Walter Hövel

Bericht von einer anderen Schule als
Reflex auf die Entwicklung der eigenen Schule

 

Kinder
Welch eine Freude es ist, in eure Grundschule zu kommen.  Helle, offene Gebäude und freundliche, aufgeschlossene und hilfsbereite Kinder. Sie helfen sich gegenseitig, kennen ausgesprochen höfliche Umgangsformen, auch unter einander. Sie prägen eine Atmosphäre des Vertrauens und der Selbstverständlichkeit des Arbeitens. Es gibt kaum sichtbare Aggressivität, Zickerei  oder Streitereien. Sie strahlen Gelassenheit aus. Sie erscheinen  - gegen den Zeitgeist – wenig gestresst.

Lehrkräfte
Das Verhalten der Lehrkräfte passt zu den Kindern. Ihre Ansprache gegenüber den Kindern ist immer angemessen, freundlich, hilfsbereit, höflich und ruhig. Das Vorbild „Erwachsener“ scheint Kindern wirklich einen Grund zum „Nachmachen“ zu liefern, oder vielleicht wirken gerade eure Kinder auf euch als Lehrkräfte zurück.

Arbeit in den Klassen
Vor allem am Donnerstag sah ich die Kinder selbstständig, leise, konzentriert und ausdauernd arbeiten. Es gab nur wenige Kinder, die „ausbüchsten“, indem sie „Puschi“ spielten oder „Gespräche“ bei vor sich liegenden Arbeiten zu „anderen Themen“ führten. Ich sah ganz wenige das tun,  was wir „getarnte Arbeit“ nennen. 
Das Gesamtbild ist das Bild einer funktionierenden Schule.

Bei genauerem Hinschauen fällt allerdings eine Zweiteilung auf:
In der einen Hälfte eurer Schule sieht man alle Kinder vor ihren Arbeitsheften, Arbeitstrainern, Arbeitsblättern, ihrem „Lies mal“, vor dem Computer  an der Werkstatt, dem Klett-Blitzrechner oder seltener vor didaktischen Spielen wie Logico sitzen. Scheinbar „lernen“ alle. Aber sie lernen in einer Monokultur der vorgegebenen Formen des Ablernens von vorgegebenen Inhalten.

In der anderen Hälfte eurer Schule ist das äußere Bild ähnlich. Alle Kinder arbeiten. Aber das Arbeiten der Kinder ist anders.  Zwei sitzen am Computer und forschen über ihr Thema „Kichererbsen“. Sie gehen von eigenen Fragen aus.
Lehrerinnen und Lehrer an eurer Schule bestehen darauf(!), dass die Kinder bei eigenen Themen von eigenen Fragen ausgehen! Die Kinder wollen wissen, wie die Kichererbse zu ihrem Namen kommt, was man daraus machen kann. Auf ihrem Platz sind bereits eine Tüte mit Kichererbsen, Schalen und ein Glas Wasser.  In einer anderen Klasse arbeiteten Kinder am Thema „Titanic“, und wieder mit eigenen Fragen und eigenen Versuchen!! Drei Kinder lesen intensiv in Sachbüchern und Romanen. Zwei stellen mit Kordelstücken dar, wie hoch und lang  eine Vogelart, wie groß ihre Spannweite ist und beschriften ihre Ergebnisse. Drei schreiben an einer eigenen Geschichte. Ein junges Kind legt ein einfaches Puzzle, zwei bauen mit Klötzen. Ein älteres Kind legt ein anspruchsvolles mathematisches Muster, zwei jüngere liegen auf dem Fußboden und legen Perlen auf Teller. Zwei arbeiten mit Systemblöcken um Mathe zu be-greifen. Ein Kind zeichnet und schneidet aus, zwei reparieren ihre selbst gebastelte Fußgängerunterführung. Und da arbeitet auch jemand im „Lies mal“ und Sarah sagt, ich soll aufschreiben, sie sei  neugierig. 
Es geht hierbei nicht darum, dass das alles „so schön bunt“ aussieht, sondern dass es eine Vielfalt der kindereigenen Inhalte und der Eigentätigkeit der Kinder gibt.

Wie lernen Lehrerinnen und Lehrer von einander?
Was machen wir damit?? Mein erster Gedanke war: Warum gelingt es in Schulen so schwer und so langsam, dass die einen die Vielfalt des Lernens in ihren Klassen einführen lernen und die anderen begreifen, wie so etwas den Anderen vermittelt wird, wie dabei gemeinsam  die Kompetenzen aller eingebracht werden und  sich ein System des Vertrauens und Wohlbefindens aufbaut, das Lernen braucht.
Wie implementiert eine tolle Schule „eine Schule für die Lehrerinnen und Lehrer“?  Dazu später.

Einführung der Altersmischung

 Die Eltern zählten viele weitere Errungenschaften der Altersmischung auf, aber auch, dass sie nicht die Transparenz, die Gespräche und Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule in Fragen des Lernens und der Schulkarriere ersetzen.
Altersmischung 0 bis 4 scheint ein irreversibler Vorgang. Das deckt sich mit unseren Erfahrungen.
Die Einführung der Altersmischung 0-4 scheint von Seiten der Lehrkräfte einige übervorsichtige oder vorsichtige Übergangsregelungen hervorgebracht zu haben, die sich nicht etablieren dürfen. Hierzu einige Fragen:
- Habt ihr einen „Stundenplan“, der zu wenig Zeit für das „eigene Lernen der Kinder“  oder in der Klasse lässt? 
- Habt ihr zu viel „absichernden Unterricht“ gegen die Lernzeit der Eigentätigkeit und Selbstbestimmung des Lernens eingebaut?
- Schränken sich einige von euch das „Zu-Wenig-Zeit-mit den-Kindern-haben“ dadurch ein, dass sie doch wieder vorgegebene Lernzeiten für alle einführen, weil sie glauben, sie müssten die Inhalte vermitteln, weil die Kinder es sonst nicht schaffen?
-  Habt ihr ein Konzept, dass das Von-einander-lernen in den Klassenteams zeitlich und inhaltlich(!) möglich macht?
- Habt ihr klar, dass auf Jahrgangsstufen bezogene und so aufgebaute Arbeitshefte und Materialien, bedeuten, dass die Kinder sich in ihrer Altersmischung aufgrund ihrer Arbeit, wieder leicht  in „Abteilungen“ trennen können?
- Habt ihr klar, dass Altersmischung 0 bis 4 unausweichlich die Pflege und Planung der Vielfalt des Lernens in der Kreiskommunikation und die inhaltliche Klarheit aller verlangt?
Lernen braucht keine „Taylorisierung“, also das Zerteilen des Arbeitsprozesses in kleine Teile wie bei der industriellen Fließbandarbeit. Lernen ist ein ganzheitlicher individueller und immer gemeinschaftlicher Vorgang.
Den Weg des Lernens, wie ihr ihn geht, braucht eine durchdachtere Form der Kreisarbeit.

Zur Bedeutung der Kreise
Ich habe sehr verschiedene Kreise bei euch gesehen. Wie in der täglichen Arbeit waren die Kinder Träger des Funktionierens der Kreisarbeit in allen (!) Klassen.
Ich habe einen richtig guten klassischen Erzählkreis gesehen. Die Kinder erzählten, die Lehrerein schrieb mit. Sie stellte dann Fragen zu den Geschichten der Kinder. Das war „Entwicklung von Aufmerksamkeit“, „Interiorisation“, Listening Comprehension“ oder „Kimspiel“. Die Verknüpfung der Geschichte und eines weiteren Quizspiels mit einer seit sechs Jahren erscheinenden Klassenzeitung, setzte meine Freude über so viel Qualität von gemeinsamer Lernarbeit fort. Wäre ich ein paar Tage länger geblieben, hätte ich sicher in der Schule mehr dieser Kleinodien entdeckt.
Woanders sah ich einen zur Vielfalt des Lernens in der Klasse passenden Vorstellungskreis. Hier funktionierten Wert-Schätzung der Ergebnisse, Darstellung der Lösungs- und Arbeitswege, eigene Leistungsbewertung, Kooperation und Weiterplanung der Arbeit. Und es gab eine Lehrerin, die nachfragte.
Woanders sah ich einen Kreis, in dem Kinder nicht zu und mit einander, sondern  über Kinder sprachen, obwohl diese anwesend waren, wo ständig Ratschläge erteilt wurden, jede Kommunikation über die Lehrerin lief, die den Kreis auch leitete, Fehlleistungen der Kinder im Mittelpunkt standen und Kinder auch von Kindern vorgeführt wurden.
Es geht nicht darum, dass eine Lehrerin hier etwas „falsch macht“, sondern darum, dass es zu wenig gemeinsam durchdachte und eine zu wenig gepflegte, von allen geteilte, Lernkultur unter den Lehrerinnen und Lehrern (!) gibt.
 Es muss die Gelegenheit geben, wo eine Andere oder ein Anderer mit viel Kreisarbeitserfahrung anwesend ist und mit der in der Klasse tätigen Lehrerin danach reden kann. Es geht darum, dass ein Vertrauen da ist, dass „dem Anderen“  Dinge offen gesagt werden können, die er oder sie gesehen hat. Es geht darum, falsche Höflichkeiten durch ein professionelles sich achtendes Miteinander zu ersetzen.
Es geht darum, dass der umgekehrte Besuch möglich ist. Es geht darum ein gemeinsames und vereinbartes Konzept zur Kreisarbeit zu entwickeln. Es geht darum nicht die Fehler bei den Kindern zu suchen. Oder sich selbst anzuklagen.  Sondern  inhaltlich machbare Ziele zur Förderung der Lernqualität sollen so formuliertwrden, dass sie für alle umsetzbar werden.
Also bringt die Fragen nach vorne: Wobei geht es im Plenum, beim Kreis, der immer „Klassenrat“  ist?  Wobei geht es beim Lernen?  Wobei geht es bei Menschen?
Der Kreis ist der Kern des qualifizierten sinnvollen Selbst-Lernens der Individuen, der kooperierenden Freunde und Mitmenschen  in  der Klasse. Und dies gehört in den Kern der Arbeit eines Kollegiums. Der „Kreis“ sollte zu einem eurer vorrangigen Themen der Bearbeitung gehören. Doch zum „Kern“ später mehr .
Ihr könntet auch über die Einführung spezieller Kreise wie die „Dichterlesung“ oder den „Mathe-Gesprächs-Kreis“ nachdenken.

Zum Umgang mit Arbeitsplänen
Auch nach zwei Tagen Schauen, hatte ich das Gefühl, immer noch nicht zu wissen, welche Bedeutung Arbeitspläne für euch haben. Wenn ich das richtig gesehen habe, ist dies im Endeffekt  in den Händen der Klassenlehrerinnen. Mal sind es Lehrer gemachte Pläne, die die Kinder abarbeiten bis hin zu Plänen, die Kinder selbst oder mit Erwachsenen gemeinsam machen.
Auch glaubte ich „planlose“ Kinder gesehen zu haben, die ohne sichtbaren Plan sehr planvoll arbeiteten. Die ganz Wenigen, die nicht arbeiteten, besaßen übrigens einen Plan, obwohl sie keinen hatten.
Gibt es in dieser Frage eine von allen geteilte gemeinsame Einschätzung und eine Haltung , oder habt ihr euch nicht darüber verständigt wie Strukturierungen, Pläne und Lernstrategien bei und mit Kindern aufgebaut werden?
Auch das scheint mir ein Thema für den Kern eurer Arbeit.


Lernen mit den Händen und Köpfen
„Dass Kinder mit ihren Händen tun, was sie mathematisch denken sollen“
[1]
Eure Kinder lernen die Mathematik fundiert. Sie beherrschen, soweit es mir begegnete, alle das Tauschen und Rechnen mit Materialien im Zehnersystem.  Auffällig ist allerdings, dass der Gebrauch von Materialien mit zunehmendem Alter der Kinder gegen das Ausfüllen von Arbeitsheften an Bedeutung zu verlieren scheint. Immerhin sah ich bei einer Kollegin, dass die Kinder immer wieder zu an ihren Plätzen liegenden Systemblockmaterialien griffen, wenn sie etwas im Heft nicht verstanden. Die Frage wäre, ob das zu oft dominierende Durcharbeiten von Matheheften zu mehr Verständnis oder Übung im Umgang mit mathematischen Lösungen führt, ob eine solch verstandene Mathematik zum „Absolvieren“ der Sek I und II reichen. Oder gibt es da nicht eine zum Denken, Lösen, Strategieentwickeln, Muster des Lebens und der Natur begreifende, eigene Aktivität  herausfordernde  Mathematik, wie wir sie in Lehrplänen, bei PIKAS, VERA, oder Känguru und in anderen Wettbewerben finden?

Angebote des Lernens
Sehr gut gefallen haben mir diese „kleinen“ Angebote“ wie Geigen-, Schlagzeug-, Buchbinde- oder Kunst“unterricht“ von „Nichtlehrern“. Auch bei den Kindern kam das gut an. Aber diese Angebote dürfen nicht aus der Arbeit der Klassen ausgelagert werden, sondern die Inhalte und Formen der Arbeit solltenKompetenz gewinnend in die Klasse geholt werden.  „Jugend forscht“ gehört in die Klasse!!

Zusammensetzung der Vielfalt des Lernens
In die Arbeit der Kinder in den Klassen gehört zuerst: mit eigenen Fragen forschen, Experimente kennen und erfinden, Lesen, im Netz suchen, Freie und eigene Texte schreiben, Lyrik und Malen, Erzählen, Puzzeln, Muster legen, Tauschen und Rechnen mit Materialien im Zehnersystem, Freier Ausdruck, Tanz, Theaterspiel, Schattentheater, Vorträge vorbereiten und präsentieren, Feedback-Runden, Arbeitsplanung, gemeinsame Würdigung der Leistungen aller, Messen, Umfragen und Statistiken machen, Bücher binden, Zeitungen machen, den Kreis leiten können, das Repertoire des Arbeitens erweitern, Ideen produzieren, Wahrnehmung schulen, Darstellen, Musizieren, Zeichnen, Bauen, Rollenspiel, das Recht tastend und versuchend zu lernen , das eigene Lernen zu begreifen, das Recht sich selbst zu finden und zu verwirklichen.


Immer mehr Erwachsene
Ich habe bei euch etwas gesehen, woran  wir, wie an vielen Stellen, die ich hier aufzähle, auch an unserer Schule arbeiten müssen.
 An unseren Schulen arbeiten nicht mehr nur Lehrerinnen und Lehrer, die Zahl der Praktikanten, Erzieher und Erzieherinnen, Schulbegleiter, Ganztagsmitarbeiterinnen, der Studentinnen, Eltern, Auszubildende, Sozialpädagoginnen, Pensionäre, etc., etc. wächst.
Das eine Problem ist, dass wir zu oft ohne sie Konferenzen und Fortbildungen machen, aber gleichzeitig verlangen, dass sie unsere Grundhaltung, unsere Inhalte und unsere Arbeitsformen beherrschen.
Das andere Problem ist, dass Kinder sich gerne „Erwachsene abholen“, damit diese mit ihnen lernen. Oft legen dies die häusliche Erziehung und die Bindungsarmut des schulischen Ganztags nahe. Umso mehr müssen wir für Selbstständigkeit des eigenen Lernens, seine Vielfalt und die Eigenverantwortung werben. Wir können sie in unserem Alltag selbstverständlich  und attraktiv machen, nicht durch Erziehung, Regeln oder Schulrituale erzwingen.

Der Kern eurer Arbeit
Gelingt es euch einen neuen Kern eurer Arbeit zu schaffen, der das gemeinsame Gehen eures jetzigen Weges ermöglicht? Was müsste der Weg, was müsstet ihr leisten?
Ihr seid ein Team von Lehrerinnen und Lehrern das hochkarätig besetzt ist.  Ihr habt Power, Erfahrung, Haltung und den Willen, eine besondere Schule zu sein. Das gilt für euch alle!!

Wenn ihr das wollt, ginge es zunächst darum, gemeinsam zu definieren, was den innersten Kern eurer Arbeit ausmacht. Ich empfehle euch hierbei verschiedene Schritte zu tun.

Ihr solltet klären: Was erwartet ihr, wie Kinder arbeiten. Macht keinen faulen Kompromiss zwischen dem Abarbeiten von Lernzielen mit Arbeitsheften und dem Anspruch an Kinder, dass sie selber wissen, wie sie in einer Vielfalt des Arbeitens ohne Langeweile oder Funkionierenmüssen lernen.
Beschließt, die bei euch vorhandene Vielfalt des Lernens zu wollen und stellt dazu die Vielfalt der Inhalte der Kinder und der Lehrpläne und Richtlinien nach Vorne.
Anerkennt, dass es bei euch mehr als eine Handvoll Menschen gibt, die eine solche Praxis schon beherrschen
. Ich kenne kaum eine  Schule in Europa, die so ein Reservoir an pädagogischen Künstlern hat wie bei euch!! Organisiert euch ein verbindliches Programm von verbindlichen Absprachen in gegenseitigen Hospitationen, in Teamteaching, in Fortbildungssituationen und Gesprächen, in dem ihr alle die Zusammensetzung der Vielfalt des Lernens erarbeitet und mit Hilfe anderer(!) solange umsetzt, bis es Standard in eurer Klasse ist. Macht euch euren eigenen Kern für euch (!) verbindlich! Arbeitet gemeinsam an der Umsetzung.

Dazu empfehle ich euch,
eure eigene Grundhaltung, eure Grund-Sätze[2] zu klären. Nehmt dies zum Anlass euch auseinanderzusetzen. Streitet euch nicht über die Verschiedenheit eurer Positionen, sondern ringt um die Verwirklichung eurer demokratischen Grundhaltungen!  Veröffentlicht eure Bedenken. Dahinter steckt immer die Chance zu einer klugen systemischen Erkenntnis, die nicht blockiert, sondern klärt!

Klärt welche Inhalte euch wichtig sind! Damit ist kein Verlaufsplan für das Lernen der Kinder oder Jahrgänge gemeint. Es geht dabei um eure Kompetenzen. Findet heraus, woran ihr selbst arbeiten wollt oder müsst. Klärt, wie ihr an herausfordernde mathematische Aufgaben kommt, wie ihr
das Experimentieren zum Gegenstand eurer Arbeit macht.  Sammelt Ideen. Sammelt Techniken zum Schreiben freier Texte. Erarbeitet (alles auch immer mit den Kindern eurer Klassen) Themen, die bearbeitet werden können. Sammelt Kinderliteratur, eigen aktivierende Materialien. Macht euch die Inhalte der Kinder,  der Lehrpläne und eure eigenen Inhalte wieder zu Eigen und werdet selbst zu lernenden Experten. Werdet Experten in der Kunst, dass Kinder lernen ihr Lernen zu bestimmen und zu entwickeln.

Überlegt immer, wenn ihr wisst, was ihr gemeinsam wollt, welche Organisationsformen ihr zur Umsetzung eurer Vorhaben braucht.  Zwingt die Inhalte nicht in vorgegebene Formen, sondern schafft Formen, die euren Zielen dienen.  Setzt euch immer wieder zusammen und schafft eure Schule der Lehrerinnen und Lehrer in der Schule. Geht dabei  immer von eurem verbindlichen gemeinsamen Kern aus, den ihr in der eigenen Arbeit immer wieder neu, sich erweiternd, schafft.

In einer eigenen Schule der Lehrerinnen und Lehrer könnt ihr euch von anderen beobachten, beraten, verstärken, korrigieren und ermuntern lassen. Das ist nachhaltiger und wertvoller als jede Fortbildungsveranstaltung. Wie oft nutzt uns das wenig, was wir bei fremden Veranstaltungen hören, wie wenig setzen wir selbst das um, was uns gefallen hat, wie wenig wissen wir nach 14 Tagen Schule noch von dem, was uns begeistert hatte. Und immer gilt, „Ich kann nicht alles umsetzen, von dem ich begreife, dass es richtig wäre.“  Aber gemeinsam schaffen wir mehr!

In euren Klassen stellt eure eigene Kompetenzen, eure eigene Art, eure eigenen Stärken und Interessen in den Mittelpunkt der Arbeit. Gerade bei Klassen von 0 bis 4 ist die Individualität, die Vielfalt der Verschiedenheit der Klassen eine besondere Stärke der Schule. Bringt dies nicht in Gegensatz zu einem gemeinsam erarbeiteten und anerkannten Kern der Schule. Nehmt die eigene Schulentwicklung als Stärkung eurer Arbeit mit.
Zu einem Plan der engeren Zusammenarbeit der ganzen Schule gehört nun auch der verstärkte Austausch über die Arbeit in den Klassen.  Ich muss nicht alles können, was meine Klassenlehrerinnen-Nachbarn können, aber ich kann es kennen! Vielleicht kann ich Teile übernehmen. Aber ich kann mit dem Wissen um das Können anderer das Gesamtprogramm meiner Schule viel besser vertreten.

Ich empfehle euch eine Liste mit jenen Dingen zu machen, die ihr an eurer Schule nicht wollt, die ihr nicht tun wollt, oder sehen und hören wollt. Nicht für die Kinder, - für euch!

Ihr könnt eine eigene Liste abarbeiten, wo ihr aufschreibt, was ihr weglassen wollt oder könnt. Das Überprüfen und Weglassen unnötiger Vorgänge, belastender Situationen, veralteter Regeln, Organisationsformen und falscher Selbstverständlichkeiten kann befreiend wirken und Platz für Neuerungen schaffen. Ansonsten gibt es eine tolle Regel in der Schulentwicklung: Setz das Neue mitten in des Alte!

Und lasst Platz für Schwächen, unsere Schwächen. Sie können zu Stärken werden. Dass Lehrerinnen und Lehrer schon einmal die Klassentür hinter sich zumachen, schon einmal Fluchtwege suchen, an sich zweifeln, überlastet sind von Zuhause, den eigenen Kindern, den Schulkindern, überfordert  vom schulischen Alltag oder Ängste haben, ist normal. Wir können nicht immer und nur funktionieren.
So etwas, zumindest von Anderen und sich selbst zu wissen, gehört auch zum Kern der Arbeit. Beziehung, Bindungsfähigkeit, Spiegeln, Selbstverständnis, Widerstandskraft, Vertrauen, Gelassenheit, Respekt und Zeit gehören dazu, dass wir nicht immer alles müssen, sondern die Gewissheit entwickeln: „Ich werde es tun.“  Das gilt für Lehrerinnen und Lehrer, und für Kinder.

 Arbeitet den Schulstress fort, schafft Zeit fürs Lernen, Zeit für die Kinder, und für euch!

Zum Abschluss zwei Bemerkungen:
- Ich werde den Bericht auch meinen Kolleginnen und Kollegen geben. Sie werden sich wiederfinden.
- Am Morgen nach dem Besuch begegnete ich in meiner Schule einer Hospitantin. Die Dame war ordentlich über 80. Es war Hannelore  Zehnpfennig[3], die „offenen Unterricht“ zelebrieren konnte. Zu ihr gingen Kollegen meiner Schule, wie Falko Peschel und Marc Bohlen, um von ihr zu lernen. “ Lernen“, sagte sie zu mir, “ist etwas wie in meiner Kindheit. Wir spielten auf der Straße. Und dabei kam immer etwas heraus. Das ging gar nicht anders. Wir machten immer was zusammen, alle zwanzig Kinder. Und so geht Lernen auch in der Schule.“[4]

 



[1] Aus:: Kollegium der Grundschule Harmonie, GrundSätze des Lernens an der Grundschule Harmonie, http://www.grundschule-harmonie.de/artikel-pdf/Grund-Saetze.pdf

 

[2] Ein Beispiel von unserer Schule findet ihr in der 1.Fußnote

[3] z.B. http://www.fachportal-paedagogik.de/start.html

[4] Marc Bohlen, der Besuch der alten Dame, 2013, http://www.grundschule-harmonie.de/pdf/Freudiger_Besuch.pdf