Walter Hövel

 

Die neue Landflucht und die heutige Bildung

 

Leben wir immer noch mit Problemen wie im Mittelalter?

 

"Die Freidenkenden zieht es heute wie eh und je in die Stadt, die Konservativdenkenden leben auf das Land", so der erste Eindruck. Unbenommen ist, immer mehr Menschen zieht es in die wachsenden Städte und ihre "Schienen", - und das Land und seine Kommunen sind längst verarmt.

 

In den Städten gibt es die Freiheit des Konsums, der Bildung, der Kunst, der Freizeit, des Handels, des Geschäft. Sie sind attraktiv, reicher und gesucht.

 

Auf dem Land bieten „Herren“ seit eh und je Sicherheit an, für die sie werben und eintreten. Die Freiheit und seine Ideale sind vielerorts immer noch die des Edel- oder Kirchenmannes. Sie können mit ihrem Geld und ihren Untertanen zwar nicht mehr machen was sie wollen, aber „altes“ Denken bleibt. Dabei zerfällt diese Gesellschaft. Die Zahl der Mitglieder in Vereinen, Chören und Parteien geht mit dem öffentlichen Leben zurück. Kleine Geschäfte im Ort, Arztpraxen und Gaststätten schließen.

 

Die Bürger erziehen mehr denn je zu Höflichkeit, Treue, Benehmen, Ordnung, Pflichtbewusstsein, Sparsamkeit. Die Tendenz geht scheinbar zur Renaissance traditioneller Erziehungsziele.

 

Die Kinder der Reichen unseres Ortes gehen nach dem Abitur gewöhnlich zum Studium in die Städte, zunehmend ins Ausland. Die Reichen und Mittelständigen finanzieren das. Kaum jemand kehrt zurück. Die besseren Jobs gibt es anderswo. So geht es seit Jahrzehnten, vielleicht Jahrhunderten. Die Schlauen gehen, die einfachen Ansichten bleiben, um die Armen und die Traditionen zu verwalten. Die Mittellosen haben naturgemäß kein Interesse an politischer oder gesellschaftlicher Arbeit und die weit schlechtere Bildung in Familien und Schulen „genossen“.

 

Als vor Jahren ein geeigneter bürgerlicher Bürgermeisterkandidat gesucht wurde, gab es Niemandem, „der für dieses Geld“ zurückkehren wollte. Ein wenig begabter FDP-Mann wurde als „Akademiker“ gewählt, weil er zuverlässig rechter war als der Kandidat von der CDU.

 

Kaum eine Lehrperson des hiesigen Gymnasiums kommt aus dem Ort selbst! Aber sie bilden im konservativen Bildungssinne Jahr für Jahr jene jungen Bürgerskinder aus, deren Absolventen dann den Ort in alle Welt verlassen.

 

So dünnt sich die Gemeinde immer wieder selber aus. Es nimmt sich seine eigene Bildungsarbeit weg, oder anders ausgedrückt, es legt keinen größeren Wert auf eine Grund- oder Weiterbildung. Wichtiger ist die Grundselektion an den Schulen.

 

Jede weitere Zukunft übernehmen Ausbildung, Berufe und Firmen in größeren Orten. Da nutzt auch kein Internet. Im Gegenteil bringt es die Sehnsucht nach der Landflucht noch intensiver aufs Dorf.

 

Ich lebe in einem Ort, der noch Glück hat. Hier gibt es eine geöffnete Eisenbahnstation. Die nächste Autobahn aber ist gut 15km, die nächste große Bundesstraße gut 10 km, der nächste Flughafen gut 40km entfernt. Im Nordwesten liegen in 50km Entfernung die Städte Köln und in 35km Bonn. Einige Menschen arbeiten sogar im 150km entfernten Frankfurt. Im Westen sind unsere Nachbarn Frankreich, Luxemburg, Belgien und die Niederlande. Im Norden ist das Meer, im Süden die Alpen und im Osten sind die Weiten des Ostens.

 

Der einzige Trumpf dieser Gegend ist ein nicht befahrbarer Fluss mit einer idyllischen Waldlandschaft. Der Anschluss an die Datenautobahn ist miserabel, nämlich viel zu langsam um damit arbeiten zu können. Die wenigen funktionierenden Firmen haben eigene Kabel gelegt und bezahlt!

 

Die Gegend, sprich die Menschen waren hier immer arm. Ein paar Fürsten drückten Land-, Forst und Fischwirtschaft zu ihren Gunsten aus. Im 18. Und 19. Jahrhunderten kauften einige Geldmagnaten aufgrund der Eisenbahnverbindung sich hier ein und ließen Fabriken und Straßen bauen und verdienten gutes Geld. Später machten ihre Firmen bankrott und ihre Arbeiter*innen wurden arbeitslos. Einige Familien sind dies bereits in der dritten Generation. Die Menschen hatten nie etwas davon. Nur einige Bauern der Gegend wurden reich, weil sie ihr Land verkauften Die Kinder der Armen und traditionell Ungebildeten gingen zur Volksschule, dann zur Hauptschule und jetzt zur Sekundarschule. Aber selbst deren besten verlassen zwecks Weiterbildung oder Arbeitsplatzfindung nach der Schule den Ort.

 

Der Mensch der Umgebung lernte schon immer den Herrn anzulächeln und zu loben. Hintenherum schimpften sie über ihn, hatten aber nie den Mut eigene Rechte einzufordern. Sie waren immer abhängig vom Wohlwollen der Oberen.

 

Die Zahl der Einwohner sinkt, während sie in den Ballungszentren und der Rheinebene nach oben geht.

 

Immer noch zieht es Menschen aber in diesen Ort. Es ist ihre Schlafstätte, während sie woanders Arbeit finden. Sie ziehen hierhin, weil Grund und Boden, Haus und Wohnung billiger sind als schon in der nordöstlichen Nachbargemeinde, erst Recht in Köln, Bonn oder der Rheinebene.

 

Und genau das hat einen weiteren Effekt, der auch von der Vergangenheit unterscheidet. Immer mehr vor allem einst oder jetzt junger Menschen hat es zwar zwecks Ausbildung und Jobfindung in die Städte gezogen, aber zum Leben, manchmal mit dem Beruf, manchmal mit einer Familie zieht es sie "zurück" in die preiswerteren Lebensbereiche des Landes. Aber es ist "neues Land". Sie ziehen woanders hin. Sie ziehen in Speckgürtel, in andere Billigwohngebiete, die in der Nähe ihrer Jobs sind.

 

So tauscht sich ein Teil der wenig werdenden Landbevölkerung aus. So entsteht auch eine neue Wählerschicht, die nicht mehr "den Stolz und den Freiheitsdrang des Proletariers" in sich trägt, sondern das Sicherheitsbedürfnis des "kleinen Spießers" und die Anfälligkeit für populistische Parolen.

 

Richtig arme Menschen, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Behinderte und alte Menschen zieht es aus den gleichen Gründen in das Hinterland. Hinzukommen viele Hoffnungslose und Arbeitsunfähige, die tief ins Landesinnere wandern, weil das Arbeitsamt ihnen nicht so viele Jobs anbieten kann. Das Ablehnen geht einfacher weil es seltener geschieht.

 

In den 50er und 60er Jahren wurde in meiner Schulzeit immer erzählt, viele Bauern hätten in früheren feudalen Zeiten das Land verlassen, weil sie die Freiheit der Stadtluft suchten. Ich glaube heute, dass dies eine Lüge der Weglassung ist. Der eigentliche, der primäre Grund ist wie heute der, dass es dort Bildung, Arbeit, besseren Konsum, mehr Freizeitangebote und mehr „Lebensqualität“ gibt.

 

Aus dem gleichen Grund kamen die Menschen aus der DDR, aus dem Ostblock, aus den Mittelmeerländern oder aus Asien in unser Land. Und dabei sind auch immer ein paar Intellektuelle, die ihre Freiheit oder Reiche, die die Freiheit des Geschäfts suchten.

 

Ich habe selbst Kindern die erwachsen sind. Einer lebt mit seiner Familie hier, arbeitet aber in einer der nahe gelegenen Städte. Die anderen leben in Bonn, Berlin und Wien. Sie sind - auch die Engstirnigkeit und Lebensenge des Landes, - geflüchtet.

 

Fast alle ihre Freunde leben nicht mehr hier. Sie sind in Universitätsstädten, im Ausland oder bei großen Firmen, Organisationen, beim Fernsehen oder bei der UNO. Meine ehemaligen Schülerinnen und Schüler sehe ich nur, wenn sie einmal hier zu Besuch bei ihren Eltern sind. Oder ich treffe sie auf Facebook.

 

Die Veränderung zu früher ist, dass ich auf dem Land lebend wie ein Städter denken darf, und entsprechende Freunde habe. Junge Menschen aber, verlassen das Dorf, um leben zu können. Hier entsteht ein neues links-grünes Denken und Fühlen. Hier entsteht eine uns Älteren oft unverständliche neue Form des Politisch- oder Lebendigseins.

 

In vielen Fällen hängt dies mit der Neuentstehung digitaler Kulturen, Kooperationen und Kommunikationen zusammen. Kein Wunder, dass die "alten Machthaber" jetzt frontal auf ihre neuen Brüder im Weltgeschäft - und das oft zu Recht - losgehen.

 

Auch die neue Landflucht scheint ein Problem der Ungleichverteilung von Bildung, Besitz und Lebensqualität zu sein. So bleibt der Ort ohne Geldgeber, Fachhochschulen oder Unis, ohne Gesamtschulen, Kinos, Autobahnanschlüsse, attraktive Restaurants, Arbeitsplätze oder viele intelligente und progressive Wählern das zu bleiben was es immer war, ein Armenhaus. Ein paar Neue, auch die „Fremden“ bringen konservatives genehmes Denken mit. Wenn es unbrauchbar zu altbacken, aber auch wenn es zu „neu“ ist, wird es bekämpft.

 

In den Städten aber entwickelt sich neue Formen des Andersseins..., sie schwappen über…