Walter Hövel
Begabtenförderung?
Mehr auf jedes Kind achten! Mehr Intelligenz zulassen!


Jürgen Reichen, ein Schweizer Pädagoge, sagte in seinen Vorträgen gerne: „Ein Lehrer muss damit rechnen, dass in jeder Klasse ein Kind sitzt, dass intelligenter ist als er oder sie selbst.“

 

Die aktuelle Fachliteratur veranschlagt die Zahl der „Hochbegabten“ oder „Teilhochbegabten“, etwa in Sprache oder Mathematik, auf 2 bis 4 Kinder pro Klasse. Dies stimmt – entlang der wissenschaftlichen Definition von “H- oder TH-Begabten“ - mit meiner Erfahrungen der letzten 40 Jahre überein.

 

Begabung

Ich spreche überhaupt nicht gerne von „Hochbegabten“, eher von sehr begabten Kindern. Viele von ihnen sind oft oder durchgehend unterfordert, aber auch überfordert.

 

Schule allerdings ist in der Regel im Umgang mit Begabungen überfordert.

 

Eher ist mein Herangehen die Tatsache, dass alle Kinder begabt sind und alle sollten „auf Verdacht“ gefördert werden.

 

Daher ist für mich ein selbst-bestimmtes offenes Lernen unter Bedingungen der höchsten Form möglicher Qualität der Lehrer*innen und ihrer Lernlandschaften unumgänglich. Aber davon ist Schule so weit entfernt, wie die Gesellschaft von ihrer eigenen Zukunft.

 

Teilbegabungen in Naturwissenschaften oder Sprache werden hier und da erkannt. Schon schwieriger hat es Schule in der Mathematik. Manchmal kommt diese mathematische Begabung erst in Wettbewerben wie der „Mathe-Olympiade“, dem „Adam-Ries-Kreis“ oder bei „Känguru“ heraus.

 

Sportliche Begabungen werden zu Vereinen geschickt. Musikalische Begabungen werden der Förderung der Familie überlassen.

 

Begabungen mit der Empathie von Gruppen, beim Theaterspiel, beim Reparieren von Geräten, beim Philosophieren, in der Altenhilfe, in der Malerei, bei der Reportage, beim Fragen, beim Tanz, Schminken oder Frisieren, beim Forschen oder Experimentieren,  beim Baumfällen oder dem Schutz der Natur oder beim Transport von Gütern werden seltener gesehen. Das System Schule kennt keine Mittel um alle Begabungen als wichtig zu werten.

 

Eigentlich sollte es die Aufgabe von Schule sein, bei jedem Kind seine Begabung(en) zu entdecken und zu fördern. Aber das scheint eine kaum hörbare Zukunftsmusik.

 

Eine veraltete Dualität von Kopf- und Handausbildung, auch „duales Schulsystem“ genannt, zielt weit an der Realität vorbei. Sie hatte eher eine gesellschaftlich-politische Bedeutung als den Menschen und ihren Gaben gerecht zu werden. Bei mangelnden Alternativen wird häufig mit den Füßen abgestimmt.

 

Schule verwechselt „begabte Kinder“ gerne mit „schwierigen Kindern“. Viele von ihnen werden mit AOSF-Verfahren bedacht und gerne an Förder- oder Sonderschulen, auch heute noch, abgeschoben.

 

Intelligenz

Wenn wir davon ausgehen, dass alle Kinder begabt sind, mögen sie doch verschiedene Intelligenzen mitzubringen.

 

Intelligente Kinder zu finden kann heute nicht mehr der Zuordnung zu einem Intelligenzquotienten überlassen werden. Alle Menschen werden gleich intelligent geboren, erst das Leben, oft genug die Schule, macht sie verschieden klug.

 

Der IQ steht seit langem erfolgreich in der Kritik. Auch die Heterogenität und Diversität von Intelligenz schafft erst die Herkunft und der Werdegang. Noten, wie etwa eine 1.0, geben laut Hirnforschung oder pädagogischer Erfahrung selten Hinweise auf die Intelligenz von Kindern.

 

Die Klassen- oder Schichtenherkunft von Kindern, also der Grad der Bildung in der Familie, tut sein eigenes gerade in einem selektiven Schulsystem, um die Zuordnung von Intelligenz bei Kindern und deren Behandlung in Schule zu dirigieren. Viele Lehrer fördern nur für sie intelligente Kinder. Sie wiedererkennen die eigene bürgerliche als richtige Intelligenz, nicht die verschiedenen Varianten aller Menschen.

 

Die Lehrkräfte, meist selbst Kinder der Mittelschichten, vernachlässigen eher Unterschichtler, Migranten und Flüchtlinge. Auch sind Schulen entsprechend der Wohngegend sehr verschieden unterwegs.

 

Nach meinen Erfahrungen reagieren auffallend intelligente Kinder nicht, wie in älterer Literatur gerne beschrieben, als besonders ehrgeizige, sich rasch eine Disziplin aneignende, „Streber“. Diese Schüler gibt es weiterhin, aber es gesellen sich solche vermehrt hinzu, die sich „bewusst“ am Mittelmaß der Klasse orientieren und Anstrengungen ausweichen.

 

Ihre sozial emotionale Entwicklung kann in keinem Verhältnis zu ihrer Intelligenz stehen. Anderseits durchblicken sie die Verhaltensstrategien der Erwachsenen leicht oder es fehlt ihnen an Verständnis dessen, was der Erwachsene von ihnen will.

 

Es gibt die Tendenz zu uns auffälligem Verhalten. Wir glauben einem besonders ausgeprägten kindlichen „Omnipotenz“verhalten zu begegnen, oft in Verbindung mit aggressivem Verhalten, oder „Ausschlussspielen“ und „Mobbing“ in der Klassengemeinschaft.

 

 Vieles kann bewusst oder unbewusst als Ausdruck der Bedingungen von den Kindern ausgehen. Es kann sie aber auch betreffen. Die Kinder sind nicht die Täter, sie sind die Opfer. Diese Kinder erscheinen oft hilflos, ihnen fehlen Beziehungs- und Entwicklungserfahrungen der Erziehung und des Aufwachsenkönnens. Ihnen fehlen oft bessere Schulen.

 

Folgendes scheint vielen Kindern gemeinsam:

Wir nennen sie Hochsensible, Hochbegabte, Emotions- oder Lerngestörte, Teilbegabte, Intelligente, Auffällige, Schüler*innen, ADHSler oder Lernende.

 

Sie sind einsam. Es fehlt ihnen an Freunden, die ihnen „gewachsen“ sind. Sie suchen Freunde. Sie suchen sich selbst. Sie suchen erwachsene Vorbilder.

 

Sie brauchen Menschen die erwachsen wurden und sich noch an die eigene Kindheit erinnern.

 

Sie brauchen jenes wohl ausgewogene Gleichgewicht von Liebe, Unversehrtheit und Freiheit im erzieherischen Bereich.

 

Sie brauchen das wohl ausgewogene Verhältnis von eigener intrinsischer Übungskultur und Arbeitsinhalt selbständiger, selbst organisierter Formen des projektorientierten Lernenlernens.

 

Sie brauchen kompetente Begleitung von „Lehrern“ von innerhalb und außerhalb der Schule. Kinder suchen oft kompetente Pädagogen und Fachleute.

 

Kinder negieren gerne Bedrängung, Aufsicht oder Kontrolle. Sie brauchen zuverlässige Erwachsene, die Zeit und Verständnis für sie haben.

 

Sie brauchen ein „warmes Nest“, Raum für eigene zuverlässige Zeiten und Rhythmen, „reichhaltiges Futter“ bei optimaler Bewegungsfreiheit für ihre eigen-sinnigen Ausflüge.

 

Heutige Schulen können bei der großen Zahl der Kinder und bei der heutzutage üblichen Unterversorgung mit Lehrkräften Kindern nur bedingt helfen. Erschwerend kommt hinzu, dass auch veränderungsbereite Kolleg*innen heillos überfordert werden!

 

Nur die konsequente, sehr gut abgesprochene Zusammenarbeit mit Eltern macht es in vielen Fällen möglich diesen Kindern bei der Entfaltung einer freien und „gesättigten“ Persönlichkeit zu helfen.

 

Sie brauchen einen demokratischen Hintergrund einer guten schulischen Atmosphäre, in der die Kinder aggressionsarm und kooperativ, normal und frei reagieren können.

 

Kinder sollen systematisch an der Organisation ihrer Lernerpersönlichkeit arbeiten können, um immer selbständiger, selbstbewusster und bewusster sich auf das eigene Leben jetzt und in Zukunft, und den eigenen Anspruch einstellen zu können.

 

Sie brauchen einen Ort und Menschen, wo das Lernen Spaß macht.

 

Sie sollten ihr eigenes Lernen füttern und ergänzen können durch Erwachsene, die gemeinsam individuelle Lernlandschaften anbieten. Es gilt ihre Lernbereitschaft zu erhalten, ihren Lernwillen zu stärken, um zumindest in Teilbereichen ihren Begabungen gerecht werden zu können.

 

Wann immer es die psycho-soziale Entwicklung und die Entwicklung des Arbeitsverhaltens zulassen, helfen wir diesen Kindern ihre Grundschulzeit zu verkürzen oder zu verlängern. Schulzeiten sollten nicht mehr als „Pflicht“ angesehen werden, sondern als Orientierungen und Angebote.

 

Wir brauchen die Öffnung der Jahrgangsklassen hin zum Altersgemischten Lernen, Arbeitsgemeinschaften, Lernprogramme der elektronischen Medien, Seminare und Vorlesungen in Kinderunis, Lernwerkstätten und offene Fachräume.

 

Leadershipausbildungen für Kinder, das Lernen außerhalb der Schule, Lernen in der Region und andere besondere Maßnahmen sind weitere Mittel, die das Lernen aller Kinder fördern und fordern.

 

Unsere Kinder brauchen mehr und bessere Lehrkräfte.

Intelligente Kinder brauchen intelligente Lehrer*innen. Davon gibt es nicht viele. Viele stellen sich erst gar nicht der Anpassungserziehung der Lehrer*innenbildung. Wer es trotzdem tut ist in der Regel aufsässig und eigen-sinnig.

 

Gerade solche Schulleitungen, die selber „durchschnittlich“ sind, erkennen die Potentiale solcher Lehrer*innen selten.

 

Zu oft wird nicht wirklich geeigneten Menschen durch die Lehrer*innenbildung geholfen, zu oft stellen Schulleitungen minder qualifizierte Kräfte ein, weil sie keine anderen bekommen oder erkennen.

 

Zu oft wird bei Noten, Zertifikaten und Abschlüssen gefuscht, anstatt eine solide glücklich machende Ausbildung anzubieten. Zu viele Ausbilder*innen sind so schlecht wie es ihre Auszubildenden einmal werden.

 

Andere ergreifen erst gar nicht den Lehrer*innenberuf, weil er im Vergleich miserabel entlohnt wird. Wieder andere wissen um die niedrige gesellschaftliche Anerkennung und das Ausgebranntwerden durch die täglichen Anstrengungen.

 

Forderungen an bessere Lehrer*innen

Wir brauchen Lehrer*innen aus Unterschichten. Es geht nicht an, dass ein Drittel bis die Hälfte aller Schüler`*innen und ihre Bedürfnisse nicht verstanden werden. Es geht nicht an, dass in der Kindheit bereits der Grund für Unzufriedenheit, Armut und Unbildung gelegt wird.

 

Wir brauchen Lehrer*innen, die ihr eigenes Aufwachsen bearbeitet und verstanden haben. Wir brauchen Lehrer*innen, die um den Zusammenhang ihrer Erziehung und ihrer Haltung und Handlung als Lehrkräfte wissen.

 

Wir brauchen demokratische Persönlichkeiten, die den Kindern ohne Machtgelüste auf Augenhöhe begegnen können.

 

Wir brauchen Lehrer*innen, die die Menschenrechte für Kinder und sich selbst durchsetzen.

 

Wir brauchen Lehrer*innen gute Lehrerinnen, die psychisch gesund sind.

 

Wir brauchen glaubwürdige, demokratische, intelligente und fachlich hervorragend gebildete Persönlichkeiten.

 

Wir brauchen Lehrer*innen, die auf die Kooperationsangebote von Kindern und Jugendlichen adäquat eingehen können.

 

Wir brauchen Lehrer*innen, die nicht übergriffig werden.

 

Wir brauchen Lehrer*innen, die keine Macht über Menschen haben wollen

 

Wir brauchen Lehrer*innen, die anderen die Verantwortung für das eigene Lernen lassen.

 

Wir brauchen Lehrer*innen, die verantwortlich für die eigene Haltung, Handlung und das eigene Lernen sind.

 

Wir brauchen Lehrer*innen, die nicht unter-richten, sondern Lernlandschaften anbieten können.

 

Schlussbetrachtung

Ich glaube, dass wir unseren Kindern immer nur beibringen, was wir selbst begreifen oder als Möglichkeit des Begreifens erkennen. Ich glaube, dass wir als Menschen in unserer Gesamtheit immer mehr begreifen und versprachlichen können und unsere Kinder so mehr lernen als wir je lernen konnten. Meine Generation konnte lernen, dass es Begabungen nicht gibt. So wie wir erleben, dass wir „behindert werden“, „werden wir begabt“. Wir lernten unseren eigenen Kindern den Weg zu „ihren freien Geistern“, zu ihren individuellen Rechten zu ebnen. Diese Kinder und deren Kinder fordern mehr von uns, ihnen und sich selbst. Sie wollen nicht nur Raum und Zeit für „Begabungen“, eigene Interessen, ihr Interesse an Leben realisiert haben. Sie wollen wissen wie das geht.

 

Die Schule der Zukunft – falls Lernen in dieser Form stattfindet – wird wissen, wie jeder Mensch frei zu seinen Inhalten und Formen findet und diese zu einer Meisterschaft ausbaut!