„Jedes Mal, wenn du alle Antworten gelernt hast, wechseln sie alle Fragen.“
Oliver Otis Howard 1867, Gründer der Howard University, Washington D.C.

 


Walter Hövel
Fragen zum Fragen

„Fragen gehen schnell an Kindern vorbei.“, heißt es im Volksmund. Zu viele Fragen sind Fangfragen um das Kind für eine Aufgabe einzufangen, erziehen zu wollen, ihm „zu helfen“, seine Aufmerksamkeit zu erheischen, ein Thema spannend aufzubereiten …

 

Da sind Beispiele für die Tausende von alltäglichen oder außergewöhnlichen, sinnlosen oder sinnvollen ungefragten Antworten, mit denen Kinder und anderen Menschen von Schule zum schulischen, aber nicht zum eigenen Denken, angeregt, gelenkt oder gezwungen werden.

 

Es wird ihnen selten die Fragetechnik von Max Frischs Tagebüchern als eigenes Mittel des eigenen Schreibens angeboten. Selten werden eigene Theorien oder eigene Sichtweisen Grundlage eigener Arbeit. Wo sind im „Unterricht“ die Mathematikaufgaben ohne Fragen? Wo werden ausgehend von den Fragen der Kinder und Jugendlichen eigene Forschungen oder Experimente geplant und durchgeführt? Wo geht der freie Text nicht von „zufällig“ gefundenen, sondern dem Menschen eigenen Fragen aus? Wo werden im Kreis „Fragen der Welt“ gestellt?

 

Wo gibt es nicht die Prüfungsstunde, wo „Junglehrer*innen“ den Kindern die Frage vorgeben? Wo gibt es nicht die Prüfungsstunde, die einen störungsfreien, durchritualisierten und Lehrer gelenkten Dreiklang von Arbeitsauftragsimput, Arbeitsauftragsdurchführung und Arbeitsauftragserfüllungs-reflektion der Prüfungskommission vorspielt.

 

Gilt das nicht auch für die Praxis vieler engagierter, „offen“ oder „frei“ oder „demokratisch“ „unterrichtender“ Pädagoginnen und Pädagogen? Egal, ob sie sich an Freinet, Montessori, Dewey, Greene, Juul, den Wilds, an Orten wie Sudbury oder Summerhill,  „guten, selbstaktiven und medienbasierten“ staatlichen Lernmethoden, an Werten einer privilegierten selbst finanzierten Bildung, an der Würde des Menschen mit ihren Rechten und Zielen, einer Religion oder sonst wem oder was orientieren? 

 

Wie oft wird hier versucht ohne die eigentlichen Fragen der Lernenden, entlang vorhandener Materialien, Techniken und Rituale ein selbst bestimmtes Lernen zu organisieren? Da werden ungefragte Antworten mit einem Mathebuch oder didaktisch geladenen Materialien und Werkstätten abgearbeitet. Da werden Monster- Pferde- oder Soap ähnliche Geschichten verfasst, um einen Text fürs Geschichtenbuch, die Druckerei, die Dichterlesung oder die Lehrerin zu haben.

 

Da werden Versuche aus Angebotskisten gemacht oder irgendein Thema wird bearbeitet, nur um einen Vortrag zu machen. Das kann so selbstbestimmt sein wie das Einlegen eines Videos, das Anklicken eines Songs oder neuesten App, die Auswahl einer Schokolade oder Markenjeans im Regal des Supermarkts oder dem Schreiben der Facebookbotschaft an alle Freunde.

 

Die Fragen, die zu einer Selbstbestimmung des Lernens führen könnten, kommen oft noch nicht einmal bis zur unbeantworteten Frage, weil sie keiner stellt und keiner danach fragt. Der pädagogische Alltag kann vergesslich bis zur Selbstverschulung sein. - Auch bei mir selbst!

 

Wirkliches Fragen aber geht, wenn man es will und es beginnt. Wirkliches Fragen ist die Grundlage menschlichen Seins und unserer Entwicklung. Es sollte die Basis aller Bildung sein.

 

 

 

„Das ist gewöhnliche Pädagogik, ungefragte Antworten und unbeantwortete Fragen“
Karl Popper