieder Sport-Event-Tage - in Verbindung mit unserem Schulgelände – durchführen.

 

Und die Pausen sind immer noch aktiv

Unsere Pause ist seit unserer Gründung eine aktive Pause. Es gibt im Forum zwei Truhen voll mit Spielgeräten und einen extra Raum, genannt der Zirkusraum. Truhen und Zirkusraum werden von den Kindern selbst betreut. Das Fahren mit unseren gut 20 Einrädern hat nunmehr eine 15jährige Tradition. Größter Beliebtheit erfreuen sich das Hockeyspielen vor der Schule, das Schachspielen im Haus, aber auch mit den großen Figuren im Freien, der riesige Sandkasten, aber auch die Schaukeln, neben unserem Tippi und unserer Feuerstelle.

 

Wie Huckleberry Finn auf Abenteuer

Unsere Kinder nutzen das gesamte Schulgelände zum Klettern in Bäumen, über Balken und Brücken, zum Kriechen durch Sträucher und Büsche, zum Nachlaufen und Verstecken zu jeder (!) Zeit des Tages. Sie bauen Baumhäuser im „Verbotenen Wald“, einer alten verwilderten Obstwiese auf dem Schulgelände. Sie lesen in der Kriechröhre, laufen Hügel rauf und runter und liegen im Gras. Im Winter legen sie Eisbahnen auf dem Schulhof an, rutschen unseren Hügel hinab oder gehen zur Wiese, wo Schneebälle fliegen dürfen. All diese Aktivitäten und Aktionen werden durch die Versammlungen der Kinder beschlossen und ge“regel“t.

 

Partnerschaften nutzen

Seit vielen Jahren haben wir eine Partnerschaft mit dem benachbarten Golfclub. Einmal in der Woche können 15 unserer Kinder zu einem qualifizierten Training im Golfgelände. Mit anderen Sport-, Tanz oder Musikvereinen arbeiten wir immer wieder in kleineren und größeren Projekten zusammen.

 

Kreativität

Unser Musik- und Theaterraum, der noch eine wunderbare Bühne hat, wird wie das gesamte Gebäude und Gelände jederzeit von den Kindern unserer Schule genutzt. Hier werden Tänze, Akrobatik, Musikaufführungen, Schattenspiele und Theaterstücke mit oder ohne Erwachsenen, vormittags oder nachmittags, mit oder ohne Experten von Außen eingeübt und vorgeführt. Diese gesamte Bewegungs- und Kreativabteilung, wie auch der Kunstraum, die Druckerei, die über die ganze Schule verteilte Bücherei der Schule und der Matheraum, gehören in das alltäglicher Lern- und Arbeitsprogramm unserer Schule.

 

Leider mussten wir unseren kleinen Ruheraum mit Kissen und Decken aufgeben, um unsere Küche einbauen zu können.

 

Den ganzen Tag lernen

Da die Bundes- und Landespolitik den Aufbau einer echten Ganztagsschule wie in fast allen anderen europäischen Ländern nicht zulässt und die lokale Politik den Aufbau einer zweiten Offenen Ganztagsschule vor Ort nicht unterstützt, sind wir den Weg eines eigenen Modells gegangen. Wir streben die Einrichtung von Ganztagsklassern innerhalb unserer Schule an. So haben wir zum jetzigen Zeitpunkt die Kinder jeweils zweier Klasse ab 12.30 Uhr in so genannten „FlieG-Gruppen“ zusammengefasst. „ FlieG“, die „Feste Langzeit in einer Gruppe“ beinhaltet, dass die Kinder auch über und nach Mittag von einer Lehrerin begleitet werden, die auch am Vormittag mit ihnen gearbeitet hat. Diese Arbeit leisten unsere beamteten und angestellten Lehrerinnen und Lehrer kostenfrei! Hinzu kommen Betreuungskräfte, die aus den Landesmitteln (8bis1 und13+) und von den Beiträgen der Eltern finanziert werden. Unsere Kinder setzen die selbst organisierte Arbeit des Vormittags fort, wählen – auch wie am Vormittag – selbst Angebote aus und sprechen ihr gemeinsames Spiel ab.

 

Spiel-Lernen lernen

Diese sich weiter entwickelnde Integration von Vormittag und Nachmittag in einen echten ganzen Tag lernt auch der Vormittag. Wir lernen zurzeit auf vielen Ebenen das Spiel-Lernen der Kinder mehr zu berücksichtigen. So konnten wir viele Spiele drinnen und draußen beim Englischlernen einführen, wir konnten noch mehrt qualifiziertes Spielmaterial wie Loggix oder Materialien im Mathematikbereich einführen. „Altes“, wie Schachspielen, Basteln mit Elektrobaukästen, Konstruieren mit Kapplasteinen, Bauen mit Holz, Hammer und Leim, den Besuch unserer Specksteinhütte im Schulgelände, Benutzung des Spielfelds oder Tanz, Theaterspiel und vieles mehr das neben dem Lesen, Forschen, Schreiben, Musizieren, Malen, dem Philosophieren, Mathematisieren und Rechnen zum von den Kindern gestalteten Lernalltag gehört, pflegen wir.

 

Bewusst das eigene Leben leben lernen

Die Gesundheit der Kinder und aller in der Schule arbeitenden Menschen zu erhalten und zu fördern ist uns kein besonderes Anliegen, sondern inklusiver Bestandteil unseres Lernens und der Organisation von Schule. Daher planen wir auch keinen Unterricht in Gesundheitslehre-Unterrichtseinheiten, keine einmaligen Kampagnen zur „Gesunden Ernährung“ oder Show-Projekte ala „Bundesjugendspiele“. Gesundheit ist für uns der Balancezustand von Psyche und Körper, von Individuum und Gesellschaft. Wir könnten als Schule bei Weitem nicht in alle diese Bereiche eingreifen. Wir haben uns aber dafür entschieden mit den Kindern einen Lern- und Lebensweg zu gehen, der ihre Selbstbewusstheit stärkt, ihre Wahrnehmung der eigenen Person und des eigenen Körpers und ihrer Umwelt.

 

Sich selbst versorgen lernen

Sie lernen bei uns selbst zu lernen, was sie denken und tun können, was sie verstehen und weitergeben können, was sie verändern können bei sich selbst und in ihrer Umgebung. Wir legen Schule so an, dass die jungen Menschen, die uns anvertraut werden, wieder die Verantwortung für ihr eigenes Lernen spüren und wahrnehmen lernen. Dabei ist es unsere Aufgabe als Erwachsene selber als Vorbild für das zu stehen, was wir verantworten können und wollen. Menschen kann man genauso wenig zum Hungern zwingen6, wie zum Denken, zum Lernen, zum Gesundsein oder zur Bewegung. Aufgabe von Schule ist es Gesundheit und Wissen. Bewegen und Denken, Ernähren und Lernen so anzubieten, dass Menschen das selbst gelernte verinnerlichen und leben können. Schule muss aufhören Kinder wie Haus- oder Zootiere zu füttern, sondern ihnen alle Erfahrungen der eigenen Versorgung mit Lebensnotwendigem zugänglich machen.

 

Lernen braucht Wohlfühlen

Wir vermitteln nicht mehr das Wissen durch Lektionen und Vorhaltungen, sondern vermitteln den Kindern wie sie das Alles lernen können, was sie für sich und ihre Zukunft brauchen. Voraussetzungen hierfür sind Beziehungen zwischen Kindern, Erwachsenen und Schule, und Beziehungen der Menschen zu sich selbst, also ihrer Psyche, ihrem Denken und ihrem Körper, die respektvoll, akzeptierend, authentisch und vertrauensbildend sind. Das Wohlfühlen, sich selbst und die anderen fühlen und verstehen, hat bei uns seinen Anfang darin, dass die Kinder lernen ihre eigenen Wege des Lernens und Verstehens gehen zu dürfen.

 

Lachen und Feiern

An unserer Schule wird viel gesungen, gelacht und gefeiert. Wir haben neben unserem Chor regelmäßige Treffen aller Kinder und Lehrer, die vor Festen wie weihnachten, Sankt Martin oder Karneval bekannte und neue Lieder mitsingen wollen. Auf den 14-tägigen Schulversammlungen wird viel Lustiges, aber auch Ernstes von den Kindern präsentiert. Von Klassenfesten bis zum jährlichen Schulfest werden viele Feiern organisiert. Nach gemeinsamen Aufräum-, Umräum, Einrichtungs- oder der jährlichen großen Geländeaktion, bei Konzerten, die von Eltern, Kindern und Lehrern gestaltet werden, bei Festen mit unseren ausländischen Gästen, nach dem Sankt-Martins-Zug und vielen Anlässen mehr, lernen die Kinder ihre Eltern und Lehrer auch feiernd kennen. Beim diesjährigen Karnevalszug gehen weit über 50 Kinder und Eltern gemeinsam kostümiert mit. Das Auslachen anderer ist neben Schlagen und Beleidigen das einzige Verbot, das es an unserer Schule gibt, und eingehalten wird.

 

Die täglichen Selbstverständlichkeiten lernen

Auf diesem Weg liegen hunderte von kleinen Erfahrungen, die wir ihnen anbieten oder die sie selbst einbringen. Da nehmen Gespräche in Schulversammlungen die Angst vor dem Schulzahnarzt, da verhindert der tägliche Klassenrat das Mobben und Ausschließen, da gehen die Kinder gemeinsam Kröten über die Straße tragen, da retten sie die Molche im Schulteich vor falschen Experimenten, da gehen sie beim Bauern Äpfel pflücken, die anschließend für alle im Forum gesäubert und angeboten werden, da wird ein eigenes Erntedankfest organisiert, da wird die Mutter von der Klasse eingeladen, die Traumreisen machen kann, da werden von Kindern Feiern mit gutem Essen und eigenen Musikbeiträgen organisiert. Es ist die bewusste Selbstverständlichkeit, die die Kinder erleben oder, wie wir es gerne nennen, dieses „immer wieder Normalität kreieren“.

 

Es sind die täglichen Kreise und Klassenräte, wo es keine „dem Lernstoff gestohlene Zeit“ ist, über Kinderprobleme im Verhalten, in den Emotionen, im Zusammenarbeiten, beim Lernen und Spielen, beim Streiten und Ruhebrauchen zu reden.

 

Kinder und Erwachsene als Lehrerinnen und Lehrer

Die vielen kleinen und großen Techniken und Werkzeuge von der Psychomotorik bis hin zu Übungen der Wahrnehmung, Geschicklichkeit, des Gleichgewichts, Denkens, der Bewegung, Koordinationen und Ruhe erfinden und finden Kinder irgendwann selbst. Viele Dinge bringen sie von Zuhause, von der Mutter oder der außerschulischen Frühförderung oder Therapie mit. Anderes vermitteln wir ihnen, als Ergänzung ihrer eigenen Arbeit, in besonderen Angeboten, die wir Kompetenztransfer oder Leadershipausbildung nennen oder in Seminaren unserer Kinderuniversität. Entscheidend ist, dass sie gelernt haben, ihr Können lernend auszutauschen.

 

 

1 Wikipedia Januar 2010

2 Hugo Kückelhaus, Unmenschliche Architektur. Von der Tierfabrik zur Lernanstalt. Gaia, Köln 1973

3 2008 gehörten wir zu den nominierten Schulen

4 Weitere Grundgedanken zu dieser Pädagogik sind auf unserer Homepage (www.grundschule-harmonie.de) und in Büchern und Aufsätzen von Falko Peschel, Walter Hövel, Uschi Resch, Ulli Schulte und anderen nachzulesen.

5 Diese wie andere Prozesse finden in unserem Schulalltag ständig statt. Dies ist auf unserer Homepage in der seit August 2009 wöchentlich geschriebenen Schulchronik nachzulesen.

6 Manfred Spitzer