Walter Hövel 1997
Weg von der Wochenplanarbeit
Bericht aus dem ersten Jahr des eigenen Lernenlernens

 

Unser Unterricht ist ein im Grundprinzip offener Unterricht.

Die gesamte Arbeit der Klasse basiert auf Verabredungen, Absprachen, Übereinkünften, Verträgen und gemeinsamen Gesprächen innerhalb der kooperierenden Gemeinschaft "Klasse". Diese Organisation der Arbeit und des Lernens findet im Morgenkreis, im Klassenrat, im Wochenabschlusskreis, in Gesprächen zwischen den SchülerInnen und in Gesprächen zwischen Lehrerin und einem oder mehreren Kindern statt. Manchmal werden bei einzelnen Kindern die Eltern mit in die Gespräche einbezogen, um verschiedene Erwartungen von Eltern und Schule zu vereinheitlichen oder um Kinder gemeinsam zu motivieren, wenn sie Probleme mit selbsttätigem Lernen haben.

Das Arbeiten der Kinder kennt verschiedene Anlässe.

  • Kinder haben selbst ein Thema gefunden. Sie beginnen alleine oder in einer kleineren verabredeten Gruppe ein "Miniprojekt". Sie werden nicht mit didaktischem Material "versorgt", sondern finden einen eigenen Zugang zu Informationen und Informanten innerhalb und außerhalb der Schule. Sie bestimmen selbst ihre Arbeits-, Dokumentations- und Präsentationstechniken. Die Lehrerin ist in diesem Fall immer als Beraterin für den Lerngang der Kinder da.
  • Kinder nutzen und benutzen Materialen der vorbereiteten oder realen Umgebung, um zu forschen und zu entdecken. Beim "entdeckenden Unterricht", als auch beim "Tasten und Versuchen" der Kinder gelten die gleichen Regeln wie bei den Lerngängen.
  • Kinder "finden" Aufgabenstellungen selten in Schulbüchern, eher in Spielen oder anderen Materialien. Sie entstehen durch eigene Angebote der Kinder und der Erwachsenen, des Klassenraumes, eines speziellen Raumes der Schule, etwa einer Mathe-Werkstatt oder einer Bibliothek oder aufgrund von Absprachen im Klassenrat. Sie beschließen eine Aufgabenstellung zu bearbeiten. Bei der Bearbeitung von selbstgewähltem Lernstoff begleitet die Lehrerin nur wenn das Kind das wünscht.
  • Zwischen den Schülern und den Lehrern wurden "Verträge über regelmäßige Arbeiten" geschlossen. Dies betrifft in unseren Klassen immer das Schreiben der Freien Texte und die dazugehörige "Dichterlesung", und mit dem zweiten Schuljahr die eigene Arbeit mit der Rechtschreibbox, in der das in den Freien Texten benutzte Vokabular der Kinder in der richtigen Schreibung festgehalten und bearbeitet wird. Andere Aufgaben wechseln, wie etwa das Üben mit mathematischen Materialien, Klassentage- oder Wanderbücher, Mal- oder Zeichenmappen oder -bücher, Lernen von 1x1-Reihen, etc.
  • Der Klassenrat beschließt die Durchführung eines gemeinsamen Projekts der Klasse, mehrerer Klassen oder der ganzen Schule. Die Themen können für jede Arbeitsgruppe verschieden sein, es kann ein weites gemeinsames Rahmenthema oder ein gruppenarbeitsteiliges eng gefasstes gemeinsames Projektthema sein. Hier kommt vor allem, wie auch bei den Lerngängen der "Freie Ausdruck" der Kinder zum Tragen. Auch bei der "Projektarbeit" ist die Lehrerin ständige Helferin, Moderatorin und Mit-Managerin.
  • Immer wieder tauchen spontane Fragen oder Themen in den Kreisen der Klasse, in den Gruppen oder außerhalb des schulischen Lernens auf. Themen oder Fragen können sich in der Arbeit immer mehr herauskristallisiert  haben oder sie entstehen geplant bei Unterrichtsgängen oder anderen Elementen des Arbeitsrepertoire der Klasse, etwa bei "Fragen zur Welt", oder bei Fragen die die Lehrer mitbrachten und von den Kindern aufgenommen wurden. Hier sitzen wir zusammen und führen ein klassisches "sokratisches Unterrichtsgespräch", in dem die Erklärungen, Hypothesen und Fantasien der Kinder mindestens genau so wichtig sind wie das Wissen der Lehrerin.
  • Kinder und Lehrerin vereinbaren ein Thema, das als "Stationenarbeit" von der Lehrerin oder den Kindern vorbereitet wird. Hier kann es dann nicht darum gehen, dass alle Kinder alle Stationen zu absolvieren haben, sondern, dass diese so gut sind, dass möglichst viele von den Kindern akzeptiert werden. Bald lernen sie, diese Stationen selbst für sich und die anderen Kinder zu planen.
  • "Lehrgänge" werden zwischen den Kindern und der Lehrerin verabredet. Wir bieten den Kindern immer wieder Themen an, die wir, vor allem Lehramtsanwärterinnen auch als guten frontalen, differenzierten, gut durchdachten Unterricht vorbereiten. Hier können auch andere Lehrerinnen oder Fachleute eingeladen werden. So werden Materialien der handlungsorientierten Mathematik eingeführt und vorgestellt, so werden rechtschreibliche oder grammatikalische Grundkenntnisse zusammengefasst, damit die Kinder einen Überblick haben, was weiterführende Schulen "verlangen", so kann eine musikalische Vorführung erarbeitet werden oder Zusammenhänge der Naturwissenschaften oder gesellschaftlicher komplexer Abläufe vermittelt werden.

Zu Beginn eines zweiten Schuljahres wurde in einer Klasse die Arbeit mit einem Wochenplan erprobt.  Zunächst untersuchten wir, was geschieht, wenn sehr viel vorgeben wird.

Hier ein Beispiel:

 

Wochenplan vom 4. 9. - 8. 9. 2000 - Projekt: Eine Reise um die Welt - Länderplakat

Das habe ich gearbeitet:                        

 

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Plakat fertig stellen

Überlege dir, wie du dein Plakat vorstellst.

 

 

 

 

 

Male ein Bild zu deinem Land mit Wasserfarben und schreibe eine Geschichte dazu.

 

 

 

 

 

Wörter der Woche üben

 

 

 

 

 

Rechenbuch S 8, 9

 

 

 

 

 

Bild im Rechenbuch S. 2, 3:

Schreibe 5 Rechengeschichten in dein Heft.

 

 

 

 

 

Geschichte schreiben

 

 

 

 

 

Schreibe einen Brief an Helena

 

 

 

 

 

Lesen: Lesebuch S.8 und 9

 

 

 

 

 

J

 

 

 

 

 

 

 

Wir wollten sehen wie die Kinder, bestimmte vorgegebene Aufgaben erledigen. Den Schwerpunkt in dieser Phase der Arbeit bildete das Projekt "Eine Reise um die Welt": Immer zwei Kinder hatten sich ein Land ausgesucht, zu dem sie Informationen sammeln wollten, anschließend ein Plakat erstellten und ihr Land den anderen Kindern im Kreis vorstellten und dazu erzählten. Bei diesen ersten Plänen merkten wir sehr schnell, dass die Kinder mit diesem eigenen Projekt so beschäftigt waren, dass sehr wenig Zeit für die anderen Aufgaben war, so dass viele Kinder sie überhaupt nicht machten.

Nun gab es  zwei Möglichkeiten: entweder mussten die Kinder alle Wochenplanangebote erledigen, oder der Plan musste verändert werden. Wenn wir den Kindern beim Arbeiten zusahen, mit welcher Intensität sie sich mit ihrem Thema beschäftigten, wurde bald klar, warum sie dabei mehr lernten, als etwa beim Ausfüllen vorgegebener Arbeitsblätter eines Wochenplanes. Hätten wir auf der Abarbeitung dieser Form des Wochenplanes bestanden, hätten die Kinder zu wenig Zeit für ihre eigenen Themen gehabt, und somit wären sie aus Zeitgründen nicht in der Lage gewesen sich wirklich zu vertiefen. Außerdem wäre es sehr schwierig geworden, ständig die Kinder gegen ihren Willen zu motivieren. Da die Voraussetzung für jedes Lernen ein Wohlbefinden der Lernenden ist, wurde der Plan geändert.

 

Vorüberlegungen für einen offenen Wochenplan:

Wir wollen keinen Plan, der Kindern alles vorgibt, und ihnen lediglich die Wahl bei der Reihenfolge des Erledigens lässt. Ein Plan kann den Kindern helfen, ihre eigene Arbeit zu strukturieren, in dem sie sich überlegen, woran sie arbeiten und darauf achten auch die verbindlich abgesprochenen Arbeiten zu erledigen.

Folgende Überlegungen waren für den Plan relevant:

  • Welche Form sollte der Wochenplan haben? Er sollte ein Grundraster haben, so dass die Kinder schnell durchblicken und das gleichzeitig schnell mit Hilfe des Computers jede Woche zu bearbeiten ist.
  • Die Kinder sollten möglichst frei ihre Arbeiten eintragen können.
  • Sie sollten ihr eigenes Arbeitsvorhaben durch das Aufschreiben bewusster überlegen und selbst kontrollieren.
  • Die Kinder sollten auch ihre Tätigkeiten am Nachmittag beobachten und eintragen.

Es gab immer seltener Hausaufgaben, daher sollten die Kinder auch nachmittags eintragen, was sie für sich selbst gelernt hatten. Uns ist wichtig, dass Kinder selbst erkennen, woran sie noch arbeiten sollen/ wollen, was sie noch üben können, um verabredete Ziele zu erreichen. Unsere Erfahrung ist, dass Kinder, die keine Hausaufgaben bekommen, bei weitem mehr zu Hause leisten, als wenn sie Aufgaben abarbeiten müssen. So haben die Kinder dieser Klasse nicht nur in der Schule an ihren Themen gearbeitet, sondern auch zu Hause.

Schließlich entstand folgender Plan:

Wochenplan vom 23. 10. - 27. 10. 2000    Name:____________________   Das nehme ich mir für diese Woche vor:

 

________________________________

Trage deine Arbeit in den Wochenplan ein!

 

               am Vormittag              am Nachmittag

Montag:

 

 

Dienstag:

 

 

 

 

 

Mittwoch:

 

 

 

 

 

Donnerstag:

 

 

 

 

 

Freitag:

 

 

 

 

 

Verbindliche Arbeiten:

Geschichte schreiben, Rechtschreibbox, Lerne ein

Herbstgedicht, Schreibe 3 Rechen-Geschichten in dein Heft.

 

Die Durchführung:

Zu Beginn der Woche überlegten die Kinder im Klassenrat, an welchem Thema sie diese Woche arbeiten wollten. Es wurde geklärt, ob sie alleine oder gemeinsam  mit anderen Kindern arbeiten. Wir überlegten, wer etwas Bestimmtes üben wollte und wer wem wie helfen kann. Die meisten Kinder hatten genaue Vorstellungen, woran sie arbeiten wollten. Sie hatten ein gutes Empfinden dafür, was sie noch nicht so gut konnten, aber lernen wollten. Einzelne Kinder konnten keine konkrete Aussage machen, bzw. hatten keine Vorstellung. Hierbei war es wichtig, dass ich diesen Kindern half. Ein Kind brauchte sehr genaue Vorgaben, die wir gemeinsam besprachen.

Hier einige Äußerungen der Kinder:

Wir arbeiten an unserem Schlangenbuch weiter. - Ich möchte meinen Text drucken. - Ich will lesen üben, Sabrina hilft mir dabei. - Ich möchte die Schreibschrift üben. - Ich kann noch nicht so gut minus rechnen. - Wir wollen die Flure ausmessen und aufschreiben, wie lange sie sind.

DieseVorhaben sollten die Kinder in ihrem Plan eintragen.

Schließlich klärten wir noch die verbindlichen Absprachen, die in der Woche zu erledigen waren. Wir besprachen ausführlich, wie sie alle ihre Arbeiten jeden Tag in den Plan eintragen sollten. Anfangs hatten damit viele Kinder große Schwierigkeiten. Sie vergaßen einzutragen, oder es war ihnen einfach nicht wichtig. Wir schauten uns jeden Freitag die Pläne an. Spätestens da bemerkten einzelne Kinder, dass sich gar nicht eingetragen hatten. Nun war es gar nicht mehr so leicht, die Arbeiten aufzuschreiben, da sie sich nicht mehr genau daran erinnern konnten, was sie gemacht hatten. Mit der Zeit lernten die Kinder immer mehr täglich in den Wochenplan einzutragen. Allerdings, mussten viele immer wieder daran erinnert werden. 

Festzustellen war, dass die Kinder, die ohnehin selbständig arbeiteten, auch gewissenhaft in den Plan eintrugen. Kinder, die sehr unselbständig waren, hatten viel größere Probleme damit. Sie brauchten bedeutend länger.

 

Diese Form von Wochenplan kann hilfreich sein offenen Unterricht zu planen und zu strukturieren. Es ermöglicht den Kindern sich selbst weiter zu organisieren, ihr eigenes Lernen selbständiger und bewusster wahr zu nehmen und zu bestimmen, und der Lehrerin die Arbeit der Kinder mit größerer Übersicht wahr zu nehmen.

Dagegen beeinflusst er das Lernverhalten der Kinder weniger. Ohne einen standardisierten Plan arbeiten Kinder  genauso viel oder wenig wie mit Plan. Lässt man dies zu, wird man die Erfahrung machen, dass die meisten Kinder zu Leistungen in der Lage sind, die auch im Alltag immer wieder erstaunen. Dafür brauchen Kinder aber  Zeit. Zeit um sich in  das Thema zu vertiefen und Zeit um die eigenen Vorhaben auch auszuführen, Zeit um Pausen machen zu können, Zeit um sich zu entwickeln, um dann ihr selbstvorgenommenes Ziel zu erreichen. Wenn Pläne dann zu mehr Übersicht in der Zeit-Einteilung führen, sind sie ein gutes Mittel zur Unterstützung des eigenen Lernens, nicht aber als Transportmittel für vorgegebene Inhalte.

 

Schon bald hatten die Kinder, mit oder ohne Pläne, gelernt, ihre eigene Arbeit individuell und kooperativ zu bestimmen. Das Thema „Pläne“ tauchte noch hier und da als Strukturierungshilfe des Arbeitens für einzelne Kindern auf, um dann aber, spätestens nach einem Jahr verschwunden zu sein. Selbstbestimmtes Lernen ist sehr schnell lernbar, wenn Lehrerinnen und Kinder sich darauf als Grundprinzip ihres Lernens einlassen.

Der Kreis wurde Inhalt und Form des eigenen Lernens und Arbeitens.