Ein Handy-Interwiew mit Walter Hövel

von Lisa Perkmann
Wird die Kunst uns retten?
Ein Dialog von jung und alt
Ich schrieb meine Arbeit an der Uni Bozen in Italien zum Thema Gemeinschaft und Teilhabe in einer vereinzelten Welt – neue Impulse zur kulturellen Gestaltung fernab von ökonomisierten Lebensräumen,
2022
L.P.: Meine erste Frage wäre: Wo zieht es Sie hin, welche
besonderen Ziele treiben Sie an?
W.H.: Als Kind der Unterschichten wusste ich immer,
dass ich Lehrer werde. Ich war der erste in „meiner“ gro-
ßen Familie mit 30 Onkeln und Tanten. Meine Volks-
schullehrerin erkannte meine „Be-gabung“ und schickte
mich zum Gymnasium. Ich konnte selbst vielleicht drei
Wörter Englisch, aber ich wollte schon im Kindergarten
Englischlehrer werden. Später kam Kunst dazu. Meine El-
tern waren Nazis und versuchten mich in diesem Sinne zu
erziehen. Mit 14 oder 15 wechselte ich meine Gesinnung.
Ein Klassenlehrer beauftragte mich mit einem Referat
über den russischen Bürgerkrieg. Ich merkte, dass etwas
nicht stimmte. Mit ungefähr 20 wurde ich Kommunist.
Mit 25 begriff ich aber, dass jede gesellschaftliche Verän-
derung nur über die Anerkennung der Menschenrechte ge-
hen konnte. Ich wurde Anhänger von Antonio Gramsci,
den Freinets, von Janusz Korczak und vielen Künstlern
wie Max Ernst, Agosto Boal und später John Lennon.
Ich lernte weiter zunächst in der Schule, dann mehr und
mehr vom Lernen selbst. Ich lernte, dass die Befreiung
der Menschen nur das Werk von Menschen sein kann. Ich
musste Vertrauen entwickeln. Das fällt mir bis heute sehr
schwer! Ich entschied mich zunächst wollte ich nur
Lehrer für und mit den Menschen sein eine Schule zu
leiten und diese anders zu machen als ich sie erlebte und
erlebt hatte. Ich ging nicht zur Schulaufsicht oder wurde
Prof an einer Uni. Seit 1992 mache ich allerdings auch
Hochschularbeit. Ich mache Seminare an der Uni Bremen
und Worchester. Ich half Prüflingen beim Denken und
Schreiben ihrer Arbeiten an der TH Köln und arbeitete
fast 10 Jahre dort mit Lehrtätigkeiten.
Ich weiß nicht, wie lange ich lebe. Ich machte „meine“
Schule und gebe „mein“ Wissen weiter. Ich lebe/lebte in
meiner Zeit. Ich versuche Andersdenken zu begreifen.
L.P.: Sehr spannend Ihre Einzelheiten, jetzt schwer aus
dem Kontext in Detail nachzuvollziehen ... aber im We-
sentlichen ist der geschichtlich-kulturelle Kontext auch in
Ihrer Geschichte wichtig, wie ich sehe. Gibt es für Sie we-
sentliche Unterschiede, ob sie als Sozialpädagoge oder
Pädagoge "auf die Bühne gehen"?
W.H.: Pädagogen sind nur Hilfskräfte der Lehrer (Lehre-
rinnen, wie Schülerinnen gibt es erst später in der Ge-
schichte). Schon vor Aristoteles gab es eine Unterschei-
dung von Lehrern und Pädagogen. Er, Aristoteles als
Lehrer, brachte den „Söhnen der Oberen“ das Fragen bei.
Die Pädagogen lehrten „Fächer.“ Sie holten die Kinder
nicht nur zu Hause ab, wo ihr Name herkommt. Sie sind
Abholer.
Zum 2. war die Erziehung in Händen der Kirche und Reli-
gion. Der Staat hat erst vor 70 Jahren die Oberherrschaft
errungen. Es ist kein Zufall, dass wir immer noch - wie in
der Kirche - Seminare in Pädagogischen Instituten, Hoch-
schulen oder Lehrer*innen-Seminaren, etc. kennen. Erst
später wurden Universitäten als staatliche Ausbildungs-
stätten zuständig.
Zum dritten komme ich aus einem Land, das noch immer
die äußere Unterscheidung der Schulen kennt. Ich kenne
Kindergärten (in Frankreich ist es eine Schule) und ver-
pflichtenden Grundschulen, die alle Kinder des Volkes
ausbilden. Lehrerinnen und Lehrer haben eine noch im-
mer unterschiedliche Aus-Bildungen. (In Skandinavien
werden alle Pädagoginnen gleich ausgebildet.)
Dann kommen die Lehrer*innen der Pflicht-Schulen der
SekI, und der Sek II. Sie sind heute noch unterteilt in
Haupt- Gesamt-, Sekundar-, Sonder-(!) oder Förder-, Be-
rufs-, Real-, offenen Ganztagsschulen und der Unter- und
Mittelschule der Gymnasien. Alle sind in Deutschland
Pflichtschulen. Auch in ihrer Ausbildung sind sie sehr
verschieden. Zudem werden Lehrer*innen und Erzieher
*innen „höherer“ Schulen sehr verschieden bezahlt. Und
du fragst mich nach einer freiwilligen Einordnung?
L.P.: Gesellschaftliche Dynamiken, die räumlich verein-
nahmend den menschlichen Lebensraum zunehmend be-
grenzen und geistig die menschliche Denkweise „kolonia-
lisieren“ können, müssen sozialpädagogisch adressiert
werden (denken wir an Neoliberalismus etc.): stimmen
Sie mir zu bzw. wenn nicht, warum?
In Südtirol gibt es im städtischen Raum nahezu keinen öf-
fentlichen Platz, auf dem kulturellen und sozialen Ange-
boten „frei“ beigewohnt werden kann, ohne nicht etwas
konsumieren zu müssen: alles ist „touristisch“ aufgeputzt
und kommerziell, die einheimischen Subkulturen und ge-
sellschaftlichen „Spielwiesen“ werden verdrängt. Gleich-
zeitig ist der Mensch immer eingeschränkter in seiner
Entscheidungsfreiheit, neoliberale Denkweisen (Deu-
tungsmuster, Handeln nach Plausibilitäten), Konsum,
Leistungsdruck etc. nehmen Überhand über gemein-
schaftliche Denkweisen...
W.H.: Gesellschaftliche Dynamiken müssen nicht begren-
zen. Konsum hat unsere Ernährung ersetzt. Wir leben um
zu konsumieren.
Seit dem Wegfall einer „sozialistischen Realität“ (Ab-
schaffung der Sowjetunion) haben wir mit der Durchsetzung des Kapitalismus zu tun, der Reichtum immer mehr

auf immer weniger Menschen konzentriert. Die Auswir-
kungen sind eine Katastrophe und werden mehr Krieg,
Arbeiten für andere, Ausbeutung, Umweltzerstörung, etc.
folgen lassen. Entweder dieses System wird an seiner ei-
genen Nicht-Verwaltungs-Fähigkeit wie alle anderen his-
torischen Reiche zugrunde gehen und abgelöst werden,
oder wir werden einen oder mehrere Kriege überleben -
und wie vorher „Freiheit“ weiter entwickeln - oder wir se-
hen dem Ende der Menschheit entgegen. Vielleicht ist es
auch nur das Ende unseres Lebensstandards, dessen, was
wir „Zivilisation“ nennen. Vielleicht ist es aber auch nur
ein weíter so, mit unserer Überbevölkerung, Zerstörung
der Umwelt, Werbung, vollkommen falscher Ernährung,
Regierungen im Sinne der Reichen. Vielleicht werden
Teile besser, andere noch schlechter.
Unsereins (mein Alter) suchte noch eine Definition und
ein Dasein mit Freiheit. Deine Welt (Dein Alter) muss
sich im jetzigen System der Verschiedenheit und Unwahr-
heiten zurecht finden. Es hängt davon ab, welche Men-
schenrechte ihr rettet. Inhalte der Vergangenheit wie Fa-
schismus, Kaisertum, Frauenfeindlichkeit, Erziehung, etc.
scheinen in den alten Formen überwunden. Wir sind, den-
ken, fühlen und leben anders als unsere Vorfahren.
L.P.: Das ist eine spannende Antwort ...ich erinnere mich
an Ihren Satz mit der Verschiedenheit ist nicht gleich
Freiheit. Würden Sie das auch den Menschen so sagen,
mit denen Sie sozialpädagogisch tätig sind?
W.H.: Eben bei manchen Studis nicht. Sie fragen „im
Notfall“ die Kinder selbst (besonders spannend, wenn die
Kinder noch nicht sprechen können). Ob ich das auch von
Dozenten und Professoren sage? Hier bin ich mit viel we-
niger zufrieden. Manche wiederholen nur, was sie lasen.
Viele sagen viel Quatsch, andere sprechen die von ihnen
gelernte Ideologie nach, einige erinnern sich an Zeiten ih-
rer Kindheit und Arbeit. Hierbei kommt es darauf an, wie
sie gelernt haben zu denken. Die meisten passen sich an.
Leider prägt der Beruf.
L.P.: Ist Kunst und Kultur ein Bereich, den besonders Ju-
gendliche und Heranwachsende brauchen, um Selbst-
und Weltverhältnisse herzustellen?
W.H.: Jetzt trenne ich Kunst von Kultur. Ich halte Kunst
für ein individuelles Mittel um sich aus-zudrücken. Ich
bin ein Fan des „Freien Ausdrucks“. Ich glaube, dass wir
zu viel denken, reden, ... wir können mehr „sinnen“, tan-
zen, malen, spielen, filmen ... Ich glaube, auch mehr
schreiben.
Wie komme ich zur Kunst? Ich weiß es nicht. Vielleicht
über Max Ernst, der mit seinem Bild „Maria schlägt das
Jesuskind immer noch“ alle Nazis und Katholischen, auch
über das Rheinland hinaus zu Lebzeiten mehr verärgerte
als mit Worten.
Mit der Kunst scheine ich selbst „unsicher“. Vielleicht ist
sie mir als freier Ausdruck zu selbst-verständlich. Viel-
leicht ist sie mir zu alltäglich. Ich sehe nur, dass wohl
Schrift und Sprache aus dem Malen und dem
menschlichen Sich-Ausdrücken hervorgehen.
Dozent*innen an der TH Köln lassen das Comiczeichnen,
Filmen, Fotografieren, Postergestalten, Gemaltes und je-
der Form von Zeichnungen, etc. zu, während das Prü-
fungsamt das bekämpft. Ich weiß nicht, ob einige Do-
zent*innen aufgegeben haben oder mit der Bekämpfung
leben oder sie selbst betreiben. Ich weiß nicht, ob sie die
Entwicklung der Ästhetik bei jungen Student*innen för-
dern. Es ist bei vielen nur“ eine „Sensibilisierungs- oder
Mit-Kindern-arbeiten-können-Phase“.
Ich habe in meiner 2.Ausbildungsphase zum Entsetzen
meiner Fachleiterin gesagt, dass ich glaube, dass „Kunst“
immer ein Auftrags- und Geldanlegeplatz der Reichen
(nach der Aufteilung der Menschen in arm und reich)
schon vor Hunderten von Jahren war. Heute würden somit
die meisten Künstler*innen in den Medien arbeiten. Oder
sie oder er wie mein guter Bekannter Giovanni Vetere
übrigens ein (Süd)-Italiener aus Kalabrien von den „Ex-
pert*innen“ so gefördert wird, dass er seit Jahrzehnten
von seiner Kunst lebt. Er ist über 80.
Vielleicht ist die Kunst der Ausstieg aus der Macht oder
Ökonomisierung der Pädagogik (Freinet, Bauhaus), Sozi-
alpädagogik oder Wissenschaft?
L.P.: Was macht die Sozialpädagogik für aus- und ent-
grenzte oder orientierungslose Menschen, um ihnen Ge-
hör zu verschaffen?
W.H.: Meine“ Hochschule, die TH Köln ist mit ihren so-
zialpädagogischen Abteilungen, übrigens örtlich neben
der der Kunst, nachdem sich beide dem „Technischen“
untergeordnet haben, der “Inklusion“ (die ich gut finde)
verbunden. Ansonsten versuchen selbst fortschrittliche
Profs sich so zu verhalten, wie in meinen Studienzeiten:
Sie glauben die Inhalte der Studien zu bestimmen und die
Menschen, die dort arbeiten. Die „Mittelbauleute“, die
(weit unterbezahlten) Lehrbeauftragten, die Studis, ge-
schweige denn Kinder und Behinderte, haben viel zu sa-
gen. Es herrscht das Landesministerium mit ihren Verwal-
tungsspitzen und Prüfungsordnungen.
Die „Sozialpädagogik“ ist „aktiver Schaffer“ dieser Men-
schen und gleichzeitig deren Sprecher. Nur alle Menschen
machen dies nicht mit. Ein Teil bleibt ausgegrenzt, ein
Teil ist autoritär, rassistisch, selber kinder- und behinder-
ten-feindlich, ein weiterer Teil ist ohne Orientierung.
Aber in den Arbeiten der Studis konnte ich berechtigte
Fragen hören. Das sind junge Menschen, die nach Orien-
tierung suchen. Jede Kritik, einmal formuliert und ausge-
sprochen, ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen.
Studis fragen trotzdem nach der Rolle der Familie, den
Kulturen und den Schichten, nach den Arbeits- und Erzie-
hungsmaßnahmen z.B. beim Essen, nach der/den Spra-
che/n, sie versuchen Theorien oder Abwehrideologien zu
bauen, etc.
[...]
L.P.: Eine Frage, die aus all ihren Antworten, nun in mir
sich aufdrängt: Glauben Sie, dass man die Zeit beeinflus-
sen kann oder ist alles dialektisch? Welche Funktion
schreiben sie Gemeinschaft zu?
W.H.: Ich weiß nicht, ob man die Zeit beeinflussen kann.
Auf der Erde leben 7 Mrd. Menschen und mehr. Ich glau-
be nicht etwas besonderes zu sein. Aber ich sage meine
Dinge. Ich versuche den Zeitgeist mitzubestimmen. Viel-
leicht ist das größenwahnsinnig, aber nicht dialektisch.
Ich tue es einfach, weil ich glaube, es ist nützlicher etwaszu sagen als nicht. Auch der Begriff der „Gemeinschaft“

ist mir höchst suspekt. Im Englischen ist noch deutlicher,
dass das „Gemeinsame“ noch das „commun“, das Allge-
meine, das Gewöhnliche, das „Volk“ ist. Bei uns kommt
das z.B. noch in der Gemeinde“ raus. Deutlicher wird es
es über das Französische oder Lateinische. Von der co-
mune“ zu „kommunal“ ist es nicht mehr so weit. Viel-
leicht sollten wir uns mehr als ein „Sprachrohr“ verste-
hen, und nicht alles Reden anderen überlassen.
Mein Denken mag für einige 'schön' sein, aber sie
sind begrenzt durch die Farben.
Ich kann Farben höchstens vertauschen“
[...]
L.P.: Selbst- und Weltverhältnisse sind immer auch durch
alltägliche Praktiken bestimmt. Wie und wodurch (welche
aktivierende Ästhetiken) kann Lernen am „Effektivsten“
für den Einzelnen und die Gemeinschaft (also für gemein-
schaftliches zukünftiges Handeln und transdisziplinäre
gesellschaftliche Herausforderungen) geplant oder aus-
geführt sein?
W.H.: Sind es „alltägliche Praktiken“ oder sind solche
auch Ergebnis „unserer“ Interpretation, unserer „Kon-
struktion“, unserer Sichtweise, unsere Erklärung unseres
Lebens?
Ich drücke das aus, was mich am meisten beeindruckt. Ich
bin und bleibe Fan meiner eigenen Interpretation und
Ausdrucksweise. So male ich gerne, andere reden gerne,
andere tanzen gerne, ich schreibe gerne, andere reden
nicht oder können es nicht oder reden so, dass ich sie
nicht verstehe. Auf Englisch bin ich schon ein anderer
Mensch als auf Kölsch.
Gibt es ein bewusstes gemeinschaftliches zukünftiges
Handeln? Wollen die mächtigen Familien (im Sinne einer
Oligarchie) und ihre herrschenden Denker nur ein ge-
meinsames Handeln, damit sie besser handeln können in
ihrer Herrschaft? Bin ich nicht frei selbst zu handeln oder
handle ich nur anders. Freiheit ist ein gesellschaftliches
Konstrukt eines gemeinsamen Handeln. Oder ist Freiheit,
auf der Grundlage meines So-Seins, meiner Verschieden-
heit, meine menschlichste Erinnerung einer Zeit ohne
Ausbeutung.
Ich verantworte mein Leben, meinen Tod. Ich gebe die
Antworten. Ich versuche dies nicht auf deine oder anderer
Leute Kosten zu machen.
L.P.: Was halten Sie von dem Ausspruch, „Wir formen mit
unseren Gedanken unsere Realität“, inwiefern können Sie
darin eine Verbindung zur sozialen Plastik sehen, aber
auch sozial-emotional, sozialethischen und v. A. bildungs-
relevante Handlungsweisen der Sozialpädagogik?
W.H.: Ich halte das für das jetzige Vermögen unseres
Verstands. Ich glaube, das wir zur Zeit dahin kommen
müssen. So dachten wir nicht vor 1000 Jahren, und auch
nicht in 1000 Jahren, aber jetzt. Und so stimmt der Satz
auch nicht. Er ist idealistisch.
Wir bestimmen unsere Rationalität auf der Grundlage der
jetzt herrschenden Naturgesetze. Auf einem anderen Pla-
neten würden wir anders denken und fühlen. Wir denken
aber noch sehr religiös und verhaftet in unserer Herkunft.
Zudem denkt jedes Tier anders, aber nicht wie wir. Del-
phine, glaube ich, denken in Bildern, Vögel können zäh-
len (wie wir). Wir sind in der Lage festzustellen, dass ein
Oktopus denken kann. Wir wissen auch, dass Blumen und
Bäume Leid empfinden, ...
[...]
L.P.: Wo kann die Sozialpädagogik diese ihre Qualitäten
am Besten umsetzen: Außerschulisch, schulisch (intern),
zwischen Systemen; als Familienhilfe, in der Jugendhilfe,
in der Erwachsenenbildung, in Kulturzentren, wo alle
hinkommen?
W.H.: Da, wo wir sind. In Köln kommen die meisten (al-
ler Studiengänge) in die Kindergärten. Die Studis arbeiten
dort schon während oder im Laufe des Studiums. Viele
kommen auf die billigen Bezahlungsplätze und werden
unterbezahlt.
L.P.: Wie unterscheidet sich soziale Kulturarbeit von
städtischer und ländlicher Arbeit? Könnte angesichts der
Landflucht eine ländliche Kulturarbeit positive Auswir-
kungen und weniger Abwanderung zur Folge haben?
W.H.: Ja, die Landflucht. Ich glaube nicht, dass die Men-
schen in Städte zogen, weil „Stadtluft frei machte“. Sie
wollten - wie Millionen von DDR-Bürgern, „Rußland“-
deutschen“ oder „Gast“arbeiter aus Ost oder Süd bessere
und modernere Arbeitsplätze. Und die Wirtschaft rief sie!
Sie erhofften sich für sich und ihre Kinder eine besser
bezahlte (Arbeits-)Zukunft. Heute ziehen viele junge
Familien wieder aufs Land, weil die Lebensbedingungen
dort billiger und besser sind. Sie arbeiten (und fahren mit
ihren Autos) in der Stadt, weil dort die Arbeits-
bedingungen besser sind.
Es ist so, dass Stadtbewohner jünger und ansprechbarer
für gesellschaftliche Veränderungen sind. Daher sind
ländliche Veränderungen vielleicht effektiver, werden
aber schlechter aufgesogen, als städtische.
L.P.: Welche Ansätze und Bildungskonzepte müssen gege-
ben sein, damit Gemeinschaft und Teilhabe ermöglicht
werden kann und reflektierter Wandel gelingen kann?
W.H.: Es gelingt, wenn „Inklusion“oder „Bildung“ ver-
standen wird als überall notwendig und wirksam. Es
reicht z.B. nicht, die „lower sort“, also Unterschichtler,
Ausländer*innen, Flüchtlinge, Kinder, etc. auf die Schie-
ne der „mehr Bildung“ zu bekommen. Was machen sie,
wenn sie oben oder in der Mitte angekommen sind, wer-
den sie Kleinbürger oder bezahlen sie „ihre“ Arbeitskräfte
und „Ideologieträger“? Reden sie dann von der von ihnen
genehmigten Teilhabe? Was ist für sie „Gemeinschaft“?
Unterscheiden sie dann ihre Gemeinschaften und die an-
derer? Ich sehe keine andere Möglichkeit als die „Rat-
Race“ aufzulösen.
L.P.: Beuys sprach auch von einem überparteilichen,
transdisziplinären (also gesamtgesellschaftlichen) kultu-
rell-künstlerischen Gestaltungsentwurf und Kunstver-
ständnis: Wie kann er in der Sozialpädagogik am Besten
und Breitesten zur Anwendung kommen?
W.H.: Die Lehrer*innen(aus)bildung ist in Deutschland
nicht nur „standesmäßig“ sehr verschieden, sondern auch
nach Fächern „geordnet“. Das wollte, glaube ich, Beuys
nicht. Die Sozialpädagogik bleibt in Deutschland
besonderen Hochschulen wie THs oder FHs oder garFachschulen überlassen. Dort studieren viele Auf- und

Absteiger der Bildung und Gesellschaft.
Das Bauhaus knüpfte in der Vergangenheit an und ließ die
Dozent*innen nicht nach einem „idealen“ Konzept arbei-
ten. Vielmehr galt es ihre (vor allem künstlerischen) -
higkeiten, ihren „Maximalkonsens“ anstelle von Minimal-
konzept in einem Gesamtkonzept zu entwickeln. Ihre be-
reits vorhandenen Errungenschaften bildeten ihr Konzept.
L.P.: Sehr spannend. Das Maximalkonsenskonzept merke
ich mir.
W.H.:Ich traue nur wenigen Lehrer*in oder fast keinen
Hochschulen. Schlecht für mich. Weil ich auch „keinem
Beuys traue“. Er war Kind der Unterschicht und in deren
Werten verfangen. Er war mir zu sehr kulturell und zu
wenig (Lebens-)Künstler. Vielleicht habe ich mich auch
nicht genügend mit ihm und seinem Wirken beschäftigt.
Seine Kunstansicht, seine Kunst kommt für mich am
ehesten zur Ansicht, je mehr jeder Mensch ein/e Künst-
ler*in wird. Ich möchte, dass alle Menschen sich so erzie-
hen, dass sie nicht nur Demokrat*innen, sondern auch
Künstler*innen werden.
L.P.: Welche methodischen Vorzüge/Mehrwerte hat das
künstlerische Arbeiten und Gestalten in der Gruppe (z.B.
fördert es den Zusammenhalt, Empathie, neue Erkennt-
nisse usw.)
W.H.: Das Wissen. die Gruppe, die einzelnen Menschen.
Ich überlasse jeder/m einzelnen wie sie „es“ nach einem
gemeinsamen, immer wiederkehrend gemeinsamen Ge-
spräch machen. Das ist das, was ich „Maximalkonsens“
nenne.Jeder sagt was sie oder er mitbekam und was sie
oder er nun tun will. Dies ergibt nachher den maximalen
Konsens. So versuche ich auch mit Kindern und allen an-
deren Lerner*innen zu arbeiten.
[...]
L.P.: Wie kann Kunst durch Sinnlichkeit und Ästhetik
sinnliche und rationale, oder auch emotional, neue Er-
kenntnisse liefern?
W.H.: Ich halte die ästhetische Weise, also die künstleri-
sche für eine unserer Ausdrucksweisen unserer mindes-
tens 5 Sinne. Ich denke, dass auch das Denken und das in-
nerliche Fühlen oder Michfühlen einer unserer Sinne ist
(Und es gibt noch mehr). Neue Kenntnisse und Erkennt-
nisse nenne ich Lernen. Wir lernen ständig.
L.P.: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihren Blog zu
schreiben?
W.H.: Ich habe mein Leben lang geschrieben. Ich glaube,
ich habe mit 16 angefangen. Viel später bin ich bei den
Freinetpädagogen auf das Freie Schreiben gestoßen. Das
war meins. Als ich pensioniert wurde, kam ich auf die
Idee alle Artikel auf einer eigenen Homepage zu
sammeln. Eine ehemalige Schülerin sagte vor einem Jahr,
dass ich mein Leben archiviere. Jetzt tue ich es.
L.P.: Wo finden Sie sich in der Kunst am meisten wieder?
W.H.. Zur Kunst. Ich glaube ich bin Dadaist, Surrealist.
Ich bin Maler. Ich halte keinen Rhythmus. Ich spiele kein
Instrument. In Chören singe ich Tenor, lernte aber nie
Noten. Ich mache sehr gerne Menschenschattenspiel. Ich
tanze, bin aber sehr eigen.... Ich spiele unheimlich gerne
Theater.
L.P.: Wie sehen Sie diese Zweiteilung, normale und
alternative Schule bzw. was sind ihre prägendsten
Erfahrungen hierzu?
W.H.: Mein Verhältnis zu freien Schulen ist nicht so toll.
Sie sind bezahlt von denen, die Geld haben. Aber viele
von ihnen machen eine bessere Pädagogik als in der Ver-
gangenheit und die staatlichen Schulen. Je älter ich wer-
de, je mehr sehe ich Schule als Lernort generell in Frage
gestellt. Aber gerade untere Schichten brauchen den
Schutz ihrer Schulen. Sie haben ein Recht auf Bildung!
Meine prägende Erfahrung ist die, dass die heutigen
Schulen nicht zum Lernen da sind, sondern zum Erziehen
von Kindern. Sie sollen die gleichen Fehler wie wir ma-
chen.
L.P.: Eine Frage zu Europa würde ich Ihnen gern noch
stellen, wie sehen sie unser Europäisches Bündnis, unse-
re Union?
W.H.: Ich war schon als Kind begeisterter Europäer. Ich
finde unser Verhältnis zu Frankreich toll. Der alte Erz-
feind wurde zu einem Freund. Die neue Wendung Euro-
pas zu einer neokapitalistischen Bündnis ist aber das, wo-
vor ich immer Angst hatte. Ich will ein Europa der Regio-
nen und der Menschen. Vor allem „unsere“ Haltung zu
Nichteuropäern ist mir sehr suspekt. Europa ist mir lieber
als Nationen in Europa! Europa steht für mich für Frie-
den. Europa steht gegen Armut.
L.P.: Glauben Sie das liegt im Naturell des Menschen,
immer die gleichen Dinge und Erziehungsmaßnahmen
weiterzugeben?
W.H.: Nein. Das ist die Mischung aus Herrschaft, Ge-
wohnheit, Erziehung, Religion, „Kultur“, Sprache, Den-
kinterpretation oder Deutungsfähigkeit, Spiel, Arbeit für
Andere, Armut, Philosophie, Psychologie,... Es gibt nicht
eine uns bekannte Ursache. Es ist die Entwicklung zu
mehr Vielfalt und mehr Menschlichkeit.
Ich stehe auf Lernen (auch außerhalb der Schule). Ich
vertrete geistige Fähigkeiten (wie Ausschüttung von Hor-
monen als auch die Entwicklung anderer vermenschlich-
ter Umgangsformen. Unserer Gehirn lernt besser zu wer-
den, sich selbst zu belohnen, aber unser gemeinsames und
individuelles Gehirn lernt gleichzeitig mehr Demokratie,
mehr Menschenrechte. Ich halte Menschen für lernfähig.
...
Die wahre Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen."
Pearl S. Buck
(Das Zitat steht immer in der E-Mail-Post von Lisa Perkmann)
Anmerkung: Die Redaktion hat Kürzungen des Interviews [...] vorgenommen