Walter Hövel
Kunstkartei
(Dazu gehören sehr viele Bilder)

 


Maria und ich (Walter) arbeiten seit einiger Zeit an einer Kunstkartei. Viele Gründe haben uns dazu bewegt: Für mich war es ein Erlebnis zu beobachten, wie Maria über Monate da saß, ihre Textilkartei erstellte, immer wieder in der Schule experimentierte und etwas in Karteiform zustande bekam, was wirklich in der Schule einsetzbar war (sogar ich als Textil-Laie, konnte damit

 

arbeiten).

 

Maria hat mir bewiesen, das Karteien auch offen und kreativ sein können. Ähnliches hatte ich schon mit Sepp's "Schreib-los-Kartei" erfahren. Wir haben gemeinsam und einzeln lange mit freien Texten und Bilderkarteien experimentiert, viele Angebote von Freinettreffen im Kunstunterricht erprobt (Malen nach Musik, gestaltpädagogische Ansätze, Kombinationen von Freien Texten und Kunst und Musik, und...)

 

Wichtige Erfahrungen waren für uns, das das Anbieten von Techniken, als wirkliches Angebot verstanden, nicht einengen muss, sondern Phantasie verstärken kann, Anstöße gibt, um für Schüler das ausdruckbar zu machen, was bisher unproduktiv in ihnen steckte.

 

 

 

Wir hatten erfahren, das die Vermittlung von Techniken nicht nur verbal erfolgen kann, sondern vielleichter und schneller visuell.

 

 

 

Was liegt naher, als die Bahnen des üblichen Kunst-Unterrichts zu verlassen. Hinzu kommt ein ganz persönliches Erlebnis. Seit einiger Zeit habe ich mich (wieder) darauf eingelassen, in der Gewerkschaft zu arbeiten. Um die verkopften Diskussionen zu überleben, habe ich angefangen, wahrend der unendlich langen Sitzungszeit zu zeichnen. Irgendwann hat einer meiner Schüler eine solche "Gewerkschafts-zeichnung" entdeckt. Sie nahmen sich meine Vorlage und begannen nachzuzeichnen.

 

 

 

Schnell lösten sie sich von der Vorgabe und zeichneten eigene Strukturen. Ich ging einen Schritt weiter: Ich teilte Blätter, feine Filzstifte, Bleistifte und Buntstifte aus, forderte sie auf zu zeichnen, was ihnen "durch

 

die Finger" ging, wahrend ich einen Vortrag von einer Studie über die Entwicklung der Produktivkräfte

 

von der Urzeit bis heute hielt.

 

 

 

Das Ergebnis war verblüffend. Wahrend des Vortrages herrschte eine fast meditative Ruhe, die Zeichnungen der Schüler zeigten inhaltsbezogenes "Mitzeichnen" oder "nur" Strukturen, die das Herz eines Kunstlehrers höher schlagen lassen und,- noch nach Wochen und Monaten,waren die Schüler in der Lage, das Vorgetragene wiederzugeben und eigenständig das Erfahrene weiter zu denken.

 

 

 

Ich begann systematischer Schülerzeichnungen, eigene und fremde Zeichenprodukte zu sammeln und in

 

Karteiform zu bringen. Die Schüler begannen, in vielen Situationen (bei Vortragen, in der freien Arbeit,

 

bei der Erstellung von Arbeitsmappen, Wandzeitungen und Plakaten, in Kunstepochen, bei Wandmalereien, beim Tischebekritzeln) die Kunstkartei zu benutzen.

 

 

 

Sie begannen immer wieder beim Nachzeichnen, um sich sehr schnell von den Vorlagen zu lösen und eigene

 

Techniken zu entwickeln. So wuchs auch die Kartei immer mehr an.

 

 

 

Immer mehr erinnert mich das Arbeiten mit der Kunstkartei an den Umgang mit freien Texten: Die Schüler

 

beginnen - mit Techniken ausgerüstet - ihre ureigensten Probleme, Erlebnisse oder Träume ästhetisch orientiert auszudrucken.

 

 

 

Kunst ist bei uns kein Nebenfach mehr, in dem wir uns "kreativ – musisch" erholen oder austoben

 

können, Kunst ist Alltag, der Alltag ist ästhetisch. Ästhetik ist "Wissen"schaft geworden.