Walter Hövel
Kinder schätzen ihr eigen verantwortliches  Lernen ein
Ergebnisse einer Befragung an der Grundschule Harmonie

 

Mit Hilfe von Studentinnen der Uni Siegen[1] konnten genau 100 Kinder unserer Schule in Einzelinterviews zur Auswahl ihrer Lerngegenstände im selbst organisierten eigen verantwortlichem Lernen befragt werden. Dies waren zur Zeit der Umfrage fast 60% der  Schülerinnen und Schüler an der Grundschule Harmonie.

Die Umfrage muss vor dem Hintergrund verstanden werden, dass unsere Kinder jeden Tag selbst entscheiden, was sie arbeiten und lernen. Sie tun dies alleine und aus dem Kreis der Kinder heraus, ohne Wochenpläne oder andere Vorgaben der Lehrkräfte. Dieses selbst organisierte und eigen verantwortete Lernen[2] bildet seit 1996 den Kern unserer Arbeit an der Grundschule Harmonie. Hinzu kommen Angebote von Lehrkräften, Mitarbeitern, Praktikanten, Gästen, aber auch Kindern in verschiedensten Formen und Zeiten. Die Kinder können diese nicht nur aussuchen, sondern auch ablehnen. Sie arbeiten alleine und in Gruppen, mit Partnern, überall im Haus, in ihren eigenen Zeiten.

„Wie viel Zeit verbringst du in der Schule mit…?“

Die „Versammlung“ braucht die meiste Zeit!

Die Beantwortung der ersten Frage war für uns eine Überraschung, obwohl wir es hätten wissen müssen: Es  „gewann“ die Antwort „Schulversammlungen“. Mit dem höchsten Wert von 64% sagen die Kinder, dass sie mit 32% „sehr viel Zeit“ und weiteren 32% „viel Zeit“ mit „Schulversammlungen“ verbringen. Wenn ursprünglich mit der Fragestellung die 14-tägige Schulversammlung gemeint war, bezogen die Kinder, wie in den begleitenden Interviews und den Nachfragen deutlich wurde, die Frage auf alle Versammlungen  in der Klasse bis zu den verschiedenen Formen und Inhalten aller schulischen Versammlungen.

Täglich ein- bis dreimal findet der Klassenrat als Planungs- und Besprechungskreis statt. Wöchentlich gibt es in den Klassen die Dichterlesung, Vorstellungs- und Planungskreise, den Wochenabschlusskreis, in der Schule die Montagsversammlung, die Frage der Woche, die Vorlesung und das Kinderparlament. 14tägig kennen wir die Schulversammlung und den Schulgottesdienst, halbjährlich das Englisch-Feedback, die jährliche Versammlung der Englandfahrerinnen und –fahrer. Hinzu kommen in variierenden Zeitabständen Präsentationen eigener Themen, der „Wir-reden-über-Mathematik-Kreis“, die Mädchen- und die Jungs-, die Busfahrer-, die Klo-, die Flur-, Erstklässler und Ganztagsversammlungen, Partner- und Patentreffen, Sorgengruppen, Beratungsgespräche und was immer unsere Arbeits-Kommunikations-Kooperations-Kultur in den Klassen, im Kinderparlament oder auf Schulversammlungen sich sonst noch einfallen lässt.

Unsere Kinder scheinen den größten Teil ihrer Zeit wirklich in Versammlungen zu verbringen. Dies bewerten wir einerseits als Ergebnis dessen, dass es uns gelungen ist, die Individualisierung des selbst bestimmten und selbst organisierten Lernens zu einem kooperativen Lernen zu machen. Die Kinder nutzen intensiv die Möglichkeiten der Kooperation und der synergetischen Lerneffekte. Sie lernen ohne Lern- und Lehrervorgaben gemeinsam zu arbeiten. Das drückt Gefühl für Verantwortungsübernahme in der und durch die Gemeinschaft aus. Kinder lernen im Bewusstsein eine Schulgemeinde und eine lernende Schule zu sein.  Andererseits werfen auch „richtige“ Vorgänge, wie das „Versammeln“, die Fragen nach Verbesserungen und der ständigen Erneuerung und Weiterentwicklung auf.

Vom „anderen Lesen und Schreiben“ bis zum „Konflikte lösen im Kreis“

 Auf den nachfolgenden obersten Plätzen folgen das Schreiben, das Lesen und die Angebote der Lehramtsanwärterinnen. Scheinbar typische schulische „Gegenstände“, wenn wir sie nicht anders handhaben würden als es herkömmliche Schule oft genug (immer noch) kennt.

Das Schreiben (56%)  Wir begleiten nur 1% bis 2% unserer Kinder dadurch, dass wir neben ihnen sitzen und ihnen das Buchstabentor erklären, schriftliches Lautieren üben und sie beim Schreiben immer neuer Wörter anleiten müssen. Alle anderen erobern sich das Schreiben und Lesen selbst. Sie lernen das „eigene Lesen durch eigenes Schreiben“. Zunächst lernen sie durch ihr Schreiben zu lesen, setzen ihr Schreiben aber fort. Von der Ein-Wort-Geschichte kommen sie zum Ein-Wort-Satz bis zur ersten eigenen Freien-Text-Geschichte. Wir üben das Schreiben nicht. Es gibt keinen Schreib-Unterricht. Die Kinder schreiben, wie sie reden oder gehen. Sie lernen das mündlich und schriftlich auszudrücken, was sie beeindruckt. Sie nutzen die eigene Schrift für Notizen, Darstellung von Textinformationen in selbst gemachten Büchern und Heften, auf Plakaten oder in Powerpointpräsentationen, Mitteilungen und Korrespondenzen. Sie lernen ihre Schrift zu gestalten, verbunden zur Schreibschrift, lesbar, ästhetisch und setzen sich zunehmend mit der vorgegebenen Richtigschreibung auseinander. Niemand zwingt sie zum Schreiben. Wir zwingen sie nicht zur Erarbeitung eines „Grundwortschatzes“ oder die Abarbeitung von „Sprachtrainern“, wir gewinnen sie für ihr eigenes Schreiben.

Das Lesen (53%) erhält den höchsten  Spitzenwert bei mehr als einem Viertel der Kinder, die angeben sehr viel zu lesen. Über die Hälfte der Kinder geben „sehr viel Zeit und viel Zeit“  für das eigene Lesen an.  14% sagen, dass sie durchschnittlich viel Zeit, also etwa ein Viertel für das Lesen verwenden.  23% lesen etwa  „nur“ 10% ihrer Zeit und 9 von 100 Kindern sagen, dass sie nicht lesen. Das entspricht in der Mitte eines Schuljahres ungefähr der Zahl der Kinder, die das Lesen noch nicht gelernt haben. Am Ende des Schuljahres, spätestens im zweiten, erreicht dieser Wert die Zahl 0. Lesen bedeutet bei uns, dass alle, die von Anfang an in unserer Schule sind[3], niemals Lesen „gelernt“ oder geübt haben! Das Lesen der eigenen Texte, das Lesen von Informationen in Sachbüchern und in den elektronischen Medien, ist für sie so selbstverständlich, dass sie es gar nicht als „Lesen“ wahrnehmen. Lesen bedeutet für sie in der Regel, in den über 5000 Büchern in der Schule, in eigenen Büchern oder online zu lesen. Lesen ist bei uns „cool“. Die wenigen „Noch-Leseunlustigen“  werden so lange betreut, bis sie „ihr Buch“ gefunden haben.

Angebote der Lehramtsanwärterinnen (53%) Die Kinder unserer Schule entscheiden, ob sie an Angeboten, sprich Seminar typischen Unterrichtseinheiten von unseren zurzeit immerhin fünf Lehramtsanwärterinnen teilnehmen. Sie entscheiden über ihre Teilnahme entweder im Klassenrat als Klasse, wobei auch hier nicht jede(r) mitmachen muss, oder die Lerngruppen werden in Klassenstärke aus verschiedenen Klassen zusammengesetzt, so dass jedes einzelne Kind über seine Teilnahme entscheidet.

Das Spielen (48%)ist zwischen Lesen und Schreiben auf der einen Seite und Malen, Englisch und Mathematik auf der anderen gut platziert. Alle Spiele, die relevante Lern- oder Sozialkompetenzen, Stressabbau, Gesundheit, die Entwicklung der Persönlichkeit und das Lernen selbst fördern, unterstützen wir. Hierzu zählen u.a. Dinge wie Rollenspiele, kluge mathematische Spiele, Schach, Einrad fahren, Klettern, Bauen, Gestalten, Tanzen….  Wir sind uns nicht sicher, ob unsere Kinder genügend Zeit zum Spielen haben. Wir stellen fest, dass sie nach dem Essen in der Schule mehr, und zuhause nach der Schule, wie diese Untersuchung zeigt, noch mehr spielen. Wir arbeiten offensiv gegen alle Spiele, die aggressiv, unsozial oder  zum „Totschlagen von Zeit“ geeignet sind. Hierzu zählen wir viele Computer-, Karten- oder ähnliche Spiele.

Das Malen (45%) Das Besondere am Kunstunterricht unserer Schule ist, dass „Kunst“ - wie anderes auch - nicht  als „Unterricht“ sattfindet. Kunst findet wie Deutsch, Sachunterricht, Mathe, Musik oder Fördern  immer statt. Die Kinder entscheiden sich in einer Umgebung voller Kunst für ihre eigenen Interessen, Begabungen, Fragen und Aufgabenstellungen.

Wir haben einen Kunstraum, der jeden Tag von 9 bis 15 Uhr geöffnet ist. Die Kinder entscheiden wann und warum sie in diesen Raum gehen. Hier warten Holger Riedel und Maggie Heidl auf sie. Holger ist gelernter Retuscheur und Druckvorlagenhersteller im Bereich Grafik und studierte bei Jörg Immendorff. Maggie arbeitete als Betreuerin in einem Behindertenwohnheim. Sie wurden mit Hilfe der ARGE und der Kommune aus Mitteln unseres Ganztags mit je 30 Stunden angestellt. Die beiden sind einfach da, - mit Techniken des Malens und Gestalten, mit Ideen zum Basteln und Bauen. Sie hören den Kindern zu. Sie gehen den Ideen und Wünschen der Kinder nach und realisieren sie mit ihnen. Sie bieten Materialien an, eine ansehnliche Kunstbibliothek und immer wieder ihr Know-how. Im Kleinen machen sie Bauhauspädagogik[4]. Sie sind als „Meister“ da und Kinder können bei ihnen „ab“lernen, was sie können. 

Im Alltag der Kinder gehört ansonsten „ihre Kunst“ zum Alltag der eigenen Planung. Wie in Sprache, Theaterspiel, Musizieren, Ausdrücken und Darstellen, der Weltorientierung im Sachunterricht, wie im Forschen und im Lesen und Präsentieren suchen sie sich ihre eigene Aufgaben, ihr Bedürfnisse, Ziele und ihre Problemstellungen aus. Sie finden Partner, Anbieter und Beispielgeber bei Freunden und Erwachsenen, in Büchern oder anderen Experten. Kunst ist immer. Hinzu kommen Kunstangebote, Projekte und Aktionen, die von anderen Erwachsenen und Kindern in der Klasse und der ganzen Schule immer wieder angeboten werden.

Englisch (42%) Es gibt kein Lehrwerk, keinen Jahrgangsunterricht, keine Lektionen oder Workbooks. Die Kinder entscheiden, ob sie Juniors oder Seniors sind, zu welcher Lehrerin und zu welchem Thema sie wollen, anhand dessen sie ihr Englisch lernen. Da werden E-Mails an die englischen Partner der Lark Rise Academy geschrieben, Dialoge selbst gemacht und vorgeführt, Rollenspiele gespielt, Bücher auf Englisch gelesen und verstanden,  Spiele auf Englisch gespielt , Theaterstücke geprobt und vieles mehr. Das Lernen wird auch hier dem Unterrichten und Klassenarbeiten Schreiben vorgezogen. Sie lernen die Sprache durch aktive Selbst-Konstruktion, nicht durch Einpauken oder Auswendiglernen. Wir bieten Gelegenheiten, Herausforderungen und Freude am Eigen-Lernen von Sprache. Der Kontakt zur Partnerschule ist hierbei von besonderem Anreiz. Der nächste Schritt muss der bilinguale Unterricht sein.

Mathematik (41%)  hat sich in den letzten Jahren nicht nur in NRW mächtig entwickelt. Vom Rechnen und fehlerfreien Operationalisieren, dem Abarbeiten von Rechenformaten und Musteraufgabenstellungen wechselt das Fach immer mehr zur aktiven Anwendung und Entwicklung von Denken, zum  Problemerkennen, dem Knobeln, Konstruieren, zu der Vielfalt der Lösungen und dem Begreifen und Beschreiben von gefundenen und (wieder)erfundenen Mustern. Die Versprachlichung und der Austausch des Verstandenen und der eigenen Strategien rücken in den Mittelpunkt des Geschehens. In der Praxis reizt von Kindern selbstbestimmtes Mathematiklernen zur Verschulung durch die Kinder. Sie replizieren gerne „das Rechnen“ der Eltern und Geschwister und greifen gerne auf das, wenn auch individualisiertes, Durcharbeiten von Büchern und Trainern zurück. Auch die angebotene mathematische Software verführt dazu. Die Grundschule Harmonie hat es sich seit einigen Jahren zur Aufgabe gemacht, für diese moderne Mathematik so zu werben, dass Kinder ein neues Selbst-Verständnis von Mathematiklernen bekommen. Unterstützt werden wir hierbei nicht nur von PIK AS, VERA-Arbeiten, Mathe-Olympiaden, Känguru- und anderen Wettbewerben.

Musik, Tanz, Theater (40%),  Musik kommt zuerst aus der täglichen Arbeit der Kinder. Vor ein paar Jahren nahmen zwei unserer Kolleginnen an einer zweijährigen wöchentlichen  Fortbildung der Bertelsmannstiftung teil. Alle zwei Wochen fand unsere zweistündige Wochenkonferenz als Weitergabe der Inhalte der Fortbildung statt. Musik wurde in verschiedensten Form das Fach aller Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer. Musik wurde als Mittel der Intelligenzbildung, des freien Ausdrucks und der Freude am Metier Alltag in unseren Klassen. Unsere Kinder tanzen, komponieren, spielen in der Schulband, kommen zu Sing-Ins, treten mit dem Chor auf, bereiten Präsentationen auf der Schulversammlung vor, erproben die Instrumente unseres Musik- und Theaterraums oder nehmen musikalische Angebote wahr. Sie  texten, komponieren, entwickeln Choreographien etwa für den morgendlichen Wachmachertanz (Energizer) oder folgen den Angeboten von eingeladenen außerschulischer Experten oder ihrer Klassenlehrerinnen. Musik gehört zum Sach- oder Englischunterricht genauso wie zum Besuch unserer englischen Partnerschule. Musik ist kein „Fach“ mehr. Musik ist „unser Lernen“, in der Verantwortung des Lernens unserer Kinder. Wir Erwachsenen, und zunehmend auch Kinder, sind verantwortlich für ihr Können, das sie anderen anbieten. Auch hier spielen unsere Assistenten eine besondere Rolle. Immer wieder gelingt es uns, arbeitslose Menschen zu gewinnen, die Kindern Instrumente beibringen, mit ihnen Singen, Musik realisieren oder initiieren. Das Tanzen ist allerdings auch bei uns noch nicht jedermanns Sache…

Schach (40%)  ist immer erwünscht und gern gesehen. Das jährliche Schachturnier wird von den Kindern organisiert und ist ein Höhepunkt des Schullebens. Warum gibt es nicht mehr solch genialer Spiele…?

An eigenen Themen arbeiten (38%) Wir haben schon vor vielen Jahren gelernt, den Kindern die Wahl ihrer Themen zu lassen, sich nicht auf Sachunterricht zu beschränken, sie Darstellungs- und Arbeitstechniken selbst entwickeln zu lassen, genau so, wie wir sie ihnen anbieten. Zur Recherche stehen die elektronischen und klassischen Medien in großer Vielfalt und Offenheit zur Verfügung.  Vor allem die Präsentation – vor der eigenen Klasse, in anderen Klassen, auf der Schulversammlung, vor Eltern oder in anderen Schulen - ist fast zu so etwas wie ein Hauptfach unserer Schule geworden. Kommt man zu Besuch, hört und sieht man Kinder immer an eigenen Themen forschen und sie vortragen. Aber nicht alle können das schon oder trauen es sich. Noch nicht alle haben zu „ihren“, wirklichen, eigenen Themen gefunden. Sie brauchen Zeit und wir geben sie ihnen. Wenn sie unsere Schule verlassen, können sie alle ein Thema wählen, es auf ihrem höchsten Niveau bearbeiten, es präsentieren und dokumentieren und die eigene Arbeit reflektieren und einschätzen.

Arbeit anderer beobachten (37%)  Wir glauben, dass dies ein wichtiger Weg ist, wie Menschen lernen. Wir haben in den vielen Jahren unserer Arbeit Kinder kennengelernt, die scheinbar oder sichtbar nicht arbeiteten, aber ihre Dinge trotzdem konnten. Wir nennen dies das „Lernen im Vorübergehen“. Wir schicken auch Kinder, die noch nicht so gut organisiert sind, zum „Spionieren“ in andere Klassen. Sie sollen herausfinden wie und an was andere arbeiten. Wir folgen nicht der veralteten Ideologie, „dass in der Teamarbeit die Leistung des Einzelnen sichtbar werden muss“. Vielmehr ist es so, dass die Teams der Kinder einerseits sehr wohl wissen und artikulieren, wer wie im Team arbeitet, aber auch zulassen können, dass einzelne Menschen durch Beobachten oder Dabeisein lernen.

Religion (36%)  Mit ein beachtlich hohem Wert, wenn man bedenkt, dass in Übereinstimmung mit den Eltern auch für Kinder bei uns Religionsfreiheit gilt. Sie entscheiden, religiöse Themen zu bearbeiten, an religiösen Projekten teilzunehmen, Gottesdienste mit vorzubereiten und sie zu besuchen und zu den Religionsstunden zu gehen, die unsere vielen Religionslehrerinnen anbieten.

Experimentieren (34%) Da hätten wir gerne einen noch höheren Wert gesehen. Wir bieten regelmäßig viele und gute Experimente, nicht zuletzt in der Arbeit unserer Lehramtsanwärter und Studentinnen an. Wir bieten gute Materialien von Mikroskopen in allen Klassen bis zu Solar- oder Elektrobaukästen an. Vielleicht liegt es daran, dass wir zu wenig ausgebildete Sachunterrichtskollegen haben, die die Freude am Experiment auch durch das eigene Können ausstrahlen. So haben wir darauf geachtet, dass unsere beiden aktuellen Neueinstellungen solche Fachfrauen sind und mit uns eine erweiterte Experimentierkultur aufbauen.

Angebote wie Chor, Adam-Riese-Kreis (28%), Vorlesungen, Kinderuni, Gottesdienst, Ganztags-AGs, studentische und Praktikantenangebote, Gast- und Elternangebote, Kinder-AGs, Trommeln, Theater, „Skills for Life“, Theateraufführungen etc., etc., aber auch Feedback-Runden, Schulentwicklungsgespräche mit Kindern, Kinderparlament und Versammlungen gehören zu diesem Bereich.Die Summe dieser Veranstaltungen bildet so etwas wie eine zusätzliche Klasse, die eigentlich an jedem Tag präsent ist. Die Kinder entscheiden ganz alleine, ob sie daran teilnehmen. Durch ältere Befragungen wissen wir, dass es Kinder gibt, die kein Angebot auslassen bis zum anderen Extrem, dass sie sich nur um selbst initiierte Aufgaben kümmern. Wir leisten diese Arbeit, um Kinder zu Experten zu machen, die mit ihren Kompetenzen die Qualität der eigenen und der Arbeit in den Klassen verbessern und so das Lernen und die Schule entwickeln. Wir nennen dies auch „Schulentwicklung mit Kindern“.

 

Sport (28%) kommt gerade im subjektiven Gefühl der Kinder zu kurz! Rechnerisch stimmt aber die zeitliche Angabe der Kinder. Der Pausensport und der Sportunterricht machen ziemlich genau 28% der Gesamtwochenzeit. Das ist objektiv zu wenig! Zu wenig ist auch unser qualifiziertes zusätzliches Bewegungsprogramm im direkten Angebot mangels Fachräume und Fachkräfte. Wir kompensieren mächtig durch Elternangebote, unser Programm auf dem DFB-Minispielfeld und dadurch, dass immer zwei Klassen gemeinsam Sport machen und so mehr Zeit in der großen Sporthalle haben. Ansonsten funktioniert der Sportunterricht so, wie unser restlicher Lernalltag auch mit der Selbstorganisation der Kinder und durch Angebote der Erwachsenen.

Lernwerkstatt (26%)   und andere Softwareangebote werden von einigen Kindern genutzt. Der Kreis der Klasse  wacht über den übertriebenen Zugriff auf den Computer.

Einzelarbeit mit Erwachsenen (22%)  Wir  haben einige Kinder, die es lieben Erwachsene „für sich zu haben“, um mit ihnen zu lernen. Wir unterscheiden, wer dies nicht tun sollte, weil das eigen verantwortete Lernen damit eingeschränkt wird, und wer das Abholen von Hilfe oder Kompetenz richtig einschätzt und handhabt.

 

Essen (22%)   Kinder dürfen immer essen und trinken. Immer mehr Kinder kochen, backen und bereiten Essen zu.

Konflikte im Kreis lösen (6%) Es ist nicht Aufgabe des Klassenrats oder des Kreises Konflikte zu lösen, im Klassenrat wird das Arbeiten organisiert und in diesem Rahmen auftretende Konflikte geregelt. 

Anderes (33%)  Unsere Befragung erfasste 33% der Zeit der Kinder nach ihren Angaben nicht. Hierzu gehören z.B. sich unterhalten, Tierkarten tauschen,  weben, nähen, das Gelände durchstreifen oder viele Tätigkeiten, die die Kinder nicht den gefragten Stichworten zuteilen.

 

Die Übersicht der Tätigkeiten mit den Zeitanteilen „sehr viel“ und „viel“

64%  Versammlung

56%  Schreiben

53%  Lesen

53%  Angebote der LAs

48%   Spielen

45%  Malen

42%   Englisch *[5]

41%  Mathematik

40%   Musik, Tanz, Theater

40 %  Schach *

38%  An eigenen Themen arbeiten 

37%  Arbeit anderer beobachten

36%   Religion*

34%   Experimentieren*

33%   Anderes

28%   Angebote wie Chor, Adam-Riese-Kreis, Vorlesungen, Kinderuni…

28%   Sport
26%   Lernwerkstatt*

22%   Einzelarbeit mit Erwachsenen

 22%   Essen

   6%   Konflikte im Kreis lösen  

„Was machst du beim Lernen an unserer Schule am liebsten?

Um die Einteilung der Zeit der Arbeit richtig einschätzen zu können, benötigten wir eine weitere, dritte Abfrage. Wir befragten ein repräsentatives Viertel unserer Kinder:

 

 „Was machst du beim Lernen an unserer Schule am liebsten?
In Klammern zum Vergleich die „Platzierungen“ der Zeitanteiltabelle

1.  mit 88%   Lesen, mit Büchern arbeiten (3.)
2.  mit 86%   Sport (17.)
3. mit 82%   Spielen (5.) 
4.  mit 79%   Malen (6.) 
5. mit 79%    in Projekten arbeiten (-)[6]
6.  mit 77%    eigene Texte schreiben, das Schreiben lernen (2.) 
7.  mit 77%    Musik machen (9.)
9. mit 73%     Englisch lernen (7.)
10. mit 69%   Schach spielen (10.)
11. mit 68%   Mathematik lernen (8.)
12. mit 68%   an eigenen Themen arbeiten (11.)
13. mit 67%   Bauen und Basteln (-)
14. mit 65%   Theater spielen (9.) 
15. mit 63%   Angebote der Lehramtsanwärterinnen besuchen (4.) 
16. mit 61%   Arbeitsgemeinschaften mit Studentinnen, im Ganztag, etc. (-)
17. mit 61%   in der (Computer-)Lernwerkstatt arbeiten (18.)
18. mit 59%  Rechtschreiben lernen (-)
19. mit 58%   Einzelarbeit mit einem Erwachsenen (19.)
20. mit 58%   Angebote (wie Chor, Adam-Riese-Kreis, Vorlesungen, Kinderuni,…) (16.)
21. mit 57%   Experimentieren (14.)
22. mit 56%   Dichterlesung (-)
23. mit 55%   Anderes (15.)
24. mit 52%   im Netz surfen (-)
25. mit 52%   Essen und Kochen in der Schule (20.)
26. mit 51%   Das Arbeiten anderer beobachten (12.) 
27. mit 50%   Versammlungen (1.)  
28. mit 49%   Religion (13.)  
29. mit 40%  Konflikte im Kreis lösen (21.)
30. mit 30%   Tanz (9.) 

Die aufgewendete Zeit bei der Arbeit und die Beliebtheit der Lern- und Arbeitsgegenstände können verschieden sein.  Ähnliche oder identische Werte erhielten bezüglich der Beliebtheit und der Zeitanteile der Arbeit in der Reihenfolge der Wertigkeit: das Lesen, Spielen, Malen, Schreiben, Musizieren, Englisch lernen, Schach spielen, die Mathematik, das Arbeiten an eigenen Themen, Theaterspielen, in der Lernwerkstatt arbeiten, die Einzelarbeit mit Erwachsenen, Angebote wie Chor, Adam-Riese-Kreis,… und das Essen. In der Beliebtheitsskala fielen dagegen zum Teil deutlich nach hinten: die Versammlung, das Tanzen, der Besuch der Unterrichtsangebote der Lehramtsanwärter, der Religionsunterricht, das Arbeiten anderer beobachten und das Experimentieren. Dagegen ist der Sport der „Shootingstar“ in der Beliebtheit bei den Kindern.

Daraus ergeben sich für uns viele reichhaltige Fragen und wertvolle Anregungen für die Weiterentwicklung unserer schulischen Programmatik:

 Geht es mit weniger „Versammlung“- Wie verbessern wir die Qualität von Versammlungen? – Können wir mehr über den kindlichen Kooperations-Lern-Begriff begreifen? - Oder nehmen sich die Kinder genau die Zeit, die sie brauchen?

Die Sportangebote müssen erhöht werden. Es fehlen Angebote zur Körperkoordination, zur Gleichgewichtsschulung, zur Motorik generell, trotz unseres riesigen Abenteuer-Schulgeländes, Sportunterricht von drei Stunden und dem DFB-Minispielfeld. Wir haben zu wenige Schwimmangebote. Wie können wir die regionale Zusammenarbeit im Sportbereich noch weiter verstärken? Wie kommen wir an Menschen, die sich qualifiziert Zeit nehmen? Wie bauen wir das in den Ganztag, geschweige denn im  zu kurzen Halbtag ein? Können wir nicht von kanadischen oder anderen europäischen Schulen lernen, die (nicht nur in Sport) auf Begabungen durch Schwerpunktschulen oder in ihren Stundenplänen Rechnung tragen?

Wie gehen wir mit dem Spielbedürfnis unserer Kinder um?  Wie schaffen wir qualitativ bessere Spielangebote? Wie kleiden wir das Lernen noch mehr in Spielformen? Wie finden wir noch mehr Zusammenhänge zwischen wichtigen Inhalten und guten Spielformen?

Brauchen wir mehr Zeit- und Raumgelegenheiten zum Schreiben? Haben wir (trotz unseres hohen Standards) noch immer zu wenig Material, Raum und Zeit zum Lesen?

Wie können wir noch bewusster spannende Projekte, vor allem durch  überschulische regionale Zusammenarbeit, anbieten?

 Das Bedürfnis nach „Experimenten ist zu niedrig. Wir Erwachsenen können das Bedürfnis attraktiver machen!

Müssen wir der Freiwilligkeit der Teilnahme  etwa an den Angeboten der Referendare oder am Religionsunterricht noch mehr Gewicht geben?

Wann gelingt uns endlich bilingualer deutsch-englischer Unterricht?

Wie bewegen wir noch mehr Kinder vor allem Jungs zum Tanzen?

Wie machen wir noch mehr Musik?

 Wie schaffen wir den Zugang zu den notwendigen und bereits existierenden Ressourcen?

Wie verbessern wir die fachliche Qualifikation aller jetzigen (und zukünftigen) Lehrkräfte?
Wie befähigen wir die Kinder, die meisten dieser Fragen mit uns und in eigener Arbeit zu lösen? Wie und wann setzen wir das Schulentwicklungsgespräch mit den Kindern fort?

„ Wie viel Zeit verbringst du Zuhause mit…?“

Einerseits sollte das Lern-Verhalten der Kinder Zuhause und in der Schule verglichen werden, andererseits sollte sichtbar werden, ob es uns gelingt, das Lernen als ein Lernen, das den ganzen Tag stattfindet, in den Köpfen der Kinder zu verankern. Das Ergebnis ist deutlich. Sie spielen noch mehr und sie lesen, malen und mögen Musik. Auch das intensive Lesen, die Mathematik und sogar das An-eigenen-Themen-Arbeiten hält zuhause Einzug. Und wie man sehen kann, hält das Schreiben, „Hausaufgaben machen“ und das Bauen und Basteln mit den elektronischen Medien mit. Und es gibt auch weitere erfreuliche Aktivitäten beim zuhause Lernen und Leben.

 

  

  „Sehr viel“ und viel Zeit“ verbringen die Kinder in Prozent zuhause mit:
72% Spielen      
43% Lesen 
33% Malen   
31% mit Eltern etwas unternehmen
30% mit anderen über etwas reden
29% Musik   hören oder machen
29% Anderes
28% Angebote wie Sportverein, Pfadfinder, Schwimm- oder Musikverein,…
26% Fernsehen, Video, DVD, Gameboy, X-Box, Wii,…
25% Bauen und Basteln
24% Schreiben          
24% „Hausaufgaben“ machen*
24% Spielen im Netz
17% an eigenen Themen arbeiten

*meistens ist Mathe gemeint, was oft  Mütter organisieren. Die Schule „gibt“ keine Hausaufgaben „auf“. Wir reden mit den Kindern über das Lernen als etwas, das nicht nur in Schule stattfindet. Wir arbeiten mit ihnen am sinnvollen Immer-Lernen.

 

„Woher kommen die Ideen für dein Lernen?“

90%, zu wenig 8%, keine 2% Ich habe genug Ideen für das eigene Lernen

89%, zu wenig 10%, nie welche 1% Ich habe die Ideen von mir selbst

50%, weniger 36%, nie 14% Ich habe die Ideen aus Quellen (Bücher, Berichte,…)

50%, weniger 27%, nie 23% Ich habe Ideen von den Eltern

48%, weniger 30%, gar nicht 22% Ideen durch die gemeinsame Planung mit anderen Kindern 

47%, weniger 29%, gar nicht 24% Ich habe Ideen von Lehrerinnen und Lehrern

46%, wenig 25%, gar nicht 29% Ich habe Ideen von Freunden 

39%, wenig 36%, nie 25% Ich habe Ideen aus dem Klassenkreis 

39%, wenig 29%, gar nicht 32% Ich habe Ideen von anderen Erwachsenen

31%, weniger 33%, gar nicht 36% Ich habe Ideen durch Nachmachen

Das Ergebnis zeugt von Selbstbewusstsein, Offenheit zur Beratung und guter Selbsteinschätzung der Kinder unserer Schule.

„Von wem lässt du dir am liebsten helfen?“

von Freunden  46%
von Lehrern 40%
von Eltern 34%
von Studies 10%
von Großeltern 6%
von Assistenten 3%
von Geschwistern 1%
von Praktikanten 1%
von meinem Kuscheltier 1%

 

Resümee

Dies sind Ergebnisse, die das zeigen, was wir im Alltag unserer Schule nun seit 1996 tagtäglich erleben: Offenes Lernen, verstanden als individueller und kooperativer Zugang zum Erreichen  aller Kompetenzen der Lernenden, Qualifikationen des Arbeitens und Inhalten des Lernens  in einer demokratischen Umgebung bei einer Leistungsorientierung durch intrinsische Motivation, Selbsteinschätzung und Beratung ist nicht nur möglich. Übergangszahlen und Untersuchungen zum erfolgreichen Besuch der weiterführenden Schulen belegen die Nachhaltigkeit der Arbeit.

Es ist harte Arbeit, zuerst für die Kinder. Schließlich verlangen wir Selbstständigkeit, eigenes Lernverhalten und die Selbst-Strukturierung der Lernerpersönlichkeit, ihrer Klassenkooperative und ihrer ganzen Schulgemeinde. Es ist harte Arbeit für die Erwachsenen, ob sie nun Eltern, Lehrerinnen, Ganztagsmitarbeiterinnen, Lehramtsanwärterinnen oder Praktikantinnen sind. Sie müssen lernen Kindern zu trauen. Sie lernen die Selbstorganisation der Lerner auszuhalten und gleichzeitig so qualifiziert sein, dass sie an der richtigen Stelle präsent sein können.

Wir wissen nun mehr als zuvor, dass die Kinder wissen, was sie tun! Sie brauchen keine verschulten Strukturen und Regeln, keinen Unterricht, der be-lehrt, keine Tests, die sie auf- oder abstuft, keine fremden, nicht verstandenen Beurteilungen und Funktionieren in einem schulischen Arbeits-Auftragswesen! Schule überschätzt sich als Schule gerne und unterschätzt die radikale Kraft der Kinder beim eigenen Lernen.

Die Kinder können ihr Lernen und ihr Arbeiten strukturieren und regeln, sie wollen nicht belehrt werden, sondern lernen. Sie wollen anerkannt werden, als die Menschen, die sie sind und werden und nicht als die, die Staat, Schule, Lehrer oder Eltern aus ihnen machen wollen.

Sie brauchen keine Didaktik. Sie brauchen spannende Lerngegenstände, eine reichhaltige Lernumgebung, vielfältige Lerngelegenheiten und hoch qualifizierte Erwachsene, die ihre Kompetenzen anbieten und einsetzen können. Sie brauchen die Zusammenarbeit mit den anderen Lernern in einer selbst geschaffenen demokratischen Umgebung, die gleichzeitig auch schützt und bewahrt, sie und das Lernen.

Lernen braucht lebende und lebendige Strukturen. Menschen übernehmen lernend Verantwortung für sich, ihr Lernen und Leben.

 



[1] Danke an Isabell Adam, Luzie Gilden, Janine Dschunke, Sarah Kübbeler,Astrid Lang,  Darinka Watzelhan und Simone Zanfrini

[2] Vergleiche hierzu - wie auch zu fast allen folgenden Stichworten - diverse Aufsätze und Programme auf unserer Homepage www.grundschule-harmonie.de

[3] Wir haben nicht wenige Kinder, die an anderen Schulen begonnen haben und teilweise recht verschulte Schule kennengelernt haben. Andere haben zuhause bei der Mutter dann doch das Lesen “ per „Vorlesen“ „erlernen“ müssen. So müssen wir auch im Bereich Lesen mit Altlasten fertig werden.

[4] Rainer Wick: Bauhaus-Pädagogik. DuMont, Köln 1982

[5] Die mit einem * gekennzeichneten Werte wurden in einer Nachbefragung ermittelt.

[6] Leider stellte ich diese Fragen (-) nicht bei den beiden vorherigen Frageaktionen