Walter Hövel
Cantata Peschelorum

De dubio variabilitatem magistrorum
et
I
ta quid utilitatis educationem est magister[1]

 

In gloriam artificis eximia Falko Peschelo

quinquagesimoanniversarii diviniti orti[2]

 

 

Chorus introitus
Usque ad ultimum spiritum manebunt[3]


„… Die Wewerka[4] ist elf Jahre alt. Sie kann gut häkeln und stricken, gut bockspringen und singen. Sie kann mittelmäßig rechnen und zeichnen. Rechtschreiben kann sie nicht. Überhaupt nicht. Sie schreibt nicht nur die ‚schweren Wörter‘ falsch, sondern auch die ‚leichten Wörter‘. Darum sitzt sie jetzt in der ersten Klasse vom B-Zug der Hauptschule und nicht in der ersten Klasse vom Gymnasium, wie das ihre Mutter gern gehabt hätte. Auf die Deutschschularbeiten und die Ansagen[5] bekommt die Wewerka immer einen Fünfer. Die Mutter macht jeden Nachmittag ein Diktat mit der Wewerka, und jedes falsche Wort muss die Wewerka dann zehnmal hinschreiben. Doch es nützt nichts. Am nächsten Tag schreibt die Wewerka die Wörter wieder falsch.“
 
… Die Deutschlehrerin, Emma Böck,  tut jetzt das, was Lehrer so tun, schreibt Fünfen und wirkt weiter auf die Eltern ein. Die Wewerka versteckt das Heft, lügt zuhause und in der Schule, bis die Mutter zur Schule kommen muss, weil der Hausmeister das Heft fand und der Böck gab. Die Wewerka lügt weiter. Die Mutter kommt nicht, weil sie nichts von dem Termin weiß. Beim Termin sagte die Wewerka immer wieder zur Böck, dass ihre Mutter gleich kommen werde. …

„Sie hat den Arm, den mit der Armbanduhr auf den Tisch gelegt, auf das Heft drauf, und hat den Sekundenzeiger der Armbanduhr beobachtet. Immer, wenn eine volle Minute um war, hat sie die Wewerka gefragt: ‚Wann kommt nun die Mutter mit dem Heft?‘“

… Beide treiben das „Spiel“ immer weiter, bis es der Böck „langweilig“ wird. …

„Sie hat mit der Faust auf das Heft geschlagen und gebrüllt: ‚Was ist denn das da?‘  ‚Meine Mutter wird gleich mit dem Heft da sein‘, hat die Wewerka geflüstert.
Die ist zum Direktor gerannt. ‚So ein Kind‘, hat sie gesagt, ‚ist der Gipfel. Weil es nicht nur nicht rechtschreiben kann, sondern auch noch verlogen ist!‘
Der Direktor hat gesagt: ‚Es kann nicht nur nicht rechtschreiben und ist verlogen, sondern es ist auch saudumm, weil es noch weiterlügt, wenn der Beweis schon auf dem Tisch liegt!“
Die Mutter von der Wewerka hat gesagt: ‚Das Kind kann nicht nur nicht rechtschreiben und ist verlogen und saudumm, sondern auch sehr lieblos und herzlos, weil es seiner Mutter das alles antut!‘
Jetzt sind alle furchtbar böse auf die Wewerka. Aber sie wären noch viel böser, wenn sie wüssten, dass die Wewerka in jeder freien Minute davon träumt, groß und stark zu werden und dann die Frau Fachlehrerin Emma Böck zu erwürgen. Sie stellt sich das sehr schön vor. Ganz langsam wird sie es tun. Auf die Armbanduhr wird sie dann schauen. Und immer, wenn eine Minute um ist, wird sie locker lassen, und wenn die Böck Luft schnappt, wird die Wewerka fragen: ‚Sind sie eine gute Lehrerin, Frau Fachlehrerin Böck?‘
Und die Böck wird noch mit dem letzten Fuzerl Luft ‚Ja, ich bin eine gute Fachlehrerin‘ japsen, ‚ja, ich bin…‘ – so lange, bis die Wewerka dem ein Ende macht.“

 


Arietta granda
Sententia Peschelorum

Sed non operatur - Nec est per esse[6]

 „Ne Doktor? Do jeht mer hin, wem mer sellevs ov ‘ne andere krank is“. So habe ich es zumindest als Kind gehört.  Falko Peschel hat auf jeden Fall irgendwann erkannt, dass das Schulsystem in unserem Lande hoch ansteckend krank ist. So hat er seinen Doktor gemacht. Jetzt gehen viele, die glauben ihre Kinder seien krank, oder deren Kinder wirklich von der Schule krank sind oder solche, die glauben, dass sie in der Schule die Kinder nicht mehr krank machen wollen, selber Kränkelnde oder auch Gesunde zu ihm.
Aber die Welt ist voll mit Doktoren und Falko Peschel wollte gar keine Kranken heilen, sondern nur das Richtige tun, also das, was möglich ist. Also begann er.
Er sagt folgerichtig  „Geht nicht gibt’s nicht“ und machte weiter.
So machte er sich daran, etwas zu tun, was er konnte. Er machte vor, wie die Kinder und er selbst mehr und lehrreicher lernen können. Erst ging er in die Mitte des schulischen Alltagslebens zu einer Troisdorfer Grundschule. Er  zog in den Keller, um dort erfolgreich eine beispielhafte Kinderinsel anzubieten. Dann zog es ihn in eine Umgebung, wo Gleich- und Ähnlich-Gesinnte arbeiteten, zur Grundschule Harmonie. Vielleicht war hier das Wichtigste, dass er mit seiner Frau Steffi zusammenkam. Auf jeden Fall zogen sie gemeinsam weiter und eröffneten eine eigene Schule. Die Bildungsschule Harzberg ist ein Juwel in der europäischen Bildungslandschaft.

 

Accompagnato Rezitativ

Vetus et novum in potentia[7]


In Deutschland werden Kinder „unterrichtet“ oder“ unterwiesen“. Lehrer „geben Stunden“.  Manchmal nennen sie das auch „Lehrverpflichtung“. Sie sagen, dass sie Kindern etwas „beibringen“. Den  Kindern wird “Stoff vermittelt“. Ihnen wird Wissen „näher gebracht“. Manchmal auch etwas „eingebläut“.
 Die Sprache verrät sehr viel über das was die Menschen tun und denken. Die meisten Kinder lernen trotzdem, weil der Mensch zum Glück nicht nur in der Schule lernt. Vor allem lernen sie außerhalb von Schule anders. Vor allem, weil dort seltener jemand ist, der ständig glaubt zu wissen, wie der Mensch lernen soll. So gesehen versucht Falko Peschel, dass die Kinder in der Schule so lernen, als seien sie nicht in der Schule. Er versucht den Kindern nicht ständig zu sagen, wie und was sie zu lernen haben. Sie können selber lernen, sagt er.

So spielt es bei ihm auch nicht mehr die Rolle, dass die, die Zuhause mehr lernen können, in der Schule dafür belohnt und bevorzugt werden. Jetzt müssen nicht mehr alle das Gleiche, was einige bereits schon konnten, lernen. Jetzt lernen die Kinder selbst zu bestimmen, was sie, mit wem, wie in welcher Zeit lernen. Er übergibt den Kindern die Schule als Raum und Zeit der Kinder.
Und warum machen das nicht alle so?

Früher saßen die Kinder der Reichen in der „Volks“schule in der ersten Reihe, die der Armen und Parias in der letzten. Vorne gab es die guten und sehr guten Noten, hinten die schlechten. Die nächste standesgemäße Aufteilung  der Kinder folgte in Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Das Gute an der Sache war, dass die einfachen Leute erst einmal überhaupt das Recht bekamen zur Schule gehen zu dürfen.
In der Gesamtschule können alle gemeinsam in eine Klasse gehen. Aber die Privilegierten halten sich weiter ihre eigene Schule, das Gymnasium. So schneiden in diesem Land die jungen Menschen heute noch immer entsprechend ihrer Herkunft ab.

Früher nannten wir das, was in den Klassen und Schulen zu sehen war, und was auch heute noch den Ausschlag gibt, „Klassenherkunft“. Dieses Einteilen lernen die Lehrer und Lehrerinnen auch immer noch in ihrer Ausbildung.

Erst waren Gehorsam und Einordnung, dann Funktionieren, das Abarbeiten von Arbeiten und  gesellschaftliches Wohlverhalten  die ersten Bildungsziele. Die einen lernten  nett zu sein, Regeln und Abläufe abzusichern…
Dies zu erreichen wird von den Hauptinteressenten, den bürgerlichen Kreisen, auf die Schulen abgeschoben. Deshalb sind die meisten Lehrkräfte auch aus bürgerlichen Familien und ihren eigenen Schulen, den Gymnasien. Das Interesse an einer Veränderung  der Teilung in Rezeptemacher, Rezeptererklärer und Rezepterumsetzer war lange gering. Selbst die, die heute Interesse an mehr Rezeptermachern haben, wie Bosch, Bertelsmann, Volkswagen oder Siemens, die Deutsche Bank, SAP, der DFB oder Bayer haben größte Probleme selbst die für ihre Interessen notwendigsten Veränderungen in der Bildung gegen ihre eigenen treuen Bürger durchzusetzen. Es kostet sie viel Geld, Mühe und Zeit…
Es wird versucht das Unterrichten der Fächer zu verbessern. Sie versuchen die Kompetenz ihrer Lehrerschaft zu erhöhen, sie versuchen die Lernmöglichkeiten der Kinder zu verbessern.  Aber das Volk will nicht so wie sie.

Einige Eltern suchen alternative Wege über das Homeschooling oder private Schulen. In der Mehrzahl bezahlen sie Nachhilfelehrer.  Aber erst, wenn’s sein muss. Solange ihre eigenen Kinder nicht betroffen sind, interessiert sie Schule wenig oder nicht.

Wenn sie dann merken, dass ihre Kinder „schwach“ sind oder auffallend im Alltagssystem Schule werden, schicken sie ihre Kinder auch gerne zu Steffi und Falko Peschel. Sie hoffen, dass ihre Kinder bald wieder den Anschluss an die „normale“ Schule finden.

Viele junge Lehrerinnen und Lehrer sind gerne vom Helfersyndrom befallen. Einige von ihnen sind begeistert vom Gedanken Kindern durch Offenen Unterricht besser helfen zu können. Sie ahnen, dass da eine Musik der Zukunft spielt.

Viele merken aber, dass sie es gar nicht können, weil sie es nie gelebt, also gelernt haben. Sie werden frustriert, kehren zurück zum „Alten“. Andere hören auf mit Unterrichten.
Sie kapieren das mit dem Offenen Unterricht nicht wirklich. Sie hatten nur das verstanden, was sie verstehen konnten, nicht was Falko Peschel gesagt hatte. Das, was sie früher gelernt hatten, gewann die Oberhand.

 


Paraphrase

Discipulus medius disciplinae ratio ordinis magister[8]

„Ein Problem des offenen Unterrichts ist: Er wird nicht konsequent umgesetzt![9] Lehrer benutzten die vorgegebenen Stufen des Offenen Unterrichts für ihre eigene Verortung. ‚Ja, ich will ja schon, aber…‘

Sind nicht die Lehrerinnen und Lehrer selbst der Hauptgrund für Nichtöffnungen? Sie argumentieren dabei mit einem System Schule, das sie gemacht hat und das sie selbst machen. Sie machen „ihre Fächer“, die „zu vermittelnden Lehrinhalte“ und das Erreichen der „schulischen Leistungen“ zum Wichtigsten, um in der Folge sich selbst und die Schülerinnen und Schüler daran scheitern zu lassen. „Interessant ist: Die wenigsten Lehrer stellen ein offenes Unterrichtskonzept generell in Frage“, weil es ja nicht ihr eigenes ist. Sie sind darauf aus, es nicht zu können. Ihr  pädagogischer Alltag ist ja der ständige Beweis dafür, dass das, was sie jetzt tun, schon jetzt nicht funktioniert. Dieses Nichtfunktionieren ist oft genug Ursache und Wirkung für die ‚eigene Überlastung‘, ‚zu große Klassen‘, ‚zu wenig Urlaub‘, ‚zu wenig Mittel‘, ‚zu wenig Unterstützung von  Vorgesetzten oder Kollegen‘, ‚zu dumme Kinder‘, ‚die falschen Lehrinhalte‘, ‚die unmöglichen Reformen‘, ‚die nervenden Eltern‘, ‚die vielen Fünfen‘ und  „die Vergleichsarbeiten“.
 Ihr Problem wird also erst gar nicht der offene Unterricht. So weit kommen sie ja nicht, weil sie den jetzigen ja nicht einmal so schaffen, wie sie es wollen wollten. Die Kritiker des Offenen Unterrichts kritisieren im Kern nicht den offenen, sondern den alten Unterricht, indem sie die Probleme dessen, in den neuen transferieren.

Wenn sie nicht an die kindlichen und jugendlichen Lerner glauben, tun sie das deshalb, weil sie sich als Lehrer nicht trauen. Sie tun nur ihre unterrichtliche Alltagspflicht. Diese wiederum glauben sie ‚besser zu können als alle anderen Kollegen. Und besser, wenn nicht die Schüler ihr Lernen selbst übernehmen, sondern sie es weiter tun… obwohl das ja auch nicht richtig klappen wird… Das ist dann auch die lehrerzentrierte Auffassung vom schülerzentrierten Lernen‘.

 

Sie glauben nicht an sich. Sie glauben, dass es nicht unterrichtbare Kinder gibt, dass nicht jedes Kind (mit ihnen oder in ihrer Schule) lernen kann. Sie berufen sich auf eine Ausbildung einer gesellschaftlichen und individuellen Vergangenheit, anstatt zu Akzeptieren, dass nur die Jetztzeit entscheidet, was ein Lerner kann und will, und ob der Lehrer dabei auch ein Lerner bleibt.

Der beste Beweis für alles, ist in der Tat der Druck der Eltern. Wenn alles klappen würde, gäbe es ja auch keine Beschwerden. Da Eltern und Lehrer, das gleiche Bild von Schule haben, weil sie sie ja gleich erlebt haben, beschweren die Eltern sich über das gleiche wie der Lehrer. Nur ist das Dumme, dass sie den Lehrer als Lehrer dafür verantwortlich machen: Die Lehrer scheinen nicht das zu können, was sie von ihnen erwartet wird.
Dabei, denken Lehrer gerne,  liegt es an den Schülern. Die lernen nicht mehr wie früher, oder besser so, wie ihre Eltern und der Lehrer es von ihnen erwarten. Was für ein Teufelskreislauf! Sicher, wir kämen durch Offenen Unterricht daraus. Aber das ‚wollen die Eltern nicht… und die Schüler wissen nicht wie und der Lehrer weiß nicht, wie sie oder er es gegen den Druck der Eltern, der Gesellschaft das durchsetzen‘ soll…

Falko Peschels Fazit: „Lehrer haben gerne eine vollkommen lehrerzentrierte Vorstellung von schülerzentriertem Unterricht.“

 

Secco-Rezitativ
A
rtis Peritiam[10]

 

Lehrersein muss man können. Du kannst nur dazu lernen. Wie heißt es im Volksmund „Kühe lernen kein Walzertanzen“ und „aus einem Ackergaul wird kein Rennpferd“.

Der Lehrer ist im offenen Unterricht keineswegs jemand, der nur beaufsichtigt und laufen lässt, sondern er ist jemand, der Impulse gibt, Strukturen bereitstellt, Material besorgt, als Experte dient, für Resonanz und Reflexion zur Verfügung steht. Und vor allem ist der Lehrer auch als soziale Person für die Kinder da. Er schützt die Demokratie und das eigenständige Lernen der Kinder.  In einem Unterricht mit Eigenproduktionen bereitet er nicht mehr  Stunden in bestimmten Phasen vor, sondern lässt die Kinder in einem möglichst demokratischen Umfeld auf eigenen Wegen schreiben, rechnen, lesen, forschen, fragen und lernen.

Und Lehrerinnen und Lehrer müssen gaaaaanz viel können. Falko Peschel ist nicht nur ein gutes Beispiel dafür, sondern er hat eine Jenseits-Geduld darauf zu warten, dass Kinder selbst auf ihre Fragen, ihre Versuche, ihre Lösungen und Erkenntnisse kommen. Selbst wenn er  mit keinem Wort den Kindern verrät, was ihm alles einfällt, denkt er  jeden Lern- und Arbeitswunsch jedes Kindes durch. Er hat Lernstrategien im Kopf. Auf so eine Idee kommen viele nicht. Sie glauben, offener Unterricht wäre nur alles zulassen können…

Du kannst das nur schwer lernen, vor allem, wenn du nie die Schulbank verlassen hast….


Aria
Et movet tamen[11]

Der  Alltag der Schule, auch des eigenen, lässt gerne am Erfolg der eigenen Arbeit, der eigenen Mühen Zweifel aufkommen. Es ist oft schwer zu sehen, dass sich etwas bewegt, etwas verbessert.  Du siehst die Kraft der Veränderung nicht. Oft glaubst du Veränderungen in Schule sind so langsam wie Veränderungen in der römisch-katholischen Kirche.
Hat es überhaupt Zweck,  in Vorträgen ständig das gleiche zu sagen, überzeugen, gewinnen zu wollen? Erhalten wir bestenfalls durch unser Tun nur jenen Prozentsatz an reformfreudigen, pädagogischen Kräfte, die es immer gegeben hat? Erhalten wir nur unser eigenes kritisches und demokratisches Potential?
Wahrscheinlich ist die Antwort zu einfach. Schließlich muss dieses Potential  mit der Gründung der Schule entstanden sein.  Und wenn ich Deutschland mit anderen Ländern vergleiche, und ich sehe seit Jahren viele Beispiele in vielen Ländern, ist unser Prozentsatz der pädagogisch fortschrittlichen Menschen recht groß!
Und es ist so, dass die Schule sich verändert, wenn nicht sogar verbessert.
Es wird nicht mehr geschlagen und geprügelt!
Die Menschen heute sprechen vielmehr Englisch als früher, trotz oder auch durch Schule? Der Englischunterricht hat sich zu meinen Lebzeiten von einer dem Lateinunterricht ähnlichen recht toten Sprachvermittlung zu einer didaktischen Kunst mit vielen lebenden Sprachvermittlungsanteilen entwickelt.
Ich zitiere gerne die Lehrpläne des Mathematikunterrichts in den Grundschulen. Selbst wenn die Praxis oft noch zu wünschen übrig lässt, hat aber eine Auffassung von Lebensorientierung, Handeln und Problemlösen die Oberhand gewonnen.
Andere Fächer können ähnlich aufgezählt und betrachtet werden.
Sogar die Pädagogik beginnt sich zu bewegen. Natürlich wird dabei versucht, die Öffnung zur Selbstbestimmung des Lernens in didaktisch-kontrollierbare Gewässer zu steuern. Aber spätestens die Auseinandersetzungen mit Partizipation, Inklusion, Forschen, Kinderfragen oder Demokratie müssen Veränderungen in Schule zulassen, die früher schlichtweg verboten worden wären.
Wie viel hat Falko Peschel damit zu tun? Welche Veränderungen sind durch die Peschels gekommen! Erste Menschenrechte in der Schule, vor und nach der Nazizeit, Bewegungen weg von volkstümlicher Bildung hin zu einem Bildungsanspruch für alle, Professionalisierung des Unterrichtens mit Qualitätsanspruch, Schulentwicklungsschübe mit ersten Ansätzen von Eigenlernen und Eigenverantwortung, von Offenen Unterricht.
Die Lehrerinnen und Lehrer meiner Zeit lernten nur die Umsetzung von vorgegebenen Lehrrezepten zu planen und Kinder mit ‚Lernzielen‘ zu ‚beschulen‘. Der Begriff der „Freiarbeit“ und des „Projektlernens“  rückte nur langsam nach vorne.  Die zweite Generation nach den ersten Reformpädagogen vor der Nazizeit begann das Forschen und eigene Handeln von Kindern zu fordern. Die individuelle Förderung, die Öffnung des Unterrichts und erste Lernautonomiegedanken kamen in den Fokus der Diskussion. Heute arbeiten Berufsanfänger mit Freien Texten, Experimenten, individualisierten Fragestellungen und Ergebnissen. Die Schule für Alle, Notenfreiheit und verschiedene Schulprofile anstelle eines Selektionsbetriebs werden, wenn auch voller Widerspruch in Schulkonferenzen und auch in Ministerien diskutiert.

Zu optimistisch? Ich sage nicht, dass alles was diskutiert wird, sich auch durchsetzt. Vielmehr ist es so, dass sich die Gegenstände der Diskussionen verändern. Und von gesellschaftlicher Diskussion zu Diskussion, wird das eine als Unbrauchbar aussortiert, das nächste gelangt in alte Schläuche unter neuen Namen, aber es bleibt auch immer etwas hängen. Die Schule erweitert ihr Repertoire.
Geschieht dies jetzt, weil so Leute wie Falko Peschel so schlaue Dinge sagen, fordern und sogar vormachen? Oder hätten sich die Veränderungen auch so durch die EU, durch die Industrie, die Banken und die Bildungspolitik verändernd durchgesetzt?
Manchmal denke ich sogar, dass wir es sind, die den Bremsern der Prozesse durch unsre Praxis das Material liefern, das sie für das Bremsen brauchen.
Und selbst wenn es so wäre, bräuchten die, die nicht mehr so arbeiten können, wie die Tradierung es vorschreibt, das Beispiel eines Falko Peschels. Er sagt Dinge besser als andere und macht vor, dass es anders geht. Das macht Mut. Und ohne Mut gibt es keine Veränderung.


Ariette
Apud eundem sensum disciplinae[12]

Du kommst immer wieder zu dem ‚zurück‘, was du in der Ausbildung selbst erprobt hast. Ich habe freie Texte im Englischunterricht und Rollenspiel aus dem Kunstgemälde, Interiorisation anstatt Schreibschreibtraining und die Rhythmisierung des Englischunterrichts und individuelles Lernen in der Großgruppe erprobt. Hierzu kam ich immer wieder zurück.
Falko Peschel hat die Experimente mit Wasser erprobt, dir Rechtschreibforschung,… Er hat sich immer Zeit genommen, selber etwas zu planen, sich Gedanken über Kinder zu machen.
Sicherlich wirst du hierdurch zum Lehrer geprägt. Sicherlich verbindest du das, was du als Kind in Schule erlebtest mit dem was du in der Ausbildung angeboten bekommst. Du lehnst dieses oder jenes ab, aber im Großen und Ganzen kannst du nur das (nach)machen oder (wieder)erfinden, was du kennst. Du wirst dieses oder jenes „wissenschaftlich“ erforschen, was dir in der Oberstufe, im Studium und im eigenen Handeln begegnet… Unsere Königreiche sind innerhalb unserer eigenen Grenzen.

Ariosi
Spiritus ex lagoena[13]

Fidel Castro wollte einmal die Freinetpädagogik in ganz Kuba als neue Form des schulischen Lernens einführen. Er hatte schon einen eigenen Aufsatz darüber veröffentlicht und französische Freinetkollegen machten sich schon auf den Weg, um den Kubanerinnen und Kubanern zu erklären wie das geht. Die französische kommunistische Partei und die Kommunistische Partei der Sowjetunion haben Fidel Castro in letzter Minute zurückgepfiffen, weil Celestine Freinet aus der kommunistischen Partei ausgetreten war.[14]
Nehmen wir mal an, der ANC wollte den „Offenen Unterricht“ in Südafrika einführen. Falko Peschel fliegt nach Südafrika und hält seinen Vortrag flächendeckend vor allen Lehrerinnen und Lehrern. Er wird nicht zurückgepfiffen. Alle Lehrerinnen und Lehrer werden mit und nach seinen Büchern ausgebildet…


Accompagnato Rezitativ

S
ocietati per aperta et schola aperta[15]

Haben Karl Poppers „Offene Gesellschaft“ und Peschels Offener Unterricht etwas Gemeinsames?
„Träger des Fortschritts und der Verbesserung des menschlichen Lebens“ sind für Popper „keine durch irgendein höheres Prinzip ermächtigten Kollektive, sondern ausschließlich selbstverantwortlich handelnde Subjekte, die jederzeit dem Irrtum ausgesetzt sind.“[16]
Einer Poppers frühen Sätze war: „Das ist gewöhnliche Pädagogik: Ungefragte Antworten und unbeantwortete Fragen“.
Popper kam von der Reformpädagogik zur Philosophie.  Von ihm stammt der Gedanke, dass das Leben Problemlösen bedeutet. Der Satz heißt auch manchmal „Das Problem ist die Lösung“.
Peschel kam aus dem Geschäftsleben zur Pädagogik. Bedeutet sein Satz „Geht nicht gibt’s nicht“ etwas anderes? Ist nicht einer seiner Gedanken: „Das ist offenes Lernen: Zu  eigenen Fragen handeln und Antworten durch eigenes Handeln finden“.
Popper will sich nicht über die Erfahrungswelt der so genannten einfachen Menschen erheben. Peschel erhebt die ureigenen,  nicht manipulierten Gedanken des Kreises der Kinder zur Grundlage ihres eigenen Lernens.
Gemeinsames Ziel ist „die kritischen Fähigkeiten des Menschen“ freizusetzen[17]. Höchste Werte sind für sie Meinungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, also Freiheit und Demokratie.
Wenn für Popper die beste Staatsform die Demokratie ist, meint er damit nicht die „Mehrheitsentscheidung“, die gerade in Deutschland oft genug zu Kaisertum, Faschismus und Unterdrückung führte. Für ihn bedeutet Demokratie „die Herrschenden ohne Blutvergießen auszutauschen“.
Ich  vergesse nie die Anekdote, als die Kinder in Falko Peschels Klasse beschlossen, den Kreis abzuschaffen und ihn aufforderten als Lehrer zu unterrichten. Er tat es und die Hospitationsgäste beschwerten sich darüber, dass sie nicht das sahen, was sie in Falko Peschels Büchern gelesen hatte. Doch er fing die Erklärung mit den Worten an „Was ihr hier seht, ist offener Unterricht…“
Müssen die Lehrerinnen und Lehrer bevor sie ihre Rolle anders verstehen können,  die offene Gesellschaft verstehen oder schaffen sie diese, wenn sie selbst den offenen Unterricht schaffen?
Oder gibt es den Wunsch nach Öffnung des Unterrichts nur so lange bis die Schule geschlossen wird. Schließlich gibt es den Begriff der Freiheit nur solange es Unterdrückung gibt.

Ariette
N
osse cogantur[18]

Ich denke, dass solange Lehrerinnen und Lehrer Lehrerinnen und Lehrer sind, so lange Schulen Schulen sind, so lange Unterricht Unterricht ist, so lange bleibt das System des Lernens ein Zwangssystem.
Das Lernen selbst dagegen ist ein anderer menschlicher Zwang. Wir müssen offensichtlich lernen, um leben zu können. Hierbei entwickelt jeder Mensch sein eigenes System.
Die Menschen könnten also lernen, dass das Lernen kein Zwangssystem sein muss, sondern der Zwang zum Lernen ein menschliches System ist.

 

Interludium
 Discet rectam viam[19]

Der alte Wissmann lebte in dem gleichen Dorf wie ich als meine Kinder noch sehr jung  waren.  Er hatte Ahnung von alten Straßen aus der Steinzeit, deren Existenz  man heute noch am Wuchs des Getreides erkenne, von den alten Eichen, die in Fünfeckformen standen, der Landwehr, die erst zu seinen Lebzeiten verschwand,  und vielem mehr. Bei einem unserer seltenen Spaziergänge erklärte er: „Das Ergebnis dessen, was du heute deinen Kindern mitgibst, siehst du erst, wenn sie erwachsen sind. Lass dir Zeit und tue weiter, was du für richtig hältst.“
In der Oktoberausgabe 2014 unseres Ortsblättchens steht auf der Titelseite, dass ein Kindergarten jetzt die Demokratie für Kinder entdeckt habe. Sie sprechen sogar von den „Rechten der Kinder“, und das in Eitorf, Jahre nach unserer gemeinsamen Arbeit dort.
Eine Kollegin kommentierte es so: „Sei vorsichtig, die Kinder dieses Kindergartens kommen nicht unbedingt zur Grundschule Harmonie“. Ja, so lernen die Menschen. Sie lernen auf ihre Art. Das gilt auch für „unsere“ Kinder,  in der Familie und in der Schule. Erwachsene machen aus dem von uns gezeigtem auch etwas anderes als wir zu zeigen glaubten. Menschen lernen immer! Aber Lernen kann halt nicht anders sein als selbst gesteuert. Lernen ist ‚wild‘.
Und „Lernen“ ist auch das „imperialisiert werden“ der eigenen Gedanken durch die ver“kehrte“ Übernahme anderer Menschen.[20]

Accompagnato Rezitativ
Quod valet etiam pro doctoribus[21]

„Ist das wesentliche der geistigen Person nicht seine Freiheit? Der Mensch ist zwar eingeschränkt durch seine Herkunft, Erziehung, Umwelt, den Zeitgeist und eben die eigene Schulzeit, aber er ist diesen nicht ausgeliefert. Er kann sich zu allem was er ist oder wird verhalten. Für das, was dem Menschen mitgegeben ist, ist er nicht verantwortlich, doch für sein Verhalten gegenüber den Bedingtheiten muss er Verantwortung übernehmen. ‚Letzten Endes wird menschliches Verhalten jedenfalls nicht von Bedingungen diktiert, die der Mensch antrifft, sondern von Entscheidungen, die er trifft. Wenn Viktor Frankl diese Freiheit gegenüber den Bedingtheiten für Neurotiker und Psychotiker postuliert, dann gelten sie auch für Lehrerinnen und Lehrer.
Ebenso selbstverständlich ist aber auch, dass dies zu einem Regressus in infinitum führen würde. Alle Entscheidungen sind verursacht, aber verursacht durch den, der sie trifft‘.
Durch eine somatische oder psychische Krankheit kann die geistige Person zwar erkranken, aber nie zerstört werden. Frankl spricht vom "Fortbestehen der geistigen Person". Die Krankheit kann allerdings den Blick auf die bestehende geistige Person versperren. Der Geist kann nicht erkranken. Die Würde eines jeden Menschen bleibt immer. …
Die Freiheit des Menschen ist eingeschränkt durch biologische, psychische und soziologische Bedingtheiten, auch der Logos schränkt ein, denn ‚Freiheit ist stets und primär ein Freisein zum Verantwortlich sein.‘ Freiheit ist nicht allein ein frei-sein-von, sondern insbesondere ein frei-sein-für. ‚Verantwortlich ist der Mensch nun für die Erfüllung und Verwirklichung von Sinn und Werten, und hierin erblicken wir das objektive Korrelat aller Entscheidung und Freiheit: in einer objektiv geistigen Welt des Sinns und der Werte - im Logos.‘ …Sinn muss gefunden werden, kann nicht erzeugt werden.“[22]

Rezitativ
A
liquid putrida est in scolis[23]

Vielleicht ist das Problem, dass die Lehrerinnen und Lehrer nicht nur keine Lebenserfahrungen haben, weil sie in der Regel die Schule ihren Lebtag bis zur Pensionierung nicht verlassen haben, sondern fast ausschließlich den Mittelschichten entstammen. 
Zudem ist Schule gerne die Anstalt für gut reproduzierende ‚Nachbeter‘.
Zudem haben es Mädchen leichter in unseren Schulen.
Oder schickt unsere Gesellschaft einfach nicht ihre ‚Klügsten‘ als Lehrerinnen und Lehrer, sondern zu viele mit durchschnittlichen und unterdurchschnittlichen Begabungen oder nur Alltagsuntauglichkeiten in die Schule. Auf jeden Fall beherbergen unsere Studiengänge die größte Zahl Studienabbrecher anderer Fakultäten.
Oder besitzen unsere Lehrerinnen und Lehrer so etwas wie eine gesellschaftliche Intelligenz und wissen, dass Schule beim Lernen nur eine nebensächliche Rolle spielt.
Oder geht es gar nicht so sehr um das ‚Lehrpersonal‘, sondern eben zuerst um die besseren gesellschaftlichen Startbedingungen. Es ist wichtiger, an welcher Schule du mit welchen Freunden und mit welchen Förderern bist, welche Noten du hast, welche Abschlüsse du auf den Tisch legen kannst oder bezahlen kannst.
Wen interessiert da schon, ob das Lernen selbstbestimmt, demokratisch und offen ist…
Immerhin einige!
Warum ist es der Berufsstand der Lehrerinnen und Lehrer, der so schwer veränderbar ist? Warum sind Erzieherinnen und Erzieher, die vielen Menschen in den Kindertagesstätten so viel einsichtiger in die Bedürfnisse der Kinder und der  Bildungsentwicklung.  Sie leiden doch auch unter ewig kontrollierenden,  übervorsichtigen Eltern, die  sich festbeißen in antiquierten Vorstellungen von schulischem Lernen, Noten und Hausaufgaben? Sie werden doch auch gebildet von der herrschenden Bildung. Sie werden doch auch von den Schulen, Wissenschaften und Hochschulen  als Reproduzenten eines zigfach durchgekauten „Lern“stoffs gemacht, sie werden doch genau so gebildet wie die Lehrerinnen und Lehrer.
Sind es doch die „Fächer“, die die Klienten der Lehrerinnen und Lehrern mit so viel Distanz noch kränker machen?


Secco Rezitativ con Basso Continuo
Qui est magister verus[24]

Ob die Geschichte ‚Von den echten Lehrern‘ so stimmt, weiß ich nicht. Eher nicht! Da aber in der Geschichte eh nichts stimmt wie es erzählt oder niedergeschrieben wird, gebe ich wieder was ich hörte und mir zusammenreime:

Aristoteles war ja nicht nur ein bekannter Philosoph, sondern auch Lehrer, z.B. der von Alexander, dem späteren Großen. Als Philosoph und Lehrer waren ihm die Fragen der Menschen das Wichtigste. Und als Lehrer war er für die Fragen der Kinder zuständig. Die Vermittlung von Reden, Logik, Rechnen, Schreiben, Lesen oder Musizieren übergab er, wenn auch nach seinem Plan, anderen, nämlich Hilfskräften. Diese wurden im Gegensatz zum Lehrer „Pädagogen“ genannt. Sie waren also die Gehilfen des Lehrers, die ‚Hilfslehrer‘.
So wurde ich an einer Pädagogischen Hochschule, vorher ‚Pädagogisches Institut‘ ausgebildet. Ja, es war keine Bildung, sondern eine Ausbildung und ich lernte ‚Pädagogik‘: Wenn heute auch hin und wieder der Begriff der ‚Erziehungswissenschaften‘ benutzt wird, hat das sehr deutsche Gründe, die sich u.a. um die Person Peter Petersen und seinem Zeitgeist ranken.
Wichtig ist, es geht immerzu um Pädagogik! Sie wird gelehrt, erforscht, finanziert, sie erscheint in ‚pädagogischen‘ Aufsätzen der Wissenschaften und der ‚pädagogischen‘ Literatur in Zeitschriften, Computersites und Büchern.  So sind es ausgesuchte Lehrpersonen, die die Lehrpläne, die Richtlinien, die Curricula und die Schulbücher schreiben. Hier gilt es, wie einst bei Aristoteles das optimal umzusetzen, was ‚echte Lehrer‘ zur Umsetzung in der Schule auf- und vorschrieben, bestenfalls ‚für die Praxis‘ empfehlen.

Ist dies ein Grund dafür, dass die Pädagoginnen und Pädagogen kaum auf das achten, was Falko Peschel ihnen sagt, oder es nicht verstehen oder es nicht umsetzen können? Ist das ‚Volk‘ der echten Lehrerinnen und Lehrer unser eigentlicher Ansprechpartner oder sollten alle Pädagoginnen und Pädagogen erst lernen echte Lehrerinnen und Lehrer zu werden? 
Da passt dann das Zitat was Aristoteles unterstellt wird:
‚Einerseits gibt es das Lernen, das eines Freien würdig ist. Dies ist das Lernen um seiner selbst willen oder für die Freunde oder für die Tugend. Andererseits gibt es das sklavische Lernen, von welchem immer dann zu sprechen ist, wenn auf Veranlassung anderer gelernt wird.‘


Ariosa

Nam facilius est[25]


Wenn du in Südkorea lebst, glaubst du am Abend noch pauken zu müssen, um schlauer zu werden.
Wenn du in England lebst, glaubst du eine Schuluniform tragen zu müssen.
Wenn du in Deutschland lebst, glaubt du als Bürger Bildungs- und Berufsvorteile durch den Ausschluss anderer zu haben.
Wenn du nur 12 Jahre bis zum Abi brauchst, gehen die Menschen früher in den Beruf.

Wenn du in fast allen Ländern der Welt, dein Kind in eine Einheits- oder echte Gesamtschule schickst, ist das ein nicht in Frage gestellter Alltag.
Wenn  in Kanada alle an die Inklusion gewöhnt sind, haben die Lehrerinnen und Lehrer (und die Eltern) auch keine Angst davor.

Wenn du offen lernst, lernst du mehr über dich, die anderen und die Welt.
Wenn du selbst bestimmst was du lernst, können es andere nicht bestimmen.
 Wenn du demokratisch mit anderen zusammen lernst, kannst du offen und selbstbestimmt lernen.

Wenn du in hundert Jahren lebst, findest du die Schule unserer Zeit sehr seltsam.

 

Ariette
Bonum Lectio
[26]

Noch immer ist die ‚gute Unterrichtsstunde‘ das Nonplusultra-Kriterium für die Lehrerausbildung. Dies war schon vor 40 Jahren so, als versucht wurde, mich zum Pädagogen zu machen. Die „Ausbildungsseminare“ haben den Kern von Pädagogik nicht verändert. Sie versuchen andere Kriterien hinzuzufügen, wie die Verwissenschaftlichung von Fächern oder die Professionalisierung des Verhaltens der Lehrkräfte.
Bis heute sind sie noch nicht einmal auf dem Stand, die Vermittlung des „Lehrgeschäfts“, dass Kinder mit eindeutig geladenen didaktischen Materialien selbständig arbeiten können, in ihren Ausbildungskanon aufzunehmen. Es scheint nicht verstanden oder gewollt zu sein. Entsprechend haben die Eltern der Kinder ihre größten Probleme jene Schulen zu verstehen, die diesen Schritt der Öffnung gehen. Die Selbstproduktion des Lerngegenstands durch den Lernenden selbst, also der entscheidende Schritt zur Demokratisierung des Lernens, wird noch nicht einmal als grundlegende Frage der Zukunft von Lernen erkannt.

 

Ariosi Piccoli
Quandoque quod suus plus quod non est[27]

Wäschewaschen ohne Waschen macht Wäsche sauberer und schont die Umwelt.
Verkauft sich aber nicht, weil es so wenige glauben.
Fahrende Autos ohne Fahrer  mindern die Zahl der Unfälle.
Verkauft sich aber nicht, weil es so wenige glauben.
Offenes Lernen ist effektiver.
Verkauft sich aber nicht, weil es so wenige glauben.

Kern der Schwierigkeiten ist unser Verkennen der möglichen Erkenntnisse und des Wissens.


Aria

Cultura inductoris“ iter lingua facit[28]

Bei der „Ausbildung“ ist die Herkunft eindeutig. Ausbildung war auf Latein: ‚cultus‘ oder ‚cultura‘, also die Kultur. Die Grundlage aller Kulturtechniken, um deren Vermittlung es ja vielen in der Schule zuerst geht, ist unsere ‚Kultur‘! Unsere ‚Ausbildungen‘ und unsere ‚Bildung‘ sind immer noch und unverändert basiert auf der „Kultur des Abendlandes“. Lehrerausbildung ist also die ‚Kultivierung‘ des Lehrberufs.
Wenden wir uns diesem Beruf zu, also dem ‚Lehrer‘[29]
[30] selbst zu. Im Deutschen heißt er noch Schulmeister, Meister, Pauker, Dozent, Gelehrter, Bremser, Unterrichtender, Instrukteur, Lehrkraft,  Erzieher,  Studienrat, Übungsleiter, Tutor, Mentor, Kursleiter, Trainer, Couch, Guru, Ögretmen, Hoca, und in Österreich immer noch ‚Herr oder Frau Professor‘. In der Jugendsprache wird es amüsanter: Asozialendompteur, Blödföhn, Diplompetze,  Erziehungsbefohlener, Eseltreiber,  Hirnpimper, Klugscheißer, Notengeber, Rauchmelder, Schwachmatentrainer, Wissensonkeloder Wissenstante.

Etymologisch kommt es vom althochdeutschen „ lÅrer“, „lÅr—ri“ und dem germanischen „laizjan“, was „Lehrer, Vermittler, Unterweiser, Belehrer, Zurechtweiser, In-die-Spur-Bringer“ bedeutet.

Die Spur zu den Wurzeln unserer Kultur bringt uns dann zur Vielfalt dieses Begriffs:
antecessor als Vorgänger, Vorläufer, Lehrer, Professor
auctor als Urheber, Anstifter, Stifter, Erfinder, Gründer, Erbauer,  Stammvater, Ahnherr,  Ratgeber, Gewährsmann, Zeuge, Berichterstatter, Verfasser, Autor, Schriftsteller, Geschichtsschreiber, Erzähler, Lehrer, Leiter, Erzeuger, Vater, Vertreter und Schöpfer
comes als Gefährte, Gefährtin, Begleiter, Begleiterin,  Gefolge (Pl.), Gleichgesinnter, Anhänger, Erzieher, Lehrer, hoher Beamter am kaiserlichen Hof und Graf im Mittelalter
dēclāmātor als Lehrer der Beredsamkeit, Redekünstler und  Rhetor
dēductor als Begleiter, Führer und Lehrer
didaskalos als Sprachlehrer und Anrede des Lehrlings für den Meister
doctor als Lehrer, Lehrmeister, Priester, Theologe und Katechet
educator als Erzieher und Hauslehrer
grammaticus, grammatikos als Lehrer der fortgeschrittene Phase des Unterrichts und sprachwissenschaftlicher Gelehrter
grammatistēs als Lehrer für Lesen und Schreiben, Lehrer der Buchstaben und der Kleinen
illūminātor  als Erleuchter und Lehrer Gottes
inductor als Schläger, Prügler, Einführer und Lehrer
īnstitūtor als Unternehmer, Planer, Veranstalter, Lehrer, Lehrmeister, Erzieher, Stifter und Schöpfer
kitharistēs als Musiklehrer
magister als Lehrer, Aufseher, Vorsteher, Lehrer der Kinder, Vorgesetzter, Führer, Anleiter und Magister als akademischer Grad
paedagōgus als Hilfslehrer, Erzieher und Pädagoge
paidotribēs als Sportlehrer

palaestricus als Lehrer in der Ringschule
paraclētus, paraclītus als Beistand, Anwalt, Schützer, Lehrer, Heiliger Geist und Tröster
praeceptor als Lehrer, Meister, Lehrmeister und Darlegender
professor als Lehrer, Professor, öffentlicher Lehrer und Ordensbegründer
rabbi als Meister und Lehrer
rhetor als Lehrer der älteren Schüler
rhythmicī als Rhythmiker und Lehrer des Rhythmus
technicus als Lehrer der Kunst, Lehrer der Kunstfertigkeit und Techniker
tradēns  als Lehrer
trāditor als Lehrer und Verräter

Was wird da also kultiviert, ausgebildet, gebildet? Wie weit haben wir uns entwickelt seitdem ausgediente Soldaten das durchgesetzte Recht auf Volksbildung für alle im Auftrag des (früh)bürgerlichen Industrieinteresses umzusetzen begannen?
Wo sind wir heute, wenn junge Menschen mit nur minimalen Erfahrungen in Beruf, Beziehung und Welt(er)kenntnis nie die Schulbank verließen und dann selbst zu ‚lehrern‘? In Schule und Bildung erfuhren sie ein System der Anpassung, Reproduktion und sozialer Segregation, um dann eine Schule der Zukunft in Selbstbestimmung, Demokratie, Eigenverantwortung und Teilhabe aller entwickeln zu können?

Da müssen Staat und Gesellschaft sich mehr einfallen lassen als ein paar zusätzliche Praxisphasen, die im Normalfall nur das zeigen, was sie immer erlebt haben. Sie zeigen nicht die andere Welt des Lernens. Sie verhaften in der Lehrerausbildung“ anstatt zu einer neuen ‚Kultur des Lernens‘ zu finden. Es geht ein bisschen ‚lernwärts‘ anstatt ‚lernerwärts‘.

 

 

Choral
Caules meum volo me habere[31]

 

„Es gibt eine alte Geschichte über die Einwohner einer Insel. Diese Menschen sehnen sich danach, in ein anderes Land auszuwandern, in  dem sie ein gesünderes und besseres Leben führen könnten.  Das Problem war, dass die praktischen Künste der Schifffahrt und des Schwimmens bei diesen Leuten nie entwickelt worden oder schon vor langer Zeit verloren gegangen waren. So gab es unter der Bevölkerung der Insel einige, die sich einfach weigerten, über Alternativen für das Leben  auf dieser Insel nachzudenken. Andere versuchten an Ort und Stelle ihre Probleme zu lösen, ohne an eine Überquerung des Wassers zu denken. Ab und zu erfand einer der Inselbewohner die Kunst des Schwimmens aufs Neue, und manchmal kam auch ein hoffnungsvoller Schüler zu so jemandem, der das Wasser zu überqueren wusste.

Doch meist entwickelte sich dann folgender Dialog…:

‚Ich möchte schwimmen lernen.‘

‚Möchten Sie einen Vertrag aushandeln?‘

‚Das ist nicht nötig. Ich muss nur meinen Sack Kohlköpfe mitnehmen können.‘

‚Was für Kohlköpfe?‘

‚Na, das Essen, das ich auf der anderen Seite brauchen werde.‘

‚Dort gibt es besseres Essen.‘

‚Wie soll ich das verstehen?  Ich kann doch nicht sicher sein. Nein, meine Kohlköpfe muss ich mitnehmen.‘

‚Aber mit einem Sack Kartoffeln können Sie nun mal nicht schwimmen.‘

‚Dann kann ich auch nicht mitkommen. Sie nennen es eine Last, ich nenne es meine lebenswichtige Nahrung.‘

‚Sagen wir einmal allegorisch statt Kohlköpfe  <Vermutungen>, <Vorstellungen>, <vorgefasste Meinungen> oder <Gewissheiten>… Was dann?‘

‚Ich gehe mit meinen Kohlköpfen lieber zu einem Lehrer, der versteht, was ich brauche.“[32]

 

 



[1] Soll so viel heißen wie: Können Lehrerinnen und Lehrer lernen andere Lehrer und Lehrerinnen zu sein? Und: Was bringt eine Ausbildung?

[2] Zum Ruhm des außergewöhnlichen Künstlers Falko Peschel zu seinem 50. Geburtstag

[3] Und bis zum letzten Atemzug bleiben sie dabei

[4] Von der Wewerka. Eine wahre Schulgeschichte von Christine Nöstlinger. In: H.J.Gelberg (Hrsg.). Menschengeschichten. Jahrbuch der Kinder- und Jugendliteratur, Weinheim 1975

[5] Österreichisch für „Diktate“

[6] Der Satz des Peschels: „Geht nicht gibt’s nicht“

[7] Die Kraft des Alten gegen das Neue

[8] Die Lehrerzentrierte Auffassung vom schülerzentrierten Lernen

[9] Jetzt schreibe ich in  Pescheltext rein.

[10] Die Kunst des Könnens

[11] Und sie bewegt sich doch

[12] Nochmals zum Sinn von Ausbildung

[13] Der Geist aus der Flasche

[14] Jean le Gal. Le maitre qui  apprenait ans enfants à gandir. Toulouse. 2007. S. 95ff

[15] Die Offene Gesellschaft und die Öffnung von Schule

[17]http://de.wikipedia.org/wiki/Offene_Gesellschaft

[18] Gezwungen zu lernen

[19] Den richtigen Weg lernen

[20] Paul le Bohec. Wie wir von Ideen anderer lernen. In: Fragen und Versuche 93/September 2000. S. 30-33

[21] Das gilt auch für Lehrer

[22] Alle Textabschnitte sind entnommen:Wolfgang Sievers, "Die Frage nach dem Sinn - eine Aufgabe der Sozialarbeit?"http://www.muenster.de/~wosi/Frankl.htm

[23]Etwas ist faul in der Schule

[24]Er ist ein wahrer Meister

[25]Es ist einfacher

[26] Die gute Unterrichtsstunde

[27] Manchmal ist ohne mehr

[28] Eine Sprachreise der „Lehrerausbildung“

[29] Das Wort „Lehrerin“ hat in Thesaurus noch nicht einmal einen direkten Treffer!

 

[31] Ich will meine Kohlköpfe haben

[32] Maturana/Varela. Der Baum der Erkenntnis. Wie wir die Welt durch unsere Wahrnehmung erschaffen – die biologischen Wurzeln des

    menschlichen Erkennens. Scherz-Verlag. 1987. S.268-270