Yüce Seyfi
Das kindliche Tun verstehen

Interview mit Herrn  Walter Hövel[1]

 

 

„Ich sehe ganz klar einen Jungen, der Kuchenbacken spielt. Er benutzt mindestens zwei Werkzeuge. Er hat eine eckige Kiste, eine runde Kuchenbackform und eine Gießkanne. Sofort ist für mich überraschend, dass der Junge überhaupt nicht erwähnt, dass er mit Sand arbeitet, aber das Wasser.

 

Er benutzt Wasser, immer wieder, indem er es zum Sand schüttet. Er gibt dann eine Schaufel Sand dazu und er schüttet wieder Wasser dazu, bis es in die Backform passt. Offensichtlich geht der Junge hin und spielt das Backen von Erwachsenen nach.

 

An der Stelle, wo die den Film aufnehmende Person ihn fragt, mit was er arbeitet, gibt es spannende Sachen. Einmal, nennt die Person es ‚einen kleinen Zweig‘,  der Junge sagt ‚Vogel‘ dazu.

 

Warum er das macht, dass weiß ich nicht, habe ich keine Ahnung und auch keine Interpretation. Ich kriege nur mit, dass er ‚Vogel‘ sagt. Das muss für ihn also irgendeine Bedeutung haben. Was ich aber mitbekomme ist, dass er neben dem Vogel das Wasser erwähnt und die Person es auch Wasser nennt.

 

Da sind sich also das Kind und die erwachsene Person sofort einig, dass es Wasser ist. Dann habe ich überlegt, was ist Wasser für ihn?  Dass ich also denke und nicht mehr sehe, sondern ich denke mir, dass das Wasser bei dem Kind, ein Mittel zur Verwandlung ist. Er nimmt normalen Sand und er bekommt mithilfe der Formen, Kuchen, in dem er Wasser dazu gibt. Also Wasser ist nicht einfach nur, ein Backmittel, so wie Eier, Mehl oder Milch, sondern, Wasser ist für ihn das Mittel der Verwandlung.

 

Ich würde so weit gehen zu sagen, dass Kinder in eine Phantasiewelt reingehen, in der sie menschheitsgeschichtlich mit Elementen arbeiten. Ein Element ist das Element des Wassers und Wasser ist das Ding, was die Kraft gibt Dinge zu verwandeln. Also er verwandelt, Sand, stinknormalen Sand in einen Kuchen und er lädt die Person, die den Film aufnimmt, später zum Essen ein. Er sagt „Kuchen kommt“ und ähnliches. Er verwandelt mithilfe von Wasser, Sand in Kuchen! Ich glaube jetzt, dass für Kinder, Wasser ein Mittel ist, ja, von einem Aggregatzustand in den anderen zu kommen. So würde ich das mal nennen! Das ist dass, was ich hauptsächlich bei dem Jungen sehe.

 

 Didaktische Betrachtung: Ich bin auch deshalb Freinet-Pädagoge, weil wir nicht von einem Material ausgehen, sondern wir glauben, dass die Lernprozesse, die Dinge, wie man Welt bewältigt, über die Person, über die Persönlichkeit gehen. Ich glaube, dass der Junge ganz klar, hier eine Verwandlung vornimmt. Was übrigens hoch religiös ist. Man findet es in allen Religionen wieder, dass Wasser in Wein verwandelt wird, dass mithilfe von  Wasser irgendetwas  anderes verwandelt wird. Ich weiß nicht, ob er seine Eltern nachspielt, weil er da die Bedeutung des Wassers her hat, oder ob es aus ihm herauskommt! Ich weiß nicht, ob es also nachgespielt ist oder, ob es aus dem Kind heraus kommt, und dass er die Welt so sieht, dass man die Welt so verwandeln kann.

 

Die Theorie ist, Wasser als solches hat keine Verwandlungskraft, sondern er macht das als Kind. Er ist so stark, dass er auch nicht darüber nachdenkt. Sondern er verwandelt mit der Hilfe von Wasser Sand in Kuchen. Er sieht das gar nicht als so was, wahrscheinlich nicht als etwas Großartiges an wie ich jetzt, sondern, dass macht man eben so. Oder er, macht das so!

 

Das ist dass, was Freinet- Leute tun! Sie gucken sich an was Kinder machen, die Person macht. Das was ein Freinet- Pädagoge tun würde, sie spricht mit ihm. Sie versucht da rein zu kommen und der Junge nimmt sie ja auch mit. Er lädt sie zum Essen ein, er holt dann sogar die Förmchen weil, er dass schon bei Erwachsenen gesehen hat, dass das so geht. Also da geht er in eine Welt zurück, die er kennt. Die er von Erwachsenen kennt, weil er mit der Person ja kooperieren möchte. Die Person erscheint ihm wohl sympathisch, so dass er das tut, sonst würde er das nicht tun. Wenn er sich gezwungen fühlt, käme da auch keine Einladung.

 

Das ist dass, womit Freinet- Pädagogen eigentlich zufrieden sind, wenn sie eingeladen werden. Von dem Menschen, der lernt, dass sie durch eine Präsentation und er präsentiert ja richtig das Essen mit diesen kleinen Schälchen, in dem er sagt,  ‚Essen kommt‘, oder ‚fertig‘.

 

Das ist das höchste was Freinet- Pädagogen glauben, erreichen zu können. Aber das Spannende ist zu fragen, lernt das Kind zu erklären, was es da macht. Ist ihm das bewusst?

 

Also es ist die alte Bewusstseinsfrage. Bin ich mir als Kind dessen bewusst, was ich mache, oder vergesse ich es später, wenn ich erwachsen werde? Meine Theorie ist, dass wir glauben, dass wir, Erwachsenen vergessen wie wir als Kind waren! Welche Kraft wir dem Wasser gegeben haben. Ich glaube, dass es das einzige Mittel ist, da die Brücke zwischen Erwachsenenwelt und Kinderwelt herzustellen, die es miteinander zu reden, miteinander zu handeln.

 

Das heißt, ich muss mir jetzt die Frage stellen, ist der Junge damit zufrieden, wird er beim nächsten Mal, wieder einen Kuchen backen? Also wird diese Aktion mehrmals stattfinden, braucht er das? Zur Verfestigung! Muss man ihm was anderes als Wasser anbieten? Das ich ihm anders farbigen Sand gebe oder andere Formen, wo er dann Kuchen drin machen. Oder indem ich ihm zeige, dass man irgendwelche Stärkemittel da rein tun kann und sowas wie Sandburgen bauen kann. Also, dass ich auf diesem Pfad des Kuchenbackens bleibe  als Erwachsener, weil ich das ja verstehe und wenn er die Kraft des Wassers hat, dann kann ich mit ihm ja auch weiter Sandburgen bauen.

 

Ich kann mit ihm weitere andere Kuchensorten backen. Das heißt also, wenn ich das didaktisiere, dann überlege nicht ich, was ich jetzt als Nächstes für das total Tolle halte, was der Junge lernen sollte, sondern ich mache mit dem Jungen weiter an der Stelle, wo er ist, hole ihn also genau da ab, wo er ist.

 

 Und ich gehe mit ihm weiter und versuche rauszubekommen, was er als nächstes machen würde, was für ihn spannend wäre. Das ist meine Didaktisierung als Freinet- Pädagoge. Also nicht den Jungen zwingen auf die Erwachsenenebene zu gehen und das zu lernen, was ich gefälligst von ihm will, was er zu lernen hat, sondern mit dem Jungen zusammen zu gehen und ihm weiter rausbekommen, wie sein weiterer Lernprozess ist.

 

Das besondere an der Freinet-Pädagogik, was ich noch mache ist. Ich hole das in den Kreis. Ich hole es also aus dem Verhältnis zwischen Erwachsenen und einem Kind raus und ich bringe es in dem Zusammenhang. Je älter sie werden, umso mehr werden sie im Kreis anderen vorstellen, was sie da machen.

 

Wahrscheinlich würde er die anderen Kinder zum Kuchen essen einladen, aber die Kinder sind alle nicht so naiv und essen den Kuchen, die wissen genau, dass das kein echter ist. Das wissen sie.“

 



[1] In: Yüce Seyfi. Theorien, um das kindliche Tun zu verstehen. Köln 2018