Walter Hövel

 

Welche Krise“?

 

 

 

Im „Freitag“ las ich am 1.7.2021 die Überschrift „Welche Krise“?. Diese Überschrift amüsierte, interessierte mich. Noch mehr die Antwort. Beim Lesen des Artikels war ich enttäuscht. Er entsprach nicht meinen Vorstellungen. Der Artikel griff für mich viel zu kurz.

 

 

 

Ich dachte nur „Ich lebe schon immer in der Krise, seit 72 Jahten“. Ich glaube, meine Eltern und deren Eltern auch.

 

 

 

Davor gab es auch Krisen. Zumindest gab es das Wort schon im alten Griechisch, es hieß „crisis“. Wahrscheinlich gibt es das Wort seit Menschen sprechen können.. Es stand damals bei den Griechen noch für „Trennung“, „Unterscheidung“ und „Meinung“.

 

 

 

Über die Jahrhunderte veränderte „sich“ die Bedeutung des Worts. Heute heißt „Krise“ „schwierige Situation oder Zeit“.

 

 

 

Seit 1970 sollen wir, das Volk, so damals der Slogan von Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) in NRW, „den Gürtel enger schnallen“. Seither schnalle ich ihn immer enger und enger. Jetzt schon seit 50 Jahren.

 

 

 

Zuvor, vor 1970 waren die Zeiten noch schlechter: „Wir“ (die Deutschen, ihre verbrecherischen Nazis, die profitierende Wirtschaft und das ganze Volk) hatten „den Krieg“ (Menschen bekriegen sich länger als die Zeitrechnung) „verloren“.

 

 

 

Mir geht also immer schon schlecht. Mein Leben war eine „schwierige Zeit“, aber es war auch – vielleicht etwas altmodisch – meine „Meinung“.

 

 

 

Gleichzeitig „ging es mir immer besser“. Meine Eltern hatten eine Wohnung, ein Auto, Urlaub, eine Waschmaschine, einen Kühlschrank und einen Fernseher. Ich selbst bekam Bildung, wieder Kinder, einen leitenden Job. Vielleicht hatte ich mein Leben auch nicht richtig bewertet. Ich war halt zufrieden – mit mir und meinem (Anders -, So - und Selbst -) Denken.

 

 

 

Ich lebe in einem der reichsten Länder der Erde, auf der Seite der „Herrenmenschen“ und auf der „sonnigen Seite“ des Lebens. Ich bekomme 2600€ Rente. Von dem Geld kann ich gut essen und trinken, fahre ein Auto und sogar hier und da – meist zu Freunden – wenn „Corona““ es nicht gerade verbietet, in Urlaub. Das Haus in dem ich in zwei Zimmern und einer Küche, Bad, Flur, Waschküche, Abstellraum auf 120 qm und ein paar Quadratmeter draußen lebe, ist bei der Bank abbezahlt.

 

 

 

Mir geht es „besser“ als meinen Eltern, die in drei, später ohne Kind. zwei Zimmern, KDB und Kellerraum lebten. “Meine“ Frau lebt darüber in „unserem“ Haus auf 300 qm mit 10 Zimmern, Balkons, Terrassen und viel Garten. Wir hatten 5 Kinder, wovon 3 bei uns wohnten.

 

 

 

Meine Großeltern mütterlicherseits wohnten in einem Haus mit 4 Zimmer, einer Küche, einem großen Garten und 7 Kindern. Meine väterlichen Vorfahren mit 9 Kindern in einem winzigen Haus mit zwei oder drei Zimmern.

 

 

 

Mir scheint es also besser zu gehen. Meine Vergangenheit wird immer als arm, beengt und hart arbeitend beschrieben. Es soll mir jetzt „besser gehen“. In der Vergangenheit gab es Zeiten, in denen die Menschen einfach verhungert sind. Diese „Zeiten“ gibt es heute in anderen Ländern.

 

Ich „habe“ zwar mehr Geld und Wohlstand als meine Vorfahren und Mitmenschen in Asien, Afrika oder Südamerika, aber ich glaube weniger als Teile meiner Vorfahren zu besitzen.

 

 

 

Mit mir wohnen in diesem Land mehr als 500.000 Menschen, die Dollarmillionäre sind. Etwas hundert Leute „verdienen“ mehr Geld als der Rest der über 80 Millionen Menschen in „meinem“ Land. Etwa 1/3 der Bewohner „meines“ Landes gelten als „arm“. Auch ist die heutige Zeit infektiöser denn je, aber die Menschen leben länger.

 

 

 

Werde ich nun betrogen und lebe gar nicht so „sonnig“ oder geht es mir nur „besser“ als „den anderen“? Welchen anderen, denen im Ausland, in armen oder reichen Ländern? Den hiesigen Familienangehörigen, die Hälfte, die mehr „haben“ oder weniger?

 

 

 

Die Zahl der Menschen insgesamt stieg gewaltig. Heute leben mehr Menschen denn je.

 

 

 

Warum bekommt nicht jede/r eine Pension, ein festes Grundgehalt? Es gibt das Recht auf Leben für alle Menschen, nicht nur die Reichen. Ich bin simple links, wenn ich denke und weiß, dass alle Menschen den jetzigen Weltreichtum erarbeiten. Ich weiß, dass wir uns eine Grundrente für jeden Menschen auf der Welt „erlauben“ können. Und natürlich betrügen alle, die das nicht wollen!

 

 

 

Aber die Reichen der Welt stört es nicht, wenn ich sie Betrüger nenne. Sie haben ihre Macht, die ihren Reichtum erhält. Sie zerstören auch in unserem Namen das Klima, den Frieden, die Natur, das Geld und Menschenleben. Sie leben davon, das andere für sie arbeiten oder keine Arbeit haben, also weniger bis kein Geld zur Ernährung oder zum Konsum. Diese Arbeit nannte man übrigens „ehrliche“ Arbeit. Aber das ist länger her.

 

 

 

Ich habe eine Schule geleitet, für viel weniger Geld als mein Kolleginnen, dir das Gymnasium, die Hochschule oder das Seminar leiteten. Ich hörte an der Gesamtschule auf, weil neben mir eine Kollegin arbeitete, die 500,- DM mehr für die gleiche Arbeit verdiente. Ich bekomme mehr als die Kollegen in der Türkei oder in Bulgarien. Warum verdienen Lehrerinnen und Lehrer aber in der Schweiz soviel mehr?

 

 

 

Wo sind mein 13.Monatsgehalt, das mir einst versprochen wurde, wo meine Pensions-prozente, wo mein Urlaubsgeld?

 

 

 

Woher kommen meine Zwangsabgaben an Steuern und Versicherungen für Krankheit, Auto, Kirchen, Schulgelder, Alter, Mieten, Kredite, Zinsen, Kohle, Öl. Bafög, Urlaub, Mehrwert und Gesellschaft. Ich bezahlte Jahrzehnte „Einkommenssteuer“, den „Soli“, Steuer und Verdienst auf alles, die Zucker- und Streichholzsteuer.

 

Oh, gäbe ich nur einen Zehnt ab, wie einst im Mittelalter.

 

 

 

Menschen reagieren sehr einfach. Sie tun immer was die Alten wollen. Das hat Jahrtausende so geklappt. Der Wille der jungen Menschen ist anders, fortschrittlicher.

 

Die „Mehrheit“ der Alten wählt das Bestehende, früher die Kaiser, Könige uns Fürsten, die Führer, „ihre“ Partei, heute die CDUSU, die Jüngeren die GRÜNEN.

 

 

 

Kinder? Dummerweise haben die Menschen/ ihre eigenen Kinder ausgeschlossen. Sie beschränken ihre „Mitbestimmung“ auf 16 oder 18 Jahre. In meiner Jugend durfte ich erst mit 21 mitreden, im Mittelalter immerhin mit 15 Jahren. Das nannte man volljährig, oder erwachsen sein.

 

 

 

Was passiert, wenn alle Menschen, also auch alle Kinder mitreden? Kinder und Jugendliche lernen erst, wie Erwachsene zu denken, also gegen die Natur, mit Krieg und mit Arbeiten für andere, wie die anderen. Sie nennen das Lernen. Dazu richten die herrschenden Familien Kindergärten.Schulen, Hochschulen, Bildungen, Erziehung und Ausbildungen ein. Danach „kommst du“, wie einmal Bob Dylan sagte, „in die Tagesschicht“ (And afterwards you're put into the day shift).

 

 

 

Schon die alten Kulturen hielten „ ihr Volk“ seit tausenden von Jahren „Brot und Spiele“. Heute habe ich „Konsum und Werbung“, bald „Gesundheit und Sicherheit“ .Habe ich heute mehr? Was ist mit Menschenrechten und Freiheit?

 

 

 

Reiche Menschen – und sie machen die Hälfte der Bevölkerung aus - umgehen ihren Tod und vererben ihren Kinder viel Geld und Vermögen. Ich kenne viele, die nicht arbeiten müssen, sondern von diesem Geld, Land, Erbe oder Besitz, ohne „ehrliche“ Arbeit“ leben.

 

 

 

In welcher Krise lebe ich, die über mich herrscht oder in der, meine Krise die Beherrschung ausmacht? Gibt es die Krise seit es die „Trennung“ von der Macht gibt, oder meine eigene Verantwortung gibt?

 

 

 

Lebe ich im Übergang der Mächte, die über mein Leben bestimmen zu einer Zeit, wo ich das Sagen über mich selbst bekomme?

 

 

 

Sind die Menschen an ihrer Beherrschung selber schuld oder können sie sich befreien?

 

Vielleicht lebe ich in gar keiner Krise oder seit Tausenden von Jahren in der gleichen?