Walter Hövel

 

VERWEIGERUNG

 

 

 

Stellt euch einmal vor, es gäbe ein Land, in dem die Kinder am Morgen in Gebäude gebracht werden, die sie erst am frühen oder späten Nachmittag wieder verlassen dürfen. Stellt euch vor, dort müssten sie über viele Jahre ein Lernprogramm absolvieren, um von extra hierfür ausgebildeten Erwachsenen zu „mündigen Bürgern" ausgebildet zu werden.

 

 

 

Stellt euch vor, dass sie im größten Teil ihrer Zeit, um mündige Bürger zu werden, lernen müssten, alle Wörter ihrer Sprache so zu schreiben, wie es eine staatliche Kommission von Politikern und Wissenschaftlern festge-schrieben hat, dass sie die Buchstaben ihrer Sprache genau so nach-schreiben müssten, wie wieder „Expertinnen und Experten“ vorgeschrieben haben, dass sie lernen müssten, beliebige Texte in ihrer Sprache laut, deutlich und betont in einer Aussprache, die wieder eine Kommission bestimmte, vorzulesen, dass sie lernen müssten, die Zahlen der Mathematik möglichst schnell zu addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren, wobei das Auswendigkönnen der Multiplikation der Zifferzahlen der wichtigste Teil zu sein scheint. Der Staat schreibt zwar vor, auch noch andere Dinge zu lehren, aber eine übergroße Zahl von Eltern und Ausbildern äugen ängstlich auf den Andrill der rechnerischen, und recht-schön-schreiblichen und lautleserlichen Fertigkeiten. Und daher wird die längste Zeit des Alltages dieser Kinder der Einübung der Techniken gewidmet.

 

 

 

Und stellt euch vor, sie beginnen dann die Räume für die Kinder kleiner zu bauen, die Zahl der Kinder in den Räumen zu vergrößern und gleichzeitig die Zahl der Ausbilder zu verringern, aber um so intensiver würde das Recht-schreiben, das Schönschreiben, das Abschreiben, das Vorlesen und das Rechnen geübt.

 

 

 

Und stellt euch vor, eine immer größere Zahl von Kindern begänne, immer fehlerhafter zu schreiben, immer häßlicher zu schreiben, immer langsamer und falscher zu rechnen und das Einmaleins nicht mehr zu lernen.

 

 

 

Stellt euch vor, sie wollten nicht mehr auf ihren Plätzen sitzen bleiben, in den kleinen, überfüllten Raumen, mit immer weniger Erwachsenen, die sich um sie kümmern können.

 

 

 

Und nun stellt euch vor, die Betreuer wurden immer nervöser, immer unlustiger, immer ängstlicher, sie wurden immer weniger auf ihre staatlichen Richtlinien und Lehrplane hören.

 

 

 

Statt dessen wären sie so verunsichert, dass sie sich immer mehr, im Einverständnis mit den gestressten und verängstigten Eltern, an das klammern, was sie immer getan haben, an das Rechtschreiben, Einmaleins und Üben und Wiederholen und Festigen.

 

 

 

Und noch mehr Kinder würden sich verweigern, und noch weniger Betreuer würden eingestellt und noch mehr von ihnen würden krank, und die Kinder würden sich noch mehr verweigern und noch mehr Eltern bekämen Angst um die Zukunft ihrer Kinder, und der Druck auf Ausbilder und Auszubildende wurde noch größer, und es würde noch eine Stunde mehr rechtgeschrieben.

 

 

 

Während im Land immer modernere Computerprogramme angeboten, noch geilere TV-Werbefilme gedreht würden, noch bessere Kindersachbücher auf den Markt kämen, die Summe der persönlichen Vermögen auf 10 Billionen stieg, immer mehr Leute auf den Malediven Urlaub machten, immer mehr Autos auf den Straßen führen, die Produktivität und die Gewinne ohne Aufenthalt wüchsen.

 

 

 

Und stellt euch vor, in einem solchen Land, einem der reichsten und mächtigsten der Welt, würde der Staat immer ärmer und ärmer.

 

 

 

Er wäre so verschuldet, so verarmt, dass er immer weniger Lehrer einstellen würde, die Stimmung an den Schulen wurde immer schlechter, die verblei-benden Lehrer würden immer kranker.

 

 

 

Und diese verbleibenden Lehrer würden sich immer neue Computer anschaffen, ihre Deos nehmen, ihre Getränke lieben, ob alkoholisch oder biologisch, sie denken sich noch bessere Arbeitsblätter zur auch recht-schreiblichen Bearbeitung der Sachbücher aus, die Summe ihres persön-lichen Vermögens steigt, sie machen Urlaub auf den Malediven oder anders-wo, sie schaffen sich einen schicken, (vielleicht) 3-Liter-Wagen an und beziehen ihre Besoldung über ein Konto bei der Bank.

 

 

 

Und stellt euch vor, in diesem Land, wird jetzt noch eine Stunde mehr Recht-schreibung gemacht und noch weniger Leistung von den Kindern erbracht, bis wir so weit sind, wo wir jetzt sind.

 

 

 

Sollten wir nicht einmal in der Freinetbewegung über Leistung und Verwei-gerung nachdenken? (Wie wichtig doch das betonte Lesen sein kann.)

 

 

 

Daher: Und stellt euch einmal vor, die Freinetbewegung in einem solchen Lande, wurde laut und vernehmlich über „Leistung und Verweigerung" als Lehrerin und Lehrer nachdenken.