Walter Hövel

 

Meine“ Lebens-Zeit

 

 

 

Mein bereits verstorbener Freund Frank: „Wie alt sind deine Kinder? ...

 

Sie sind bald tot. Sie werden höchstens 100 Jahre alt.“

 

 

 

Ich bin jetzt bald 74 Jahre alt. Ich bin schon seit 9 Jahre pensioniert. Ich lebe seit gut 7 Jahren im Keller, getrennt von meiner Frau. Es sind 2 bis 4 Zimmer, Küche, Diele und Bad und ein Stück Garten. Die zwei Extrazimmer sind der Waschraum und ein Kellerraum.

 

 

 

Ich habe Freunde jedes Alters, 5 Kinder, wovon 3 mit mir reden, 1 nicht. Es sind dazu ein katholischer Pfarrer und mein ehemaliger Schulelternvertreter. Ich sehe sie regelmäßig. Dazu kommen jüngere vier Freunde, mein Nachbar und meine Freundin Ute aus Köln. Ich habe noch sieben Studentinnen in Köln. Zwei meiner 5 Kinder haben Kinder, Ella, Jette, Hanno und Lynn. Da gibt es noch Ben aus Luxemburg, Ich schreibe Marta, Leonardo, Lisa, Donat, Christian, Thomas. Von meinen Kollegium sehe ich manchmal Marc, Ulli, Anne und Falko. Ich gehe zu meinen Klassentreffen. Ein Freund Frank, fernere Freunde Gerhard, Karl-Heinz und Robbi sind gestorben. Andere habe ich verlassen, Ali, Sevim, Narin, Jürgen, Paul, Pia-Maria, Heike.

 

 

 

Meine Eltern, mit insgesamt 30 Onkeln und Tanten, und oft genug deren Kinder sind, schon tot. Ich kannte die Mutter meines Vaters und den Vater meiner Mutter. Sie starben als ich drei oder vier Jahre alt war. Meine Schwester Elfriede, die 1941 nach nur einer Woche starb, habe ich nie gesehen. Meine väterliche Familie kenne ich seit 1735 mit Namen. Die Familie meiner Mutter kenne ich ungenau seit 1800. Mein Großvater mütterlicherseits arbeitete bei der Bahn, sein Vater als Bauer in Westpreußen. Ihre Frauen müssen sehr eigen gewesen sein. Die Vorfahrinnen meiner Mutter und meines Vaters waren brave Hausfrauen, Katholikinnen oderJennische. Die Brüder meines Vaters und sein Vater arbeiteten in der Röhrenfabrik. Seine Vorgänger waren alle Ackerer, Gelegenheitsarbeiter und Scherenschleifer. Sie verließen nie das linksrheinische Rheinland. Meine väterlichen Großeltern lebten in einem winzigen Haus in der „Alte Straße“ in Frechen. Meine Großeltern zogen von der Hubert-Prott-Straße in das Haus auf die Ringgasse, das immerhin einen Keller, eine Küche, und drei bis vier Zimmer hatte. Mein Opa war sehr konservativ, SPD-Mitglied und vergrub im Garten seine August-Bebel-Büste vor den Nazis. Dort liegt sie wahrscheinlich heute noch. Sie machten Hausmusik und alle spielten ein Instrument. Meine Mutter ging als junges Mädchen aus dem Haus, weil sie sonst „ihren Vater beim Führer angezeigt hätte“. „Lieber hab ich mich von meinem Vater totschlagen lassen, als zu tun, was er wollte“.

 

 

 

Einer meiner liebsten Redendswendungen ist, dass ich schon ewig lebe, meine Vorfahren haben sich immer vor ihrem Tod vermehrt. Aber da ist auch meine Rechnung, dass meine zwei Eltern vier Eltern, diese 8 Eltern, diese 16 Vorfahren hatten, also immér das doppelte. Die Zahl der Weltbevölkerung, die dabei rauskommt, geht bald in die Trillionen. Entweder stimmt die Mathematik nicht oder es gibt keine Zeit, oder wir Menschen sind ein Sumpf der Inzucht. Dazu gibt es Tiere und Pflanzen. Am besten gefällt mir die These, dass der Virus des Lebens unseren Planeten nur befiel, um sie zu zerstören.

 

 

 

Es muss aber etwas an der Zeit wahr sein, da ich einen Ururenkel von Hubert Prott kenne oder eine Cleopatra und ein Jesus in der Geschichte der Menschheit wirklich waren. Eher ist es unser Gehirn, das vergisst. Ich kenne kaum Musik, alte Lieder, Meine Erinnerung geht höchstens in die menschliche Schreibzeit zurück.

 

 

 

Sind wir wer wir sind? Wir denken und sprechen. Denken alle Lebewesen? Wer spricht wie? Was ist Leben? Schlafen Viren und Bakterien? Leben wir in unserer Traum- und Schlafzeit oder unserer Wachzeit? Was sind Fragen? Kann Materie fragen? Was ist Intelligenz? Sind wir die erste oder einzige Intelligenz auf der Erde? Gibt es Fortpflanzungen., Frauen, Männer, Kindheit? Gibt es welche auf anderen Körpern im Weltall? Wieso habe ich Sinne? Was ist Zeit? Millionen von Fragen.

 

 

 

"Meine" Schule ist unwichtig. Wichtig ist vielleicht, was ich zu Menschen sagte. Doch auch sie werden sterben.

 

Dann ist mein Gedachtes, Gesagtes und Getanes verschwunden, wie mein Körper.

 

 

 

Warum kennen Amöben keinen Tod? Warum sterben wir? Was ist Sterben? Wir vergessen. Wir wissen nur noch weniges aus unserem Leben. Andere Mitmenschen verstehen uns und unser Tun anders. Wie verstehen uns andere Tiere? Wieso weiß ich noch etwas von den Menschen mit denen ich lebte. Ich weiß kaum mehr was meine Vorfahren sagten. Heute helfen mir Filme und Fotos beim Erinnern, früher Erzählungen oder Gesänge. Lebten die Menschen früher anders oder besser? Lebten sie in ihren Religionen oder ihrem Verstehen von Leben und Dorf.

 

 

 

Ich weiß so wenig über die Sprachen der Menschen, über ihre 20.000 Jahre mit Sprechen und Sprachen, oder mehr oder weniger, über ihre Million Jahre als Mensch, ihre 1oo Millionen Jahre als Tier, als Pflanze, als Einzeller, als Eiweiß, als ihre Existenz als Welt, als Weltall, als reines Sein und mein Nichtsein.

 

 

 

Sind wir eine aussterbende Art, die sich rasend schnell vermehrt oder leben wir ewig?

 

 

 

Ich bin unwichtig. Nach 100 Jahren bin ich vergessen, selbst wenn ich „Wichtiges“ tat. Jetzt geht meine geschichtliche Erinnerung 9 Tausend Jahre zurück, meine menschheitsgeschichtliche 25 00 Jahre, meine Familie höchstens ein paar Hundert. Ich erlebte Höhlenmalereien, Catal Hüyük, meine Eltern, meine Oma, meinem Opa. Ich besitze einen 10.000e von Jahren alten Backenzahn eines Mammuts. Steine sind viel älter. Meine Welt ist angeblich vier und einhalb Jahrmilliarden alt. Aber ich weiß nur, ein Bruchteil von dem, was ich selbst erlebte.

 

 

 

Ich schreibe diese Zeilen und entdecke eine „Selbstzensur“, die in mir eingebaut ist und „mich“ schreibt. Ist das Geschriebene nur das Aufgeschriebene derer, die mächtig undv reich sind, also die Gewinner des Lebens.

 

Ich empfinde mein Geschriebenes als harmlos.

 

 

 

Heute denken wir so über Vergangenheit, morgen werden wir eine ganz andere Vorstellung haben.

 

Heute denken wir wie Newton, Humboldt, Darwin oder Einstein.

 

 

 

Der Tod, das muss ein Wiener sein ... nur er trifft den richtigen Ton“

 

Georg Kreisler