In Europa Demokratie leben

 

Kontakte knüpfen

 

Korrespondenzen führen

 

Konflikte lösen

 

durch Kommunikation und Kooperation

 

von Schulen und Hochschulen

 

Projektinhalte umsetzen

 

Comenius-Schulentwicklungsprojekt

 

2004 – 2007

 

Dokumentation – Nummer 1/2005

 

2

 

Impressum

 

Für den Inhalt verantwortlich

 

Mag. Pia-Maria Rabensteiner – Koordinatorin

 

pia-maria.rabensteiner@akademie.klu.at

 

Layout: Mag. Pia-Maria Rabensteiner und

 

Mag. Harald Wiltsche

 

Pädagogische Akademie des Bundes in Klagenfurt

 

Hubertusstraße 1, A-9022 Klagenfurt

 

Tel: +43/463/23 7 85; Fax: +43/463/23 7 85 99

 

Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die Meinung der jeweiligen Autorin/des jeweiligen

 

Autors wieder.

 

Juli 2005

 

3

 

INHALT

 

Das Projekt

 

Comenius Schulentwicklungsprojekt 2004-2007

 

In Europa Demokratie leben“:

 

Zwischenbilanz der Projektaktivitäten im 1. Projektjahr –

 

Schuljahr 2004/05 5

 

Eine „Schule für alle“ in Europa 10

 

Involved Schools/involved institutions – April 2005 14

 

2nd Projectmeeting April 2005 – Eitorf/Germany

 

Invitation to the 2 nd Projectmeeting 16

 

Participients of the 2 nd meeting 18

 

Schoolreport/Schoolvisit

 

Gesamtgrundschule Harmonie – Eitorf 20

 

Minutes

 

Current minute 29

 

Minutes - Saturday 30

 

Minutes – Sunday 32

 

Minutes – Monday 41

 

Minutes – Tuesday 54

 

Publication and newspaper articles

 

Kinderrechte - Zur politischen Bildung in der Grundschule 68

 

Schulpraktische Überlegungen zum Thema Klassenrat 79

 

Die Kunst, das Lernen und die Demokratie 90

 

10 Jahre Grundschule Harmonie 94

 

Evaluation/Reports 101

 

Konkrete Umsetzungen seit dem Projekttreffen im Oktober

 

Besuch des österreichischen Bundespräsidenten, Herrn Dr. Heinz Fischer,

 

an der Pädagogischen Akademie des Bundes in Kärnten 128

 

Aktivitäten im Rahmen der Schulentwicklung an der VS 20

 

im Schuljahr 2004/05 130

 

Fragebogen – „Demokratie lernen und leben“ 133

 

Praxisforschung

 

Projekt: Andere Länder – andere Sitten 143

 

Comenius 1 – Šolski razvojni projekti 2004/2005

 

Demokracija v šoli 144

 

Šolska pravila v Osnovni Šoli Žirovnica 2004/05 149

 

Activities of Debate club 167

 

Reflexion des Comenius-Projekttreffens an der PA in Klagenfurt 168

 

Termine für das nächste Treffen in Schuljahr 2005/06 169

 

4

 

Das Projekt

 

5

 

Comenius-Schulentwicklungsprojekt 2004 – 2007

 

In Europa Demokratie leben“

 

Mag. Pia-Maria Rabensteiner

 

Pädagogische Akademie des Bundes in Kärnten

 

Projektkoordinatorin

 

Zwischenbilanz der Projektaktivitäten im 1. Projektjahr – Schuljahr 2004/05

 

Schüler/innen, Student/innen, Lehrer/innen und Professor/innen aus sieben EULändern

 

nehmen mittlerweile an dem internationalen Schulentwicklungsprojekt mit

 

dem Titel „In Europa Demokratie leben“ teil. Beteiligt sind Schüler/innen und Schüler

 

aus Österreich, Slowenien, Deutschland, Spanien, Finnland, Estland und Litauen –

 

von der 1. bis zur 12. Schulstufe. Die kindorientierte Arbeit in den unterschiedlichen

 

Klassen bildet dabei den einen Schwerpunkt. Sitzungen im Klassenrat, Sitzungen im

 

Schulrat, Mitbestimmung bei Lerninhalten, Planung eigenen Unterrichts, Kennen

 

lernen und Konfrontation mit fremden Kulturen und fremden Religionen, Selbsttätigkeit

 

und kooperatives Handeln im Rahmen freier Arbeitsphasen uvm. sind einige der

 

schulischen Umsetzungen des Schulentwicklungsprojektes. Neben Umsetzungsmöglichkeiten

 

des „Demokratielernens“ in der Klasse und in der Schule werden Untersuchungen

 

zu Schulversammlungen und anderen Formen von Kinderparlamenten, Vergleiche

 

der Lehrpläne durchgeführt.

 

Welches Ziel steht dahinter?

 

Wir diskutieren mit Kindern, zeigen ihnen, wie sie im schulischen Alltag mitbestimmen,

 

mitgestalten und auch mitverantworten können.

 

Durch die vielen Gespräche sollen die Kinder die Wichtigkeit von Konsenseregelungen

 

erkennen. Das Miteinander und nicht das Gegeneinander sollte im Vordergrund

 

stehen. Das Lernen, Vereinbarungen einzuhalten und das Lernen, mit Konsequenzen

 

des Nichtbeachtens umzugehen.

 

Wir besprechen und hinterfragen gemeinsam Regeln, Werte, Normen und legen

 

diese für den Schulalltag fest.

 

Wir erziehen Kinder zu Mitgliedern unserer Gesellschaft, die ihre eigene Meinung

 

vertreten, zu dieser stehen, diese hinterfragen und auch anderen Meinungen kritisch

 

gegenüber stehen.

 

Wir fördern sowohl die Individualität der Kinder, aber auch den Gemeinschaftssinn

 

und Solidarität.

 

6

 

Wir geben den Kindern das „Handwerkszeug“ für das „Demokratielernen“, für den

 

Weg vom „ICH“ zum „DU“, für die Möglichkeiten der Begegnung mit dem „DU“ ab

 

der ersten Schulstufe.

 

Die Schüler/innen erlernen einen respektvollen Umgang miteinander, sie lernen

 

Konflikte zu lösen, sie lernen aktiv handelnd interkulturelles, globales, vernetztes

 

Lernen.

 

Sie lernen, ihr eigenes Lernen zu planen, dieses selbst in die Hand zu nehmen,

 

zu reflektieren.

 

Das ist ein Beitrag zur Persönlichkeitsbildung, zum Erwerb von Selbst-, Sach- und

 

Sozialkompetenz. In den teilnehmenden Klassen finden sich für dieses Projekt keine

 

ausgesuchten Kinder. Wir arbeiten mit …

 

leistungsstärkeren und leistungsschwächeren Kindern;

 

mit Kindern, die unterschiedliche Fähigkeiten und Fertigkeiten aufweisen;

 

mit Kindern, die einem Ideal von „braven“ Kindern entsprechen und mit solchen,

 

die erst auf dem Weg dorthin sind;

 

mit Kindern, die mit sich und der Umwelt Probleme haben;

 

mit Kindern mit und ohne Handicaps;

 

mit in- und ausländischen Kindern;

 

mit Kindern, so wie wir sie in Tausenden von Klassen vorfinden – und dieses

 

Arbeiten ist nicht immer leicht.

 

In dieses Projekt sind Student/innen und Professor/innen mit einbezogen, die an unterschiedlichen

 

Untersuchungen zum umfassenden Themenbereich des Demokratielernens

 

in der Klasse/Schule durchführen. Es arbeiten neben der Pädagogischen

 

Akademie des Bundes in Kärnten, das Pädagogische Institut Ljubljana, die Universitäten

 

Siegen, Tallin, Villnius, Zaragoza und mit. Durch die Teilnahme universitärer

 

Institutionen sehen sich angehende Pädagog/innen nicht erst in der Schulklasse

 

mit der Thematik des Demokratielernens konfrontiert, sondern sie erlernen

 

dies im Rahmen ihrer Ausbildung kennen und setzen erworbenes Wissen wieder in

 

ihren Schulpraxisstunden um. Es ist notwendig, dass junge angehende Pädagoginnen

 

und Pädagogen sowohl in der Theorie mit politischer Bildung und „Demokratielernen“

 

als auch in der Praxis damit konfrontiert werden. Lehrer/innen sind nicht

 

mehr Vermittler/innen von Wissen, sondern sollen den Kindern als Berater/innen,

 

Helfer/innen, Begleiter/innen zur Seite stehen.

 

Comenius` Idee, dass es möglich ist, Allen alles zu lehren, ist in einer schnelllebigen,

 

dynamischen Gesellschaft, wie wir sie heute vorfinden, nicht mehr möglich. Die

 

große, weite Welt ist für viele Kinder von heute klein geworden. Reizüberflutungen,

 

lockende Freizeitangebote, geplante Freizeit, Überbetreuung von Eltern stehen vielfach

 

nicht „normalen“ Beziehungen zwischen Elternteilen untereinander und gestörten

 

Beziehungen zu Eltern, Ängsten und Aggressionen der Kinder, Konfliktbereitschaft,

 

sozialer Verwahrlosung gegenüber. Wir Pädagog/innen müssen uns genau

 

den Herausforderungen der Differenzierung, Individualisierung und Förderung

 

stellen, das Eingehen auf individuelle Interessen und Gruppeninteressen lernen und

 

darauf reagieren, uns in einer Zeit des lebenslangen Lernens selbst permanent wieter

 

zu bilden und zu fordern. Die Zeit der allwissenden Lehrerinnen und Lehrer ist

 

vorbei. D. h., dass das belehrende Moment, so wie wir vielfach Unterricht erfahren

 

haben, vorbei ist. Reagieren wir auf die Kinderinteressen, nehmen wir Kinder im

 

schulischen Geschehen wahr und ernst, holen wir die Kinder dort ab, wo sie stehen!

 

7

 

Wir befinden uns im ersten Abschnitt des gesamten Projektvorhabens. Der offizielle

 

Projektbeginn fand im Oktober 2004 hier in Kärnten statt (siehe auch Freinet Kooperativ

 

1/2005). Ohne es zu wissen, waren wir bei der Konkretisierung der Forschungsinhalte

 

und Forschungsziele in der Planungsphase dem europäischen Gedanken

 

des Europarates für das Thema „Demokratie in Europa leben und lernen“ im

 

Jahr 2005 voraus. Als Koordinatorin dieses Projekts erhielt ich vor allem aus Litauen

 

und aus Estland viele Anfragen, dass Schulen in diesem Projekt partizipieren wollen.

 

Eine Erweiterung innerhalb der einzelnen Staaten ist sicherlich denkbar, eine

 

weitere internationale Ausbreitung wäre zwar aufgrund der Forschungsmöglichkeiten

 

interessant, jedoch organisatorisch nur mehr schwer durchführbar.

 

Das 2. Projekttreffen fand Ende April 2005 in Deutschland, an der Gesamtgrundschule

 

Harmonie in Eitorf (Nordrhein-Westfalen) statt. In den Dokumentationen, die

 

auf drei Ebenen erfolgen, wird die Entwicklung der unterschiedlichen Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten

 

von Demokratie in Klasse/Schule der beteiligten Schulen im

 

Zeitraum von 2004 bis 2007 festhalten. Aus der Dokumentation des Projekts, die auf

 

drei Ebenen erfolgt (Bilder, DVD, schriftlicher Bericht), soll die Entwicklung der

 

unterschiedlichen Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten von Demokratie in der Klasse/

 

Schule der beteiligten Schulen im Zeitraum von 2004 bis 2007 festgehalten

 

werden. Siehe auch: http://www.akademie.klu.at/Projekte/RAP_Gesdok.pdf

 

Für Pädagoginnen und Pädagogen stellt die Arbeit mit Kindern eine permanente

 

Herausforderung dar und die unterschiedlichen Aspekte des „Demokratielernens“ in

 

der Klasse und der gesamten Organisation Schule, der nationale und internationale

 

Vergleich sollen dazu beitragen, Forschungsergebnisse wieder im eigenen Wirkungsbereich

 

umzusetzen. Wir sind bei der Weitergabe demokratischer Werte Vorbilder.

 

Seien wir nicht nur Vorbilder, die kindorientiertes Arbeiten einfordern, tun wir es, leben

 

wir es!

 

8

 

Demokratisches Arbeiten, Lösen anstehender

 

Probleme, Zivilcourage,

 

Einsatz für Kinder, die keine Lobby

 

hinter sich haben, die Probleme haben

 

und vieles mehr können nicht nur

 

für die eigene Weiterentwicklung förderlich

 

sein, sondern ein Beitrag für

 

ein friedliches Neben- und Miteinander

 

darstellen. Die unterschiedlichen

 

Sichtweisen und Facetten von Demokratie,

 

Aspekte des interkulturellen

 

Lernens, der Friedenserziehung, der

 

Kinderrechte, der Menschenrechte

 

und die Auseinandersetzung mit Demokratie

 

durch vertiefende Literatur

 

usw. sollten nicht nur zur persönlichen

 

Professionalisierung dienen.

 

Weitere Ziele dieses Projekts sind

 

auch die Verbreiterung reformpädagogischer,

 

vor allem kindorientierter

 

Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten

 

in den Schulklassen der beteiligten Länder. Im Rahmen der Aktionstage 2005 konnte

 

unser gemeinsames Projekt bei der Konferenz „Demokratie-Bildung in Europa.

 

Herausforderungen für Österreich im April 2005“ einem breiten Publikum bei der

 

Projekt- und IdeenBÖRSE vorgestellt werden.

 

Die Studierenden der Pädagogischen Akademie des Bundes in Kärnten konnten sich

 

am „Aktionstag der Politischen Bildung“, am 3. 5. 2005, zu den vielen Facetten des

 

Demokratielernens Gedanken gemacht, Informationen eingeholt.

 

Den krönenden Abschluss

 

bildete der Besuch

 

unseres Herrn

 

Bundespräsidenten Dr.

 

Heinz Fischer. Als

 

oberster Repräsentant

 

der Republik Österreich

 

beantwortete er den

 

Studentinnen und Studenten

 

Fragen zum

 

Thema Demokratie.

 

Wann hat man sonst die

 

Gelegenheit, mit dem

 

Herrn Bundespräsidenten

 

Fragen zur Demokratie

 

zu diskutieren?

 

9

 

Als Zeichen der Verbundenheit und Solidarität mit dem gemeinsamen Projekt „In

 

Europa Demokratie leben“ kamen sowohl Kollegin Beate Traar-Krammer, Direktorin

 

der Volksschule Klagenfurt-Viktring, als auch der Rektor der Grundschule Harmonie,

 

Herr Walter Hövel, der extra wegen des Besuchs unseres Herrn Bundespräsidenten

 

von Köln hierher nach Klagenfurt reiste. Für viele Studentinnen und Studenten,

 

Kolleginnen und Kollegen hinterließ der Besuch des Herrn Bundespräsidenten einen

 

bleibenden Eindruck.

 

Am 20. Mai 2005 trafen einander alle Teilnehmer/innen der österreichischen Delegation,

 

um gemeinsam die Eindrücke des 2. Projekttreffens zu evaluieren. Dieses

 

Treffen fand an der Pädagogischen Akademie des Bundes in Kärnten statt. Nicht nur

 

Kolleg/innen der PA, sondern auch Herr Dir. Dkfm. Dr. Josef Hieden, AL OStR Mag.

 

Dr. Friedrich Fuchs und AL Brigitta Kolmitz nahmen daran teil. Sowohl der Film, der

 

beim zweiten Projekttreffen gedreht wurde, als auch eine eindrucksvolle Powerpoint-

 

Präsentation ließen die Eindrücke wieder Revue passieren. Die Gesamtdokumentation

 

des 2. Projekttreffens, in der alle Aktivitäten der teilnehmenden Partnerinstitutionen

 

festgehalten sind, ist einsehbar unter:

 

http://www.akademie.klu.at/Projekte/RAP_Gesdok Projekttreffen 2.pdf

 

Die Vorbereitungen für das kommende Treffen im Schuljahr 2005/06 in Estland und

 

in Litauen laufen bereits auf Hochtouren. In der kommenden Dokumentation wird

 

darüber wieder berichtet.

 

10

 

Eine „Schule für alle“ in Europa

 

Walter Hövel

 

Rektor der Gesamtgrundschule Harmonie, Eitorf

 

In unserer Gemeinde gibt es mehr und mehr Eltern, die ihre Kinder zur einer

 

Gesamtschule schicken wollen. Die Begründungen sind sehr verschieden. Die einen

 

wünschen sich mehr Förderarbeit, die anderen das Mehr an pädagogischem

 

Engagement eines sehr sozial ausgerichteten Gesamtschulkonzepts, die nächsten

 

einfach mehr Zeit für die Entwicklung ihrer Kinder. Da gibt es jene, die vom

 

pädagogischen Konzept der Gesamtschule überzeugt sind, jene, die diese Form der

 

Ganztagsschule favorisieren. Jene, die glauben, das Abitur sei in der Oberstufe der

 

Gesamtschule „leichter zu machen“. Die einen wollen dem (zu Unrecht!) schlechten

 

Ruf der Hauptschule ausweichen, die anderen der „Lernfleißmentalität“ der

 

Realschule, oder dem „konsequenten Aussortieren des Gymnasiums als „Lern für die

 

Note oder geh’ zur Haupt- oder Realschule’“. Es gibt jene, die ihr Kind einfach mit

 

Freunden, die sich für die Gesamtschule entschieden haben, gemeinsam zur

 

weiterführenden Schule schicken wollen.

 

Es mag noch viele weitere Gründe geben. Aber im Gesamten spiegelt das

 

Schulauswahlverhalten vieler Eltern eine große Unsicherheit wieder. Die Bildungsverantwortlichen

 

unserer Gesellschaft streiten und feilschen um PISA-Bundeslandgefälle

 

und PISA-Interpretationen zur Verhinderung von Konsequenzen, „Einheitsschule“,

 

Verbundschule“, Gesamtschule, Realschule, Gymnasium und Hauptschule,

 

Waldorfschule oder Privat- oder Hochbegabtenschule anstatt den Eltern

 

Orientierung und Sicherheit zu geben. Deutschland präsentiert sich in der Bildung

 

zerstritten, ohne ein gemeinsames einheitliches Konzept oder gesellschaftlichen

 

Konsens.

 

Außer Deutschland, Österreich und die Schweiz kennt kein anderes Land Europas,

 

und weder die USA, Kanada, Australien noch andere entwickelte Länder dieser Welt,

 

diesen Streit. Was ist bei unseren Nachbarn und Freunden anders? Was ist bei uns

 

geschehen?

 

1973 wurden in der Bundesrepublik gegen den entschiedenen Widerstand der CDU

 

und CSU innerhalb eines Jahres die ersten 100 Gesamtschulen in Westberlin und in

 

Hessen gegründet, bis heute gibt es gerade mal 800 in ganz Deutschland. Diese

 

Gesamt“schulen wurden und werden als Schulen der Klassen 5 bis 10 - mit oder

 

ohne anschließende (eigenständige) Oberstufe - neben den bestehenden Schulen

 

der Sekundarstufe I, den Real- und Hauptschulen und Gymnasien angeboten.

 

11

 

Dies ist einmalig in der Bildungspolitik der gesamten Welt. Nur Deutschland und

 

einige Kantone der Schweiz glauben nach nur 4 Jahren Grundschule ein gegliedertes

 

Schulsystem anbieten und dahinein und daneben unverbindlich eine integrierte

 

Schulform wie die „Gesamt“schule setzen zu müssen.

 

Europa und die uns bedeutenden Ländern der Welt haben erstens eine möglichst

 

lange gemeinsame Bildung für alle. Zweitens haben sie klar, dass ihre Grundschule

 

der wichtigste, weil grundlegende Teil ihres Schulwesen ist. Drittens dauert die

 

Grundschule überall länger als 4 Jahre ist. Und viertens folgt, außer noch in

 

Liechtenstein und Hongkong, immer eine einzige „Schule für alle“. Niemand käme

 

auf die Idee, dass eine „Gesamt“schule mit dem 5. Schuljahr beginnen könnte. Sie

 

beginnt am Anfang, und das ist die erste Klasse der Grundschule. Die Aufteilung in

 

verschiedene Bildungswege kennen die anderen Länder erst nach der gemeinsamen

 

Grundbildung oder Grundschule ab Klasse 9 bis 12.

 

Die überwiegende Zahl der europäischen Länder lassen ihre Kinder 6 bis 9 Jahre in

 

die Grundschule gehen1. Erst dann trennen sich die Bildungswege der Kinder und

 

Jugendlichen. In diesen Ländern denkt niemand, nicht die konservativste, sozialistischste,

 

grünste oder liberalste aller Parteien -selbst bei Problemen in der Bildungüber

 

die Einführung oder Wiedereinführung eines gegliederten Schulsystems nach.

 

Und dies ist so, weil die “Schule für alle“ eine Frage des historischen demokratischen

 

Grundverständnisses in Europa und in der demokratischen Welt ist!

 

Diese Gedanke der „Schule für alle“ begann mit den ersten demokratischen bürgerlichen

 

Forderungen nach Rechten und Gerechtigkeit für alle Menschen! 1632 fordert

 

ein Comenius eine „Schule für alle“ mit den Klassen 1 bis 7 von 6 bis 12 Jahren.

 

Wilhelm von Humboldt schrieb 1819 für die preußische Regierung(!) einen Schulgesetzentwurf

 

und forderte die „Verwirklichung der Menschenbildung“ durch eine einheitliche

 

Schule mit 9 Klassen von 6 bis 14 Jahren.

 

In Deutschland ist die erste Demokratie erst nach dem ersten Weltkrieg entstanden.

 

Und diese Demokratie war leider eine sehr schwache. So schaffte man es damals

 

nicht, den deutschen Bildungs- und Demokratieidealen Goethes, Schillers oder der

 

Gebrüder Humboldt zu folgen. 1919 wurde von den Demokraten dem preußischen

 

Adel, dem Militär und stockkonservativem Bürgertum in der Verfassung der Weimarer

 

Republik ein Kompromiss abgerungen: Die „Schule für alle“ wurde auf die ersten

 

4 Jahre der Schulzeit beschränkt. Das ist das, was wir heute die 4jährige Grundschule

 

nennen. Wir haben 4 Jahre „Schule für alle“ und dann „weiterführende“

 

gegliederte Schulen seit 1919. In den USA wurde die einheitliche Erziehung aller

 

Menschen bis Klasse 10 im Jahre 1900 eingeführt, die Grundschule dauert 6 Jahre,

 

dann folgt eine einheitliche weiterführende Schule von heute weiteren 6 Jahren.

 

Dänemark beginnt in Europa im Jahre 1958 mit einer zunächst 7jährigen Grundschule,

 

die anderen Länder folgen in den nächsten Jahren zu einem Standard von 6

 

bis 10 Jahren Grundschule. Bei „kürzerer“ Grundschule folgt immer eine „Schule für

 

alle“ bis zum 10. oder 12. Schuljahr. Deutschland, Österreich, Liechtenstein und

 

Hongkong, verpassen die Mitfahrt, sie ließen ein gegliedertes Schulsystem bestehen.

 

1 Frankreich hat eine sehr eigene Situation mit dem Schuleintrittsalter von 3 Jahren. Hier wird die

 

Grundschule in 2 Teile geteilt mit einmal 3 und einmal 5 Jahren. Italien hat noch 5 Jahre Grundschule,

 

die englischsprachigen Länder alle 6 Jahre , die PISA-Spitzenreiter Finnland und Korea 9

 

Jahre. Selbst Liechtenstein und Hongkong haben 5 bzw. 6 Jahre.

 

12

 

In Deutschland blockieren die Einen, sie wollen am Hergebrachten festhalten. Die

 

Anderen, nicht in der Lage einen Konsens herzustellen, begehen den Irrweg einer

 

Bildungspolitik mit der aufgesetzten und daneben gesetzten „Gesamtschule“. Diese

 

neue 4. Schulform wird in den Folgejahren einige bemerkenswerte pädagogische Akzente

 

setzen. Sie musste in ihrer Konkurrenzsituation und mit ihrem Demokratieanspruch

 

als eine Alternative in der „Bildungslandschaft, oder besser im Bildungsdschungel

 

der so genannten Sekundarstufe I (Klassen 5 bis 10) schaffen. Es gelang

 

ihr ein eigenes von vielen Eltern gewünschtes pädagogisches Profil zu entwickeln.

 

Aber ihrem Anspruch eine „Schule für alle“ zu sein, konnte sie nicht gerecht werden,

 

da bei weitem nicht alle in diese Schule gehen und, weil sie in ihren Klassen durch

 

ein Kurs- und Leistungssystem weiterhin Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten

 

unterscheidet, auch, wenn sie für einige Stunden und Fächer in einer Klasse

 

sitzen. Bei der Einschulung werden auch Gesamtschüler durch staatlich vorgegebene

 

Quoten und durch staatlich vorgeschriebene Abschlüsse, die sich wiederum am

 

gegliederten Schulwesen orientieren, unterschieden.

 

Es ist nicht einfach die Frage der formalen Einführung einer „Schule für alle“. Die Entscheidung

 

der anderen Länder und ihrer Menschen für eine „Schule für alle“ als einer

 

Entscheidung für eine demokratische Grundeinstellung, führt dann in vielen Ländern

 

auch zu einer anderen Haltung der Regierungen, der Bildungspolitikerinnen und –

 

politikern und der Menschen bei allen schulischen Entscheidungen. Hier wird mehr

 

Geld für Bildung ausgegeben, auch bei knappen Kassen Prioritäten für die Kinder

 

und die Bildung gesetzt. Hier wird mehr investiert in eine bessere Ausbildung von

 

mehr Erziehern und Lehrern. Hier ist Schule wichtiger und hier entsteht dann auch

 

die Einstellung, dass jedes Kind wichtig ist, kein Kind aussortiert werden oder ins

 

schulische Abseits geraten darf. Hier wird jedes Kind gefördert, ob „ausländisch“, ob

 

arm“ oder „reich“, ob „minderbegabt“, „gehandikapt“ oder anders als die Anderen.

 

Demokratie ist und bleibt, wenn alle für alle etwas tun und die Kinder der Anderen

 

genauso wichtig sind wie die Eigenen.

 

Wir sollten von unseren Nachbarn lernen, es gibt für uns immer noch keine andere

 

Zukunft als die Zukunft unserer Kinder. Und eine solche Bildung muss heraus aus

 

dem Parteiengezänk. Es geht um alle Kinder. Was andere Politiker anderer Länder

 

können, sollten wir auch können, ob konservativ oder rot oder grün, hier ist der

 

Konsens von Demokraten verlangt, für die Kinder. Wenn nun in unserer Gemeinde

 

überlegt wird, eine Realschule zu gründen, die mit der Hauptschule in ein Haus

 

ziehen wird, kann dies möglicherweise den Ruf der Hauptschule verbessern. Wenn

 

dies dann noch „Gesamtschule“ oder so ähnlich genannt würde, könnte dies zu

 

einem weiteren bisher in der Gemeinde nicht vorhandenem pädagogischen Profil im

 

Sinne eines weiteren Angebots führen. Wenn diese Haupt-Real-Verbundschule das

 

Gymnasium als Eliteschule stärken und die bestehenden „Gesamtschulen“ in „Haupt-

 

Real-Verbundschulen“ verwandeln soll, wäre dies der Versuch zu einem zwei gegliederten

 

Schulsystem zu kommen. In Hamburg zum Beispiel, wurde dies schon vor

 

vielen Jahren erfolglos erprobt. Aber auch kosmetische Operationen können zu mehr

 

Selbstbewusstsein oder mehr Attraktivität führen.

 

Die Frage wäre also, ob wir kleinste Brötchen backen und die Realschulen und Gesamtschulen

 

loswerden wollen, um die dann umbenannte Haupt-Real-Verbundschule

 

wieder in Richtung einer „Volksschule“ mit „volkstümlicher“ Bildung stärken

 

wollen. Oder ob die Gemeinde den gesetzlich beschriebenen Weg der Befragung der

 

13

 

Eltern zur Errichtung einer Gesamtschule geht. Die Befürchtungen sollten sich in

 

Grenzen halten. Erfahrungsgemäß geht es Gymnasien bei benachbarten Gesamtschulen

 

nicht schlechter!

 

Oder die Frage wäre, ob wir uns nach dem Vorbild unserer Nachbarn und Freunde

 

auf einen Weg zu einer „europäischen Schule für alle“ machen und aus der bestehenden,

 

ausgesprochen erfolgreichen eigenen Grundschule heraus eine europäische

 

Schule für alle“ entwickeln.

 

Eine europäische demokratische „Schule für alle“, beginnt mit der ersten Klasse. Es

 

müsste die Grundschule verlängert werden. Vielleicht erst auf 6 Jahre2, vielleicht eine

 

Verlängerung auf 8 oder 9 oder gar 10 Jahre, wie alle anderen Europäer. Die Gebäude

 

stehen in meiner Gemeinde schon alle ganz dicht bei einander, aber noch

 

nicht die Ansichten.

 

Aber daran sollten wir gemeinsam arbeiten, uns die Beispiele der anderen anschauen.

 

Die Zeit, vor allem in Zeiten einer rasend schnellen Globalisierung, lässt

 

manchen Streit überflüssig werden. Das gegliedert Schulwesen ist es in Europa

 

schon lange überwunden und wir liegen bekanntlich mitten drin.

 

Walter Hövel

 

2 Die NRW-Landesregierung ließ diese Möglichkeit wissenschaftlich und politisch von einer Bildungskommission

 

Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ 1995 gut begründet erarbeiten. Leider entschied

 

die Regierung sich dann für andere „Reformen“. So geht es auch heute noch den Humboldts.

 

14

 

Involved Schools/involved institutions – Schoolyear 2004/05

 

Austria Volksschule der Akademie des Bundes in Kärnten

 

Pädagogische Akademie des Bundes in Kärnten

 

Hubertusstraße 1, A-9022 Klagenfurt

 

Tel: +43/463/23 7 85; Fax: +43/463/23 7 85 99

 

http://www.akademie.klu.at

 

office@akademie.klu.at

 

pia-maria.rabensteiner@akademie.klu.at

 

Volksschule 20, Klagenfurt-Viktring

 

Schulstraße 1, A-9073 Viktring

 

Tel: +43/463/28 11 02; Fax +43/463/28 11 02

 

direktion@vs-klagenfurt20.ksn.at

 

Estonia Pärnu-Jaagupi Gümnaasium

 

Koolo 3, EST-87201 Pärnu-Jaagupi

 

Tel: +372/44 97 155; Fax: +372/44 97 158

 

pjg@jaagupi.parnu.ee

 

Universität Tallin

 

Germany Grundschule Harmonie

 

St. Martinsweg 5, D-53783 Eitorf

 

Tel: +49/2243/91 26 20

 

grundschule.harmonie@web.de

 

gs-harmonie.homepage4u.net

 

Universität Siegen - Fachbereich 2

 

D-57068 Siegen

 

falko@paedagogik.uni-siegen.de (Dr. Falko Peschel)

 

oase@paedagogik.uni-siegen.de (Prof. Dr. Brügelmann)

 

Lithuania Klaipeda Zemyna Secondary School

 

Kretingos 23, LT-Klaipeda

 

Tel: +370/46 40 31 04

 

zem12@centras.lt

 

Universität Villnius

 

Slovenia Osnovna šola Žirovnica

 

Zabreznica 4, SLO-4274 Žirovnica

 

Tel: +386/5 809 157;

 

Info@os-zirovnica.org

 

http://ww.os-zirovnica.org

 

Pedagoški Inštitut

 

RPCPI-Korak za Korakom

 

Gerbičeva 62, SLO-1000 Ljubljana

 

Tel: +386/1 429 20 20

 

Spain Faculty of Education

 

San Juan Bosco, 7, E-50009 Zaragoza

 

Tel: +34/976 76 13 06 (1309)

 

cmolina@unizar.es ¸jrsolsan@unizar.es

 

15

 

2 nd Projectmeeting April 2005

 

Invitation to the 2 nd Projectmeeting

 

Participients of the 2 nd meeting

 

16

 

Einladung/Povabilo/Invitation/Invitacion/Kvietimas/Kutse

 

to the 2 nd Project-Meeting

 

Comenius-Schulentwicklungsprojekt

 

To live democracy in Europe”

 

Time: 23 rd April 2005 (10.00 a. m.) – 27 th April 2005 (10.00 a. m.)

 

Location: Gesamtgrundschule Harmonie

 

St. Martinsweg 5

 

D-53783 Eitorf

 

(Tel. +49/2243/91 26 20)

 

grundschule.harmonie@web.de

 

Program:

 

Saturday, 23 th of April 2005

 

Arrival in the host families

 

Sunday, 24 th of April 2005

 

Sunday morning - Working groups

 

Sunday afternoon – Visiting the “House of History” in Bonn (History of democracy in

 

Germany)

 

Visiting a pub in Cologne

 

Monday, 25 th of April 2005

 

Monday morning - Hospitation in the school “GGS Harmonie”

 

Monday afternoon – Working groups

 

Monday night – A cultural evening aut the school with parents and other guests

 

Tuesday, 26 th of April 2005

 

Tuesday morning – Working groups on democracy with children

 

Tuesday night – Meeting at Siegen University with members of the highschool

 

Wednesday, 27 th of April 2005

 

Wednesday morning – Working groups

 

Departure

 

I am happy to meet you in Germany.

 

Mag. Pia-Maria Rabensteiner, Coordinator

 

Pädagogische Akademie des Bundes in Kärnten

 

Hubertusstraße 1, A-9022 Klagenfurt

 

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piaraben@gmx.at / pia-maria.rabensteiner@akademie.klu.at

 

12. 5. 2005

 

Grundschule

 

Harmonie

 

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Participients of the 2 nd meeting

 

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Teilnehmer/innen

 

Vera Berger

 

Marc Bohlen

 

Elisabeth Brunnner-Wappis

 

Peter Bulovec

 

Meta Cuk

 

Sina Gerlach

 

Eva-Maria Grentner

 

Gitte Haane

 

Walter Hövel

 

Annette Käshammer

 

Juliane Koch

 

Polona Kranjc Kus

 

Claudia More

 

Miriam Patt

 

Falko Peschel

 

Claudia Preiml

 

Gerhard Rabensteiner

 

Pia-Maria Rabensteiner

 

Sara Roth

 

Michael Rumpelnik

 

Sonja Rutar

 

Christine Schaumann

 

Rieke Schiemann

 

Alma Schmitz

 

Ulli Schulte

 

Ingrid Sematon

 

Valentin Sodja

 

Ferdinand Stefan

 

Beate Traar-Krammer

 

Aili Vunk

 

Heike Wagner

 

Harald Wiltsche

 

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Schoolreport/Schoolvisit

 

Gesamtgrundschule Harmonie - Eitorf

 

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Gesamtgrundschule Harmonie

 

Eine Schule, an der auch Freinet eine Rolle spielt

 

Walter Hövel

 

Rektor der Gesamtgrundschule Harmonie, Eitorf

 

Ich arbeite an einer Schule3 mit einigen Erwachsenen. Sie alle, eine Diplompädagogin,

 

eine Sozialpädagogin, 7 Lehrerinnen, 2 Lehrer, ein Schriftsetzer, eine Sekretärin

 

und viele Mütter, Väter und ein Großvater haben etwas gemeinsam. Die Vermittlung

 

von Lehrstoff ist sekundär gegenüber der Begleitung der Kinder in ihren

 

eigenen Lernprozessen. Wir alle trauen den Kinder alles zu, Unsinniges, Dummes

 

oder Falsches, aber vor allem, dass sie lernen, trotz und mit Schule. Um es anders

 

auszudrücken, wir nehmen die Kinder als Menschen ernst. Wir sind erwachsene Dialogpartner,

 

Organisationshelfer, Berater, Lernanimateure und Mitlerner. Und wir versuchen

 

einschätzbar, berechenbar, zuverlässig, erreichbar für die Kinder zu sein.

 

Eine unserer Berechenbarkeiten besteht darin, dass wir an unserer Schule keine

 

Schlägereien“ zulassen. Wir sind hier relativ zuverlässig, da wir jede unserer

 

Handlungen unterbrechen, wenn eine Schlägerei sich entwickelt oder bereits im Gange

 

ist. Die Kinder können uns einschätzen. Sie wissen, dass ein Gespräch folgt, ein

 

Klassenrat, auch mit „betroffenen Gästen“ aus anderen Klassen oder Schulen, wir

 

nicht das Elterngespräch

 

scheuen, Jungendgruppen4

 

oder „Furienprogramme“5 für

 

Mädchen (Lutz Wendeler,

 

Freie Schule PrinzHöfte) initiieren,

 

wir Übungen zu Verhaltensalternativen

 

machen,

 

oder schlichtweg sauer sind,

 

wenn einer die Hauptregel

 

missachtet und dies auch

 

zeigen und damit die Betroffenen

 

erreichen.

 

Dies alles ist eingebettet in

 

einen Schulalltag, in dem es

 

3 Es ist die "Grundschule Harmonie" in Eitorf in Nordrhein-Westfalen

 

4 Zu oft blockierten die sich immer wiederholenden Probleme der Jungen den Klassenrat. Wann immer es möglich war, etwa durch die Anwesenheit einer

 

Praktikantin, oder etwa eine Projektarbeit, bei der die Mädchen alleine arbeiteten, bildete ich mit den Buben einen eigenen Kreis. Am besten gelang es, als

 

Uschi Resch zu Gast war. Als Frau hatte sie eine noch größere positive Distanz. Die Jungs taten sich schwer, diesen Kreis alleine durch zu führen.

 

5 Hier lernen Mädchen von Jungen durch deren Anleitung und Begleitung, was diese - im Gegensatz zu vielen Mädchen - so gut können: sich wehren,

 

widersprechen, protestieren und andere Tugenden. Im Gegenzug sind dann Buben auch eher bereit sich von Mädchen Verhaltensweisen anzueignen, die

 

ihnen so schwer fallen.

 

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keinen Plan und kein Programm gibt, der den Lehrkräften das „kindgemäßoffenfreiarbeitende“

 

oder „werkstattstationenatelierorientierte“ oder „freinetmontessorigestalt-

 

humanistische“ Arbeiten vorschreibt, da es mehrheitlich verabschiedet vom

 

Schulleiter durchgesetzt wurde. Vielmehr arbeiten wir an einem „neuen heimlichen

 

Lehrplan“ (Wolfgang Mützelfeld). Eines der Grundelemente unserer Philosophie ist,

 

dass traditionelle Schule wahrscheinlich die Dinge des Lernens eher falsch gemacht

 

hat, wir aber, wenn wir’s nicht besser wissen, es genau so wie in die Schule machen

 

(alte freinetische Weisheit). Die Praxis der Didaktik behindert das Lernen der

 

Menschen. So halten wir den frontalen Unterricht (besser „direct teaching“) für eine

 

gute Form der Vermittlung von von den Kindern erfragten Inhalten, falls nicht alle

 

zuhören müssen, und uns selbst auch der Sinn des zu Vermittelnden einleuchtet und

 

wir uns selbst bei diesem

 

Thema für kompetent

 

halten. Aber die meiste

 

Zeit verbringen die Kinder

 

bei ihren „Verabredungen“

 

(Ulrike Strombach), in

 

ihren eigenen Arbeitsgruppen

 

und im Gespräch

 

im Kreis.

 

Die zweite Erkenntnis ist

 

die, dass Menschen nicht

 

auf die Grundlage einer

 

programmatischen Plattform

 

festzunageln sind,

 

auch wenn sie sie selbst

 

erarbeitet haben. Bei der programmatischen Festlegung der Arbeit können sie gar

 

nicht wissen, was für Lernsituationen die Kinder und die Situationen der Zukunft

 

verlangen werden. Und vor allem, woher soll ein Lehrer oder eine Lehrerin wissen,

 

was sie selbst zukünftig leisten können, wo sie sich hin entwickeln werden. Eine

 

Lehrperson, die sich selbst entwickeln soll, die die „Erlaubnis“ bekommt selbst zu

 

lernen und die eigene Professionalität zu erhöhen, kann doch nicht vorher eine

 

Forderung an sich selbst unterschreiben, wenn sie möglicherweise ein normaler

 

Mensch geblieben ist, und sich vor Unbekanntem fürchten könnte, auch wenn sie es

 

selbst einmal tun könnte. Es gilt also, am „geheimen Lehrplan“ zu arbeiten, im

 

alltäglichen pädagogischem Kleinkram entlang der Bedürfnisse der Kinder zu

 

kooperieren, es gilt, die eigene Arbeit ständig und immer wieder kritisch zu

 

reflektieren und das kooperativ zu tun. Es gilt, das eigene Tun immer wieder

 

einzuordnen, in vorhandene Denkmodelle, in entstehende oder eigene. Erst im

 

Nachherein ergibt es einen Sinn, dass bereits erreichte in einer Programmatik

 

festhalten zu wollen, damit es nur verloren geht, wenn es nicht mehr gebraucht wird,

 

damit es nicht versehentlich, aus Unaufmerksamkeit heraus verloren geht.

 

Die dritte Erkenntnis ist die, dass die Freinetpädagogik zwar meine Pädagogik ist,

 

der Eine aber eher Richtung Jürgen Reichen geht, oder der Andere auf die Richtlinien

 

der Grundschule als solche schwört, oder in der zweiten Ausbildungsphase zu

 

Stationsarbeitern geformt wurde, oder wir alle aber im Grunde genommen unsere

 

eigene Pädagogik entwickelt haben, und dieses Selbstbewusstsein vielleicht nach 6

 

Jahren Arbeit, so etwas wie einen eigenen pädagogischen Stil der gesamten Schule

 

hat entstehen lassen. Jede Lehrerin pflegt ihren eigenen Unterrichtsstil, wobei ge22

 

meinsame Elemente durch den ständigen Austausch immer wieder ausfindig zu

 

machen sind. Gleichzeitig aber ist die gesamte Schule eingebunden in ein gemeinsames

 

Flechtwerk von Ereignissen, Regeln und Organisationsformen. Alle arbeiten

 

auf den Gängen und im Forum, wo Tische und Stühle stehen, die Kinder arbeiten im

 

Lehrer/innenzimmer, im Sekretariat oder im Schulleiterzimmer, sie sitzen draußen,

 

vor der Klasse, auf Treppen, im Schulgarten oder auf der Wiese, gehen alleine in die

 

Druckerei oder benutzen die Lehrer/innentoilette.

 

Es gibt alle 14 Tage eine

 

Schulversammlung im Forum der

 

Schule, die von den Kindern

 

selbst geleitet wird, die auch für

 

die Zusammenstellung des Programms

 

verantwortlich sind. Hier

 

werden von den Kindern Ergebnisse

 

der Arbeit aus den Klassen

 

oder von Arbeitsgruppen vorgestellt,

 

Tänze, Freie Texte, Schattenspiele,

 

Singspiele, Kompositionen,

 

Projektergebnisse,

 

Theaterstücke und Lieder und

 

andere möglichen repräsentationswürdige

 

Dinge. Auch Probleme werden hier von über 200 Kindern und

 

Lehrer/innen besprochen. Diese Versammlung dauert in der Regel 30 bis 60

 

Minuten. Hier lernen die Kinder das Präsentieren ihrer eigenen Arbeit. Hier erfahren

 

sie, dass sie einen "Beitrag leisten" können. Das macht „leistungs-bewusst“, „selbstbewusst“

 

und gibt das Gefühl etwas Wert zu sein. Hier wird deutlich, dass die Arbeit,

 

die sie leisten, nicht nur ihnen nützt, sondern eben ein Beitrag zum Nutzen aller ist.

 

Und diese Erkenntnis macht den Nutzen für einen selbst noch größer.

 

Die Woche an unserer