Andrea Ritz
Englischunterricht an der Grundschule Harmonie

 

 

 

An der Grundschule Harmonie findet für alle Klassen gemeinsam jeden Mittwoch Englischunterricht statt. Dazu können sich die Schüler in Listen zu verschieden Themen eintragen. Sieben Gruppen stehen zur Wahl, von denen die meisten altersunabhängig sind. Es gibt auch einige Gruppen, die sich explizit an Schüler mit wenigen Englischkenntnissen wenden, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass Erstklässler zusammen mit Kindern aus dem vierten Schuljahr lernen. In der ersten Septemberwoche gibt es folgende Gruppen:

 

 

 

· ANIMALS

 

· CHILDREN’S WORLD

 

· QUESTIONS AND ANSWERS

 

· GAMES AND MORE

 

· ENGLISH WORDS IN OUR LIFE

 

· MAIL GROUP: ENGLISH MAIL TO LARKRISE SCHOOL

 

· SONGS ON STAGE

 

 

 

In den jeweiligen Gruppen wird nur Englisch gesprochen. Selbst Erstklässler verstehen schon my name is und kennen Wörter wie play, live, drink, learn, wash, fly, better, wonderful, hamburger, blue, sweat-shirt, cool, carport, playstation etc.

 

 

 

In der Grundschule Harmonie wurde das Fach Englisch schon vor neun Jahren eingeführt. Die Eltern finanzierten selbst eine native-speakerin als Englischlehrerin. Heute unterrichten - neben den regelmäßig eingeladenen native-speakern - alle Lehrer Englisch. Und zwar nicht nur mittwochs im Englischunterricht, sondern jeden Tag: Zehn Minuten Englisch heißt das Programm, das während eines Kreisgesprächs stattfindet und einfache Ausdrücke auf Englisch in das Tagesgeschehen integriert.

 

 

 

Wichtig ist laut

 

Direktor HÖVEL, die Kinder erst schreiben zu lassen, was in ihren Köpfen von Beginn an steckt, bevor man ihnen Phantasie hemmende Sätze an der Tafel zum Abschreiben präsentiert.

 

 

 

Die Lehrer an der Grundschule Harmonie betonen, dass man bereits von der ersten Stunde an mit authentischen Texten arbeiten kann: man kann beispielsweise die Verwandtschaft zwischen deutschen und englischen Wörtern herausstellen lassen (z. B. anhand von zwei Speisekarten), man kann Liedtexte umschreiben lassen, Computerspiele (vorzugsweise Strategiespiele wie Zelda oder Die Siedler von Catan) auf Englisch umstellen, Liebesbriefe verfassen, Reime erstellen, Spiele spielen, Comics wie Mickey Mouse oder Ducktales lesen und Filme schauen wie Harry Potter oder Ice Age. Ziel ist es, die Klasse „zu einer Werkstatt der Eroberung der Sprache“ 144 zu machen.

 

 

 

Die Schüler sollen verstehen, dass sie eine Fremdsprache lernen, um die Sprache nach ihren eigenen Methoden zu erobern und nicht um fiktive, subjektive Tests zu bestehen.

 

 

 

Grammatikstunden, Lehrervorträge und Lehrbücher sind keinesfalls verboten; sie lassen sich sogar integrieren, dürfen aber nicht dazu führen, dass sich Kinder gezwungen fühlen, nicht den eigenen Weg gehen zu können, oder sich aus Bequemlichkeit oder Unsicherheit auf die Führung der Lehrer verlassen.145

 

 

 

Die Aufgabe der Lehrer im Fremdsprachenunterricht ist unter anderem die Beschaffung von interessanten, authentischen Materialien, das Sammeln und Selektieren von Medien und Lernideen und das Repräsentieren der Fremdsprache mit Begeisterung und Kulturinteresse. Gegensätzlich zum sophistischen Prinzip der traditionellen Schule ist das Kind kein passive Empfänger, sondern lernt lebendig, aktiv und konstruiert sich seine Lerninhalte durch sein eigenes Handeln, Arbeiten, Spielen, Denken, Fühlen und Sprechen.

 

 

 

So war es für interessierte Kinder an der Grundschule Harmonie möglich, eine englischsprachige Kinovorstellung auf dem Videoprojektor der Schule vorzubereiten. Dazu gehörte das Erstellen von englischsprachigen Flyern und Eintrittskarten, der Verkauf von Getränken und Popcorn und ein bisschen englischer Smalltalk vor der Vorstellung.146

 

 

 

Nach FREINET wird diese Art zu lernen als méthode naturelle bezeichnet, da man Kindern auf natürliche Art zeigt, welche Möglichkeiten es gibt, ohne aufdringlich zu werden. Es findet zudem laut HÖVEL keine Didaktisierung statt, denn jedes Kind erfinde seine eigene Didaktik.

 

 

 

Ein Projekt der Grundschule Harmonie ist der Schüleraustausch mit der LARKRISE Primary School. Es ist ein dreitägiger Austausch, bei dem die Kinder in der Schule übernachten und den ganzen Tag mit ihren Austauschpartnern zusammen verbringen.

 

 

 

Die Schüler lernen im Umgang mit ihren Austauschpartnern schnell, dass man verstanden wird, auch wenn man Fehler macht. Tâtonnement expérimental bedeutet Herantasten an neue, unbekannte Sachverhalte; das Projekt mit der LARKRISE School ist die konkrete Umsetzung dieses Prinzips. Das Schüleraustauschprojekt ist beispielhaft für ein Lernen mit eigener Erfahrung, durch Begegnung in Verschiedenheit und Vielfalt, eigene Fehlerkorrektur, ständig handelndes und erprobendes Agieren mit dem Recht auf Irrtum, Mühe und Erfolg. Es ist der Weg der eigenen Verantwortung.147

 

 

 

In der Gruppe SONGS ON STAGE arbeitet Direktor HÖVEL mit verschiedensten Methoden aus Schauspiel- und Theaterwesen. Die Schüler tanzen Buchstaben (This is an O/U/A), laufen im Kreis und hören auf Kommandos wie freeze, fly, swim, yell, quiet, follow me, build a circle, all girls one step forward, all boys turn around etc. Es läuft alles in der Fremdsprache ab und gegen Ende der Stunde singen alle eingeübte Lieder wie Yellow Submarine, We Will Rock you, What Shall We Do With a Drunken Sailor oder For He’s a Jolly Good Fellow.

 

 

 

In der Gruppe MAILGROUP-ENGLISH MAIL TO LARKRISE SCHOOL arbeiteten die Schüler mit dem Internet-Wörterbuch Leo (www.leo.org) an englischen Emails. Thema war Summer holidays. Dazu haben alle an einem Mind-map an der Tafel gearbeitet und formulierten in ihren mails Sätze wie: I like swimming in the deep blue water./ I have new friends./I like campfire and barbecue.. Als Besucher der MAILGROUP wird man von allen Seiten ständig ausgefragt, ob beispielsweise hello mit e oder mit a geschrieben wird, oder was reiten auf englisch heißt usw.

 

 

 

Laut Walter HÖVEL kann Sprachunterricht als offener Unterricht nur funktionieren, wenn man den Kindern genau vermittelt, was die Leistungsanforderungen im Lehrplan sind und wenn man Arbeitsverträge mit den Kindern vereinbart. Außerdem ist es wichtig, dass die Kurs- oder Klassenräte gut kooperieren. Die Schüler müssen lernen, die Produkte anderer zu respektieren, zu kritisieren und von der Arbeit anderer zu profitieren. Das Präsentieren der Arbeiten auf Englisch erzeugt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und ermutigt zum weiteren wissbegierigen Lernen.148

 

 

 

Freie Texte im Englischunterricht

 

Den Kindern das Wort geben“149 ist auch an der Grundschule Harmonie ein pädagogischer Grundsatz. Im Schulkonzept der Schule wird als Ziel des alternativen Englischunterrichts beschrieben, die Kenntnisse der Schüler in der Fremdsprache stetig durch authentisches, selbstbestimmtes und kreatives Arbeiten zu erweitern. Die Schüler sind deswegen so oft und so intensiv wie möglich von authentischem englischsprachigen Material umgeben.

 

 

 

Bereits vom ersten Schuljahr an produzieren die Kinder an der Grundschule Harmonie freie Texte und freien Ausdruck auf Englisch. Eine wichtige Regel dabei ist, die Schüler alleine entscheiden zu lassen, was sie mit wem und für wen schreiben.

 

 

 

Die Lehrer sind dabei immer präsent: sie stehen als Unterstützer dann zur Stelle, wenn sie gebraucht werden. Das Prinzip kann auch „weniger Englisch lehren, mehr Englisch lernen“150 genannt werden.

 

 

 

Im Foyer der Schule gibt es eine große englischsprachige Bibliothek, in der die Kinder jeder Zeit Informationen und Assoziationen zusammensuchen können. In der Bibliothek befinden sich neben Romanen und Jugendbüchern auch Zeitschriften, Gedichtbände, Wörterbücher, Bilderbücher, Rätselhefte, Kochbücher, Experimentier-anleitungen, zahlreiche Sachbücher, englische Schulbücher, Märchenbände und Spiele.

 

 

 

Schuldirektor HÖVEL hat seine eigene Theorie zum Englischlernen entwickelt, die mit der méthode naturelle assoziiert werden kann. Da er davon ausgeht, dass jeder Schüler auch außerhalb der Schule im alltäglichen Leben, unumgehbar mit der englischen Sprache konfrontiert wird, müsse auch eine nicht didaktisierte Lernstrategie zum Fremdsprachenerwerb führen. Der Idealfall der vollkommenen Immersion, wie etwa in einer englischen Familie, ist im normalen Schulalltag nicht realisierbar. Daher muss eine möglichst intensive Annäherung an die Idealsituation stattfinden durch eine authentische Lernumgebung.151

 

 

 

Das Erlernen der Sprache ist der wohl sensibelste Bereich eines demokratischen Lernens. Sie darf nicht beigebracht werden. Vielmehr erobern sich die Kinder die Sprache auch in der Schule weiter selbst, wenn ihnen „das Wort gegeben wird“.

 

 

 

Sprachliche Angebote, die Begegnung mit z.B. literarischer Sprache sind dabei erwünscht. Im Mittelpunkt sollte der freie sprachliche Ausdruck der Kinder mit freien Texten, dem eigenen Sprache-Erforschen und eigener Versprachlichung von gewonnenen Kenntnissen und Erkenntnissen stehen.152

 

 

 

Die freien Texte werden im Englischunterricht von den Kindern - wie auch in den anderen Fächern - der Gruppe präsentiert. So haben einige Kinder an einem Text über wilde Tiere im Zoo gearbeitet, mit Hilfe mehrerer Biologiebücher und eines Bildwörterbuchs. Der Text wurde später auch getippt und gedruckt und an die Klassenkameraden verteilt.

 

 

 

Englisch soll für die Lerner an der Grundschule Harmonie zum normalen Klassenalltag dazugehören. Deswegen wurde auch das Projekt „10-Minuten- Englisch“ eingeführt. Neben englischen E-Mails und den freien Texten über Tiere und Ähnliches wurden auch Experimente auf Englisch beschrieben, umgeschrieben und durchgeführt, Theaterstücke verfasst, Quizfragen formuliert, Computerspiele auf Englisch gespielt und Kinovorstellungen organisiert. Bei der Bearbeitung der Aufgabenstellungen begleiten die Lehrer ihre Schüler, aber die Durchführung liegt in den Händen der Kinder.

 

 

 

Des Weiteren werden auch im Englischunterricht Verträge zwischen Lehrern und Schülern abgeschlossen, da vor allem bezüglich der freien Texte so regelmäßiges Arbeiten vorausgesetzt werden kann. Die Verträge werden gemeinsam beschlossen. In komplizierten Fällen findet eine Eltern-Lehrer- Kind-Sprechstunde statt, in der ein Lernvertrag zwischen Lehrer, Kind und Familie ausgehandelt wird (siehe Anhang Abbildung 2).

 

 

 

Laut HÖVEL bedeutet freie Arbeit im Englischunterricht den von Schülern und Lehrern organisierten Zugang zu kreativem, selbstbestimmtem Lernen der Schüler mit handlungsorientierten und wissenschaftlich-entdeckenden Elementen im Rahmen eines ganzheitlichen, vernetzten Unterrichtskonzepts [zu fördern].153

 

 

 

Dies ist nicht gleichzusetzen mit der Abschaffung von instruierenden Lehrererklärungen und dem vollkommenen Verzicht auf Grammatikstunden. Die Einführung des freien Arbeitens und des kreativen Schreibens lässt sich laut HÖVEL nur durch die Auseinandersetzung von Schüler und Lehrer mit den pädagogischen Veränderungen vollziehen. Das tastende Lernen spielt dabei eine übergeordnete Rolle. Eine komplette Abschaffung der kurs- und lehrgangsorientierten Anteile im Fremdsprachenunterricht ist jedenfalls nicht unifizierbar mit der Theorie des freien Arbeitens nach FREINET. Auch an der Grundschule Harmonie gibt es also Grammatikstunden, in denen der Lehrer allen Schülern etwas erklärt.154

 

 

 

Das Projekt des Schüleraustauschs mit der LARKRISE School in Dunstable nordöstlich von London eignet sich laut HÖVEL hervorragend, um die Kinder jeden Tag zu motivieren, englische Texte zu schreiben, da durch die Korrespondenz zu ihren Freunden aus England und durch die Erzählungen der Kinder, die am Austausch teilgenommen haben, ein ständiges Interesse besteht, sich zu verbessern und Neues zu erfahren. Ihr gesammeltes Wissen findet jeden Tag eine konkrete, praxisorientierte Anwendung. An der Grundschule Harmonie sind auch temporäre Verschriftlichungen wie sie in Chatrooms oder über SKYPE und ICQ (hier dürfen Webcams und Headsets nicht fehlen) stattfinden, ein moderner Weg der digitalen Kultur, der zum natürlichen Spracherwerb führt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

144 ib.: 201.

 

145 HÖVEL: 2005: 201.

 

146 Cf. HÖVEL, Walter: “Learning by doing. A self determinated language learning”, http://www.grundschule-harmonie.de/learning%20by%doing.htm

 

147 HÖVEL: 2005: 202.

 

148 Ib.: 2005: 201.

 

149 Cf. GLÄNZEL: 31-45.

 

150 Cf. Förderkonzept der Grundschule Harmonie: 64, www.grundschuleharmonie.

 

de/foerderkonzept-April_2008.ht

 

151 Cf. HÖVEL, Walter: „Freie Arbeit im Englischunterricht“,109-114, in: Freinet-Pädagogik. Ein Werk und Atelierbuch. Eine Zusammenstellung von Beiträgen aus 18 Jahre(n) Fragen und Versuche. Zeitung der Pädagogik-Kooperative 1976 bis 1994.

 

152 HÖVEL, Walter: „Demokratie in der Grundschule“, www.grundschule-harmonie.de/Was-Hans.htm

 

153 HÖVEL, Walter: „Freie Arbeit im Englischunterricht“: 109, in: Freinet-Pädagogik. Ein Werk und Atelierbuch. Eine Zusammenstellung von Beiträgen aus 18 Jahre(n) Fragen und Versuche. Zeitung der Pädagogik-Kooperative 1976 bis 1994.

 

154 Cf. HÖVEL: 2005: 201.