Walter Hövel
Gute Noten in einer schlechten Lehrerinnenbildung?

 

 

 

Nirgendwo wird die Perversion der Notengebung so deutlich wie in der „Lehrerausbildung“ selbst. Wir erleben an unserer Schule seit Jahren wie hoch begabte junge Lehrerinnen und Lehrer in der Ausbildung „einknicken“. Sie beginnen, nicht mehr sich selbst zu bilden, an den eigenen Kompetenzen zu arbeiten oder mit Freude lernen Lehrerin oder Lehrer zu werden. Sie beginnen sich selbst vom inneren Kompass des eigenen Wegs zugunsten einer Fremdorientierung am Seminar zu verabschieden.

 

 

 

Sie haben dann begriffen, dass sie bereits im Lernprozess benotet werden. Die Note für die eigene Prüfung wird mit dem ersten Unterrichtsbesuch bereits grundgelegt. Sie wissen, dass diese Besuche schon immer Schaustunden waren und geblieben sind. Hier wird kein langfristiger eigener Lernprozess begleitet, sondern sofort aus der subjektiven, mal akzeptablen, mal inakzeptablen Sicht einer Fachleiterin über Schicksale, nicht über Ausbildungen entschieden. Sie wissen, dass ihre Noten über eine Einstellung entscheidet, und somit die Sicht der Fachleiter und Seminarleiter (!).

 

 

 

Sie beginnen also Stunden so zu machen, wie sie glauben, dass ihre Ausbilderinnen und Ausbilder sie sehen wollen. Diese beteuern, dass sie das gar nicht wollen Sie propagieren aber gleichzeitig, Rituale, Regeln, Formen des Unterrichts, Unterrichtsdidaktik1, „guten Unterricht“. Sie reden ohne zu etwas zeigen. Die angehenden Lehrkräfte haben keine Zeit selbst erst einmal Lerninhalte und Lernformen an sich selbst zu erproben und sie und sich selbst in diesem Prozess erleben zu lassen. Sie selbst haben sie in ihrer „Schulzeit“ in den seltensten Fällen so etwas wie eigenes. aktives Lernen erlebt, aber in ihrer zukünftigen Schule praktizieren sollen.

 

 

 

Sie beginnen die „geheimen Lehrpläne“ ihrer vor-gesetzten Ausbilder zu erforschen, sie zu begreifen, nicht mehr um möglichst viel für sich selbst und den Beruf zu lernen, sondern für ihre Note, ihre Prüfung, die über ihren Berufseinstieg entscheiden wird.

 

 

 

Wer verneint, dass dies geschieht, hat noch nie mit jungen Lehrerinnen und Lehrern gearbeitet oder hält seinen eigenen (geheimen) Lehrplan für den einzigen und schon immer, richtig gewesenen. Oder Sie oder er fürchtet die Alternativen als nicht durchsetzbar oder zu radikal. Es wird also weitergewurschtelt, weil immer gewurschtelt wurde. Oder du hast Glück und stößt auf „Aus“bildner*innen, die etwas können und das auch vermitteln können.

 

 

 

Viele dieser jungen Lehrkräfte beginnen zu „klonen“, was ihre Mentoren und die Umgebung der ihnen zugeordneten Schule zu bieten hat. Meist ist dies die Ausbildung von vor 20, 30 Jahren, die damals von den damals jungen Lehrerinnen geklont wurde.

 

 

 

Das Resultat ist was es ist: In der Mehrzahl werden junge Lehrerinnen und Lehrer wieder zumindest ähnliche Lehrerinnen und Lehrer. Und zwar so, wie man sie kennt. Sie reproduzieren, was sie selbst als Kinder in der Schule erlebt haben und was sie in der Ausbildungszeit gesehen, erlebt und durchlebt haben. Der Staat geht in seiner Machterhaltung auf Nummer sicher. Es wird nicht geplant oder gedacht.

 

 

 

Selbst, wenn sie an der Uni oder im Seminar oder an einer selbst lernenden Schule mit kompetenten Mentoren Menschen erlebt haben, die sie zu einer veränderten, demokratischen, menschlichen, inklusiven und erfolgreichen Grundhaltung zu Lernen und Lernern auffordern, wird die Realität der Ausbildung sie zu dem machen, was das System „Lehrerausbildung“2 will: An das vorhandene Konzept von Schulpflicht und Schulrealität angepasste Streber, Pragmatiker, Teilresignierte, oft genug schon Kranke oder Aufgeber, die versuchen, nie das „Falsche“ zu machen, damit sie keine schlechten Noten bekommen. Schließlich wollen sie - wie immer - ihre Prüfungen schaffen.

 

 

 

In den letzten Jahren ist es der Ausbildung und Schule gelungen, dass die Probanden viel besser reden können als früher. Sie können viel besser auswendig (daher) sagen, wie Pädagogik gehen sollte. Auch kennen sie alle Kinohalbkreise, Regeln, Rituale, Diagnostikformen, etc., etc. Sie können (fast) alle dafür sorgen, dass das, was sie da zeigen, wie Unterricht aussieht.

 

 

 

Aber die Qualität des Lernens, das Lernen der Menschen, die Qualität von Leben, die Verwirklichung der Qualität eines jeden Leben eines jeden Einzelnen, das kommt nicht in den Mittelpunkt von Erwachsenen. Sie haben gelernt mit Kindern zu lernen, die Noten mit der Suche nach Zeugniserfolg und formaler Anerkennung, Hauptsache „sehr gut“ zu machen.

 

 

 

Vieles wäre zu lernen, wenn man sich die Bildung von Lehrerinnen und Lehrern etwa in Finnland, Kanada, in der Schweiz oder anderen Ländern der Welt anschauen würde.

 

 

 

In der finnischen Lehrer*innenbildung gibt es nur die besten ehemaligen Schüler*innen, nicht die reichsten. Alle Schüler*innen gehen in die gleiche einheitliche Schule. Es gibt dort in der Bildung der Lehrer*innen nur bestanden oder nicht bestanden, keine Noten. Sie lernen an Uni-eigenen Schulen. Ihre Bildung ist einphasig. Die Praxis steht im Mittelpunkt, Theorie und „Wissenschaft“ werden zur Lösung der Praxisprobleme in die Ausbildungsschule zugeliefert. In z.B. drei Monaten bearbeiten sie mit den sie begleitenden Lehrkräften in der Schule ein Thema wie „Teamarbeit“ oder „Nachhaltigkeit“.

 

 

 

Immerhin gibt es schon diese Ausbildung, wenn sie auch noch nicht mit den Schüler*innen durchgeführt wird. Vielen finnischen Schüler*innen ist langweilig... Auch finnisches Lernen könnte noch besser sein. Aber ihre Lehrer*innenbildung ist bereits besser.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1 im Gegensatz zu einer Didaktik des Lernens. „Mathetik“ wird eher für einen Begriff aus der Mathematik gehalten. Lernen in der Schule als systemisch steuerbarer Vorgang des demokratischen Miteinanders in einer Lernumgebung ist noch weiter weg von jedem Verständnis in der tagtäglichen Lehrerinnenbildung..

 

2 anstatt „Lehrerinnen- und Lehrerbildung“. Nur einige Folgen seien aufgezählt: Die Kinder leiden, die „Lehramtsanwärter“ leiden, das Niveau des Unterrichts leidet, die Schulentwicklung leidet, die Ausbilder leiden, und es kostet Abermillionen von Euros, die für Ausbildung, Fortbildung, Schulentwicklung, Forschung, Lehre und Wissenschaft zum Fenster hinausgeschmissen werden, und uns jeden Tag in der Schule fehlen!