Walter Hövel
Wir schreiben das Jahr 2018
Eine sehr subjektive Sichtweise aus Menschenrechten, Demokratie und Diversität

 


Alles, was in der Nachkriegszeit nicht aufgearbeitet wurde, steht jetzt an. Nur, dass die Zeiten nicht stehengeblieben sind, dafür aber die alten Nazis und ihre Nachfolger versterben. In der deutschen Justiz, Wirtschaft, Bankwesen, im Heer, in der Diplomatie, bei der Polizei, im Hochschulwesen, den Schulen, in den Verwaltungen, in der Medizin, dem Naturschutz, der Unterhaltung, dem Handel, zum Beispiel mit Lebensmitteln, dem Großteil der christlichen Kirchen sind schon lange die Nachfolger oder Nachfolger der Nachfolger beschäftigt. Nur in einigen Bereichen, wie der Presse, Teilen der Politik oder der Kultur kam es zur Ablösung vieler Nazis und Wiedereinsetzung überlebender Widerständler. Hinzu kommen neue Bereiche wie in der Elektronik, dem Islam, der Mode oder den internationalen NGOs. Aber „alte“ Familien, Seilschaften, Adlige oder das Bildungsbürgertum herrschen wieder oder weiter, sie besetzen alle Schlüsselpositionen. In der Politik machen sich alte, teils rassistische und undemokratische Positionen bemerkbar. Dies gilt für alle Parteien!

 

Ein paar Tage vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde ich 1949 geboren. Meine Umgebung war nicht entnazifiziert. Weit über 90% der Bevölkerung waren noch Nazis.

 

Weich ein Wunder sich neben dem „Wirtschaftswunder“ in den Köpfen der Menschen abspielte. Die Mehrheit lernte die demokratischen Spielregeln. Einige wurden sogar selber Demokraten. Mit den Beatles, dem blühenden Konsum und der wachsenden Bedeutung der Medien, übernahm ein Bündnis aus Demokratiespielern und Demokraten die Schulen, Ämter, Universitäten, Presse, Pflege und andere Teile des Sozialwesens.

 

In dieser Zeit fragte ich meinen Vater, wie er sich einen demokratischen Staat vorstelle. Er hielt sich immer für einen „linken“ Nationalsozialisten. Er war HJ-Führer, 10 Jahre als Soldat in Polen, Frankreich, Finnland, Russland, und Tchechien. Er arbeitete danach für die Auftraggeber der Nazis, der Kreissparkasse und Bayer Leverkusen, um mit 61 Jahren seiner Jugendideale und seines Sieges beraubt an Krebs zu sterben. Er antwortete mir, er wolle einen basisdemokratischen Staat…. wo die Menschen selbst was sie wollen… so etwa ein „Thing“, wie bei den Germanen…

 

Damals habe ich das eher positiv verstanden. Immerhin wählte er die SPD und wurde von der FDP als Mitglied umworben.

 

Später erst hörte ich diese Worte wieder von AfD-Leuten: „So wie in der Schweiz… Wir sind das Volk… „Der Jude“ wurde durch den „Islamisten“, der „Kommunist“ durch den „linken Terroristen“ ersetzt. Das Feindbild war „der Linke“.

 

Plötzlich kam heraus, dass zwischen 10%, 20% und mehr als doppelt so viele Deutsche ihr altes völkisches, deutschnationales, rassistisches elitäres menschenfeindliches Denken beibehalten hatten.
Es kam heraus, dass ungebildete ärmere Massen genauso rechts-populistischen Parolen folgen wie Kriegs-aggressive Reiche, verängstigte Mittelschichtler. Noch gibt es die Chance einer aufgeklärten, menschenrechtlichen Mehrheit in unserem Land.

 

Zu Anfang war, für meine Generation, die Orientierung recht leicht. So lange man gegen die eigenen Eltern und den Mann und der Frau auf der Straße eingestellt war, konnte man wenig falsch machen. Diese Einstellung brachte uns manch einen problematischen Umweg, aber auch desillusionierten Klarheit mit den eigenen Eltern, unserer Gesellschaft und der eigenen Psyche mit sich.

 

Ich war 2018 beim Rosenmontagszug in Köln. Ich kaufte mich ein beim Café Riese auf der Schildergasse. Ich stand bei den Reichen. Gegenüber und daneben standen die Bürger. Zu viele Arme, Behinderte, Migranten waren dabei. Hier wurde weniger „geworfen“. Die Pralinenschachteln und „Strüßjer“ gingen in größeren Mengen auf den Teil der Reichen nieder.

 

Und welch eine Ordnung im Zug! Unten gingen zur Sicherung der Wagen junge syrische, afghanische und türkische Männer, und oben auf den Wagen standen in der Überzahl die reichen und älteren „kölschen“ Männer. Auf die Pferde passten junge Männer und viele junge Frauen auf. Was es hier an Gleichberechtigung gab, fehlte auf den Männerdominierten Pferden, Kutschen und Wagen. Bis vor einigen Jahren war es Frauen verboten mit dem Kölner Karnevalszug zu gehen. Das Dreigestirn mit Prinz, Bauer und Jungfrau ist rein männlich.

 

Das Café Riese stellte auch den einzigen lautsprecherverstärkten Zugmoderator, „für die Schildergasse“, wie er sagte. Wie viele Karnevalslieder nicht gespielt wurden, andere mehrmals. Einmal gab es Lieder aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Wie sich die kölsche Sprooch doch verändert hat. Die Nähe zum Jiddischen war viel größer.

 

Als vorletzter Wagen kam der Prinz. Hierzu ließ der Moderator „Die blauen Dragoner sie reiten“ von einem Militärchor grölen. Aua! Die „Blauen Dragoner“ war ein berittenes Armeechor in der Reichswehr des Ersten Weltkriegs, das 1919 geschlossen wurde. Erst die Naziliederbücher ließen das Lied und sein Regiment wieder aufleben. Welch Geistes Kind ist doch ein großer Teil der Karneval zelebrierenden Bürgertum der Stadt Köln. Ein Glück, dass der Straßenkarneval, ein Geisterzug, die „Ahl Säu“, die Kölner Musikgruppen und die Stunksitzung dagegen stehen und entstanden.

 

Der Vorgang ist ein lebender Beweis für eine deutsche Koexistenz von deutschnational-faschistoiden und menschenrechtlich-demokratischem Menschen. Zu viele denken noch wie Nazis, aber die demokratischen Spielregeln gelten. Noch?

 

Es war eine deutsche freie Presse, die die Sichtweise aus sich selbst und die Gesellschaft veränderte. Es war der Zugang zu einer Literatur von Zeitgeistern, Zukunftsbeschreibern und demokratischen Wissenschaftlern. Es waren Jugendliche, die nachwuchsen. Sie sangen andere Lieder, bedienten anderes Spielzeug, auch elektronisches.

 

Es war eine Reeducation in Schulen und Hochschulen. Auch wenn die Lehrerschaft nicht entnazifiziert weiter machte, widmete sie sich der von den alliierten Schutzmächten befohlenen, jetzt einzuübenden Selbstvertretung in Schülermitverwaltungen, Studentenparlamenten, Fachschaften und Asten. Sie wandelten sich von Faschos zu konservativen Grünen, die für Feminismus, gesundes Essen, Weltfrieden, Integration, Inklusion, Gleichberechtigung der Geschlechter, Umweltschutz und Menschenrechte eintraten.

 

Die bürgerlich-monopolistischen Unternehmer, viele Adlige, Militärs, Juristen, neue elektronische Unternehmer und Medienmogule, Bänker und Geldzocker, Politiker nahmen ihre Chance und bauten ihre neue Welt. Heute steigen der Reichtum der Reichen und die Zahl der Armen, selbst in den Zentren der Macht. Sie haben die Zeitungen und Verlage mit ihren Werbegeldern gekauft und besitzen die Firmen der manipulativen elektronischen Medien.

 

Und es kam die Besiegung des größten „brüderlichen“ Konkurrenten, des „kommunistischen Ostblocks“. Er verschwand, ohne Krieg oder Bürgerkriege übergab er seine „Geschäfte“ und „Hinterlassenschaften“ den bürgerlichen Regierungen und den eigenen Händlern. Das Volk wollte nichts mehr verteidigen. Sie wollten wie die im Westen, Norden oder Süden rein in den kapitalistischen Konsum, rein in eine Freizeitkultur, die man sicherlich durch bis dato unbekannte Arbeit bezahlen musste.

 

Frei von jeder Konkurrenz begannen die Reichen reicher als je zu werden. Ehemalige „kommunistische Systeme“ gingen in die Hände von aufstrebenden Kapitalisten. Vielvölkerstaaten zerbrachen und nationalistische Tendenzen wurden wiederbelebt. Die alten Großmächte gerieten in Krisen. Sie brauchen neue Herrschaftsformen die das ungebremste Wachstum ihrer Industrien möglich machen.

 

Früher, so sagte man, saß bei den Lohnverhandlungen im Westen immer ein dritter mit am Tisch, der Osten direkt neben dem Gewerkschaftler. Er war mal „Mitbestimmungspartner“, mal unrealistischer linker Lohnforderer. Dem westlichen BRD-Arbeiter musste es besser gehen als dem Arbeiter im Osten. Das Kapital musste auf den Gegner im Osten, die „Sozialisten“ achten. Gleichzeitig hatten Sie sie ja auch im eigenen Land.

 

Aber sie saßen auch in anderen Ländern, sogar in den Regierungen. Und da gab es die „Blockfreien, angeführt von einem „sozialistischem“ Land, nämlich Jugoslawien. Und diese Blockfreien mussten sich so benehmen, dass sie entweder von den USA und Europa finanziert wurden oder von der Sowjetunion und China. Die einen hatten schreckliche Freunde in Chile, im Iran, in Liberia oder in anderen südamerikanischen, asiatischen und afrikanischen Staaten. Aber es gab auch „Gute“, wie Kanada, Island, Neuseeland oder Australien. Die anderen hatten „Freunde“ in Kuba, im Benin oder in der Mongolei und in vielen Ländern der Welt.

 

Und dazwischen gab es die anderen, wechselnden Blockfreien, wie Indien, Pakistan, Brasilien oder Kenia, die Mehrheit der Länder auf der ganzen Welt.

 

Und dann siegte der „Westen“ gegen den „Osten“. Und der Westen? Innerhalb von nur 3o Jahren wurden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Der Lohn floss nicht mehr mit dem dritten Mann am Tisch.

 

Und die „Ehemaligen“ und „Blockfreien“? Sie wurden offene Kapitalisten! Sie fingen überall auf der Erde verteilungskämpfe um Rohstoffe, Märkte, Länder und Menschen an. Sogar die alten Zentren der Macht wie die USA, Großbritannien, Deutschland oder Frankreich wurden ungehemmt aggressiver. Sie waren bei fast jedem Krieg dabei. Aber auch die Neuen, wie Russland oder China mischten mit: Sie wollten ihren Anteil. Andere zerfielen und kämpften, im Nahen Osten, in ganz Afrika, in Südamerika, um die ehemalige nun zerfallene Sowjetunion.

 

Und überall mischten die alten und neuen Herren mit. Sie holen ihre Anteile. Sie bezahlen ihre Menschen aus diesen Raubzügen und machen sie gleichzeitig ärmer. Und alle ihre Regierungen werden autoritärer, militanter, nationalistischer, rassistischer, undemokratischer. So ist am besten zu verdienen, glauben sie.

 

Dass das nicht gut geht, wissen wir aus der Geschichte. Wir wissen das aus allen Jahrhunderten, aus dem ersten Weltkrieg, dem Zweiten, dem Nazikrieg, aus dem Vietnamkrieg oder jetzt aus dem Nahen Osten. Sie können nie gewinnen, aber immer verdienen. So wird eine aggressive Politik gemacht, wo auf Kosten der Menschen verdient wird.

 

Kriegsgefahren steigen, nach den sozialistischen Parteien des ehemaligen „kommunistischen Weltreichs verschwinden auch alte kommunistische und sozialdemokratischen Parteien und Organisationen der alten Welt. Selbst Parteien einer demokratischen Mitte verschwinden. Alte nationalistische Ideen stehen gegen globale Neu-Ideen.

 

Die Bildung der Menschen befriedigt bei weitem nicht die Bedürfnisse von Industrie, Ämtern und Medien. Aber sie reicht, um die Menschen so dumm zu halten, dass sie den Reichen folgen.

 

Die Linke entfernt sich wie immer von ihrer Klientel und überlässt das Volk rechten Populisten. Sie sind gekennzeichnet vom Verlust ihrer ehemaligen Länder. Sie haben das Individuum und seinen Drang zur Freiheit nicht erkannt. Sie haben Demokratie und Menschenrechte nicht gewürdigt.

 

Sie erkennen nicht, dass sie in den westlichen Systemen Teil eines Systems waren, dem es nicht gelang die Armut und Unbildung zu beseitigen.

 

Zu viele sind gekauft oder folgen eigenen veralteten Ideologien. Zu viele ziehen sich zurück, fordern Sicherheiten statt Freiheiten.

 

Und so laufen auch Bildung und Erziehung. Die Lehrerschaft versteht nicht ihre Aufgabe. Es geht nicht mehr um das Einüben von Mehrheitsdemokratie, vom Lehren eines funktionierenden Unter- und Einordnens. Er geht nicht mehr um die Selektion eines Volks in Befehlsempfänger, Befehlsvermittler und Befehlemacher. Es geht nicht mehr um das Abarbeiten vorgegebener Lehrpläne und das Bestehen entsprechender Prüfungen.

 

Es ginge um das Lernen aller durch das eigenständige Lernen aller. Es geht um die Abschaffung der alten Schule um lernende menschliche demokratische Lebensgemeinschaften zu beleben.

 

Demokratie ist kein „Zusatzlerngebiet“ mehr. Es ist der Inhalt und die Methode einer menschenrechtlichen Gesellschaft.

 

Sollten wir die nächste Zeit ohne Vernichtungskrieg und um sich greifende Armut und Flüchtlingsbewegungen überleben, werden wir es nur dadurch tun, dass wir unsere Zukunft schon heute zu unserem Ziel und zur Methode unseres Denken und Handelns machen.