Halesworth liegt in England und ist seit 25 Jahren Partnergemeinde von Eitorf. Sein Bürgermeister, der hier schreibt, trägt einen deutschen Namen, spricht unsere Sprache aber nicht. Im Jahr 2011 (letzter Zensus) zählte die Stadt 4726 Einwohner.

 

 

 

Eine kurze Wirtschaftsgeschichte Halesworths

 

von David Wollweber, September 2019

 

 

 

Obwohl römische Artefakte in der Region gefunden wurden, gibt es heute keinen schlüssigen Beweis für Bebauungen dieser Periode direkt in Halesworth. Die Anfänge der Stadt sind eher in der„mittleren Sachsenzeit“. Es gab nur wenige Gebäude auf der Seite des Bergrückens in der Nähe desFlusses Blyth, der durch die Stadt fließt.

 

 

 

Der späte sächsische Name für Halesworth war „Halesuworde“. Es ist möglicherweise vom sächsischen Wort „Halesword“ ableitbar, das so viel wie „Landecke mit Wasser zu zwei Seiten“ bedeutet. Eine alternative Theorie ist der Name „Hale's homestead'. Es wird vermutet, dass ein Dorf um die Furt durch den Fluss herum entstand. Ein sächsischer Damm wurde bei Ausgrabungen in der Nähe vom White Hart (heute eine Gaststätte) gefunden.

 

 

 

Leider weiß man wenig über die frühen Jahre von Halesworth, obwohl eine bedeutende Schlacht nahe Bulcamp von 653 zwischen König Anna von East Anglia und König Penda von Mercia dokumentiert ist. Auch wissen wir von jenen Wellen der dänischen Invasion, sie seit 867 über East Anglia ergingen. In der Stadt Halesworth gibt es an der St. Mary's Kirche den Zeitzeugen des eingravierten „Dänensteins“. Er datiert aus der Zeit, als die ganze Gegend Teil der Besetzung durch den „Danelag“ war. (Als Danleag bezeichnet man heute das Gebiet der Wikinger aus Dänemark in England).

 

 

 

Zur Zeit der Eroberung durch die Normannen, ist im Domesday Book (Grundbuch von England aus dem 11. Jahrhundert) von 1086 für Halesworth noch ein „kleines Dorf mit einer Mühle“ eingetragen. Die Hauptbeschäftigung der Menschen war die Viehhaltung im Waldland und auf weiten Wiesen.

 

 

 

Die Veränderung zu einer Stadt begann mit der Einführung der jährlichen Messe (Kirmes) und des wöchentlichen Marktes, die vom Kreuzritter und Grafen des Herrenhauses Sir Richard de Argentein1223 gegründet wurden. Hauptsächlich lebte der Markt vom Metzgerhandwerk. Aber auch andere Branchen entwickelten sich, besonders die Verarbeitung von Metall, Lederwaren und landwirtschaftlichen Produkten sowie das Brauen, Spinnen und Weben und andere Handwerke des Wollgeschäfts.

 

 

 

Das Aufblühen der Stadt ist an dem Bau von herrschaftlichen Häusern in der Stadt in der Durchgangsstraße (Thoroughfare) und der Marktplatzgegend vom 15. bis 18. Jahrhundert beweisbar. Viele dieser Häuser bekamen später georgische oder viktorianische Frontansichten.

 

 

 

Auch die Flachs- und Hanfindustrie wächst in jener Zeit. Die Spinnerei und das Weben von Leinenprodukten sind wichtige wachsende Wirtschaftszweige von Halesworths. Mit ihnen nehmen die traditionelle Landwirtschaft und die mit ihr verbundene Lebensmittelversorgung zu. Zum Beispiel machte die Nortanfamilie, die das großartige gothische Haus (Gothic House) in der Stadt bauen ließ, ihr Geld mit dem Verkauf von Lebensmitteln an die Armee.

 

 

 

Im späten 18. Jahrhundert wurde die Agrar- und Industrierevolution in Halesworths' Industrie- undBevölkerungswachstum spürbar, die bis ins 19. Jahrhundert anhielt. Die folgenden Zahlen belegen das:

 

 

 

Jahr 1801 1811 1821 1831 1841

 

Bevölkerung 1.676 1.810 2.166 2.473 2.662

 

 

 

Mit dem Wirtschaftswachstum wurden Zoll(schranken)straßen gebaut. Der Bau des „Blyth- Navigation-Kanal“ in der Mitte des 18. Jahrhunderts führte zur Ansiedelung der Malz- und Brauereiindustrien, deren massiven Gebäude immer noch die Skyline von Halesworth dominieren.

 

 

 

Der Anschluss an die Eisenbahn 1854 brachte weiteres Wachstum. Am Ende des 19. Jahrhunderts zählten zu den Schlüsselindustrien der Stadt - neben vorher genannten: Druckereien, Eisen- und Leberverarbeitung, landwirtschaftliches Ingenieurwesen, Ziegeleien, Kutschenbau und eine wachsende allgemeine Versorgung von Stadt und Umgebung.

 

 

 

1872 berichtet der “Imperial Gazetteer of England and Wales” von: HALESWORTH als Stadt, Gemeinde und Unterbezirk in Blything, Suffolk. Die Stadt liegt an der Blythe, neben der Suffolk-Eisenbahn, neun Meilen südsüdwestlich der Stadt Beccles. Es ist Sitz eines Bezirksgerichts, Sitz eines Gerichts ohne Geschworene (Petty Session) und eines Wahlortes. Es wird eine wöchentliche Zeitung veröffentlicht. Es gibt ein Hauptpostamt, eine Eisenbahnstation mit einem Telegraphenamt, drei Bankbüros, drei Hauptgasthäusern, eine kürzlich erbaute Markthalle, ein Bildungsinstitut für Arbeiter (mechanics' institute), eine Kirche, drei „abweichende“ Kapellen, eine staatliche Schule, drei weitere Stiftsschulen und andere Wohltätigkeitseinrichtungen.

 

 

 

1882 wurde für die Stadt ein Krankenhaus erbaut. Obwohl das frühe 20. Jahrhundert von rapidem sozialem Wechsel geprägt war, veränderten sich sie wichtigen Industrien in Halesworth kaum. Abereinige Wirtschaftszweigeverschwanden während den unsicheren ökonomischen Zeiten des Wettbewerbs oder sie wurden überholt vom technischen Wandel. Dazu gehörten der Kutschenbau, die Eisenverarbeitung und die Southwold-Eisenbahn. So ging auch die Zahl der Bevölkerung nach ihrem Höhepunkt in den 1850ern zurück:

 

 

 

Jahr 1881 1901 1921 1931 1951

 

Bevölkerung 2.498 2.246 2.060 2.024 2.155

 

 

 

In den 1960er Jahren folgte eine Periode beträchtlicher Expansion. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich bis 1981. Der städtische Distriktrat (District Council) verfolgte eine Politik, um mehr Industrie in die Stadt zu holen und gleichzeitig die Zahl der Wohnungen und Häuser zu vermehren. 1958 wurde eine neue Secondary School errichtet. Große Unternehmer, wie z.B. der Agraringenieur Howard Rotavators, brachten über 600 Jobs nach Halesworth. Auch die Bernard Mattews Lebensmittelverarbeitungsanlage im nahen Holton schuf viele neue Arbeitsplätze.

 

 

 

Die Stadt wurde - neben Felixstowe - die am schnellsten wachsende Stadt in East Suffolk mit neuenEinzelhandelsgeschäften, neuer Gastronomie und anderen Serviceleistungen, die die Bedürfnisse der wachsenden Bevölkerung am besten verstanden. Paradoxerweise schloss aber während dieser Periode die Mehrheit der Brauereien, die noch die treibende Kraft der Entwicklungen der Stadt im 19. Jahrhunderts waren.

 

 

 

Mitte der 1980er Jahren war der Boom vorbei. Wie viele ländliche Marktstädte passte sich Halesworth einer Mischung aus Tradition und Moderne an. Zum Beispiel ist da der Charme der vielen traditionellen Geschäfte in der Thoroughfare (Einkaufsstraße in Halesworth), demgegenüber die Vielfalt der modernen kleineren Industrien in den Vierteln der alten Industrie. In den 1990ern wurden eine Bibliothek, ein neuer Supermarkt sowie eine Umgehungsstraße gebaut und die Thoroughfare wurde zum größten Teil Fußgängerzone.

 

 

 

In den letzten zwanzig Jahren ist leider der Verlust von Errungenschaften wie etwa das Krankenhaus, die Mittelschule und das Schwimmbad zu beklagen. Halesworth wird sich weiteren neuen Herausforderungen stellen müssen. Mit erneuerten Gebäuden, einer älter werdenden Bevölkerung und mit einer Revolution im Internet werden wir zweifelsohne den Charakter der Geschichte unserer Zukunft gestalten.

 

 

 

Übersetzung: Walter Hövel, Eitorf;

 

Historische Überarbeitung: Dr. Karl Heusch, Eitorf, alles in Klammern;

 

Textliche Überarbeitung: Libby Eves , Halesworth