Manche Menschen werden nie etwas lernen, weil sie alles so schnell begreifen.

 

Alexander Pope

 

 

 

Walter Hövel

 

Höchstens eine Ahnung vom Lernen...

 

 

 

...,von dem, was Lernen sein könnte, habe ich. Je länger ich an der Schule arbeite, je mehr „eigene“ Kinder ich beim Aufwachsen und Älterwerden beobachten konnte, je mehr „ich lerne“, um so näher komme ich jener Behauptung, dass man immer weniger weiß was Lernen ist, je länger man lernt. Habe ich deshalb viel Ahnung vom Lernen? Oder nicht? Als Rheinlander weiß ich immerhin, dat et kütt wie et kütt, ewer dat och vun nix nix kütt, immerhin. Und ich frage mich immer wieder, wat liehrt mich dat?

 

 

 

Wer lernt und nicht denkt, ist verloren! Wer denkt und nicht lernt, ist in großer Gefahr

 

Konfiizius

 

 

 

Was ich weiß, ist, dass ich selbst und andere Menschen, Tiere, Pflanzen, Einzeller, vielleicht sogar die Gesellschaft, der Kosmos, die Natur und der GEIST oder Gotter ständig lernen. Vor allem Kinder lernen ständig, zumindest, was wir auch schon können und wir dadurch wenigstens als „Gelerntes“ erkennen. Zumindest befinden sich alle -und befindet sich alles immer wieder, offen-sichtlich, erfahrbar, nachweislich in diesem Zustand, den wir Lernen nennen. Vielleicht gibt es das Lernen ja auch gar nicht und wir beschreiben etwas fälschlicher Weise als Lernen, was eigentlich etwas ganz anderes ist. So etwa, wie wir Menschen viele Generationen geglaubt haben, die Welt sei eine Scheibe, die Atome seien die kleinsten Teilchen oder Herrscher seien weise und gerecht. Aber dieses Lernen scheint irgendetwas mit Leben, Gefühlsleben, Gedankenwelt, Zusammenleben, Arbeitswelt, Zeit, Werden, Sterben und Sein zu tun zu haben. Am wenigsten wahrscheinlich mit Schule.

 

 

 

Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir! Non vitae, sed scholae discimus

 

Lucius Annaeus Seneca

 

(Nicht umgekehrt, wie immer wieder behauptet wird)

 

 

 

Was hast du heute in der Schule gelernt?“, fragen die Eltern gerne, behaupten auch, dass „da nichts gelernt“, oder da „ordentlich“ gelernt wird, wenn es „Hausaufgaben, Klassenarbeiten, Noten, Druck und Struktur“ gibt. Der Begriff des Lernens hat sich in der Schule, wie Schule selbst, verselbst-ständigt. Er beschreibt eigentlich nur die Handlung in der Schule oder einfacher, dass was „Schule“ zum „Lernen“ erklärt hat. Also „Lesen lernen. Schreiben lernen, Rechnen lernen, Vorlesen lernen. Abschreiben lernen, Diktate und Tests schreiben lernen, auswendig lernen, Vokabel lernen, Grammatik und anderes lernen durch üben, festigen und wiederholen und...“ Nicht so richtiges Lernen ist schon „Bilder malen, Lieder singen, diskutieren, spielen in Sport“ oder überhaupt, für viele alles das, was die Kinder oder Lemer selbst entscheiden, was sie lernen. Lernen ist fur viele was aussieht wie Lernen in der Schule.

 

 

 

Begrenze dein Kind nicht auf das, was du gelernt hast, denn es ist in einer anderen Zeit geboren

 

Deutsches Sprichwort

 

 

 

Vanessa, im Marz ihres zweiten Schuljahres, kann sie noch nicht Lesen und Schreiben. Sie

 

geht jetzt fur ein komplettes halbes Jahr auf Walz, mit den Wohnwagen ihrer Sippe, so wie sie

 

es schon im ersten Schuljahr tat. Niemand von den Älteren kann ihr Lesen und Schreiben

 

beibringen. Sie konnen es nicht. Im September kommt sie wieder. Und sie kann Lesen und Schreiben, nicht ein bisschen, sondern so wie alle unsere Kinder es mit Lesendurchschreiben gelernt haben.

 

Unser Erfolg??

 

Unsere tolle Didaktik des Offenen Unterrichts, wo wir das Lernen wirklich der Eigen-verantwortung der Kinder zurückgeben? Genau so konnte sich die frontal und Buch

 

unterrichtende Lehrerin ihres Erfolges rühmen, weil Esther seit drei Jahren Gymnasium

 

nur eine Klassenarbeit schlechter als „sehr gut“, nämlich „gut plus“ geschrieben hat.

 

 

 

Auswendig gelernt ist etwas erst, wenn man es einen Tag nach seinem Tod noch aufsagen kann.

 

Friedrich Löchner

 

 

 

Oder ist es vielleicht so, dass diese „Sprünge“, die wir bei fast allen Kindern seit Jahren -vor

 

allem nach den Ferien- beobachten können, die eigentlichen Lernprozesse sind, dass das, was wir „Lernen“ nennen, wenig oder gar nichts mit unseren pädagogischen und didakti-schen Interventionen zu tun hat. Auf jeden Fall diskutieren wir an unserer Schule seit einiger Zeit die Unterscheidung von Arbeiten und Lernen. Arbeiten ist das, was wir in der Klassen-kooperative planen, durchführen, präsentieren und evaluieren und jeder Einzelne für sich entscheidet und für alle sichtbar getan wird. Lernen ist so wenig einsichtbar wie eine Black-box. Sichtbar ist nur der Output. Es sind Ergebnisse, Erkenntniss, Fertigkeiten, Fähigkeit, Grundlagen, Qualifikationen, neue oder alte Handlungen, Produkte und Wege der Ein-zelnen, in die wir, ob als Lemer oder Beobachter ab und an Einblicke zu gewinnen glauben.

 

 

 

Es ist keine Schande nichts zu wissen, wohl aber nichts lernen zu wollen.

 

Plato

 

 

 

Zunehmend lernen (!) wir als Schule das Vertrauen in die Lern(!)fähigkeit der Kinder und

 

ihre Selbst-Verantwortungsfähigkeit so zu steigern, dass sie wirklich selbst entscheiden, was

 

sie arbeiten, also gerade die Inhalte selbst bestimmen lernen(!), die Form, die Zeit, die

 

Partner, ja sogar die Klassengemeinschaft selbst finden.

 

 

 

Also echtes freies Arbeiten und eigenes Lernen! Also Lernen-lemen lernen.

 

 

 

Der Charakter ruht auf der Persönlichkeit, nicht auf den Talenten.

 

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Und es macht Spass nur Herrn Goethe zu zitieren:

 

Überall lernt man nur von dem, den man liebt. Auch ist das Suchen und Irren gut, denn

 

durch Suchen und Irren lernt man.“ Und, „was wäre ich denn, wenn ich nicht immer mit

 

klugen Leuten umgegangen wäre und von ihnen gelernt hatte?“ Und: „Sag es mir und ich

 

werde es vergessen; zeige es mir und ich werde es vielleicht behalten; lasse mich es tun und

 

ich werde es können! Wir behalten von unseren Studien am Ende doch nur das, was wir

 

praktisch anwenden.“

 

 

 

Wer aus Erfahrungen nicht lernt, hat nie erfahren, was Lernen ist.

 

Gerhard Uhlenbruch

 

 

 

Es scheint sich also auch schon in unserer Landidylle zu lohnen, private Schulen von Eltern

 

finanzieren zu lassen, auch wenn es ein Bildungsmonopol unseres Staates mit all seinen

 

Rechten und Pflichten als Monopolist gibt.

 

 

 

Sind unsere staatlichen und die wenigen anerkannten Schulen in freier Tragerschaft bereits

 

ein erganztes System, erganzt durch eine Art Nachbesserungs-, Reparatur- und Hilfssystem,

 

so etwa im Verhaltnis 6:1 wie in unserer Kommune?

 

Und da fällt mir ein, dass ich vor ein paar Wochen bei Hans Brügelmann gelesen hatte, dass

 

bereits jedes dritte Schulkind Nachhilfe erhält und dass dieser „Wirtschaftssektor“ jährlich

 

Milliarden (!) Euro ausmacht. Und in seiner unnachahmlich sachlichen Art folgert er weiter,

 

dass all jene Nachhilfestunden, die Eltern tagtäglich leisten, unentgeltlich sind und eigentlich mitgerechnet werden müssten, was diese Summe noch einmal um ein Vielfaches steigern würde. Lernen bekam einen neuen Wert, es wurde zu einem Konsum“wert“ mit Mehrwert.

 

 

 

Schafft unsere staatliche Schule ihr Pensum nicht mehr? Ist Pisa nur ein schiefes Türmchen

 

gegen das Hochhaus der privaten Lern- und Nachhilfeinstitute und den vielen, vielen

 

häuslichen Privat-Nachmittagsschulen? Oder werden Abermilliarden von Euros und

 

Zeitstunden in die Bildung unserer Kinder und Jugendlichen gesteckt, nur weil Eltern auf

 

Nummer sicher“ gehen wollen, „Lernen“ kaufen wollen oder im Sinne der Heimwerker-ideologie selbst Hand anlegen, oder weil sie der Schule und dem staatlichen Besitzer nicht mehr trauen. Handelt es sich um einen neuen Begriff des gesamtgesellschaftlichen Lernens?

 

 

 

Jedes Mal, wenn du alle Antworten gelernt hast, wechseln sie alle Fragen.

 

Oliver Otis Howard

 

 

 

Geht einmal ins Internet und fragt bei Google „Was ist Lernen?“. Das erste Angebot ist ein

 

Forum Bilden & Lernen“ und beginnt mit den Worten „Wettbewerb: Schöler...“.

 

Diese Frage wird in unserer Gesellschaft nicht wirklich gestellt. Vergleichsarbeiten, zentrale

 

Prüfungen, Außenevaluationen sollen das Niveau des Lernens heben. Aber vom Wiegen wird die Sau nicht schwerer! Lernen ist zuallererst eine Frage der Einstellung der gesamten

 

Gesellschaft zu sich selbst, zu den Menschen, zu den Kindern, erst, wenn jeder Mensch

 

wichtig geworden ist, werden sie lernen, dass jeder Mensch wichtig ist. Und wie sie dann alle lernen werden!

 

 

 

Der Kluge lernt nie aus. Der Dumme ist fein raus.

 

Erhard Horst Bellermann

 

 

 

Aber das unterscheidet Freinetpadagogen dann wieder von Gewerkschafts- und Partei-politikern. Wir warten nicht darauf, dass die Gesellschaft das lernt, sondern wir lernen

 

hier und heute, in unserer täglichen Praxis jeden ernst zu nehmen. Menschen, die sich ernst

 

nehmen, nehmen auch ihr Lernen ernst, wie immer das Lernen geht und was es ist!

 

 

 

Sondere dich nicht ab von der Gemeinde. Misstraue dir selbst bis zu deinem letzten Atemzug.

 

Richte nicht deinen Nächsten, ehe du selbst nicht in seine Lage gekommen bist. Rede nichts Unverständliches in der Annahme, man werde es später schon verstehen. Und sprich niemals: Wenn ich Muße habe, dann will ich lernen, denn wer weiß, ob du jemals Muße findest.

 

Spruche der Väter 2.5