Für Vivian aus Bonn und Peter aus Wien, für Claus aus München und Manuela und Yeşim aus Köln.
Für Menschen, die mit Menschen arbeiten

Walter Hövel
Frei oder staatlich?
Alles spricht gegen das Lernen


Eigentlich, also zumindest geschichtlich, ist die Freinetpädagogik eine linke Pädagogik. Sie trat ein für eine „moderne Schule“ zur sofortigen Verbesserung der Bildungslage gerade der unterdrückten Kinder und Jugendlichen des Volkes.
Freinet selbst verstand sich, als Bauernkind geboren und aufgewachsen, noch als Herkömmling der Unterschichten. Die Freinets wollten nicht mehr mit Pauken, Zwang, Schulbüchern und obrigkeitshörigen Lehrer*innen Kinder zu Knechten und gehorsamen Lohnarbeiter*innen erziehen.
Die Freinets wollten die Veränderung der Schule, eine „École Moderne“, durch die Veränderung des Lernbegriffs. Sie boten mit der „Methode Naturelle“ ein neues „natürliches“ Lernen der Kinder, eine Wegbewegung von der alten Art der Belehrung an.
Sie wollten, dass Kinder selber forschen, selbst schreiben, selber druckten und korrespondieren, ihre Mathematik aus ihrer Umwelt holten. Sie wollten sie beim Lernen tasten, versuchen, kreieren, selbst fragen und theoretisieren lassen. Sie wollten eine Kooperation weit über die Schule hinaus. Sie führten die Demokratie des Lernens, des Umgangs mit einander und der Selbstorganisation ihres eigenen Lernens ein. Der Klassenrat wurde zum ersten Kreis, der Lehrer*innen und Kinder durch die zunehmende Selbstbestimmung des Lernenden gleichstellte.
Seither sind fast hundert Jahre vergangen. Viele Freinettechniken wurden in der freien und in der staatlichen Schule, also in die herrschende Pädagogik übernommen. Selbst der Gedanke, dass Kinder ihr eigenes Lernen bestimmen, hat sich (noch nicht) durchgesetzt, ist aber weltweit über Freinetpädagogik hinaus all überall anzutreffen.
Zukunftsfragen
Hat Freinetpädagogik damit seine historische Rolle erledigt? Ist die Aufgabe auf Wissenschaftler, Systemiker und Psychologen, das Personal und sogar die Lernenden selbst „übergegangen“? Ist es keine Aufgabe von links oder rechts mehr, sondern zur Aufgabe aller geworden den Schutz der Umwelt, unserer Ernährung, der Bildung, die Bekämpfung der Armut und Ausgrenzung, des Kriegs und der Ungleichheit durch Inklusion, Partizipation, Demokratie und Menschenrechte zu führen?
Hat sich die Freinetpädagogik angesichts von Handys und Computern, Robotern und KI, dem Verschwinden von „linken“ Parteien und der Kommunisten, einem Vorrücken von Konsum und Werbung nicht überholt?
Seit der Besiegung eines sozialistischen, aber diktatorischen Weltsystems herrscht in der Wirtschaft bekanntlich der Neoliberalismus, der die Reichen immer reicher macht. Dagegen scheint nur die Alternative für eine, noch ältere elitär weiße Version der Herrschaft des Kapitals mit Nationalismus, Rassismus und Abschottung zu stehen. Eine Coronakrise scheint ein Motor zu sein, der die Entwicklung des Lernens "vergesellschaftet".
Irrwege, Umwege, Unwegsames
Dieses Denken geht tief in den Geist der Bevölkerung hinein. So schreibt 2018 die Wiener Uniprofessorin  Andrea Komlosy: „Eine Lösung der globalen Ungleichheit, die über Grenzen vermittelt wird, kann nur in der Anerkennung des Rechts aller Menschen und Gemeinwesen bestehen, in ihren Grenzen leben und die Politik der Grenze bestimmen zu dürfen.“ 

Andere sagen, dass das größte und reichste Land der Welt zuerst komme. Wieder andere sagen, dass wenn erst alle Menschen Muslime sind, die Gleichheit aller Menschen in einem Gottesstaat hergestellt wäre. Auf jeden Fall werden Flüchtlinge in "ihr" Land zurück geschickt. Der Rassismus wird alt begründet.
Widerstand der Menschen
Festzuhalten ist, dass die Zahl der demokratisch denkenden Menschen sich gegen beide stellt. Sie tun dies in dem Maße, in dem es diesen nicht gelingt Armut, Ungleichheiten, Unfreiheiten und Bildungsmisere zu kanalisieren. Es gelingt ihnen nicht Flüchtlingsströme zu verstehen, Kinder- und Frauenrechte zu verwirklichen, Unterbezahlung und mangelnde Pflege in den Griff zu bekommen, Umweltschutz und die Sehnsucht nach Frieden auch nur Schritt für Schritt zu realisieren.
Demokratische Institutionsvertreter nennen sich nicht mehr links oder rechts, sondern beanspruchen für sich die Mitte. Sie beanspruchen Rechtskräfte und gleichzeitig die Menschenrechte eines individuell diversitären, durchelektrisierten Konsum- und Mediengesellschaftsangehörigen schützend zu befriedigen. Ihr primäres Ziel scheint nicht, ihr eigenes Ansprechen als Forderungen zu verwirklichen, sondern ihre Macht zu erhalten.
Lebensphilosophien und Lebenslösungen
Viele erstreben den Erhalt ihres Lebensstandards, ihrer Privilegien, ihrer Art zu leben. Die Frage ist, ob die herrschende Pädagogik diese drei Machtformen bedient, indem sie die Menschen da „hinein“ erzieht.
Ich glaube, viele junge und ältere Pädagog*innen sind angesichts fehlender Perspektiven so verunsichert, dass sie „vor sich hin“ arbeiten, wenig sagen und wenig verändern.
Viele halten die angeboten Alternativen eben nicht für Lösungen, sehnen sich aber nach "echten". Von der Entstehung der heutigen Schule bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges und darüber hinaus, sahen die Mehrheiten der Lehrer*innen in Deutschland ihre Zukunft braun/schwarz. Dann wurde ihr Blick schwarz/grün. Sie haben nie links, rot oder gar bunt gucken können. Noch nicht einmal bei Personalratswahlen gibt es Mehrheiten für die Lehrer*innen selbst und (!) ihre Kinder, die sie immer noch „unterrichten“, also "be-lehren wollen. Leider gibt es diese Lehrer*innenmeinung auch immer noch recht verbreitet an „freien Schulen“.
Für mich ist die Zukunft nicht „alternativ“, nicht „elektronisch“ oder „freinetisch“. Für mich gibt es nur die Anerkennung der Rechte aller Menschen, also auch der Kinder. Dies geht den Weg über die Abschaffung von Armut, Ausbeutung der Welt und ihrer Menschen, über die gleiche und freie Teilhabe aller an allen Entscheidungen. Dabei bleibt für mich die Freiheit grenzenlos. Die Menschheit selbst ist unteilbar. Und natürlich werden wir nivcht nur lernen müssen anders zu reden, sondern auch handeln. So wie es uns die Freinets vorzumachen versuchten.
Der Weg der ganzheitlichen Bildung
Mir scheint auch sicher, dass die Bildung der Menschen die entscheidende Triebfeder jeder Demokratisierung, jeder Emanzipierung, jedes gesellschaftlichen Fortschritts ist. Gehen wir dabei den immer stärker werdenden Weg über die egoistische Stärkung der eigenen Interessen über eigene, „freiere“ Systeme? Oder versuchen wir den Weg der Verbesserung einer staatlichen Kita, Schule und Hochschule zu gehen? Oder versuchen wir gar den neuen, dritten Weg einer Bildung über elektronische Medien, Werbung, Unterhaltung und die Riesenbereiche eigener betrieblicher oder (wieder) selbst bezahlter Aus- und Weiterbildung?

Hat wirklich jede und jeder den gleichen Zugang zu den Medien. Oder muss die Mehrheit dafür Tag und Nacht arbeiten, die anderen haben das Geld und die Macht. Und natürlich weiß ich, dass die weißen Männer, "ihre" Frauen und Ideologien bei uns mehr zu sagen haben als in Rumänien, Tansania oder Syrien.
Die Antworten liegen auf der Hand. Die Zukunft wird höchstens noch komplexer und komplizierter. Es wird noch individualisierter, ökonomischer und industrialisierter zugehen. Wir werden nicht nur in unserem Teilbereich, also der Politik, der Juristerei, den Wissenschaften, der Pflege, der Gesundheit, der Psychologie, der Wirtschaft oder Bildung arbeiten.  Wir werden „ganzheitlicher“ werden müssen. Wir werden unsere Gesellschaft selbst  in allen Bereichen bestimmen müssen, wenn wir eine Gesellschaft für alle wollen. Nicht „Fachkräfte“ und Expert*ìnnen sind unsere Zukunft, sondern Menschen als „Universalkräfte“, hoch gebildete Menschen, die ihre Maschinen benutzenund beherrschen können.
Wir müssen nun nicht alle Politiker*innen, Ärzt*innen, Lehrer*innen, arbeitslos oder jünger werden. Es geht vielmehr darum in eigenen Organisiertheiten so vernetzt zu werden, dass du weißt, wie dein Leben, deine Umwelt und deine Gesellschaft funktionieren. Du musst selbst – mit allen anderen – die Verantwortung übernehmen. Überlasse das Fragen und Ver-Antworten nicht anderen. Überlasse es nicht denen, die die Lösungen in der Vergangenheit oder schon vergangenen Zukunft suchen.
Eigene Vernetzung
Ich kenne einige „richtig gute“ Leute, die in Waldorf-, Montessori- oder „freien“ Schulen arbeiten oder arbeiteten. Viele andere „richtig gute“ Leute kenne ich aus staatlichen Schulen. Ich kenne sehr viele „richtig gute“ Menschen,  die „es“ in freien und staatlichen Einrichtungen versuchten! In den freien, in vielen Fällen alternativen Modellen, wirken prozentual mehr „frei“ Denkende, in den staatlichen bedeutend weniger.
In meinem Bekanntenkreis sind sehr viele dieser progressiven Erzieher*innen, Lehrer*innen und Hochschullehrer*innen. Sie bilden aber nicht die Mehrzahl meines eigenen inneren Kreises. Die meisten meiner Freunde und Bekannten arbeiten bei weitem nicht an Schulen oder ähnlichen Einrichtungen.
Ich traf in nunmehr über 70 Jahren Leben Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in eigenen Klassen, Schulen und Seminaren. Sehr viele von ihnen wurden und werden Erzieher*innen und Lehrer*innen. Diese haben alle ihren „eigenen Kopf“, aber sie haben in ihrer Grundschule erlebt, dass die Selbstbestimmung von Kindern möglich ist. Und sie wissen, wie Selbstvertretung geht! Sie suchen Raum und Zeit es zu erproben.
Überall Vielfalt und Diversität
Ich treffe an verschiedenen Hochschulen sehr viele junge Menschen, die Erzieher*innen, Lehrer*innen und einige, die auf gar keinen Fall Lehrer*innen werden wollen.
Ich kenne viele Menschen mit großen Namen. Ich kenne viele Menschen, die „sich“ keine Namen machten. Einige sind auch bereits verstorben.
Ich kenne sehr viele Pädagog*innen aus dem Ausland. Ich kenne „gute“ Länder mit erfolgreichen Ansätzen wie in Finnland, Kanada oder Schweden. Ich kenne „schlechte“, also problembehaftete Länder wie Frankreich, Österreich oder die USA. Ich kenne autoritäre Pädagogik aus Russland, dem Benin oder Südkorea. Ich kenne „gute Ansätze“ in freien und staatlichen Schulen in Großbritannien, Japan oder Norwegen.
Einige Menschen haben entsetzt und enttäuscht die Schulen verlassen. Aber kaum eine oder einer hat resigniert. Einige machten „Karrieren“, einige in relativer Bedeutungslosigkeit, andere nicht.
Überall Engagement
Viele leiten Firmen. Sie sind Pfarrer, sind im Sozialwesen tätig. Sie sind Ärzte und Handwerker. Sie wurden „behindert“, sind sehr jung und sind alt. Sie arbeiten  bei der Presse, sind pensioniert oder leben in gesellschaftlich nicht anerkannten Jobmilieus. Sie organisieren Tafeln oder sind in Verwaltungen tätig. Sie sind Politiker*innen oder sind für NGOs unterwegs. Sie machen eigene elektronische Seiten und drehen Filme. Da gibt es Philosoph*innen und Jurist*innen. Sie sind arbeitslos oder in der Ausbildung. Sie sind alleinerziehende Singles oder Flüchtlinge. Sie alle sind ungewiss.
Sie alle, - die ich immer noch kenne, - und die, die pädagogisch arbeiten,-  sind unter dem Begriff „dem Kinde zugewandt“ einzuordnen. Andere kümmert dieser Aspekt nicht.  Alle sind total verschieden. Jede von ihnen ist Handwerkerin, Künstlerin, altbacken oder jung orientiert. Aber alle sind verschieden. Einige oder viele sind anders als jene, die versuchen im Dienst zu gefallen oder „ihren guten“ Unterricht durchzusetzen.
Überall der Versuch der (Ab)Lösung
In „gebildeten“, reichen und „Demokratie bewussten“ Kreisen wächst die Zahl derer, die sich von der staatlichen Schule abwenden und ihre Kinder „bessere“ Schulen anbieten möchten. Einige von ihnen vertreten oft religiöse oder weltanschauliche Ziele als „Reichsbürger“ oder „Egalitäre“, die ich nicht teilen möchte. Andere vertreten Ansichten von Freiheit für alle und Demokratie als Haltung, die ich gerne teile.
„Besser“ bedeutet für Menschen  je nach Sichtweise ihrer Welt, die Absonderung ihrer Kinder vor zu viel gesellschaftlichen „Abschaum“ oder die exakte Mischung der realen Zusammensetzung der eigenen Gesellschaft. Mal ist es jede Freiheit für das eigene Kind, mal die Erfahrung des Grundrechts der Freiheit. Mal ist es die Freiwilligkeit des individuellen Lernens, manchmal das bestmögliche Lehrangebot der Lehrenden. Mal ist es das offene Ohr der Leitung, mal die Gewissheit des Versorgtseins des eigenen Kindes. Mal suchen sie Professionalität, manchmal nur Liebe, manchmal beides. Mal ist es die Reparatur des eigenen Kindes für den gesellschaftlichen Bildungsgang, mal die eigene Erfahrung einer menschenrechtlerischen Schule. Mal ist es möglichst wenig Schule bei größter Freiheit des Lernens, mal das Modernste, was Wissenschaft und Bildung zu bieten haben.
Zwischen Freiheit und einengender Gemeinschaft
Und so nähern wir uns schon der Beantwortung einer wichtigen Frage. Wie wünsche ich mir das freie Lernen meiner Kinder? Jede und jeder wünscht sich eine eigene Schule. Und das darf frau und man! So wie jede und jeder anders, immer wieder je nach Alter, Umgebung, Anspannung und Inhalt lernt.
Aber wie sollen Lehrkräfte und Schulangebote das schaffen?
Da das System „staatliche Schulen“ größer ist, ist es auch langsamer reformierbar. Sie haben zwar mehr Geld und mehr Kunden, aber auch nicht (in ihrer "Mehrheit) die Eltern, die Reformen, wirkliche Verbesserungen fordern. Ihnen fehlen oft qualifizierte und engagierte Kräfte, die angesichts der eigenen geringen Zahl in Relation zur Gesamtgröße  wenig verändern können. Viele wollen es, haben aber (in der eigenen Schule) oder einer Aus-Bildung zu selten erfahren und gelernt, wie das geht. Unterschichtler bleiben „rechtzeitig“ im Mittelschichten-System Bildung hängen und werden erst gar keine Lehrer*innen.
Die eigene oder die Perspektive aller
Du wirst aber als Eltern und Kind, egal in welcher Form von Schule gesellschaftlich mehr und mehr ökonomisch und pädagogisch gefordert. Kinder oder Enkel werden mehr und mehr so repariert, dass sie den Erwartungen ihrer immer schon privilegierten Familien entsprechen oder einen der verbliebenen „besseren“ Arbeitsplätze ergattern.  
In der eher historisch bedingt verbreiterten Form privater, oder in staatlicher Kita wird mehr denn je auf „Fachkräfte“, auf das bessere Wohnviertel oder auf anerkannte, für alle verständliche Konzepte geachtet. In freier oder staatlicher Grundschule werden eher schon auf „die richtige Freundesumgebung“, die „zuverlässige, möglichst problemferne Umgebung“ und der möglichst unproblematischste Übergang zum Gymnasium  gesucht. Noch „standesgemäßer“ wird die gesellschaftlich bessere Beschulung am Gymnasium erwählt. An die Gesamtschule gehen „Gesinnungstäter“ oder die, die müssen. An die privaten Schulen gehen jene, die es sich leisten können oder wollen. Viele wollen, dass ihre Kinder nicht in der schlechteren staatlichen Umgebung einem stressigen Lernen ausgesetzt sein müssen.

Danach suchen sich die übrig gebliebenen Menschen je nach Status die passende Universität in aller Welt. Emporkömmlinge zahlen oft sehr viel Erspartes nach amerikanischem Vorbild für die weitere Beschulung an privaten Fach- und Hochschulen ihrer Kinder. Viele finanzieren ihre Ausbildungen durch oft eine Dreifachbelastung als Studierende, Mutter und Jobbende.
Das Lernen orientiert sich primär an den beruflich zum Aufstieg benötigten Abschlüssen. Bei der Qualität kann auch schon einmal durch den guten Projekt- und Spendenruf geschummelt oder noch lieber manipuliert werden.
Das eigene Glück
Gemeinsam haben die meisten Lernenden, dass sie sich in ihrer Welt einrichten, oft genug scheitern und mit den Ergebnissen ihrer Arbeit nie zufrieden sind. Sie sehen immer anstehende Veränderungen, oft genug größere Probleme als Fortschritte. Zunehmend werden sie bald schlechter bezahlt und mehr beansprucht.
Aber sie meistern ihr Leben, ob Lani oder Falco, ob Uli oder Mehmet, ob Ben, Yasemin oder Andrea, ob Yesim oder Angela oder Linda. Du kannst ihnen nicht die Frage stellen, ob sie private oder staatliche Schulen bevorzugen. Alleine die Tatsache, dass die einen besser bezahlen als die anderen zwingt manch eine/n in eins der scheinbar alternativen Systeme. Wenn du finanziell unterstützt wirst, hast du eine größere Wahlmöglichkeit.
Wenn sie die Wahl haben, sind beide mit beidem zufrieden oder unzufrieden. Sie sagen Ja zu freien Systemen, weil es zu ihrem pädagogischen Denken passt. Sie haben einen "Familienbetrieb" gegründet oder sich familiäre, überschaubare Systeme ausgesucht. Mit ihrem pädagogischen, menschlichem und oft demokratischem Geschick, hätten sie das auch "staatlich" geschafft. Gut aber, dass sie es überhaupt taten!!! Sie zeigen, was möglich ist, und dass und wie es funktioniert.
Anerkennung von Realität
Du musst allerdings, je nach dem wo du bist, mit Unterschichtenkindern und deren Eltern klarkommen. Sie sind nicht immer so drauf wie erwartet. Hinzu kommt, dass der Elterntrend zum Reparaturbetrieb alternativer Schule da ist. Dazu wird eine "Gesamtreparatur" aller Kinder in einer immer stärker ökonomisch beeinflussten staatlichen Bildung spürbar. Sie wollen raus aus einem System von dem sie sich bedroht fühlen. Dies erreicht alle Menschen.
Im staatlichen Bereich sind Schulen allerdings noch abhängiger von den leitenden Personen. Neuerungen überleben selten einen Wechsel in der Leitung. Ich lebe damit, fast 20 Jahre bewiesen zu haben, was in der staatlichen Schule und somit in der "allgemeinen" Gesellschaft möglich ist. Und dann kommt eben der obige Zwischensatz mit den Unterschichtlern. Dies sind an der alten Grundschule Harmonie die "typischen" Eitorfer Kinder, Kinder, die sonst zu Förder- und Sonderschulen abgeschoben werden, Kinder der Flüchtlinge, "Migranten" und Minderheiten... und deren Eltern.
Selber backen oder Küchenschlachten anschauen
Als alter Freinetpädagoge befürworte ich natürlich eine Schule für das ganze Volk. Allerdings zweifle ich mehr denn je an der Alternative privat, offen, frei oder staatlich. Ich stelle mehr denn je unsere Form von Schule überhaupt infrage. In ihr spricht zu Vieles gegen „gutes Lernen“.
Etwas spaßig habe ich als Leiter der staatlichen Grundschule Harmonie gerne gesagt, dass ich staatliche Schulen lieber habe. Ich sei nicht so abhängig von der Elternschaft. An freien Schulen müsse ich das machen, was „meine“ Eltern wollen. An einer staatlichen Schule könnte ich eher mit staatlichen Lehrplänen und Richtlinien argumentieren. Sie wären in der Regel fortschrittlicher als die Wirklichkeit der Mehrzahl der Schulen.


In der Tat gehe ich lieber mit den Beschlüssen der Kinder  und vermittle es dann ihren Eltern. Aber das kann ich an einer freien Schule auch! Sie sind die Kinder des gleichen gesellschaftlichen Gedankens. Eltern wollen, mit wenigen Ausnahmen, ausgehend von verschiedenen Ideologien, das Beste für ihre Kinder.


Und in solchen Fällen sind es oft nicht die Kinder, die entscheiden, was das Beste für sie selbst ist. Aber so ein Denken ist ein Denken gegen die Einrichtung Schule.


In meinen letzten drei Dienstjahren habe ich gerne nicht mehr so sehr auf Mehrheiten in meiner staatlichen Elternschaft, also die Machtfrage geachtet. Gerne habe ich lieber ausprobiert, mit wie viel Demokratie Kinder umgehen. Die Antwort machte Hoffnung. Sie entwickeln sich weiter als ihre Altvorderen.


Was ist da wichtiger? Ist es die eigene Realisierung als Person oder die persönliche Einfärbung der Gesellschaft? Oder beides so machen, dass mensch jederzeit dem berühmten Spiegel begegnen kann.


Vielleicht ist es „einfach“ nur die Kunst unsere eigene Aufgabe im Leben zu verstehen, sie selbst zu formulieren und sich bei der Verwirklichung nicht zu verheben. Vielleicht geht es darum, die Veränderungen nicht als Irritation zu erfahren, sondern zu begreifen, wie Winde wehen, und wo du als Mensch hin willst.


Und wenn wir nicht tun, was wir können, werden die „Umprogammierer“ gewinnen.