Ulrich Hecker

 

Warum nicht Freie Texte selber schreiben

 

Rezension

 

 

 

 

SCHREIBWERKSTATT STATT AUFSATZUNTERRICHT

 

 

 

Etwas zu sagen haben - und es sagen können!

 

Der "Freie Ausdruck" ist ein Herzstück der Freinet-Pädagogik. Ihm sollte ein breiter Raum im Deutschunterricht eingeraumt werden, damit sich Schülerinnen und Schüler in ihrer Sprache wirklich wiederfinden konnen, sie ihnen also wirklich "Mutter-Sprache" sein kann, und nicht ein System abstrakter Anforderungen und Strukturen.

 

 

 

Freier Ausdruck namlich, in Schriftform gebracht, ergibt die Praxis der Freien Texte im (Deutsch-)Unterricht:

 

Alle Arten von Texten, alle Ausdrucksformen und Inhalte werden akzeptiert und gefordert. Ziel dabei ist die Erfahrung der Kinder und Jugendlichen, dass sie selbst Dinge mitzuteilen haben, die andere interessieren können. Wohlgemerkt: Diese Erfahrung mus Unterricht vermitteln!

 

 

Diese Erfahrung bewirkt gleichzeitig eine Aufwertung der Schulerpersonlichkeit und eine Steigerung der Motivation fur den weiteren Lernprozesses.

 

Es geht um einen "authentischen Selbstausdruck": "Am Anfang geht es vor allem darum, den Ausdruck aus angelernten Strukturen zu 'befreien', schulische Allgemeinplatze abzubauen." (1)

 

 

Celestin Freinet hat diesen grundlegenden Ansatz "naturliche Methode" genannt:

 

"Unsere naturlichen Methoden beruhen auf genau denselben Prinzipien, nach denen seit Menschengedenken Kinder sprechen und laufen gelernt haben.

 

 

Niemand ware auf die Idee gekommen, das dazu Regeln, Aufgaben und Unterricht

 

notwendig seien.

 

... indem man spricht, lernt man zu sprechen; indem man schreibt, lernt man zu schreiben ..." (2)

 

 

Gerade in der Sekundarstufe I aber stößt der freie Ausdruck immer wieder auf Grenzen, die sehr oft durch die bereits erfolgte Anpassung der Schüler an die Normen der Institution Schule bedingt sind.

 

 

Regt ein Lehrer seine Schülerinnen und Schüler an, doch "einfach" einmal aufzuschreiben, was ihnen wichtig ist, so wird er oft feststellen, das die Schüler ratlos und hilflos sind! Abwehrhaltung von Schülern wird man erleben müssen, Mangel an Individualitat zugunsten von Klischees, fehlendes Selbstvertrauen, dass sich in dem Gefühl äußert, "nichts zu sagen zu haben", schließlich mangelnde Aufmerksamkeit zu den Klassenkameraden.

 

 

Dieser Zustand ist bedingt durch den vor-herrschenden Aufsatzunterricht: Schülerinnen und Schüler werden der Sprache entwohnt. Schreiben ist ihnen äußerlich abverlangt, kaum Werkzeug noch, sich selbst auszudrucken.Das wichtigste Ziel im Sprachlernprozes aber ist doch, das jede und jeder lernt, seine eigenen Schwierigkeiten beim Sprechen und Schreiben zu bewaltigen,

 

seine eigenen Sprech- und Schreibfahigkeiten zu entfalten. Dieser Zielsetzung entsprechend sollte jede geleistete Arbeit zwar als prinzipiell verbesserungswürdig und -fähig angesehen werden - nicht aber als ein Mittel, die Schwächen des Schülers (rot!) zu unterstreichen!

 

 

Freies Schreiben - sich frei schreiben

 

Den Grundgedanken freier Texte hat Walter Hovel auf die kurze Formel gebracht:

 

"Schreib wann du willst, worüber du willst, was du willst!

 

 

 

Er schreibt weiter: "Es geht also darum, die Schüler wirklich zu Wort kommen zu lassen, so wie sie es können und wollen und nicht, wie es eine bestimmte Aufsatzform vorschreibt, nicht, wie es der Lehrer gerne hatte, um überprüfen zu können, das die von ihm, dem Lehrplan oder dem Schulbuchverlag ausgesuchten Lehr- und Lerninhalte auch fein gelernt oder transferiert worden sind. Es geht darum, den freien Selbstausdruck des Menschen zu fordern, der die Schule nicht abtrennt vom Leben, von der Wirklichkeit. …

 

 

 

Es geht darum, die 'Fantasie der Menschen an die Macht' zu lassen, und diese menschliche Produktivkraft nicht zuzuschütten durch Rechtschreibübungen, Diktate, Grammatikpauken, Aufsatzlehre ... Im Gegenteil fordern Freie Texte größere Sicherheit im Ausdruck, im Denken, Analysieren, Abstrahieren, Rechtschreiben, Satzbau und ästhetischem Gestalten von Texten." (3)

 

 

 

Die ersten Schritte

 

Es fängt damit an, das Schulerz len bezogen auf fragwürdige Resultate ver-schulten Lernens also schon damit, das der Schüler/die Schülerin die Gewissheit haben kann, das das, was er/sie zu erzählen haben konnte, auch gefragt ist, wichtig genommen wird. Leider erfahren Schülerinnen und Schüler noch immer viel zu häufig das Gegenteil.

 

 

 

Wenn nun ein "Klima des freien Klassengesprächs", eine "Klassenöffentlichkeit"sich zu entfalten begonnen hat, dann lernen Schüler erzählen, berichten: sich verständlich auszudrucken, Zusammenhänge zu erläutern, anderen zuzuhören, sich für andere zu interessieren.

 

 

 

Und wenn diese offene Atmosphäre entsteht, dann wird sich dieser freie

 

Schulerausdruck auch in Texten artikulieren.

 

 

 

Schreib-Techniken

 

Doch wie kann ich "freie Texte einführen"? Kolleginnen und Kollegen, die an Grundschulen unterrichten, und die diese Technik seit Jahren pflegen, tun dies überhaupt nicht: sie lassen die Kinder das schreiben, was sie wollen. Wenn aber durch einige Jahre Aufsatz- und Schreib"erziehung" das natürliche Schreiben verschüttet wurde, dann bietet sich als erster (Um-)Weg das Angebot von Schreibtechniken an: Formen des Schreibens werden erklärt und zur Verfugung gestellt, niemals aber Inhalte vorgeschrieben.

 

 

 

Mit der Zeit lernen die Schüler also eine Reihe von Methoden für das Schreiben eigener Texte, sie werden sicherer im Ausdrucken eigener Gedanken und Gefühle und können schließlich einen eigenen Stil finden.

 

 

 

Beispiele solcher Techniken:

 

  • Schüler wählen sich ein Adjektiv aus und schreiben dazu einen Text.

  • Schüler schreiben die Buchstabenfolge des Alphabets untereinander und

 

schreiben zu jedem Buchstaben ein Wort oder einen Satz.

 

  • Der Anfang einer Geschichte ist vorgegeben: "In einer dunklen Nachts einen Riesenknall …

  • " Zu einem selbstgewählten Thema schreiben Schüler Fragen auf.

  • Ein Text wird in Jugendsprache übersetzt.

    "Stell dir vor" - Schüler versetzen sich in die Rolle eines Millionärs, einer Sängerin, eines Ritters, einer Ärztin und schreiben z.B. "ihren" Tageslauf.

  • Träume werden aufgeschrieben.

  • Aus ausgeschnittenen Schlagzeilen und Überschriften wird ein neuer Text

 

zusammengeklebt.

 

 

 

Walter Hovel hat 55 solcher Schreibtechniken in einer anregenden Kartei für den Unterricht zusammengefast. (4)

 

 

 

Schreib-Ideen

 

Besonders für die erste Phase der Praxis freier Texte ist es wichtig, das Schülerinnen und Schüler sich wieder frei-schreiben. Verschiedene Sprach- und Schreibspiele sowie Schreib-Ideen sind dabei sehr hilfreich. Dabei geht es um Anregungen für diejenigen Schüler, die nicht wissen, was sie schreiben könnten. In den Anmerkungen einige erprobte Materialien dazu! (5)

 

 

 

Die jetzt im Unterricht entstehenden freien Schülertexte werden nicht mehr "für den Papierkorb" geschrieben. Sie werden verarbeitet und in vielfältiger Weise veröffentlicht:

 

Texte werden vorgelesen und besprochen, vielleicht in einer festen wöchentlichen Stunde dafur.

 

Jede Woche (oder anfangs jeden Monat?) schreibt jeder Schüler/jede Schülerin

 

einen freien Text.

 

Die Schüler können ihre Texte in einem Schnellhefter sammeln, oder

 

in der Klasse steht ein "Geschichten-Ordner", in dem alle entstandenen

 

Texte gesammelt werden.

 

Aus ausgewählten Texten können bunte oder thematisch gebundene Klassenzeitungen

 

oder Bücher entstehen, die dann einer über die Klasse hinausgehenden Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

 

In der Klasse gibt es eine Wandzeitung (Pinnwand), an der Texte ausgehängt

 

werden können.

 

 

 

 

Übrigens: Freie Texte sollten niemals mit einem roten Stift korrigiert werden!

 

Das Korrigieren des Textes - z.B. vor der Veröffentlichung - ist Sache des Verfassers. Dabei kann der Lehrer/die Lehrerin selbstverständlich helfen.

 

 

 

Oft ist bei den Schülern sehr beliebt, ihren Text mit der Schreibmaschine zu schreiben. Weitere Möglichkeiten: das Setzen in Blei- oder Holzlettern und das anschließende Drucken, Verarbeitung und Ausdruck mit einem Textcomputer, die Illustration von Texten, das Schonschreiben mit Filzstiften oder einem Kaligraphen. (6)

 

 

 

Möglichkeiten gibt es viele. Alle tragen dazu bei, dass Schülerinnen und Schüler erkennen: "Schreiben ist wichtig!" Und das sie so mit (Eigen-)Sinn Schreiben lernen.

 

 

 

Anmerkungen :

 

(1) Dietlinde Baillet, Freinet - praktisch, Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1983, S. 115 f.

 

2) Célestin Freinet in: "La Methode naturelle", zit. nach Baillet, ebenda, S. 46 f.

 

(3) Walter Hovel, Freie Texte - selber schreiben, Verlag Die Schulpraxis (Zehntweg 158, 4330 Mulheim), Mülheim 1987, Vorwort.

 

(4) a.a.O.: 55 Karteikarten (Vorderseite Deutsch, Rückseite Englisch), 21 DM.

 

(5) Josef Kasper, "Schreib los!" (Bildimpulse fur freie Schulertexte), ca. 200 S., Kaleidoskop (Flandersbach 47, 5603 Wülfrath),

 

Freiarbeit-Werkstatt Moers, "Schreib mal wieder" (Situationsbilder aus dem Schüleralltag als Anregung zum selber Schreiben), 60 S. Verlag Die Schulpraxis (s.o.), Mülheim 1987.

 

Trudi Schulte/Wilhelm Nüchter, "Erzahl (und) mal!" Jeweils 40 Bildfragmente zum Weitermalen und Geschichten schreiben, Band 1 und 2 Verlag Die Schulpraxis (s.o.), Mülheim 1987.

 

(6) Gerhard Sennlaub (Hg.), Es steht sogar im Lehrplan - Motivation und Beispiele für einen anderen Aufsatzunterricht, Agentur Dieck (Postfach1329 5131 Heinsberg, Heinsberg 1986