Walter Hövel

 

Vom Durststillen der Pferde,

 

Vom Lernenlernen der Kinder und

 

Vom Freinetstudieren in Studiengangen

 

 

 

Rede zur Eröffnung des Hochschullehrgangs zur Freinetpadagogik des österreichischen Ministeriums fiir Unterricht und kulturelle Angelegenheiten als Projekt der Europaischen Union durch die Pädagogische Akademie des Bundes in Kärnten in Kooperation mit der Universität Bremen im Janner 2000 in Klagenfurt gehaltem am Ende des Lehrgangs.

 

 

 

Die Geschichte vom Pferd das keinen Durst hat

 

Der junge Städter wollte sich auf dem Bauernhof nutzlich machen, wo er zu Gast war:

 

- Bevor ich das Pferd auf das Feld führe, so sagte er sich, werde ich es trinken lassen. Das ist

 

gewonnene Zeit. Wir werden den Tag über Ruhe haben...Aber, was denn! Führt jetzt etwa das

 

Pferd das Kommando? Wie bitte? Es weigert sich, zur Tränke zu gehen und sieht und wünscht

 

sich nur das nahe Kleefeld! Seit wann führen denn die Tiere das Kommando? Du trinkst jetzt

 

gefälligst!

 

Und der neue Landbewohner zieht am Zügel, geht dann um das Pferd herum und schlägt mit aller

 

Kraft zu. Endlich! ...Das Tier bewegt sich vorwärts...Es ist schon an der Tränke.

 

- Es hat vielleicht Angst...Wenn ich es streicheln würde?...Siehst du, das Wasser ist klar! Schau

 

her! Mach deine Nüstern nass...Wie? Du trinkst nicht? Na gut!... Und der Mensch stößt unvermittelt die Nüßtern des Pferdes in das Wasser der Tränke. - Diesmal trinkst du! Das Pferd schnaubt und prustet, aber es trinkt nicht. Plötzlich kommt der Bauer mit ironischer Miene hinzu.

 

- Ach, glaubst du, dass man so mit Pferden umgeht? Weißt du, es ist nicht so dumm wie ein

 

Mensch. Es hat keinen Durst... Du könntest es umbringen, aber trinken wird es nicht. Es wird

 

vielleicht so tun als ob; aber das Wasser, das es geschluckt hatte, wurde es wieder ausspuk-ken...Verlorene Liebesmuh, mein Lieber!... - Wie also soll ich's machen?

 

- Man merkt, dass du kein Bauer bist. Du hast nicht begriffen, dass das Pferd zu dieser Morgen-stunde keinen Durst hat, sondern dass es guten frischen Klee braucht! Lass es sich am Klee satt fressen. Danach hat es Durst, und du siehst es zur Tränke galoppieren. Es wartet nicht darauf, dass du ihm die Erlaubnis dazu erteilst. Ich rate dir sogar, ihm nicht zu sehr in die Quere zu kommen … Und wenn es trinkt, kannst du ihm am Halfter ziehen! So unterliegt man stets einem Irrtum, wenn man sich anmaßt, den Gang der Dinge zu andern und jemanden zum Trinken bringen will, der keinen Durst hat ...

 

Erzieher, ihr steht am Scheideweg. Beharrt nicht auf eurem Irrtum einer "Pädagogik des Pferdes,

 

das keinen Durst hat". Geht mutig und weise den Weg einer "Pädagogik des Pferdes, das zum

 

Klee und zur Tränke galoppiert".

 

1

 

 

 

Wir haben in der Geschichte vom Pferd, das keinen Durst hat, ein Kapitel vergessen. In dem

 

Augenblick, als der junge Landwirt, das Maul des Pferdes, das keinen Durst hat, in das Wasser

 

der Tränke stieß, und als - brrr! - das storrische Prusten des Tiers das Wasser in Kaskaden um den

 

Brunnen spritzte, taucht ein Mann auf, der schulmeisterlich erkärt: Aber wechselt doch den Inhalt

 

der Tränke!

 

 

 

Was augenblicklich befolgt wird, denn man sollte - auf höheren Befehl - das Pferd, das keinen

 

Durst hat, tränken. Vergebens. Das Pferd hatte keinen Durst, weder auf trübes, noch auf klares

 

Wasser. Es...hatte...keinen...Durst! Und es tat dies deutlich kund, indem es sein Halfter den

 

Händen des jungen Landwirts entriss und zum Kleefeld trabte.

 

So ist das eigentliche Problem unserer Erziehung keineswegs - wie man es uns heutzutage gerne

 

weismachen möchte - der "Inhalt" des Unterrichts, sondern unsere Hauptsorge muss es sein, das

 

Kind durstig zu machen.

 

 

 

Die Qualitat des Inhalts wäre demnach unerheblich?

 

 

 

Sie ist nur fur diejenigen Schüler unerheblich, die in der alten Schule darauf abgerichtet worden

 

sind, ohne Durst jedes beliebige Gebräu zu trinken. Wir hingegen haben unsere Schüler daran

 

gewöhnt, zunächst jegliches Getränk als nicht ganz geheuer anzusehen, es zu prüfen und zu

 

untersuchen, sich ihr eigenes Urteil zu bilden und überall eine Wahrheit einzufordem, die

 

keineswegs in den Worten liegt, sondern im Wissen um die richtigen Zusammenhange zwischen

 

Fakten, Personen und Ergebnissen.

 

 

 

Wir bilden keine Menschen, die einen Inhalt - sei er nun richtig oder falsch - passiv akzeptieren,

 

sondern Bürger, die morgen ihr Leben mit Tüchtigkeit und Mut anzupacken verstehen und die

 

verlangen können, dass das klare und reine Wasser der Wahrheit im Becken fließt.

 

 

 

Das Kind durstig machen

 

Habt ihr schon Gluckenmütter gesehen, die versuchen, ihr Kind zum Essen zu bewegen? Mit dem

 

Löffel in der Hand warten sie darauf, dass der Patient den noch vollen Mund ein wenig öffnet,

 

damit sie die nächste Portion Suppe hinein schieben können...Noch einen für Papa!...Und einen

 

fur die Miezekatze! . . . Am Ende läuft es über. Das Kind spuckt seine Nahrung wieder aus, wenn es

 

nicht gar eine Verdauungsstörung bekommt!

 

 

 

Bringt das Kind in ein lebendiges, möglichst gemeinschaftliches Umfeld, das es ihm erlaubt, sich

 

seinen natürlichen Aktivitäten hinzugeben. Es kommt dann hungrig zu den Mahlzeiten oder

 

erscheint schon davor. Das Problem der Nahrungsaufnahme ändert sich in seinem Sinn und Wesen

 

nach. Ihr musst nicht mehr einen schon im voraus verschmähten Brei heimlich hinein schieben,

 

sondern nur ausreichende und wertvolle Nahrung bereitstellen. Der Vorgang des Schluckens und

 

Verdauens ist nicht mehr eure Angelegenheit.

 

 

 

Man tränkt also das Pferd, das keinen Durst hat, überhaupt nicht?

 

Wenn es sich satt gefressen hat oder schwer arbeitend den Pflug gezogen hat, wird es von selbst

 

zur vertrauten Wasserstelle zurückkehren, und dann konnt ihr ihm am Halfter ziehen, schreien

 

oder schlagen,. . . das Pferd wird so lange trinken, bis es keinen Durst mehr hat und dann zufrieden

 

wegtrotten.

 

 

 

Es sei denn, euer Zwang und die Schläge, die es dazu bringen sollten, an diesem Brunnen zu

 

trinken, hatten eine Art physischen Ekel vor dem Brunnen bewirkt, und das Pferd weigert sich

 

von nun an, das Wasser zu trinken, das ihr ihm anbietet und sucht lieber ungezwungen anderswo

 

die Wasserlache auf, die seinen Durst stillt.

 

 

 

Wenn euer Kind keinen Wissensdurst hat, wenn es keinerlei Lust auf die Arbeit hat, die ihr ihm

 

vorsetzt, ist es auch verlorene Mühe, wenn ihr ihm die Ohren mit den sprachgewaltigsten

 

Beweisführungen vollstopft. Ebenso konntet ihr mit einem Tauben reden. Ihr könnt streicheln,

 

schmeicheln, versprechen oder schlagen, das Pferd hat keinen Durst. Und seid auf der Hut. Durch

 

eure Hartnackigkeit oder eure Brutalität lauft ihr Gefahr, bei euren Schülern eine Art physischen

 

Ekel vor intellektueller Nahrung zu erzeugen, und ihr werdet vielleicht für immer die Königswege

 

blockieren, die zu den fruchtbaren Tiefen des menschlichen Lebens führen.

 

 

 

Macht durstig, auf welchen Wegen auch immer! Stellt wieder Kreislaufe her! Ruft ein inneres

 

Verlangen nach der erwünschten Nahrung hervor. Dann strahlen die Augen, die Münder öffnen

 

sich, die Muskeln bewegen sich. Dann ist Sehnen da und nicht Schlaffheit und Widerwillen. Der

 

Erwerb von Kenntnissen erfolgt von nun an ohne regelwidriges Eingreifen eurerseits und in einem

 

Rhythmus, der mit dem Maßstab der klassischen Schulnormen nichts gemein hat. Jede Methode,

 

die sich anmaßt, das Pferd, das keinen Durst hat, zu tränken, ist bedauerlich. Jede Methode, die

 

den Wissensdurst reizt, und das starke Bedürfnis nach Arbeit anregt, ist gut.

 

 

 

Diese Texte des Herrn Freinet, sind...

 

...für den einen unwissenschaffliche Metaphern, die ein Bauernsohn sich ausdachte, der Lehrer

 

wurde, der ein früh-grüner Romantiker mit seltsam linken politischen Anspruch war. Für die

 

anderen war er ein genialer Kopf, der in simplen Geschichten erzählt, was Herr Professor und die

 

Erziehungswissenschaften in 20 Büchern und lebenslangen Vorlesungen nicht 'rüberbringt.

 

 

 

Mich schert es wenig, ob er ein altmodischer halbgenialer Unwissenschaftler war, der sich das

 

Beste der Pädagogik seiner Zeit zusammen suchte, um es mit seinen idealistischen sozialistischen

 

Ansichten einer neuen kooperierenden Gesellschaft in Demokratie und Menschlichkeit zu einem

 

Konzept einer pädagogischen Bewegung zu vereinen.

 

 

 

Oder, ob er ein modem-wissenschaftlicher Ganzheitler war, der sich in genialer Intuition

 

hemmender wissenschaftlicher Bildungs- und schulpolitischer Strukturen entledigen konnte, und

 

so nicht nur seiner Zeit voraus war, sondern dessen pädagogische Nachfolger heute noch

 

interessant ist, wenn ein neuer Staat wie die Europaische Union vor mehr als 20 Jahren eine

 

"moderne Schule" für ganz Europa skizzierte, plante und beschloss. Wenn heute die Realisierung

 

dieses politischen Inputs durch die nationalen und regionalen Regierungen für die Schulen und

 

Hochschulen ansteht2, ist der Begriff "Freinet" dabei, selbst wenn man noch nicht genau weiß,

 

was er dieser "Schulentwicklung" bringen soll oder kann. Wie wird mit diesem Begriff "Freinet"

 

umgegangen werden?

 

 

 

Ich gehe mit ihm um, wie es bereits die Gründer der österreichischen und deutschen Freinet-Kooperativen taten:

 

Wir interpretieren ihn für uns, für das, was wir tun. Und wir lassen uns von ihm und vieler seiner

 

Wegbegleiter, wie seiner Frau Elise oder Paul le Bohec, inspirieren. Wir holen bei ihnen ab, was

 

uns gefällt und ignorieren gerne seine Gedanken, die wir nicht brauchen konnen.

 

 

 

Wie etwa jene über das fiir ihn sympathische Krieg-Spielen der Kinder3 oder sein zeitgemäßer

 

Glaube an die Lösung von Wissensvermittlungs- und Lernproblemen Dank "programmierter

 

Bücher" und "unserer Techniken"'* analog zum Glaube an den Sieg des technischen Fortschritts.

 

Und selbst bei dieser - internen - Kritik, weiß ich nie, ob er selbst bei abstrusen Vorstellungen

 

vielleicht nicht doch recht hat, wir also in unserem Zeitgeistverständnis falsch liegen, oder er eben

 

doch ein Gefangener seiner anarchistisch - bäuerlich - kommunistisch Zeiteinbindungen war, wo

 

es Beschreibungen seines hoch engagierten demokratischen Handelns genau so gibt, wie

 

Erzählungen von Zeitgenossen, die ihn in die Nähe stalinistischen Verhaltens rücken konnten, wenn sie von Ausschlussverfahren gegen Andersdenkende in der franzosischen Freinetbewegung in der Nachkriegszeit berichten4.

 

 

 

Lieber genieße ich,...

 

...mit den Dingen so umzugehen, wie er es vielleicht selbst tat. Er war ein Eklektiker, er sammelte

 

zusammen, was ihm in seine Theorie und Praxis passte, ohne großartig auf die theoretische oder

 

praktische Herkunft zu achten. Ich genieße eben jene Passagen seiner Texte, die mir gefallen:

 

Der junge Städter will das Pferd tränken, um Zeit zu gewinnen! Ist dieses Zeitgewinnen nicht

 

sofort eines der zentralen Probleme unserer Schule, Bildung und Gesellschaft?

 

 

 

Michael Ende schrieb mit Momo zur Methode des Zeitsparens wohl eines der lehrreichsten

 

Bücher des vorigen Jahrhunderts. Freinet braucht zwei Satze, um ein solches Kernproblem aus zu

 

drücken: Wie könnt ihr glauben, ihr würdet in der Erziehung und Bildung von Kindern Zeit

 

gewinnen, indem ihr Kinder vor ihrer Zeit zum Durststillen zwingen wollt?

 

 

 

Denn was anderes versuchen die staatlichen Erziehungs- und Bildungsmonopole Schulen, Akademien , Hochschulen und Universitäten mit Unterricht, Seminaren, Lernstoff, Lehrplänen, Programmen, Prüfungsordnungen, Abschlüssen, Profilen oder Studiengängen, wenn sie Gleichschrittigkeit, Vergleichbarkeit oder verpflichtende tragfähige Grundlagen einfordern?

 

 

 

Alleine die wirkliche Beschäftigung in der Lehrerinnenbildung mit dem Gedanken, dass diese

 

Form des zwangsweisen Durststillen falsch sein könnte, wurde Generationen von Lehrerinnen und

 

Lehrern verändern können, wenn er dann verstanden, oder zumindest erahnt würde. Wenn sie

 

Unterricht weiterhin als Vermittlungsstätte von sterilen Lernstoffen planen, anstatt die Kinder in

 

ihrem Lernen professionell und liebevoll zu begleiten.

 

 

 

Immerhin erleben wir hier mit diesem Studiengang den Augenblick, wo ein Staat, nämlich Europa

 

offiziell das Umdenken nicht nur zulässt, sondern dazu auffordert.

 

 

 

Die Frage ist, ob dies zu einer Absorption dieser Gedanken führen wird, der den unbeweglichen,

 

kränkelnden, zweifellos zu wenig Qualifikation liefernden Koloss "staatliche Bildung" im Sinne

 

von "Schulentwicklung" wieder etwas beweglicher machen soll oder, ob wirklich eine neue

 

demokratische Bildungslandschaft entstehen wird, die vielfaltige und verschiedene lebendige

 

Systeme schafft, die vielleicht eher in der Lage sind, bei der Lösung der Probleme der Zukunft der

 

Menschen zu helfen.

 

 

 

Oder, ob nur ein kleines utopisches gesellschaftliches Experiment in seinem Nischendasein weiter

 

existieren darf.

 

 

 

Ein weiterer Satz in Freinets Geschichte beschreibt bereits das alltägliche Problem, was so viele

 

Lehrerinnen und Lehrer der heutigen Zeit in ihrem Berufsalltag haben: "Wir werden den Tag über

 

Ruhe haben!"

 

 

 

Davon träumt fast jeder gestresste Lehrer in Stadt und Land, Ruhe haben, endlich Ruhe und

 

unterrichten dürfen. Dies ist eines der bekanntesten ignorierten Probleme. Lehrerausbildung,

 

wissenschaftlicher Aufsatz, pädagogisches Buch, pädagogische (nicht nur psychologische) Forschung, sie alle erwähnen dieses Problem nicht, verharmlosen es, erklären es zum "Störfaktor" ansonsten korrekt erstellter Unterrichtsplanungen und stellen in der Praxis unbrauchbare Theorien oder Rezepturen her.

 

 

 

Wir haben in der Klasse keine Ruhe mehr, weil, - diese Pferde wollen nicht so saufen wie es die

 

herrschenden Didaktiken und offiziellen und geheimen Lehrpläne in den Köpfen der Lehrerinnen

 

und Lehrer im Sinne des "systematischen Lernzuwachs" geplant haben. Sie geben eben keine

 

Ruhe, diese Kinder, zumindest nicht immer, aber immer haufiger. Viele "tun es deutlich kund!"

 

 

 

Und dann Freinet: Jetzt führt das Pferd das Kommando! ! ! So weit käme das noch!

 

Klar, alles darf kindorientiert, kindgerecht, freiarbeitlich, offenunterrichtlich, stationsserviert,

 

mitbestimmlich sein, aber bitte, die Unterrichtsinhalte, die Länge einer Unterrichtsstunde, den

 

Prüfungsstoff, die Note bestimmen immer noch wir...oder einige Eltern, wie es immer mehr in

 

Mode gekommen sein soll.

 

 

 

Oder dürften die Kinder, pardon, die Pferde, wirklich das Kommando übernehmen?

 

 

 

"Du trinkst jetzt gefälligst!" ist ein Satz der auch aus meinem Mund nach 20 Jahren

 

Freinetpädagogik kommen konnte, wenn ich doch Kevin zum hundertsten Mal gesagt habe, er soll

 

und er soll nicht, und warum er nicht... und doch schon wieder ... Und dann der entsetzlichste aller Gedanken: "Es hat vielleicht Angst", das Kind, ich bin es, der dem Durstigen die Angst machte.

 

 

 

Und schon liege ich falsch, das Pferd war nicht durstig, ich wollte, dass es durstig war... Und dann die Besserwisser: "Ich habe doch immer gesagt, sie sind nicht wissensdurstig, diese Femseh-Computer-versauten Kinder von heutzutage. Sie brauchen Druck, Leistungsstress, Noten, Leistungsvergleich, damit sie überhaupt noch lernen". Und gleichzeitig aus dem Mund der

 

gleichen Eltern: "Sie machen meinem Kind aber Angst, jawohl, das tun Sie, sie sind nämlich

 

Lehrer und sowieso nicht konsequent genug... Sie müssen nämlich dafür sorgen, dass mein Kind

 

rechtschreiben, einmaleinsen, klassenarbeiten und dann abituren oder maturieren kann".

 

 

 

Und schon möchte ich die Kinder doch zur Tränke führen, weil es ja die Eltern wünschen, und ich

 

nicht da stehen möchte, wie ein Lehrer, der nicht erfolgreich ist, die Zeit gewinnen … und … wie das Kind verweigert sich???...aber...da ist doch eine Tränke. Und jetzt hab' gefälligst keine Angst

 

...und...ich streichele dich doch ....und das Wasser ist doch klar. ..und ich stoße doch deine

 

Nüstern nur ganz vorsichtig ins Wasser, damit du endlich kapierst............. Aber es verweigert.

 

Verdauungsstörungen...Wahmehmungsstörungen!...TeilleistungsstörungenI.. Legasthenie!...

 

Dyskalkulie!... vestibulare Störungen!...

 

 

 

Das Kind ist nicht in Ordnung! ! ! ! Es muss wieder funktionieren! ! ! ! ! ! Sonst, Zukunft...

 

 

 

Du brauchst sonderpädagogisch-neurolinguistische-edukinasthetische-kinderpsychologisch-ganzheitstherapeutische-gestaltdiagnostische, aber teure Förderung, nur weil du zu blöd zum

 

Saufen bist, du armes Familien-Gesellschafts-Zeit(und)-Zeitgeist-geschädigtes Kind!

 

 

 

Jetzt haben wir die ironische Miene des erfahrenen Bauern, der wei, dass das Pferd einfach

 

keinen Durst hatte, der weis, das Pferd will zum Klee.......... Nur Frau Kollegin, Herr Kollege, wo

 

soll es hier Klee geben, bitte schön?? Wissen Sie nicht wie eine Schule aussieht?

 

 

 

Dann machen wir ersatzweise eine Traumreise ins Kleefeld, vorbereitet durch ein Stationenfeld

 

mit allen Sinnen zur Erfahrung eines Kleefelds, unterstützt durch ein wenig olfaktorische

 

Wahrnehmung mit Hilfe eines Aromalämpchens und vielleicht etwas Musik aus den Traumstudios

 

der Medienindustrie.

 

 

 

Und was sagt Freinet an dieser Stelle? "Erzieher, ihr steht am Scheideweg....geht mutig und weise

 

den Weg einer Pädagogik des Pferdes, das zum Klee und zur Tranke galoppiert.

 

 

 

Und dann fängt er seine zweite Geschichte an. Er erzählt von den Leuten, die die Lösung des

 

Problems kennen, den Ausbildern an pädagogischen Akademien, Instituten, Hochschulen und

 

Universitäten. Sie sagen nämlich seit Jahrzehnten und Jahrhunderten: "Aber wechselt doch den

 

Inhalt der Tranke" Wir haben die neuen Methoden! Wir haben die neuen Theorien! Wir haben die

 

modernen Inhalte! Wir haben die neuen Erkermtnisse, die neuen Einsichten, Philosophien... alles

 

was ihr bis jetzt tatet, war falsch, folgt uns, unserer neuen Theorie, wir wissen es jetzt!

 

Folgt uns!!!!!!!!!!

 

 

 

Aber Freinet drückt diese Angelegenheit in einem Wort aus: "Vergebens"!

 

 

 

Denn, "Unsere Hauptsorge muss es sein, das Kind durstig zu machen".

 

 

 

Und er nennt es die "alte Schule", die aber die ist, die auch nur in neuen Gewändern gepredigt

 

wird: Hier geht darum, "dass die Schüler, ohne jeden Durst, jedes beliebige Gebräu trinken".

 

Und dann sagt er, was Sie fur diesen Studiengang für Sie selbst wissen sollten: "Wir hingegen

 

haben unsere Schüler daran gewöhnt, zunächst jegliches Getrönk als nicht ganz geheuer

 

anzusehen, es zu prüfen und zu untersuchen, sich ihr eigenes Urteil zu bilden und überall eine

 

Wahrheit einzufordern, die keineswegs in den Worten liegt, sondern in dem Wissen um die

 

richtigen Zusammenhänge zwischen Fakten, Personen und Ereignissen.

 

 

 

Wir bilden keine Menschen aus, die einen Inhalt - sei er nun richtig oder falsch – passiv akzep-tieren, sondern Bürger, die morgen ihr Leben mit Tüchtigkeit und Mut anzupacken verstehen und die verlangen können, dass das klare und reine Wasser der Wahrheit im Becken fließt"

 

 

 

Aber wie geht das? Was soll dieser Anspruch in diesem Studium?

 

Dazu holt Freinet in der dritten Geschichte nochmals aus: Lassen Sie sich nicht wie ein Kleinkind

 

füttern, oder wie eine Miezekatze, die einen tollen Referenten als Ernährer zu finden glaubt.

 

Spucken Sie wieder aus, bevor Sie an Verdauungsstörungen leiden.

 

 

 

Oder wieder Freinet; Begreifen Sie doch einfach, dass das Pferd, das keinen Durst hat, überhaupt

 

nicht getränkt wird! Was würde das, konsequent zu Ende gedacht, fur die Existenz der staatlichen

 

Schule und die Lehrerinnenbildung bedeuten?

 

 

 

Eine Schule übrigens, in der Freinetleute seit 80 Jahren ihre Freinetarbeit (sich) leisten. Was ist

 

das für eine Einstellung? Was sind das für Menschen, die mit dieser Einschätzung von Schule in

 

der staatlichen Schule arbeiten?

 

 

 

Wäre es da nicht sinnvoller, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer an diesem Studiengang, einen

 

weiteren Kursus fiir neurolinguistische Programmierung oder einen solchen zur Organisations-entwicklung oder einen neueren zur Entwicklung von Leistungsfeststellungs- und Leistungs-vergleichskriterienerarbeitung zu belegen, als sich ausgerechnet mit Freinet zu beschäftigen?

 

 

 

Es gibt zwei Möglichkeiten, fährt Freinet fort, warum das Pferd zur Tränke gehen könnte:

 

Entweder es hat sich satt gefressen ( an Sinneswahrnehmung, Fernsehen, Klavierstunden,

 

Reitstunden, Gameboy oder Surfen im Internet, dem Sammeln von Karten oder Stickern oder

 

dem Bauen von Türmen???) oder weil es schwer arbeitend den Pflug gezogen hat (Kinderarbeit

 

oder sinnvolles Mitarbeiten???)

 

 

 

Und dann, sagt Freinet, könnt ihr auf das Kind, pardon, das Pferd, so viel einschlagen, an ihm

 

zerren, wie ihr wollt, es wird weiter saufen, nicht mehr aufhören, bis der Durst gestillt ist.

 

Und dann schränkt Freinet aber ein; "Es sei denn, euer Zwang und die Schläge, die es dazu

 

bringen sollten, an diesem Brunnen zu trinken, hatten eine Art physischen Ekel vor dem Brunnen

 

bewirkt, und das Pferd weigert sich,...."

 

 

 

Merken Sie, Freinet stellt die gesamte Didaktik, die gesamte herrschende Pädagogik in Frage.

 

Ob er diesen Anspruch halten kann, ob er in der Lage ist, besseres anzubieten?

 

 

 

Wird er nur "Wasserlachen" anzubieten haben, um "ungezwungen" zu trinken?

 

 

 

Stiehlt er sich hier nicht etwas heraus? "Wenn euer Kind keinen Wissensdurst hat, wenn es

 

keinerlei Lust auf die Arbeit hat, ist es auch verlorene Mühe, wenn ihr ihm die Ohren mit den

 

sprachgewaltigsten Beweisführungen vollstopft."

 

 

 

Und bald sagt er, was heute jeder Inspektor oder Schulrat sagen könnte: "Macht durstig, auf

 

welchen Wegen auch immer! Stellt wieder Kreislaufe her! Ruft ein innerstes Verlangen nach der

 

erwünschten Nahrung hervor. Dann strahlen die Augen, die Münder öffnen sich, die Muskeln

 

bewegen sich. (Welch eine Ahnung der Mann schon von Motopadie oder Sensomotorik hatte!)

 

Dann ist Sehnen da und nicht Schlaffheit oder Widerwillen."

 

 

 

Und was hat das mit unserem Studiengang zu tun?

 

Wir sind keine Zeitsparkasse, wir legen nicht ihre Zeit an. Wir gehen mit ihnen einen Weg, der

 

IHR Weg werden soll, zu IHRER Tränke, zu IHREM Kleefeld und das Ziel ist nicht die Tränke,

 

oder der Weg selbst, sondern das Ziel bleibt IHR DURST und IHR KLEE:

 

Wir werden mit Ihnen arbeiten, vier Semester lang. Wir werden Wege gehen, Tränken bauen, um

 

der Frage nach dem Durst nachzugehen.

 

 

 

Haben Sie überhaupt Durst? Wir unterstellen Ihnen das, sonst waren Sie nicht hier.

 

Aber worauf? Wie? Wann? Warum? Wollen Sie aus fertigen Tranken trinken? Fertige Wege

 

gehen? Gibt es die überhaupt?

 

 

 

Sie treffen mit den Freinetpädagoginnen und -pädagogen, die hier als Dozenten sind auf

 

Menschen, die ihre eigenen Wege gehen auch manchmal stehen bleiben, Tränken gebaut haben

 

und bauen, Durst kennen. Wir bieten Ihnen unsere Wegerfahrungen, unsere Tränkebaustrategien,

 

unsere Durstschilderungen an. Aber wir wissen, dass dies eher nicht ihre Wege sind. Sie müssen

 

Ihren eigenen Durst spüren und löschen.

 

 

 

Müssen Sie heute an den Tränken bauen, oder erst zum Kleefeld gehen? Oder um es ganz drastisch auszudrucken: Wir werden Sie nicht zu unserer Tränke führen, damit wir Sie dort zum Saufen zwingen, noch werden wir versuchen, für Sie zu saufen, noch lassen wir Sie unsere Tränke leer saufen. Wir werden nur das Klee mit Ihnen teilen.

 

 

 

Wir sind keine Pferde, auch wenn wir wie sie reagieren können. Als Menschen können wir Wege

 

finden, um Wege zu finden, die zu Wegen zu Tränken führen.

 

 

 

Als Menschen unterscheiden wir zwei Arten von Wegen zu Tränken, ln der Natur müssen wir

 

lernen, wo trinkbare Quellen und Gewässer sind, in unseren Häusern müssen wir Leitungen und

 

Becken bauen können.

 

 

 

Wir müssen Wasser teilen, behüten, sauber halten und säubern. Wir verbinden das Wasser mit

 

Begriffen wie Sauberkeit, Erfrischung, Erholung, Gesundheit, Fruchtbarkeit, verschiedensten

 

Symbolen und dem Leben selbst. (Die Sintfluten und Hochwasser vergessen wir eher.)

 

Und da wir durstig nach Leben sind, haben wir unsere Pädagogik so entwickelt wie sie ist.

 

 

 

Eine Pädagogik des Lebens kann nicht in Flaschen abgefüllt und verkauft werden. Das ist eine andere Form des Durstlöschens.

 

Eine Pädagogik des Lebens will5:

 

Sich von der Welt beeindrucken lassen und dies ausdrücken,

 

eigenen Bedürfnissen folgen, gemeinsam, nicht gegeneinander,

 

lernen im Austausch, in der Entdeckung von Gemeinsamkeiten,

 

im gleichberechtigten demokratischen Miteinander,

 

in und für menschenwürdige Qualitäten,

 

in selbst bestimmter und selbst organisierter Arbeit,

 

wo alle Fähigkeiten und Möglichkeiten immer weiter wachsen und leben konnen,

 

wo Verantwortungsir das eigene Lernen ubernommen wird

 

und anderen ihre Verantwortung gelassen wird,

 

ohne sie in dieser Verantwortung allein zu lassen,

 

wo Menschen ihre Identitat finden,

 

ihre Sprache finden, als wichtigstes Mittel des menschlichen Ausdrucks,

 

wo Menschen in ihrer Sprache leben,

 

wo Kindern, allen Menschen, das Wort gegeben wird.

 

 

 

Wir wissen, und hier halte ich es mit John Lennon: "I know that I'm a dreamer, but I'm not the

 

only one" und wir haben ein paar Techniken und Werkzeuge des Lernens und Arbeitens

 

herausgefunden, die diese Art des nicht entfremdeten Lebens und Lernens auch hier und heute

 

und jetzt in der Schule möglich macht.

 

 

 

Wir lieben es, "ungezwungen" zu arbeiten, zu lernen und zu leben. Wir favorisieren, wie Elise

 

Freinet es einmal ausdrückte, eine Erziehung ohne Zwang.

 

 

 

Bei Pferden und Menschen.

 

 

 

 

 

1 Es folgt dem Text "Die Geschichte vom Pferd, das keinen Durst hat" noch zwei weitere Geschichten: "Das Pferd hat keinen Durst: Wechselt also das Wasser in der Tränke!" und "Das Kind durstig machen" wurden von Dieter Adrion und Karl Schneider, Schuldruckzentrum an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, herausgegeben: Celestin Freinet, Die Spruche des Mathieu, Ludwigsburg l996, S. 34-38 Vielen Dank fur die Erlaubnis, die Texte für diese Rede benutzen zu können.

 

 

2Natürlich verläuft diese "Realisierung" weder eindimensional noch widerspruchslos. Vielmehr spielen hier viele,

politische Kräfte eine Rolle, wie ein etwa in Deutschland jene Rollback-Orientierung, die preußische Leistungs- und

Curriculumvorstellungen des frühen 19. Jahrhunderts als Lösung der Probleme des 21. Jahrhunderts erproben möchte.

Oder etwa in Teilen Osterreichs ein beinhartes Mobbing zum Wegekeln von missbeliebigen Leuten.

 

 

3Celestin Freinet, Pädagogische Werke, Teil 1, Paderborn, München, Wien, Zürich 1998, S.322 ff.

 

4 Hier zitiert nach: Celestin Freinet, Eine kurze Übersicht über die Moderne Schule", Köln o.Jg., S. 32f.

 

 

5Prof. Gerhard Rabensteiner (Leiter des Hochschullehrgangs, PadAk Kärnten), Walter Hövel (Eitorf), Uschi Resch

(Bonn), Pia-Maria Rabensteiner (Kärnten), Martin Merz (Oberosterreich), Christine Wiedermann (Wien), Wolfgang

Mützelfeldt und Lutz Wendeier (beide Freie Schule PrinzHöfte),

Die folgende Aufzählung entstand bei der Planung des Studiengangs. Dies sind Antworten der Dozentinnen auf die Frage,

was fur sie das Entscheidende in der Freinetpädagogik sei.