Walter Hövel
Veränderungen sichtbar machen,
damit mehr verändert wird

 

Wie sagte Galileo „Und sie bewegt sich doch“. Er meinte zwar die Sonne und nicht die Schule, aber es stimmt. Die Veränderung von Dingen, die nicht abgeschafft werden, ist nicht zu verhindern.

 

„Man“ ist sich einig, in Europa, in der ganzen Welt, Schule ist Schule und - sie soll verändert werden.

 

Noch vor 20 Jahren wären wir belächelt, verlacht oder verprügelt worden, wenn wir Vorträge über das offene Lernen gehalten hätte. Heute schmücken Veränderer Einladungen mit ihrer Anwesenheit, füllen Hörsäle und Foren und sind gefragt bei Kollegien und bei Veranstaltern.

 

Wir sind im Alltag der Schule in der Minderheit, aber nicht mehr in Fortbildungs-Festsaal.

 

Wenn du früher gezwungen warst, eine freie Schule oder ein Buch für deine Vorstellung von Pädagogik alleine zu realisieren, kannst du heute im Auftrag der staatlichen Behörden deines Landes oder Bundes, der Europäischen Union oder einer Universität darüber reden.

 

Deine Haltung wird akzeptiert und deine Kompetenzen gesehen. Die Zuhörenden wissen zwar zwei Tage später nicht, wie sie ihre neue/alte Haltung in Handlung umsetzen, geschweige denn, dass sie die Fähigkeit hätten, ihr eigenes Handeln selbst wissenschaftlich zu begleiten, Erfolg und Misserfolg zuordnen zu können oder ein Selfcontrolling als  Resultat ihrer Leadership-Strategien begleiten zu können.

 

Schulen des Deutschen Schulpreises, des Blicks über den Zaun oder verschiedener Netzwerkorganisationen sind nicht mehr“ die Spinner“. Vielmehr geben sie die Ziele der Schulreformen vor.

 

Sie bilden oft genug als „Leuchtturm“-Minderheit die Mehrheitsmeinung in der Schuldiskussion.

 

Nicht, dass es leicht geworden wäre, Demokratie, Kinderrechte als Menschenrechte, Ganztag, Altersmischung, Heterogenität, selbst bestimmtes Lernen und Inklusion in der Schule einzufordern. Es gibt genügend Elternvertreter, Politiker, Kolleginnen und Kollegen, Medienschreiberinnen und sogar Schülerinnen und Schüler oder Ausbilderinnen in der Lehrerinnenbildung die gegen „eine zu weite Öffnung der Schulen“, gegen die Abschaffung von Noten und Gymnasien und „zu radikale Veränderungen“ eintreten.

 

Hauptschulen und Realschulen verschwinden. Hier und da wird die Verlegenheitslösung „Sekundarschule“ gefahren. Die Zahl der Gesamtschulen steigt, die der Gymnasien bleibt mindestens. Immer mehr Förderschulen werden geschlossen. Eine große Zahl ehemals als „Behinderter“ Abgestempelter besucht „Regel“schulen. Das ist noch nicht das Ende der Entwicklung. Die Bundesregierung und die Landesregierungen haben noch viel weitergehende Zielsetzungen bei der UNO unterschrieben.

 

Lernen findet immer noch, vor allem in der Sekundarstufe1, unter der Leitung von Lehrerinnen und Lehrern mit autoritären Inhaltsvorgaben in militärähnlichen Formen statt. Nicht nur das Gymnasium, sondern auch das gymnasiale Lernen sind die heiligen Kühe des deutschen Bürgertums geblieben. Lernen ist noch immer das elterliche „Hastduauchgutgelernt?“, das Lernen für den Test, das Erreichen der „Versetzung“, die Vorlage des Abschlusses, der dich zum Beibehalten der gesellschaftlichen Position oder zum Höherrücken in der Gesellschaft berechtigt. Noch immer ist es wichtiger mit den „richtigen Freunden und Nachbarn“ gelernt und studiert zu haben.

 

Aber es gibt immer häufiger die Nachfrage,, wer „etwas kann“.

 

Anlässlich der Verabschiedung wurde ich gefragt, wie eine Schulleiterin gelobt werden sollte, die die nötigen Veränderungsprozesse der letzten Jahre nicht besonders vorangetrieben hatte. Ich schlug vor, ihr zu erzählen, was sich in Schule in ihrer Dienstzeit alles verändert hatte, und sie dafür zu loben, was sie dies alles dienstlich „begleitet“ hatte.

 

Die Liste wurde sehr lang. Sie hatte den Prozess von der volkstümlichen Bildung der Volksschulen hin zur Wissenschaftsorientierung der Grundschulen erlebt. Sie machte mit beim Wandel von der Heimatkunde hin zur Öffnung des Grundschullernens zum wissenschaftlichen Denken durch den „Sachunterricht“. Sie hatten die Erlasse zum Verkehrsunterricht, zur Drogenprävention, zur Friedenserziehung und Gewaltprävention erfolgreich begleitet. Sie sorgte mit dafür, dass das Rechnen mit der „Welt der Zahl“ durch neue Lehrpläne zu einer von handlungsorientiertem Material gestützten Mathematik führte, die auch jede Montessorilehrerin mögen muss. Sie unterstützte die Einführung des Englischunterrichts in der Grundschule. Möglicherweise sorgte sie mit dafür, dass das Schreiben freier Texte eingeführt wurde. In ihrer Zeit verschwand das Schlagen von Kindern, dass in den 60iger Jahren noch Gang und Gebe in deutschen Schulen war. Sie half die (offene) Ganztagsschule einzuführen. Die Schulpflicht wurde von 8 Jahren auf 10 gesteigert. Durch das sich entwickelnde Selbstbewusstsein der Grundschulen hilft sie bei der Abschaffung der Haupt- und Realschulen. Sie war dafür, dass die „reinen“ Jungen- und Mädchenschulen verschwanden, die Koedukation eingeführt wurde. Sie minderte die Bedeutung der Zeugnisse, der Bundesjugendspiele und der Klassenfahrten. Sie sorgte mit dafür, dass es nach Spanien, England oder Italien ging. Sie half Schulprogramme, Schulkonferenzen und die Mitbestimmung an Schulen wichtiger zu machen. Das Schuljahr begann nach den Sommerferien, nicht mehr im Februar. Die Lehrerinnenbildung wurde von den Kirchen in die Hände des Staates gelegt. Aus der „Junglehrerausbildung“, der „Pädagogischen Institute und Akademien“ wurden „Pädagogische Hochschulen“ und dann in vielen Ländern „erziehungswissenschaftliche Fakultäten“ der Universitäten. Sie liebte Comeniusreisen und wusste bald, was der „Deutsche Schulpreis“ oder der „Blick über den Zaun“ bedeutet.

 

Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen. Die „gelungenen“ Reformen der Schule in den letzten 50 Jahren können sich blicken lassen!

 

Die Reaktion der Schulleiterin auf „ihre“ Leistungen ist nicht überliefert. Der gerne kritische Bildungsmensch tendiert eher nicht zu diesen Ansichten. Eher werden die Probleme gesucht und gefunden. Vielen geht alles zu langsam. In Deutschland wird eher der etwas verkniffene, verteidigende, vorsichtige Blick gepflegt.

 

Zu viele Gegensätze sind in ihrer Widersprüchlichkeit zu „antagonistisch“. Sie kämpfen zwischen individual psychologisch bedingten und sozio-gesellschaftlichen Interpretationsmöglichkeiten. Sie bezweifeln die Wissenschaftsrelevanz der Pädagogik. Sie schauen auf ein „ganzes Leben“ zurück und hatten mehr vielleicht erwartet. Zumindest gilt es „Verständnis“ für die zu haben, die „noch nicht überzeugt“ sind, die mit „bewährten Mitteln arbeiten.

 

Viele verstrickten sich in die Widersprüchlichkeiten der von ihnen gewählten Institutionen und Systeme. Sie konnten die „Uneinsichtigkeiten“ und „Borniertheiten“ ihrer „Geschäftspartner“ nicht ertragen oder überwinden. Eingebunden in Seilschaften oder Interessensgemeinschaften gelang es nicht gegen die anderen Seilschaften oder Interessensgemeinschaften die eigenen Ziele umzusetzen.

 

So lassen wir denen viel zu viel Zeit und Raum, die die Dinge aufhalten wollen. Zu viel Zurückhaltung verstärkt die, die Pädagogik und Schule gerne zurückrollen. Mehr Selbstbewusstsein beim bereits Erreichten, würde die eigene Arbeit nach vorne verstärken.

 

Gegen die Betonwände des Fremdenhasses, Selbsthasses und Kinderhasses vergangener Jahrzehnte kamen wir nur schwer an. Heute stellen diese Kräfte nicht mehr die Mehrheit!!

 

Es lohnt sich für die Veränderung von Schule und Gesellschaft einzutreten. Denn, wir waren in der Vergangenheit bereits erfolgreich und das ist fortzuführen! Allerdings kostet jede Veränderung Kraft. Doch es ist genügend vorhanden, sonst wären wir nicht bereits dort wo wir sind.

 

Und wem das zu wenig ist, der hat Recht! Es geht noch viel mehr!