Walter Hövel
Wie Petersen ein vorbildliches Zerrbild?


 

Menschen ändern ihr Denken, andere nicht. Oft sagen sie etwas anderes als vorher. Oder Zeiten ändern sich. Zumindest verändert sich die Zugehörigkeit der menschlichen Meinung und des Handelns Einige dagegen verändern sich nie. Zumindest verändern sich bei einigen ihr Akzent, bei anderen wiederum gar ihre Gesinnung. Sie wechseln das Lager. Manchmal passt das. Lager entstehen immer neu. Das einzige was sich zu verändern scheint, ist unsere Gesellschaft. Uns treiben Krankheiten und Gesundkeit, das Klima, die Ernährung, die Armut, das Streben nach Frieden, Sicherheit, Leben, Gleichheit, persönliches Glück, Freiheit und Bildung.

 

 

 

Die einen arrangieren sich mit ihren Jobvorgesetzten. Dabei können sie „falsch“ liegen oder selbst gegen Mehrheiten „richtig“. In diesem kleinen Aufsatz möchte ich nicht im Sinne von Entwicklungspsychologie, sondern sehr persönlich mit der Pädagogik arbeiten. Immerhin dürfen die Anhänger von Pädagogok auch die einzelne Person „wissenschaftlich“ sehen.

 

 

 

Den lebenden Menschen, den ich vor mir sehe, war immer ehrlich und unterstützend mir gegenüber. Aber mit der Zeit wanderte er nach „rechts“, ( - oder ich nach links, oder zu Menschen- und Kinderrechten).

 

 

 

Er stellte Veränderungen in seiner Gesellschaft fest und machte als Leidtragende Kinder aus. Aber Kinder verändern sich immer. Sie verändern so unsere Gesellschaft. Schon lange ist er nicht mehr da, wo wir pädagogisch gemeinsam standen. Oder ich erkenne jetzt besser, wie wir immer standen.

 

 

 

„So kriegen,“ so sagt er, „einige Zuhause weniger Mathe beigebracht und können in der Schule nicht mehr rechnen oder wichtige Dinge behaltend lernen“. Er revidiert seine alte Haltung, „die so nicht mehr geht“, wie er sagt. Er greift auf „Bewährtes“, dass er immer bekämpfte, zurück. Oder er tut es nicht und ich befürchte es nur.

 

 

 

Auf jeden Fall redet er so schon seit Jahren. Er war immer gegen Jahrgangsmischung und hatte große Probleme mit Unterschichterkindern und ihren Eltern. Heute fürchtet er eine Übernahme der deutschen Bevölkerung „durch zu viele ausländische Neuankömmlinge“. Flüchtlinge haben für ihn eine „Bringschuld“. - Ich bin ein „Revoluzzer“.

 

 

 

Das schockt(e) mich. Nun ist in der Geschichte der gesellschaftlich Bildung und in ihren Institutionen Familie, Kita, Schulen oder Beziehungen in 200 Jahren viel Veränderung geschehen. Es hat sich einiges getan. Mehr und mehr bestimmen nicht mehr Militär und Kirche wie Lehrkräfte auszusehen haben, also ihre (Aus)Bildung. Das tut heute zu allererst der Staat selbst. Er fragt natürlich nach, bei Wirtschaft, Militär und Banken, bei ihren Parteien, der messbaren und machbaren öffentlichen Meinung, dem Vorteil des Wiedergewähltwerdens und ihren Wissenschaften. Er verlangt demokratische Lehrer*innen, Erzieher*innen und – nur mit Ausbildung in Schule und Gesellschaft – bei Eltern. Kinder werden Menschen mit Rechten und immer wichtiger.

 

 

 

Schon immer gab es das Gros der Erzieder*innen und Lehrer*innen, die in Schule das umsetzten, was ihnen aufgetragen wurde, oder was sie glaubten, was ihnen aufgetragen war. Viele bekamen auch nicht mit, dass die Gesellschadt sich seit ihrem Studium verändert hatte.

 

 

 

Einige interpretieren dies mit einem Zurück zu Alte,n, weil sie das so wollen, andere zur allgemeinen Reform von Bildung und deren Einrichtungen. Nur wenige wollen eine wirkliche Selbstbestimming der Kinder. Allerdings fordert mein „rechter Freund“ (gutes Wortspiel!) das Letztere auch. Er sieht sich in der Tradition der individuellen Freiheit. Er sieht das allerdings weniger sozial und politisch-pädagogisch, mehr als Problem von Logik, vom „Menschenverstand“ und „echter“ Pädagogik für Kinder.

 

 

 

Auch wenn das kommende Beispiel hinkt. Ich sehe es vor mir. Ich sehe bei dieser Veränderung ihn, den anderen, vor mir. Er wirkte vor hundert bis siebzug Jahren, meine lebende Person vor zwanzig Jahren bis heute. Beide taten Entscheidendes für die Pädagogik. Beide sind aber (leider) Kinder ihrer Zeit. Zeitlos ließen und lassen sie sich bis zur Veränderung beeinflussen. Oder geht das heute anders?

 

 

 

Beide nehmen oder nahmen in der deutschen Geschichte der Pädagogik - nicht nur in meiner Meinung - eine wichtige Stellung ein. Ein Leben ist schnell erzählt. Als Professor der Reformpädagogik sorgte Peter Petersen (1884-1952) für eine Verwissenschaftlichung der Pädagogik zur „Erziehungswissenschaft“ und er „erfand“ mit der Hilfe anderer den „Jenaplan“. Er propagierte seine Pägagogik. Sie ging und geht vom Kinde aus. Die Feier, das Fest, der Kreis, die Selbstständigkeit und Selbstverantwortung des Kindes werden gefordert. Heute klingen seine Worte und seine „Reformpägadodik“ oft altmodisch. Aktuell interessieren eher Reggio, Sudbury oder Gatto. Lernen soll mit elektronischen Medien, selbst tätig lernend, weit über Schule, aber von Erwachsenen initiiert, über Kita (weniger Kinder“garten“), Uni und „Ausbildung“ hinaus oder glodal geplant gehen.

 

 

 

Zuerst war Petersen als Reformpädagoge die Gallionsfigur in der Veränderung von Bildung und Schule aller Fortschrittlichen. Er tat Ungewöhnliches in Hamburg und Thüringen. Dann drehte er sich und seine Pägagogik in das immer stärker werdende Licht (oder besser das Dunkel) des Nationalsozialismus. Er schrieb u.a. im „SS-Stürmer“ und 1937 seine „Führungslehre“. Er biederte sich nicht nur an, sondern es war ihm abnehmbar, was er äußerte. Nach der desaströsen, der zu erwartenden Niederlage der deutschen und japanischen Faschisten kritisierte er diese als zu lasch und zu wenig nationalistisch. Er überholte die NSDAP rechts.

 

 

 

Heute wissen wir, dass „Reformpädagogik“ von allen politischen Richtungen, die Schule, Erziehung oder Bildung verändern wollen, eingesetzt werden kann. Selbst die Freinetpädagogik oder Offener Unterricht sind auf Pädagogik reduziert, vielfältig einsetzbar. Montessori und Freinet dienen der Verbesserung einer europäischen Schule heute genau so, wie einst Fidel Castro die Freinetpädagogik an den kubanischen Schulen einführen wollte.

 

 

 

1959 hielt Oberstudienkonsistorialprofessor Dr Gotthold Werter, eher bekannt als Professor der Rechtschreibung, eine Rede zur historischen Einschätzung von Peter Petersen. Er geißelte Petersen, wie andere es auch taten, als großen Schaden für die Reformpädagogik.

 

 

 

Der „Schaden“ meines Protagonisten scheint mir zurückgezogener und weniger wirksam. Stiftungen und Ministerien, also Geld und Macht, scheinen heute stärker. - oder geschickter. Um vorwärts zu kommen setzen heutige „Bildungsverantwortliche“ (wer aber ist „verantwortlich“?) weniger auf Jenaplan oder auch neuere Versuche im pädagogischen Bereich. Die Geschwindigkeit der Verfallszeit von Reformen wächst.

 

 

 

Aber für mich ist die Erinnerung bei heutigen Ereignissen wichtig. Unsere Pädagogik ist eingebettet in das bürgerliche Denken der Aufklärung und Menschenrechte. Da muss ich damit rechnen, dass einige auch wieder zurückrudern. Die Geschichte der Menschheit ist selten die Geschichte des Menschlichen. Gerne ist sie Reform und Gegenreform der herrschaftlichen Notwendigkeiten.

 

 

 

Geschichte wiederholt sich nicht, aber der Mensch. Unser aller Streben ist es unsere Welt besser machen zu wollen oder sie am Laufen zu halten.. Beides wollen wir besser lernen.