Paul le Bohec

 

Was ich jetzt denke

 

 

 

 

 

„Ich bin kein Vorbild für die Freinetbewegung. Ich bin sogar sehr umstritten in der französischen Freinetbewegung.

 

 

 

Die Freinetbewegung lebt von Widersprüchen. Und sie überlebt nur aus dem Grund, weil sie lebendig ist. Von den Anfängen an ergänzte sich das Paar Freinet ( Elise und Celestin), war aber gleichzeitig widersprüchlich. Der Widerspruch ist der Motor der Entwicklung.

 

 

 

In der französischen Freinetbewegung gibt es verschiedene Tendenzen:

 

1 Ausdruck und Kreativität

 

2 Kommunikation (Zeitung, Korrespondenz, Erzählen)

 

3 Umweltstudien

 

4 kooperative Selbstorganisation

 

 

 

Ich bin einer der Vertreter der 1. Tendenz. Ich habe sie stark in der Arbeit mit Kindern entwickelt, jetzt versuche ich das gleiche in der Arbeit mit Erwachsenen. Ich habe eine weitere wichtige Tendenz hinzugefügt: Meine Praxis theoretisch zu hinterfragen. In Wirklichkeit bin ich ein Prakto...theo...prak...theoretiker.

 

 

 

Ich weiß genau, woher mein Schwerpunkt Ausdruck-Kreativität kommt. Als Jugendlicher hatte ich Sprachprobleme. Seither bin ich sehr sensibel hinsichtlich der sprachlichen Probleme anderer. Auf diese Weise kann ich mein Problem ausgleichen. Aber es handelt sich nicht darum, die Sprache in spielerischer Weise frei anzuwenden, - aber gleichzeitig werden auch wissenschaftliche Hypothesen, mathematische Probleme usw. ausgedrückt.

 

 

 

Es ist mehr als ein einfaches Spiel. Ich glaube es ist wichtig zu wissen, wozu und in welche Richtung ich gehe. Jeder sollte sich möglichst große Klarheit verschaffen über das, was sie oder er ist und das was sie oder er tut. Das trifft auch auf die Gruppe zu. Durch die Aufrichtigkeit jedes Einzelnen wird die Gruppe vorwärts gebracht. Die Aufrichtigkeit der einen treibt die Aufrichtigkeit und das Verstehen der anderen vorwärts.

 

 

 

Es ist wichtig, persönlich und als Gruppe eine Idee von Erziehung (Pädagogik, education) zu haben. Aber damit die Idee klarer wird, muss sie ausgedrückt werden....und nach Möglichkeiten über das Schreiben. Denn erst, wenn man anfängt zu schreiben, fängt man an zu denken. Man muss Umstände schaffen, dass man ohne Angst seine Gedanken ausdrücken kann. Selbst wenn sie fantasievoll oder lustig ausgedrückt sind, sind sie brauchbar. Es ist vielleicht ein persönlicher Fehler fantasievoll, ernsthaft oder anspruchsvoll zu sein, aber in einer Gruppe werden Fehler zu guten Eigenschaften, eine Gruppe braucht Elemente von Fantasie, Ernsthaftigkeit und Anspruch.

 

 

 

Man kann von der idealen Lösung träumen. Es gibt sie nicht. Die gute Lösung ist immer, zwischen zwei Extremen zu sein, aber die Mitte ist flexibel, weil auch die Extreme flexibel sind. Man muss durchgehend bereit sein, die Realität der Welt aufnehmen zu können. Aber man muss auch bereit sein umzudenken, wenn es notwendig wird. Das ist schwierig, ermüdend. Man kann niemals ruhig sein, man kann niemals sicher sein, endlich die gute Lösung gefunden zu haben, den richtigen Weg. Das hat Freinet uns beigebracht. Wir haben Schwierigkeiten das zu verstehen. Wir sind im Glauben an sichere und endgültige Ideen erzogen worden. Aber das Leben ist beweglich, wechselhaft, dialektisch. Wenn wir wirklich leben wollen, müssen wir flexibel und dialektisch sein.

 

 

 

Aber es ist zunächst wichtig, zu akzeptieren, so zu sein wie man ist. Wenn man das Spiel des vollkommenen Erziehers, des vollkommenen Freinetikers spielt, ist man weder wichtig noch notwendig.

 

 

 

Indem man so ist, wie man ist, wie unsere Vergangenheit uns gemacht hat (Umstände in der Kindheit), kann man anderen etwas beibringen. Man unterrichtet nicht das was man weiß, sondern was man ist.

 

 

 

Aber man müsste vielleicht sagen: „Man lehrt das was man wird“. Und die Zusammensetzung der Gruppe wird uns ermöglichen anders zu werden, d.h. zu jemandem mit größerer Authentität, mit größerer Selbständigkeit, größerer Freiheit, größerer Hilfsbereitschaft, ohne das Bedürfnis, andere zu unterdrücken. Schuldgefühle sind ein Luxus des Bürgertums.

 

 

 

Das ist wenigstens das, was ich heute denke. Aber was werde ich nächstes Jahr denken? Und was denkt ihr jetzt in Erwartung des nächsten Jahres?“