Walter Hövel
Trauen - Tun und Lernen

 

 

 

Bevor ich 1995 mit dem Aufbau der Grundschule Harmonie beginnen konnte, hatte ich nach dem Studium, dem Arbeiten in außerschulischen Bereichen und meinem ersten eigenen Erproben viele Jahre Zeit mir anzuschauen, wie Schule entwickelt werden könnte.

 

 

 

Zwischen 1982 und 1995 begegneten mir tausende von Eindrücken und Erfahrungen der Praxis und Theorie, die relevant sind oder waren für ein pädagogisches Bild, mit und an dem ich arbeite. Da gab und gibt es Brauchbares und Begeisterndes, Unbrauchbares, Abschreckendes, Alltägliches, Besonderes, Abgeklärtes. Da gibt es die Rolle des Charismas, die Rolle der Authentizität, das Recht des Fehlers, die Unverzeihlichkeit des gegliederten Schulsystem, seine Bestrafung, sein Lob und seine Kraft.

 

 

 

Ich lernte das Verzetteln im Verwalten, das starre, das geschickte, das viable oder die lebendige und lebende Organisation kennen, Leistungssysteme, Ungeklärtes, Durchdachtes, Unausgegorenes kennen.

 

 

 

Mir begegnete Schulmeisterliches, Demokratisches, Ideologien aller Art, Konzeptionelles, Erziehungskonzeptionen mit verschiedenen Absichten, gewöhnliche Pädagogik, schwarze Pädagogik, ganzheitliches Denken, behavioristische Psychologie, ökologisches Denken.

 

 

 

Es gab die Begegnungen mit Macht- und Angstdenken, Machtmissbrauch der Institution Schule und Lehrer, Leitungsfähigkeit, Kindertümelndes, Versagensdespotismus, Mut, Buckeln, Vertrauen in das Lernen der Kinder, die Berufung auf Wahrheiten, Religionen, Gesetze, Therapien, Therapeuten.

 

 

 

Ich sah Lehrerinnen, Lehrer, Leitungen, Dozentinnen und Dozenten in Ausbildung oder Wissenschaft und Ministeriale mit Verordnungen, Curricula, dem Vertrauen in die Verschiedenheit und Kompetenzvielfalt der Menschen, Vertrauen in sich selbst, pädagogisches Schönreden.

 

 

 

Da gab es die Vielfalt der Brillanz, der Begeisterung von der Schaffens- und Lernkraft der Menschen, das Erziehen zum Gehorsam, die Fähigkeit und Unfähigkeit des Zuhörens, das Erziehen zum Funktionieren, die Erziehung zur Sinnfindung, die Kraft der Führung von lebendigen und demokratischen, aber auch autoritären und produzierenden Systemen, das Begreifen von Menschen- und Kinderrechten.

 

 

 

Es gab das Verteidigen, das Erklären, das Dokumentieren, Hartnäckigkeit, Anpassungsfähigkeit, Eigen-Sinn, Verlieren- und Gewinnen-Können, die Kooperationsfähigkeit in gemeinsamen Lerngängen.

 

 

 

Mir begegneten beeindruckende Frauen und Männer der Pädagogik, Wissenschaft und Kunst, die Hirnforschung, das Knowhow der Unterrichts- und Gesellschaftsentwicklung, der Zwang zu Noten und Abschlüssen, die Tortur des Lernens. Ich sah Fehler anderer (vor allem von Schulleitern), die ich nie nachahmen wollte, Fähigkeiten von Lehrerinnen und Lehrern, die ich nie erlernen würde.

 

 

 

Es wurden deutlich die Techniken der Langeweile des gleichschrittigen Belehrens und Ablernens, die Techniken der Selbstorganisation und Selbstbestimmung verschiedener pädagogischer Schulen, die Kunst, die Schulen und die Schulungen der Kommunikation, die Gewissheit wenig zu wissen, der nie endende Versuch die Anderen und sich selbst zu verstehen.

 

 

 

Ich begriff das Funktionieren elitärer Schulen, der Arroganz (meist der Unwissenheit), den Einsatz des pädagogischen Amoklaufs, Lernen ohne Schule, Selektionsmechanismen, die Haltung als Demokrat, die Haltung des Karrieristen.

 

 

 

Und immer wieder waren da die dummen, schlauen, ersten, zauderlichen oder Wissenschaft verbrämenden Argumentationen. Es gab wieder eine neue oder alte Theorie im alten oder neuen Gewand, und selten, aber immer wieder die ganz kleinen, aber manchmal auch großen Edelsteine der Profession des Lehrers und dem Vorankommen in der Entwicklung von autonomen und kooperativen Lernen.

 

 

 

Diese Liste ist unvollständig. Niemals kann der nötige Mix aus dem etwas Taugliches entsteht in all seinen Bestandteilen aufgezählt werden. Die Länge der Liste soll nur andeuten, dass Vereinfachungen, Fundamentalismen oder Heilsbotsschaftsformeln den Ansprüchen der Wirklichkeit nicht gerecht werden können.

 

 

 

Neben dem Leben, den Kindern und meinen Kindern, ihren Partnern und Kindern und meinen Partnerinnen, meinen Freunden und Begegnungen war die größte und reichhaltigste Fundgrube die Freinetpädagogik des Aus- und Inlandes.

 

 

 

Ich lernte mir selbst und meinem Lernen zutrauen. Das Lernen setzte sich fort. Ich blieb in der Schule meines Lebens.