Walter Hövel

 

Arbeit mit freien Texten

 

 

 

Die gängige Definition

 

Freie Texte werden regelmäßig geschrieben. Sie werden geschrieben, wann und wo das Kind es wünscht. In vielen Klassen besitzen die Kinder dafür ein gesondertes Heft. Weder für den Inhalt noch für die Form gibt es irgendeine Vorgabe oder Einschränkung. Die Lehrer geben keinerlei wertende Kommentare ab. Die Kinder schreiben und zeichnen wirklich das, was sie wollen. Auch die Auswahl des Materials, auf dem der freie Text

 

verfasst wird, erfolgt alleine durch das Kind.

 

 

 

Freie Texte sind, wenn das Kind es zulässt, Anlass für einen Dialog. Wer einen freien Text verfasst hat, kann ihn der Klasse vorstellen. Es kommt zum Gespräch und vielleicht entscheidet sich die Klasse dafür, den Text zu drucken. In diesem Fall wird der Text mit Hilfe der anderen Kinder und des Lehrers auf grammatikalische und orthographische Fehler hin untersucht. Die letzte Entscheidung bleibt aber dennoch bei dem Kind, das den Text geschrieben hat.

 

 

 

In ihnen spiegeln sich die ganze Erfahrungswelt des jeweiligen Kindes, seine Gefühle, Erlebnisse und Gedanken. Es kann sich über die Texte ausdrücken.“

 

 

 

Der Text gehört dem Kind - Das Kind drückt sich aus

 

 

 

Wie ist der Freie Text entstanden?

 

Die Entwicklung des freien Textes geht auf Celestin Freinet zurück. Seine Frau, Elise Freinet*³ schildert den Vorgang der Entstehung des freien Texts so: Freinets erste Veränderung des herkömmlichen Unterrichts besteht darin, dass er mit den Kindern den Klassenraum verlässt, um im Freien, außerhalb der Schule zu lernen. Dies nennt er die „Spaziergangsklasse“. Hierbei ging es ihm um Entwicklung von „Aufmerksamkeit“ (Wygotsky, Leontjew, Galperin) „ein ständiges Suchen mit den Augen, den Ohren, mit allen für den Zauber der Welt offenen Sinnen“ (Comenius, Kükelhaus), um „Entdeckungsreisen“, „den Beginn des Erfassens der Welt“ (W.G. Mayer), um eigene „ausgetauschte und gemeinsame Erfahrungen.“ „So wurde“ fährt Elise Freinet fort, „die kindliche Seele befreit“. So entstand der freie Text als Aufschreiben des Erlebten, als Ausdruck dessen, was die Kinder beeindruckt hatte.

 

 

 

Die Welt entdecken

 

 

 

Der freie Text ist „eine Technik des Lebens“. Der Kern und Ausgangsgedanke des freien Textes ist die Freiheit der Natur, der Welt so wie des Lebens in die Schule zu holen. Die Kinder werden befreit von der Muffigkeit der Schulklasse, von der Dummheit, Langeweile und Manipulation der Schulbücher, von einem Lernverständnis, das den Kindern Wissen eintrichtern zu können glaubt.

 

 

 

Mit der Sprache, der eigenen Sprache sollen die Kinder die Schule verlassen lernen, nicht erst nach dem Erlernen der Sprache und der Schulinhalte, sondern zum Erlernen und

 

Lernen in und mit der Sprache selbst. Die Verschriftlichung der selbst erfahrenen Inhalte des Lebens macht den freien Text zu einem Freien Text. Die Form des Arbeitens ist zunächst sekundär.

 

 

 

Die Entdeckung des Schöpferischen, der Freiheit und der Kraft des Ausdrucks des Kindes, wird als selbst befreiende, sich selbst organisierende und selbst bestimmende Lern-Kompetenz- Erweiterung und –selbstausbildung erfahren.

 

 

 

Der Sinn des Freien Textes

 

Das Freie-Texte-Schreiben ist nicht dazu da auch noch die Phantasie der Kinder zu didaktisieren, die Kinder gegen die Langeweile des „Schreibunterrichts“ durch ihre „eigene Fähigkeit um Schreiben“ zum Schreiben-Lernen zu motivieren. Echte Motivation entsteht durch das „Hereinholen des Lebens“, durch die sprachliche Formulierung der eigenen Wahrnehmung, des eigenen Denkens und Handelns, durch die Kraft der Sprache als Ausdrucksmittel der Wirklichkeit für alle erfahrbar und andere vermittelbar. Es entwickelt sich die vorhandene Fähigkeit des mehr und mehr gekonnten Benutzen der lebendigen Sprache, die Entwicklung des eigenen Sprachlernens und „Lernbesprechens“, womit die sprachliche Reflektion und Evaluation des eigenenLernens gemeint ist.

 

 

 

Die eigene Sprachfähigkeit erkennen und entwickeln

 

 

 

Es soll die ständige Suche nach der Sinnhaftigkeit (Viktor Frankl) einer lernenden Schule und des Lernens der Kinder beinhalten, also dem Lernen –gerade für Kinder nachvollziehbar – Sinn geben. Der Sinn des Schreibens ist im Zusammenhang vonKonstruktion und Selbstkonstruktion von Welt, Mensch und Sprache zu suchen.

 

 

 

Eigene Texte schreiben, sachlich, lyrisch,prosaisch, in einer anderen Sprache oder Schrift, mit der Hand geschrieben, altmodisch gedruckt, getippt und gestaltet am Computer, gemailt oder gesimst, die Fähigkeit zum persönlichen Ausdruck führt zur Fähigkeit der Kommunikation und Kooperation.

 

 

 

Daher stellen wir der Definition von Freien Texten voran zu: „Die Technik des Freien Texts ist eine Technik des Lebens“. Das Schreiben darf aber gegenüber dem mündlichen Sprachgebrauch nicht überbetont werden! Wir dürfen nicht das freie Erzählen, das Berichten, das nicht wirklich kontrollierte Herumplappern und Formulieren eigener Theorien und Hypothesen, das Blödeln und Lachen, das Weinen und Beklagen, das Fabulieren, das Fragen nach Gott und der Welt, das Rollenspielen, das freie und gebundene Spiel mit Sprache und Ausdruck vernachlässigen.

 

 

 

Das Leben hereinholen

 

 

 

Wir müssen uns immer wieder Zeit nehmen, damit Kinder sich selbst, ihre Gefühle, ihre Erlebnisse, ihre Phantasien, ihre Gedankenflut, ihr Inspirationen und Intuitionen in freier Rede ausprobieren, erfahren, erforschen, verändern und sich zu eigen machen dürfen.

 

 

 

Das fördernde Prinzip des Freien Textes

 

Unsere Aufgabe als fördernde und fordernde Erwachsene ist es, Ideen zum Schreiben zu liefern, den Respekt vor dem Geschriebenen des anderen zu provozieren, die Schreiblust hoch zu halten, die Begegnung mit inspirierender Literatur anzubieten und zu organisieren, mitschreibend mitzureißen, das Kind immer wieder zu verstärken seinen ureigenen Weg des Schreibens zu finden, die Entwicklung jedes Einzelnen und der schreibenden Gruppe voranzutreiben. Wir wollen das Reden über Literatur und Schreiben

 

und Lesen am Leben erhalten, die Fähigkeiten des Evaluierens des eigenen Schreibens entwickeln, den Kindern immer wieder klar machen. Es gilt eine Sprache zu beherrschen, die sonst sie beherrschen könnte.

 

Die Dichterlesung, der Kreis, der Vortrag, die Präsentation in der Klasse oder auf der Schulversammlung, der Austausch per Mail oder das Vorlesen mit Webcam und Mikrophon in der Netzverbindung mit schulischen Partnern sind die Orte, wo zunächst Kinder ihre Texte würdigen, kritisch verbessern, ihr Schreiben vorantreiben lernen. Es ist die Lust sich selbst zu verbessern, die Freude sich selbst zu fordern und Zuhörer als Förderer und Freunde zu erfahren.

 

 

 

Herummäkeln und an den Rand oder darunter geschriebene Korrekturen, rotes Anstreichen von Texten, zwangsweises kompensatorisches Üben, Abschreiben um zu festigen, zu wiederholen und einzuschleifen, benoten um ab- oder aufzuwerten, Texte ungefragt „bearbeiten“, die vielen anderen Erfindungen eines jahrhunderte alten Schreibunterrichts oder gar das Bestrafen von Kindern durch Abschreib-Strafarbeiten gehören nicht in unsere Schule!

 

 

 

Auch das „aufgeklärt-abgeklärte“ Bestücken mit Förderplänen, Förderprogrammen oder „förderunterrichtlichen Maßnahmen“ gehört nicht in unseren Deutschunterricht.

 

 

 

Wir müssen jeden Tag, jede Woche, jedes Schuljahr, die gesamte Grundschulzeit jedes Kind davon überzeugen, dass Schreiben Spaß macht, Schreiben beim Lernen hilft, Schreiben Lernen ist und Lernen und Schreiben das ganze Leben lang Freude bereiten!

 

 

 

So ist das Freie Schreiben, mit dem eigenen Lesen, dem Freien Ausdruck in Spiel und Darstellung und dem zentralen mündlichen Ausdruck der Kern des Deutschunterrichts unserer Schule.