Walter Hövel

 

Diese Lehrer - und jene Lehrerin

 

Eine Lehrerin, ein „echte“ Lehrerin, ist unter den heutigen Besuchern unserer Schule.

 

Sie sieht was sie sieht; Ein buntes Durcheinander von selbst lernenden Kindern, Jahrgangs

 

und Klassen übergreifend, alleine oder in Gruppen, auf dem Flur, in den Klassen, im

 

Lehrerzimmer oder wo sonst immer Platz oder Atmosphäre herrscht.

 

Andere Kinder lernen mit einer Assistentin* oder mit Studentinnen, die auch einzelne Themen anbieten, wie „Ernährung“, „Wir binden Bücher aus unseren eigenen Geschichten“ oder „Wir gründen Betriebe, um Waffeln zu verkaufen“.

 

 

 

Eine andere Gruppe arbeitet mit einer Lehramtsanwärterin aus London,

 

die bei uns für einen Monat einen Teil ihrer Ausbildung absolviert.

 

Sie bereiten für die nächste Woche eine Führung durch die Schule auf Englisch vor.

 

 

 

Andere arbeiten mit einer Mutter in der Druckerei, ein Vater kommt mit seiner Gitarre zum Unterricht, eine andere Mutter liest aus einem türkischen Buch vor. Lehrerinnen arbeiten mit einzelnen Kindern oder mit Gruppen, sie sieht sie Lerngespräche führen oder etwas vermitteln.

 

 

 

Einige Kinder gehen ein paar Meter bis zur nächsten Kirche, weil der

 

Jugendreferent mit seiner Steuergruppe (Kinder unserer Schule) einen Gottesdienst gestaltet.

 

 

 

Aber statt es unsere Wege zu lehren, lasst uns ihm Freiheit geben,

 

sein eigenes kleines Leben nach seiner eigenen Weise zu leben.

 

Dann werden wir, wenn wir gut beobachten,

 

vielleicht etwas über die Wege der Kindheit lernen“

 

Maria Montessori

 

 

 

Einige Kinder „skypen“ mit der Partnerklasse in Klagenfurt, andere stehen an ihrem

 

Infostand und machen Reklame für ein nahes Tierheim. Andere üben Tanze, schreiben ihre

 

Geschichten, erarbeiten ihre Themen im Netz oder mit Büchern, sitzen an der Schulzeitung,

 

losen Sudokurätsel oder besuchen London City mit Google-Earth.

 

 

 

Sie sieht was sie sieht, aber sie begreift nicht. Ihr Kopf kann das Gesehene nicht an das bei ihr

 

selbst Geschehende ankoppeln. Sie stellt also die üblichen Fragen: „Wie behalten Sie den

 

Überblick?“, „Wie lernen die denn alles? „Geben Sie Noten?“, „Wie schreiben Sie denn

 

Klassenarbeiten?“. Manchmal wäre ich froh eine solche „Lehrerin“ wurde einmal offen fragen: „Dürfen Sie das eigentlich?“.

 

 

 

Und welch ein mühevolles Erklärungsritual folgt dann: „ Lernen selbst organisieren, Kreisarbeit, planen, Klassenrat, gemeinsam planen, Kreise, Gespräche, präsentieren, Gespräche,

 

evaluieren mit Kindern, Überforderungstests, Gespräche, Gespräche, Selbsteinschätzung, Beratungsgespräche mit Kindern, Eltern und Lehrerinnen,

 

selbst erstellte Arbeitsplane, Arbeitsverträge, Klassenrat, Schulversammlung, Kinderparlament,

 

Verantwortung und Lernen, die Selbstbildung eines Lern-, Arbeits- und Leistungsbegriffs bei

 

täglicher Kreierung von Normalität und Demokratie zur Aufrechterhaltung eines hohen Lern- und

 

Leistungsniveaus aus eigenem Antrieb und Können, eben wirklich selbst gesteuert mit

 

Spass und Sich-Mühen-Können lernen.“

 

 

 

Sie hört was sie hört und sie versteht es nicht.

 

 

 

Sie kommt danach in meine Klasse, die eine Hälfte arbeitet alleine,

 

die andere mit mir an der Tafel zur halbschriftlichen Multiplikation.

 

Es folgt eine Arbeitsphase, in der die Kinder das Vorgetragene ausprobieren.

 

 

 

Unsere „Lehrerin“ geht zu Jacob, 3. Schuljahr. Jacob arbeitet an der Aufgabe 213 mal 754. Die Kollegin schaut ihm über die Schulter, tippt auf das Blatt und sagt: „Da ist ein Fehler!“.

 

Jacob sagt: „Ja, ich weiß“.

 

 

 

Sie tippt auf eine andere Stelle und sagt. „Da ist noch ein Fehler!“.

 

Jacob, schon etwas gereizter: „Ja, ich finde das schon heraus, ich kann selber lernen!“.

 

Und sie bringt es, sie findet einen dritten Fehler und sagt es Jacob.

 

 

 

Jacob springt auf und schreit sie an: “Ich brauche solche Leute wie sie nicht!

 

Lassen Sie mich in Ruhe! Ich will selbst arbeiten!“,

 

nimmt sein Blatt und seinen Stift, rennt durchs gesamte Haus,

 

zur Tür raus und verschwindet hinter dem Bauwagen auf das Schulgelände.

 

 

 

Zehn Minuten später kommt er mit dem richtigen Ergebnis wieder.

 

Jacob redet über diesen Vorgang. Er akzeptiert, dass er es in einem Jahr gelernt haben sollte,

 

solche Eingriffe von Lehrern auszuhalten,

 

weil es ihm an „weiterführenden“ Schulen öfter passieren wird.

 

 

 

Die Besucherin redet nicht darüber. Sie verzieht sich in den übernächsten Klassenraum.

 

Wahrscheinlich halt sie Jacob für verhaltensgestört, auffällig, einen ADHS-Fall,

 

oder vielleicht sogar hochbegabt.

 

 

 

 

 

Sie bekommt eine Reaktion mit, aber sie reagiert nicht.

 

Alles geht so weiter wie bisher, so, wie es an tausenden von Schulen täglich üblich ist.

 

Wir sehen und hören nicht und sprechen erst recht nicht darüber“.

 

 

 

Zu unserem Gluck haben sich die fast täglichen Hospitationen an unserer Grundschule

 

Harmonie so entwickelt, dass sehr viele Besucherinnen erkennen was sie bei uns wahrnehmen.

 

Seminare an Universitäten, Ausbildungsseminare und viele bemühte Kolleginnen,

 

Schulleitungen und Schulräte fordern die Veränderung der Schule,

 

das Hin zu einer modernen europäischen Schule ein.

 

Aber es bleiben die vielen, vielen unbelehrbaren Belehrer und Belehrerinnen.

 

 

 

Ich muss in diesen Situationen immer an ein Bild von Wolfgang Mützelfeldt denken,

 

der diese Gespräche des pädagogischen Aneinandervorbeiredens so beschrieb:

 

Es gibt eben die einen, die glauben,

 

dass die Welt eine Kugel sei und sich um die Sonne drehe.

 

Die anderen wissen, dass die Erde eine Scheibe ist,

 

an deren Rand Ungeheuer und Weltuntergang lauern.

 

 

 

Du kannst nun gemeinsam über die Schönheit des Sonnenuntergangs reden.

 

 

 

Geht es aber um das Sich-Vorwarts-Bewegen, um die Weiterreise,

 

werden die einen vor den Gefahren am Rande der Welt warnen und wissen,

 

dass man dort umkommt, während die anderen Welten umsegeln und erreichen wollen.

 

 

 

Die, die den Rand und die weite Reise fürchten, suchen dann in unserem Unterricht den Unterricht.

 

 

 

Je langer ich in Schule arbeite, umso klarer wird mir,

 

dass es wirklich zwei Arten von Lehrern gibt.

 

Die einen sind Pädagogen, die starke eigenständige Menschen wollen,

 

die selbst und eigenverantwortlich lernen und Leben gestalten.

 

Die anderen wollen funktionierende Menschen in Schule, Beruf und Gesellschaft,

 

die alles so machen wie es sein soll,

 

und soviel Wissen und Fähigkeiten speichern,

 

wie von ihnen verlangt wird.

 

 

 

Die Letzteren üben Macht und Kontrolle aus.

 

Und das Übelste an ihnen ist, dass sie

 

  • wie alle schwachen Herrscher -

    von Ihren Untergebenen gemocht werden wollen.

 

Wir werden diese „Lehrer“ weder überzeugen, noch verändern.

 

Ob sie es selbst noch können,

 

wage ich allzu oft zu bezweifeln.

 

 

 

Aber wir müssen jene stärken, die Lernen und Menschsein, Leben und Demokratie

 

in einem Atemzug nennen.

 

 

 

Also lasst uns weiter Normalität beim Lernen kreieren!'

 

 

 

 

 

1 Assistenten sind Hartz-IV-Empfänger, die im Sinne der britischen „teaching assistants“, beim Lernen in der Klasse helfen. Wir praktizieren dies seit über einem halben Jahr ausgesprochen erfolgreich.

 

2 Skvpe bietet kostenfrei ein Programm mit dessen Hilfe wir in die Klassenräume von Partnerklassen gelangen.

 

Es werden Lautsprecher und Mikro (oder ein Headset) und eine Webcam gebraucht. So kommen sich Kinder on-line über

 

Klassenfahrten oder ihr Lernen unterhalten, sich Sprachen beibringen, eigene Texte vorlesen oder sich gegenseitig Vortrage

 

zu ihren Themen halten.

 

3 So bei Google eingeben und kostenlos downloaden. Sie sehen die Erde aus Satellitensicht und können sich bis auf ihren

 

Schulhof zoomen.