Michaela Watzke

 

Freinetpadagogische Entwicklungsreihe

 

Freier Text

 

(17. Juni 1999 - 19. Juni 1999)

 

 

 

Am Donnerstag, den 17.6.1999 trafen sich wieder über 30 Lehrerinnen und Lehrer aus verschiedenen Schultypen, wie auch aus dem Kindergartenbereich, um am 2. Baustein der freinetpädagogischen Entwicklungsreihe teilzunehmen. Die zweieinhalb Tage standen unter dem Schwerpunktthema "Der freie Text".

 

 

 

Als Referenten konnten die erfahrenen Freinetpädagogen Uschi Resch und Walter Hovel aus Deutschland gewonnen werden.

 

 

 

Schon in der Vorstellungsrunde, wo jeder sein Verständnis von freiem Text mitteilte, wurde uns klar, dass eine einheitliche Betrachtungsweise dieser Thematik kaum gefunden werden kann. Dies lag auch nie in der Absicht Célestin Freinets, der immer für die Vielfalt in seiner Pädagogik eintrat.

 

 

 

Der Freiheitsbegriff zu Zeiten Freinets bezog sich auf eine "Befreiung von verschultem Lernen". Für ihn stand das Zulassen der Organisation des eigenen Lernprozesses im Vordergrund. Der Lehrer und die Lehrerin helfen bei dieser Organisation des eigenen Lernprozesses, indem sie Anregungen und Impulse geben und über ein Repertoire an Techniken verfugen, die es Kindern ermöglicht eigene Texte zu erstellen und darin Sinn zu erkennen. Texte werden für Kinder sinnvoll, wenn sie dazu dienen eigene Erfahrungen anderen mitzuteilen.

 

 

 

Dies geschieht durch regelmäßigen Briefkontakt innerhalb der Klasse, mit Partnerklassen in anderen Ländern, durch Beitrage in eigenen Zeitschriften, durch Theateraufführungen, über das Internet usw.

 

 

 

So waren wir schon gespannt auf neue Techniken, die wir an uns selbst erfahren sollten. In vielen von uns keimten Ängste auf, ob uns das freie Schreiben gelingen wurde. Erinnerungen an die eigenen Schulzeit stiegen auf, wo Aufsätze oft "konstruiert" und unpassende Umschreibungen gewählt wurden, um nur ja nicht zu viele Rechtschreibfehler zu machen. Andere waren wieder voll Schreiblust und freuten sich sehr auf das konkrete Handeln. Hier sollen nun einige der Techniken vorgestellt werden.

 

 

 

Alle Möglichkeiten

 

Jeder schrieb 3 Begriffe auf, die einem wichtig sind. Sie sollten in all Ihren Kombinationen aufgeschrieben werden und zuletzt sollte ein eigener Schluss dazu gefunden werden.

 

 

 

Natur – Zufriedenheit - Lachen

 

Leben - lieben – lachen

 

Natur und Zufriedenheit

 

Leben und lieben

 

Zufriedenheit und Lachen

 

Leben und lachen

 

Lachen und Natur

 

Lieben und lachen

 

was will ich mehr?

 

 

 

Die Texte wurden vorgelesen und siehe da, lauter kleine Kunstwerke waren entstanden und kein Text glich dem anderen.

 

 

 

Diese Texte konnten nun mit Bildern kombiniert werden, ja kleine Bücher konnten daraus entstehen. Die Darstellung der Begriffe in Pantomime ergab ein lustiges Rollenspiel. Und das alles mit nur 3 Begriffen! Wir staunten und waren überhaupt nicht sprachlos.

 

 

 

Lichterklangtext

 

Der Raum wurde verdunkelt, kleine Teelichter wurden angezündet und jeder betrachtete den Kerzenschein, wahrend mit verschiedensten Materialien Klänge erzeugt wurden. Zu Licht und Klang sollte der Gedanke dazu aufgeschrieben werden. Anschließend erfolgte die Dichterlesung.

 

 

 

Wolkenscheinwörter

 

Wir setzten aus zwei Substantiven Wörter mit neuem Sinn zusammen. Z.B.: Steinschauer, Wasserblitz, Augensturz, Zauberzapfen....

 

Aus dieser Wörtersammlung können einige Wörter ausgesucht und Geschichten damit geschrieben werden. Es entstanden Texte, Gedichte, Wetterberichte, Liebesbriefe.

 

 

 

Ich-Texte

 

Ich bin wie eine Lampe, nur nicht so hell.

 

Ich bin wie eine Nadel, nur nicht so spitz. .

 

Ich bin wie mein Vater, nur nicht.....

 

 

 

Variationen:

 

Solche Ideen können im Sitzkreis gemeinsam entwickelt werden, z.B. 2 Adjektive, dazu ein Bild, eine Tätigkeit, ein Aber-Satz.

 

 

 

ich bin rund und groß,

 

ich bin ein Ball.

 

Ich kann.....

 

aber.......

 

 

 

Der nächste Tag begann für alle von uns mit einer faszinierenden Farberfahrung. Wir hatten uns je nach Vorliebe für die Farbe Rot oder Blau in zwei Gruppen aufgeteilt und verschiedenste Gegenstande in diesen Farben mitgebracht.

 

Der Morgen begann mit dem Tischdecken, wobei in getrennten Räumen auf rotem bzw. blauem Seidenpapier die Dinge nach Farbe getrennt aufgestellt wurden. Jede Gruppe setzte sich nun um ihren Tisch und jeder konnte seine Eindrucke, Gefühle und Wünsche mitteilen. Der gedeckte Tisch war Sprachanlass und auch Schreibanlass genug!

 

Trotzdem einige Impulse:

 

Wir wirkt die Farbe auf jeden?

 

Welche Gefühle werden mit der Farbe verbunden?

 

 

 

Dialog der Dinge

 

Die blaue Vase unterhält sich mit dem blauen Handtuch. Blau unterhält sich mit Rot. Gespräch mit der anderen Gruppe. Freier Text.

 

 

 

Es war uns ein Bedürfnis die zweite Farbe auch auf uns wirken zu lassen und jeder hatte so starke Eindrucke und Empfindungen, dass noch lange darüber gesprochen und geschrieben wurde. Solche Eigenerfahrungen sind in der Freinetpädagogik sehr wichtig.

 

 

 

Über unsere eigenen Eindrucke und Erfahrungen können wir auch die Reaktionen anderer, besonders unserer Schüler besser verstehen und akzeptieren.

 

 

 

Uschi Resch stellte uns ein Walprojekt vor, das sie mit ihrer Klasse durchgeführt hatte. Ein Schüler schrieb eine Walgeschichte, die solchen Anklang bei seinen Mitschülern fand, dass sie beschlossen daraus ein Theaterstück entstehen zu lassen. Eltern fertigten die Kostüme an und nach einigen Proben wurde die Walgeschichte den Eltern vorgeführt. Wir konnten die Geschichte durch ein Video miterleben und anschließend entspann sich eine rege Diskussion über besondere Begabungen der Kinder und über die Korrektur von freien Texten.

 

 

 

Danach bestand die Möglichkeit in angebotenen Ateliers eigene Texte zu verfassen oder die Druckerei zu benutzen.

 

 

 

Ebenso standen einige Computer zur Verfugung, um auch auf diesem Weg Texte zu schreiben und zu gestalten. Die Pausen dienten nicht nur der Erfrischung, viele Erfahrungen wurden ausgetauscht und so manche fühlten sich in der Art und Weise ihres Unterrichts bestärkt.

 

 

 

Am Nachmittag lernten wir die Rasterlyrik kennen. Dabei sollte ein Text zu drei recht anspruchsvollen Begriffen (Freiheit, Ich, Sprache) geschrieben werden. Wir konnten einen beliebigen Platz wählen, die Atmosphäre sollte stimmig sein. Wieder zusammen gekommen, setzten wir uns in kleinen Gruppen und lasen still die anderen vier Texte. Dabei suchten wir aus jedem Text eine Stelle, die uns besonders ansprach heraus und schrieben sie auf ein kleines Blatt. In der Zwischenzeit entstand an einer Wandtafel ein Rasterfeld, wo Spalten und Zeilen mit unseren Namen versehen waren. Das jeweilige Zitat wurde nun in das richtige Feld geklebt.

 

Bald war unser Raster voll. Nun schrieb jeder Teilnehmer der Gruppe einen neuen Text, wobei nur diese Zitate verwendet werden sollten. In der anschließenden Dichterlesung waren wir stolz auf unsere lyrischen Werke.

 

 

 

Ich war auf der Suche nach der Freiheit

 

doch es lief gegen mauern

 

das ich war auf der suche nach seiner sprache

 

doch es blieb stumm

 

das ich war auf der suche nach dir

 

doch es fand dich nicht

 

die sprache war auf der suche der freiheit

 

doch sie ging fehl

 

die sprache war auf der suche nach dem ich

 

doch sie verirrte sich

 

die sprache war auf der suche nach dir

 

doch du warst weg

 

die freiheit war auf der suche nach der sprache

 

doch sie war unauffindbar

 

die freiheit war auf der suche nach dem ich

 

doch es war verschollen

 

die freiheit war auf der suche nach dir

 

und endlich warst du da

 

 

 

Da wir an diesem Tag sehr stark gefordert wurden, gingen viele von uns recht müde, aber voll mit neuen Eindrucken und Erfahrungen nach Hause.

 

 

 

Am letzten Seminartag lernten wir weitere Techniken des freien Textes kennen. Besonders ansprechend waren Kettengeschichten, Schementexte und das Papierschnipselbild.

 

 

 

Alle drei Techniken verbinden künstlerisch-kreative Elemente mit dem freien Text.

 

 

 

 

 

Der Schementext

 

Auf ein Blatt Papier soll nach Anleitung mit schräg gehaltenem Bleistift nur schemenhaft gezeichnet werden. Zuerst sucht man in Gedanken einen Ort in der Natur, an dem man sich sehr wohl gefühlt hat. Nun beginnt man schemenhaft zu zeichnen:

 

zuerst die Bodenlinie in die Mitte des Blattes

 

die Horizontlinie

 

den Himmel (mit Wolken.... )

 

alles was sich unter der Erde befindet

 

alles was sich auf der Bodenlinie befindet

 

den Hintergrund

 

alles was tief unter der Erde sein konnte

 

sich selbst oder eine Kleinigkeit oder etwas Unsinniges, was nicht hineinpasst.

 

 

 

Nachdem nun ein Bild entstanden ist, beginnt man in der gleichen Reihenfolge seine Gedanken dazu zu schreiben.

 

auf die Bodenlinie

 

auf die Horizontlinie

 

in den Himmel

 

 

 

In der Dichterlesung trägt jeder seine Gedanken in der Reihenfolge vom oberen bis zum unteren Rand des Bildes vor. Bild und Text sind zu einer Einheit geworden.

 

Zu dieser Art von Text gibt es viele Variationsmöglichkeiten. Z.B. In der Großstadt, Phantasiewelt, eine Märchenszene, in Afrika..

 

 

 

Am letzten Nachmittag wurden wir in die Geheimnisse der Buchbinderei eingeweiht und stellten eigenhändig wunderschöne Mappen und Bücher her.

 

 

 

Wir alle waren beeindruckt, wie frei wir unsere Gedanken durch diese phantasievollen Techniken zu Papier bringen konnten.

 

 

 

Uschi und Walter hatten uns auf einen neuen Weg geführt und uns Impulse und Anleitungen zum eigenen Beschreiten gegeben. Wir waren nicht nur gekommen um Techniken abzuholen, wir hatten sie durchlebt, erlebt und ihre Ergebnisse in unseren Händen und Köpfen.

 

 

 

Kein Papier ist nötig um etwas nachzulesen, wir haben sie verinnerlicht. Das ist Lernen im Sinne von Célestin Freinet!

 

 

 

Vielen Dank an unsere Referenten Uschi Resch und Walter Hövel!