Walter Hövel

 

Mein Leben in Portugal

 

 

 

Ich fuhr bis in 1970er nicht nach Griechenland, Spanien oder Portugal. Dort herrschten Faschichten. In den portugisischen Kolonialbesitztümern und im Mutterland fand dann die "Nelkenrevoltuion", gestartet von dem Lied "Grandola Villa Morena", statt. 1976 machte ich mich nach Portugal auf. Das Land hatte sich selbst vom Faschismus befreit und feierte unter einem linken General „seinen Weg zur Demokratie“. Ich sah damals in einer Stierkampfarena den zukünftigen Präsidenten des Landes, Mario Gomes, einen Freund von Willi Brandt. Die Massen sangen die Internationale und Mario Gomes mit ihnen. Ich war in Figuera da Fos und meldete mich bei den Kommunisten.

 

 

 

Viele Jahre später besuchte ich noch dreimal Portugal. Einmal als Tourist. Ich war in Faro. Die beiden anderen Male als Freinetmensch. Einmal besuchte ich Manuela in Lisbao, die Vorsitzende der portugisieschen Freinets. Da war der portugiesische Verband schon aus der RIDEF ausgetreten. Über die Gründe erfuhren "wir" nie etwas. Das andere Mal, es war einige Jahre vorher war die RIDEF in Vila Vicosa. Ich kam mit Sohn Hannes in Lisboa an und traf Monika Bonheio. (Mit ihr tanzte ich Walzer). Wir nahmen ein Taxi in den 250 km entfernten Ort. Wir handelten von der Abfahrt einen billigeren Fahrpreis als mit der Bahn aus. Angekommen wollte der Fahrer viel mehr. Erst als die Sprache auf die Polizei kam, gab er unter lautem Gezeter auf.

 

 

 

Wir waren in einem alten Kloster, aufgebaut auf den Tränen der Indios, angekommen. Ich sollte in einem Zimmer schlafen, nur von Holzwänden von einander getrennt. Nach langen und zähen Verhandlungen bekam ich ein "richtiges" Zimmer. Hannes fuhr mit dem Mann und Sohn von Gitta Kovermann mit dem Wohnwagen an die Küste.

 

 

 

Ich machte damals ein Langzeitangebot mit Marta Fontana aus der Nähe von Neapel mit dem Titel "My Body talks", also über Körpersprache. Die Veranstalter sagten uns, dass wir viel zu viele Anmeldungen hätten. Ich sagte, es wäre kein Problem, dass wir mehr Teilnehmer*innen hätten, damit kämen wir klar. "Oh," entgegneten die Veranstalter "dafür hätten aber andere Anbieter*innen weniger Teilnehmer". Von nun an wussten wir, dass die Teilnehmer*innen sich gute Themen, also unsere wünschten. Wir wurden recht selbstbewusst gegenüber den "alten" Freinis und wollten die Freinetbewegung "von Innen" reformieren.

 

 

 

Wir setzten uns nicht durch. Wir machten damals eine Mischung in den Ateliers aus nicht verkopften Denken, sehr vielen experimentellen Anteilen, von den Teilnehmer*innen bestimmten und klassischen Freinetwerkzeugen der natürlichen Methode, der demokratischen Methodik in Gruppen, des freien Ausdrucks, der Kinder- und eigenen Orientierung und des Tasten und Versuchens. Ich denke gerne daran zurück, dass Marta und ich uns nicht sehen konnten und wir einen klassischen Text auf italienisch und deutsch vorlasen. Wir benutzten dabei, für das Publikum

 

gut sichtbar, nicht für uns, die gleiche Körpersprache. Es gab immer roten Wein umsonst zu trinken.

 

Der Bürgermeister versorgte uns mit Getränken. Zu essen gab es fast immer "frango", also Hähnchen.

 

 

 

Eines Abends waren wir, durch die Enge einer Küche gehend zu rotem, fast schwarzen Dao-Rotwein und gekochtem Zicklein eingeladen. Ich sang in das Lied zum Spanischen Bürgerkrieg des madrillenischen Kollegen Caesar passend hinein ein deutsches Lied von Ernst Busch, und ich war fürchterlich betrunken. An dem Abend schlief ich mit einer finnischen Kollegin. Ihre Freundin, eine Samin, verließ den Ridef noch in der gleichen Nacht.

 

 

 

Ich erinnere mich, ich ging in den Mauern des Klosters durch das gleiche um den RIDEF herum und traf niemals eine Nonne oder einen Mönch.

 

Im Post-Ridef war ich ein paar Tage mit Hannes bei einem männlichen Paar in Lissabon. Der eine war Professor an der Uni, der andere arbeitete auf dem Flughafenals Kontrolleur. In ihrer Wohnung lernte ich Computerspiele und am Meer die Strandfelsen von Cascais kennen.

 

 

 

Später erzählte ich oft die Geschichte von der "Escola da ponte". Die dortigen Freinetleute hatten dem dortigen Staat abverhandelt, dass die Schüler*innen jeden Morgen entscheiden konnten, zur Schule zu gehen oder nicht. Es war die einzige staatliche Schule in Europa die die Zwangs- oder Pflichtschule in Europa durchbrochen hatte. Es galten die gleichen Regeln wie an der freien Schule in Summerhill. Bei den Wahlen an der Schule, machten die Kandidat*innen keine Wahlversprechen.

 

Ob gewählt oder nicht, mussten sie ihre Versprechen, die während des Wahlkampfes machten, ver-wirklichen. Das hörte ich nach dem Jahr 2000 von einem Gründer der Escola da Ponte an der Uni Siegen.