Walter Hövel
Zur Bedeutung von Konferenzen
bei der Schulentwicklung

 

Nicht zum ersten Mal musste ich eine Konferenz absagen, weil eine zu große Zahl von Teammitgliedern fehlte. So war es heute wieder.  Die Namen sind austauschbar. Wie schnell ist eine/r erkrankt, eine/r hat einen Arzttermin, eine/r etwas privates Wichtiges oder eine/r „schwächelt“.

 

Im Normalfall verkraften wir das Fehlen von zehn oder zwanzig, sogar über 50 Prozent unserer Leute. Kinderkonferenzen, fortbildende und sogar einige schulentwickelnde Konferenzen verkraften dies. Schließlich sind Informationslücken gerne das Problem der Fehlenden…

 

Es gibt aber Systemtreffen, die die Teilnahme und Mitarbeit aller benötigen. Sonst wird die Entwicklung unserer Schule behindert.

 

Ich nehme dies zum Anlass  über unsere Konferenzen nachzudenken.

 

1.      Eine wöchentliche Konferenz aller Lehrerinnen und Lehrer reicht nicht.  Wir brauchen die tägliche Konferenz am Morgen jedes Tages. Das gemeinsame Gestalten, der Einzelne, das Wir, der Betrieb stehen im Vordergrund.

 

2.      Lehrer*innenkonferenzen erfassen lange nicht mehr das System aller Mitarbeiter*innen einer guten Schule mit Sonder- und Sozialpädagogen, psychologischen  Kräften, eigenen Köchinnen, Integrationshelfern, Schulbegleitern, Hausmeistern, Ganztagskräften und so weiter. Es nehmen nur LehrerInnen, Lehramtsanwärter*innen und Gäste an Lehrer*innenkonferenzen teil, während die anderen, z.B. an der Ganztagsschule, mit den Kindern arbeiten. Sie, und eine gute Schule hat immer mehr von ihnen, müssen ohne dieses die Schule gestaltende Team -trotzdem im Sinne der Schule - arbeiten. Sie werden dadurch oft genug zu Hilfskräften degradiert, statt ihre Verantwortung kompetenter zu machen.

 

3.      Die alleinige herausragende Bedeutung der Lehrer*innenkonferenz als alleinige Steuerung des Systems Schule ist vorüber. Gutes Lernen braucht mehr.

 

4.      König Artus Tafelrunde scheiterte am Ableben seiner Ritter und seiner selbst. Er "ging nicht mit der Zeit". Er verstand es nicht, alte bewährte Qualitäten in eine Welt der neuen Anforderungen übersetzt mitzunehmen. Überanstrengt unserer System uns bis zur Auflösung unseres Runden Tisches? Füllen wir zu oft neuen Wein in alte Schläuche? Verändern wir uns selbst zu langsam?

 

5.      Wird die Konferenz als „Klassenrat der Lehrkräfte“, als demokratischer Ort der Selbstorganisation  und Selbstbestimmung verstanden und gebraucht? Muss sie ersetzt  oder erweitert, auf- oder abgewertet werden? Wie sollen Qualitäten in ein neues System transferierend neu gedacht werden?

 

6.      Muss eine neue Gesamt-Groß-Konferenz zu einem anderen Zeitpunkt absolut vorrangig-verpflichtend für alle Mitarbeiter*innen, als „vorrangiges Dienstgeschäft“ stattfinden?

 

7.      Müssen „Fehlende“ die Konferenz mit der Konferenzleitung nachholen? Protokolle alleine geben niemals Konferenzinhalte mit Menschen, Emotionen, Haltungen und Handlungsentwicklung wieder.

 

8.      Können die Abwesenden elektronisch anwesend gemacht werden?

 

9.      Wird nur geschludert?

 

10.  Schulpflegschaft, Schulkonferenz, Kinderparlament und Schulversammlung übernehmen und erweitern Funktionen der alten Konferenz. So geschieht es bereits. Es mindert die alte Bedeutung der Lehrerinnenkonferenz, stärkt aber die Entwicklungskraft der Schule.

 

11.  Werden Inhalte und damit vorhandene und immer wieder entstehende Formen  der „Lernenden Schule“ nicht ernst genommen?

 

12.  Ich glaube nicht, dass jemand ernsthaft glaubt, dass Drive- oder andere elektronische Systeme Konferenzen der anwesenden Menschen ersetzen.

 

13.  Gute Konferenzen sind nie zu viel. Oder?

 

14.  Sollten Konferenzen regelmäßig entritualisierend-ritualisiert werden?

 

15.  Alle Institutionen sind nur so gut, wie ihre Menschen gemeinsam emotionieren, reflektieren, denken, spinnen, imaginieren, ihr Handeln korrigieren, planen, sich als einzelne und Gruppe weiter qualifizieren, ihre Haltung weiter entwickeln und erhalten und handlungsfähig bleiben. Kooperation bedeutet Heimat.

 

16.  Ein Zurück hinter die verschlossene Klassentür, zu Krankheitszeiten, sind eine Trotz- und Schutzreaktion von Lehrer*innen. Sie melden, deutlicher als Redebeiträge, die Dysfunktionen des täglichen Systems.

 

17.  Unterschätzt nicht  die Bedeutung der Konferenzen mit den Kindern, im Kreis der Klasse, der Fächer, im Klassenrat, in den Feedbackrunden der Unterrichtseinheiten, nach und während der Projekte und Kinderunis, auf den Schul- und ihren Teilversammlungen. Schulentwicklung geht von den Kindern aus!

 

18.  Unterschätzt nicht die Konferenzen mit den Eltern. Sie sind unsere Erwachsenenpartner!

 

19.  Konferenzzeiten sollten in der Regel keine zusätzlichen Zeiten sein. Sie sind integrativer Bestandteil der Lern- und Arbeitszeit aller.

 

20.  Konferenzen sind Gesprächszeiten. Nicht alle Gespräche sind Konferenzen. Konferenzen fördern die Verbindlichkeit.

 

21.  Konferenzen brauchen Selbstverständlichkeit und Gelassenheit.

 

22.  Konferenzen haben Zeit. Zeit zur Schulentwicklung genauso wie zur Aussprache über Befindlichkeiten.

 

23.  Sollte auf Konferenzen gegessen und getrunken werden?

 

24.  Konferenzen haben eine öffentliche Wirksamkeit und Verantwortung.

 

25.  Pflegt ihre Öffentlichkeit und Transparenz genauso wie das Konferenzgeheimnis der Menschen und ihrer Daten.

 

26.  Konferenzen dürfen nie zu Kontrollveranstaltungen der Schulleitung, zur Beschlussfassungsmaschinerie oder Umsetzungsüberprüfung degenerieren.

 

27.  Konferenzen finden im Kreis statt. Jede*r leitet. Jede*r hat jederzeit die Leitungsqualifikation.

 

28.  Stimmt auf Konferenzen nicht ab. Jede*r sagt am Ende, was sie oder er tun wird. Heterogenität, Inklusion und Demokratie brauchen mehr als Abstimmung über Mehrheiten und Vereinbarungen.

 

29.  Wenn auf Konferenzen nicht gelacht wird, stimmt etwas nicht.

 

30.  Auch wenn Konferenzen Ausdruck der eingeschränkten Fähigkeiten des staatlichen Zwangssystems Schule sind, brauchen die Menschen, wenn sie hier arbeiten, lernen und leben das qualifizierte Miteinander um sich nicht zu überarbeiten, nicht das Übliche zu lehren und lernen und - um zu überleben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die geschilderten Vorschläge entstammen der Praxis der Grundschule Harmonie von 1996 bis 2014.