(Autorin wahrscheinlich) Ulrike Waterkamp und Walter Hövel

 

Freinetwoche vom 2. - 7.Oktober 1995

 

an der Universität zu Lettland in Riga

 

 

 

Am Montag, den 2. Oktober 1995 warteten an der Uni Riga über 100 Teilnehmerinnen auf die Fortbildung „Freinetwoche“. Wir wollten, so war es angekündigt, von Montag bis Freitag gemeinsam unter dem Rahmenthema „Das Meer“ (auf Lettisch „Jura“) nach den Prinzipien der Freinetpädagogik arbeiten.

 

 

 

In Deutschland hatte die Vorbereitungsgruppe lange überlegt zu welchem Thema wir arbeiten sollten. Schließlich einigten wir uns auf das Thema „Meer,“ ohne zu wissen, welchen Volltreffer wir gelandet hatten. Das Meer brachte diesem Land immer die Kraft für die eigene Freiheit einzutreten. Doch das erfuhren wir erst zu Beginn unserer Arbeit vor Ort.

 

 

 

Die meisten Teilnehmerinnen waren Frauen, nur 6 Männer hatten sich für die Fortbildungswoche angemeldet. Gut 20 Menschen waren LehrerInnen aus verschiedenen Schulen, etwa 10 Dozent-Innen von der Universtät zu Riga oder der Pädagogogischen Hochschule. Der überwiegende Teil waren StudentInnen der Philosophischen Fakultät der Universität in Riga.

 

 

 

Im Park Rigas waren noch die Freiheitskämpfe gegen die russischen Besatzer zugegen. Andererseits gefielen sich auch viele lettische Faschisten, die schon an der Seite der deutschen Wehrmacht und deutschen SS-Verbände gegen sie überfallene Sowjetunion kämpften. Berüchtigt waren dort die jüdischen und kommunnistischen Gefangenentrecks, die am Morgen Riga verließen und abends mit viel weiger Menschen zurückkehrten. Die Faschisten aus beiden Ländern hatten sie umgebracht.

 

 

 

Für alle war es die erste Begegnung mit der Freinetpädagogik. Klaus Altermann, Professor an der dortigen Universität, hatte die Woche organisiert. Seine spätere Frau Anita Caure, Dekanin vor Ort, half ihm.

 

 

 

Wir arbeiteten unter den vorgefundenen Bedingungen der Universität zu Riga. Wenige, sehr kleine Räume mit dem Mobiliar der sowjetischen Schule (Tische, die mit Bänken fest verbunden waren, riesige Metallschreibtische, usw.) Unsere erste Arbeit hatte am Sonntagabend darin bestanden, die starren Sitzordnungen durch Aus- und Umräumen in funktionstüchtige Lernateliers zu verwandeln.

 

Die beteiligten FreinetpädagogInnen (Klaus Glorian, Annette Münter und Gisela Tamm aus Bremen, Ute Geuß und Walter Hövel aus Köln und Ulrike Waterkamp aus Recklinghausen) hatten auf dem Pfingsttreffen in PrinzHöfte im Rahmen einer Vorstandssitzung das Unternehmen geplant.

 

 

 

Wir erhielten 6mal 17 Lat, was der damaligen staatlichen Unterstützung einer Studentin für einen Monat entsprach. Natürlich waren wir nicht in der Lage, unser Geld auch nur annähernd auszu-geben. Wir legten das „restliche“ Geld zusammen und schenkten das „Vermögen“ einem „blinden“ Bettler. Er zählte das Geld sofort und verschwand, was wir aus sicherem Abstand beobachteten.

 

 

 

Wir wollten auf keinen Fall nur eine „Freinet-Kreativ-Show“ veranstalten, sondern hatten das Ziel, die Menschen dort so anzusprechen und zu befähigen, dass sie nach dieser Woche den Mut und das Know-How erworben hatten, eine lettische Freinetgruppe zu gründen und selbst Freinetreffen zu organisieren.

 

 

 

Die StudentInnen, noch im sowjetischen Schulsystem aufgewachsen, waren die Besten der rus-sischen, ukrainischen und lettischen BewohnerInnen des Landes. Sie wurden ganzheitliche Lehrer-Innen. Sie konnten alle tanzen, musizieren, in Chören singen, malen und schreiben, Englisch und – denken und handeln. Viele hatten Deutsch in ihren Familen und/oder der Schule gelernt.

 

 

 

Neben den Ateliers, in der jeweils für die ganze Woche, vertiefend eine Freinetmethode (zum Thema „Meer“) im Mittelpunkt stand, den Plenen, die dem Austausch, der demokratischen Absprache weiteren Seminargestaltung dienten und dem kommunikativ-kulturellen Abendprogrammen, planten wir die Einrichtung von „Klassen“, einen Evaluationstag und die Gründungsversammlung einer lettischen Freinet-Kooperative fest mit ein, so dass ein Programm der Woche dabei herauskam.

 

 

 

Walter Hövel wurde für Jahre Gastprofessor an der Uni Lettlands in Riga. „An zwei weitere einwöchige Veranstaltungen erinnere ich mich. Wir philosophierten zum Thema 'ICH', was auf Lettisch 'ES' heißt. Das andere Mal schrieben wir anhand von privaten, staatlichen, schulischen und wirtschaftlichen Besuchen, Interviews und zu eigener Forschung ein eigenes Geschichtsbuch.“ Ob es jemals eine funktionierende Freinetgruppe gab, weiß ich nicht. Es gab viele Jahre ein Zentrum für die Studierenden. Wir überließen die weitere Entwicklung den Menschen vor Ort und den dortigen Institutionen. Schon bald, eigentlich sofort, gab es keine Weiterarbeit der Freinet-Kooperative.

 

 

 

Der Wochenplan

 

 

Montag, 2.10. 1995 10 – 12 Uhr Plenum
12 – 13 Uhr Atelier
15 – 17 Uhr Atelier

 

18 – 20 Uhr Klasse

 

 

 

Dienstag, 3,10.1995 10 – 13 Uhr Atelier
15 – 17 Uhr Klasse

 

18 – 21 Uhr „Riga By Night“ (Führung durch Studies)

 

 

 

Mittwoch, 4,10.1995 10 – 13 Uhr Atelier
15 – 17 Uhr Klasse

 

18 – 21 Uhr Zwischenplenum und Mtspieltheater

 

 

 

Donnerstag 5.10.1995 10 – 12 Uhr Klasse
12 – 13 Uhr Ateliers

 

15 – 17 Uhr Ateliers

 

18 – 21 Uhr Präsentation der Arbeitsergebnisse

 

 

 

Freitag, 6.10.1995 10 – 11.30 Uhr Evaluation der Arbeit in den Ateliers

 

11.30 - 13 Uhr Ergebnisse der Lernprozesse in der Klasse

 

15 – 16 Uhr Abschlussplenum

 

16 – 17 Uhr Gründung einer lettischen Freinet-Kooperative

 

18 – ? Uhr Abschlußfest mit Essen und Trinken

 

 

 

An einem Abend (Mittwoch) sangen wir gut zwei Stunden (!) im Wechsel deutsch/englische und lettisch/russische Lieder über das Meer.

 

 

 

Annita Caure und Klaus Altermann gingen viel später als Schulleiterpaar zum 'Schlössli Ins' in die Schweiz. Vorher wurde diese schweizer Pestalozzi/Steinerschule Partnerschule der Grundschule Harmonie in Eitorf. An der Grundschule Harmonie gab es über mehrere Jahre noch studentische Praktika und Gäste bei Kolleg*innen und in Familien.

 

 

 

Riga wurde einer meiner Städte.