Walter Hövel

 

Meine Begegnung in Reggio/Emilia

 

 

 

Ich war in Reggio/Emilia. Ich war 2015 im Hauptquartier der Reggiopädagogik. Wir hielten dort unseren internationalen Freinetkongress ab. Wir hatten das Reggio-Hauptgebäude für unseren Kongress gemietet. Wir bezogen ein riesiges Haus mit großen lichtdurchflutenden Räumen. Es gab uns das Gefühl selbst, als Mensch im Mittelpunkt zu stehen.

 

 

 

Der Reggiopädagogik wird eine enge Verwandtschaft mit, wenn nicht Herkunft aus der Freinetpädagogik, nachgesagt. Innerhalb der deutschen Freinetpädagogik hatte ich früh Zugang zu ihr. Eine Richtung der Freinetpädagogik wird u.a. durch unsere Berliner, Kasselaner und Bremer Freinis vertreten. Sie haben sehr engen Kontakt zur Bewegung der Lernwerkstätten. Sie sind Bestandteil dieser Pädagogik. Hier entwickelte sich ein stark indivdualistisch und gruppen-dynamisch orientiertes Selbstlernen in der Begegnung von Freinet und der Lernwerkstatt. Von diesen Menschen wie Jenny Wienecke-Kranz, Angela Bolland, Peter Wedekind oder Herbert Hagstedt lernte ich sehr viel, was meiner eigenen Auffassung von Pädagogik und Lernen sehr nahe kommt.

 

 

 

Hier hatte ich den Eindruck, dass in Kindergartenbereichen eine solche Pädagogik von der Arbeit der Reggiopädagogik ausgeht. Beeindruckendes Beispiel war für mich immer der Reggio-Lern–Vorgang, in dem Kinder etwas betrachten. Sie werden zur eigenen Wahrnehmung aufgefordert, ja angehalten. Auch wird ihnen die eigennötige Zeit dafür gegeben. Aus der kindereigenen Wahrnehmung erwächst dann eine kindereigene Frage. Diese Frage wird Ausgangspunkt des Lernens jedes einzelnen Kindes oder einer Gruppe von Kindern.

 

 

 

Wir sahen vor Ort (mit einer Ausnahme) keine Reggiokindergärten in Aktion, da sie Sommerferien hatten. Aber wir waren in ihrem Haus. So hatte ich drei direkte Begegnungen mit dieser Pädagogik.

 

Die eine war auf der Ebene der sammelnden Ästhetik, die andere der Besuch einer italienischen Kindergartengruppe. Der dritte Zugang war ein historischer in Form einer Stadtführung.

 

 

 

Ich sah dort eine Sammlung von etwa 200 höchstens 20cm großen von Kindern geformten Tonskulpturen. Sie waren eng zusammengestellt auf einer großen Holzplatte scheinbar ohne System angeordnet. Jede Kinderfigur zeigte das Thema „Familie“ oder „Freundschaft“. Kinder hatten in rötlich-braunen Figuren ihre Erfahrungen mit „Familien- oder Freundschaftsbeziehungen“ in einer bis zu drei Figuren festgehalten. Diese Ausstellung, diese dokumentierte Sammlung von Kinderdenken, faszinierte mich. Sie gab der gesamten, sehr großen Parterre des Gebäudes ihr Leben. Auf diesen 2qm fand ich die Reggiopädagogik. Hier schien mir die Wahrnehmung der Kinder von einer Erwachsenen hochgezogen in einen Bereich der Ästhetik, wo auch, oder gerade Kinder, ankommen.

 

Im darüber liegendem Stockwerk fand ich weitere Beispiele für die Sammelkunst eines oder mehrerer Erwachsener. Meine Augen wurden gefangen von getrockneten Früchten und Gemüsen. Faszinierend war die verbliebene oder herausgearbeitete Kraft der Farben und Formen.

 

 

 

Gegen Ende unseres 10tägigen Kongresses mit selbst organisierten Lang- und Kurzzeitateliers, Vorträgen und Versammlungen, besuchte – kaum merkbar – eine große Gruppe von Kindern das Haus. Es war offensichtlich eine Kindergartengruppe. Die Kinder trugen Uniformen, gingen zu zweit „am Händchen“ und mussten Vorträgen von Erwachsenen zuhören. Ich war entsetzt. Das Erscheinungsbild all meiner pädagogischen Vorurteile gegen veraltete Pädagogik wurde genährt. Und das im Haus der Reggiopädagogik. Vielleicht war das die herrschende Praxis der Reggio-Kindergärten? Das „Bessere“ war nur die Theorie dazu, oder das, was wir in Deutschland und anderswo daraus machen? Ich weiß es nicht und konnte es auch damals nicht herausfinden.

 

 

 

Wieder anders war eine Stadtführung. Sie gab den geistigen Hintergrund der Reggiopädagogik wieder. Die norditalienische Stadt wurde von kommunistischen, sozialistischen, sozial-demokratischen und christdemokratischen Bürgermeistern regiert. Dort herrschte über Jahrzehnte eine tiefe bäuerliche und proletarische Armut. Die Menschen waren immer ein wesentlicher Bestandteil des Widerstands gegen italienische Monarchisten und italienische und dann deutsche Faschisten.

 

Aus dem Geist eines demokratischen und ästhetischen Widerstands wurde dort die Reggiopädagogik entwickelt. Verhaftet im menschenrechtlichen Anspruch einer italienischen Linken wurden Kinder ernst genommen. Ihr Aufwachsen sollte sich von der Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern positiv unterscheiden.

 

 

 

Ich sah und fand die Sammlungsfähigkeit der Erwachsenen. Ich sah das Werk von großen und kleinen Künstlern als Mittel des eigenen Ausdrucks und Lernens. Ich fand den historischen Background, die Hefe eines demokratischen Umgangs mit Kindern (und sich selbst). Ich fand oder spürte aber nirgends im Haus das Wahrnehmen, Fragen, Arbeiten und Sammeln der Kinder. Es war für mich kein Ort der gelebten Demokratie für Kinder. Die Ungerechtigkeit dabei kann meine Unfähigkeit des Findens der Spuren der Kinderseelen sein.

 

 

 

Ich fand wiederum diesen Geist der Hoffnung von Weiterentwicklung, den die Reggiopädagogik ausstrahlt. Aber ich spürte auch die Rückständigkeit der Kindergarten, Schul- und Hochschul-erziehung, die den herrschenden Charakter von Bildung ausmacht. Ich spürte die innovierende Brauchbarkeit dieser Pädagogik zur Verbesserung einer staatlichen und privaten Zwangsbildung.

 

 

 

Es gibt immer wieder Menschen, die solche Entwicklungen wie „Reggio“ nicht wollen. Es gibt immer wieder jene, die so etwas wie „Reggio“ in das bestehende Bildungssystem übersetzen. Sie machen sie pädagogisch brauchbar. Und es gibt eine kleine Gruppe, die durch eigenes Handeln von Lernenden, durch die eigene Person, den Geist und die Theorie einer kinder- also menschenrechtlichen Pädagogik, ein anderes Leben, erfahrbar machen wollen.

 

 

 

 

 

Literatur

 

Bolland, Angela (2011): Forschendes und biografisches Lernen. Das Modellprojekt Forschungswerkstatt in der Lehrerbildung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Coelen, Hendrik & Müller-Naendrup, Barbara (2013) (Hrsg.): Studieren in Lernwerkstätten. Potentiale und Herausforderungen für die Lehrerbildung. Wiesbaden: Springer.

 

 

 

Ernst, Karin & Wedekind, Hartmut (1993): Lernwerkstätten – eine Übersicht. In: Lernwerkstätten in der Bundesrepublik Deutschland und Österreich. Eine Dokumentation. Frankfurt: Arbeitskreis Grundschule, S. 9-31.

Gronert, Maren / Schraut, Alban (2018): Handbuch der Vereine der Reformpädagogik. Reformpädagogische Vereinigungen und Institutionen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol und Liechtenstein. Würzburg.

 

 

 

Hagstedt, Herbert: Lernen im Selbstversuch. Wie Studienwerkstätten sich über forschende Lerngelegenheiten definieren können. In: Schude, Sabrina/ Bosse, Dorit/ Klusmeyer, Jens (Hrsg.) (2016): Studienwerkstätten in der Lehrerbildung. Theoriebasierte Praxislernorte an der Hochschule, Springer: Wiesbaden, S. 27-36.

 

 

 

Hagstedt, Herbert /Marie Krauth, Ilse(Hrsg.) (2014): Beiträge zur Reform der Grundschule-Band 137, Lernwerkstätten. Potentiale für Schulen von morgen. Grundschulverband

 

 

 

Hövel, Walter, Schulte, Ulli (2016): Wehe wenn sie raus gelassen. Zum Draußen Lernen. Download: http://www.walter-hoevel.de/inklusion/gelebte-inklusion-am-beispiel-der-grundschule-harmonie/

 


Müller-Naendrup, Barbara (1997): Lernwerkstätten an Hochschulen. Ein Beitrag zur Reform der Primarstufenlehrerausbildung. Frankfurt: Peter Lang.