Walter Hövel

 

 

 

PETER PETERSEN

 

REFORMPÄDAGOGISCHES CHAMÄLEON

 

ODER

 

WEGBEREITER NATIONALSOZIALISTISCHER ERZIEHUNGSIDEOLOGIE ?

 

 

 

Spricht man über liberal-reformpädagogische Bewegungen zu Beginn des 2o.Jahrhunderts, so fallen Namen wie Montessori, Gaudig, Otto, Scharrelmann, Kerschensteiner, Key, Freinet … und Petersen.

 

 

 

Die Gemeinsamkeiten erscheinen eindeutig: man wandte sich gegen die alte "Lernschule", gegen Formalismus, man suchte nach neuen Wegen in Erziehung und Unterricht, forderte die Möglichkeit ein, Kinder selbsttätig sein zu lassen, betonte die Handarbeit und die engere Verbindung zwischen Leben und Schule.

 

 

 

Fraglich erscheint angesichts der aufgeführten Gemeinsamkeiten, ob und welche Unterschiede vor allem in der politischen Grundlegung, aber auch in der pädagogischen Zielsetzung und Praxis bestehen.

 

 

 

Wörter und Begriffe, die wir kennen und gerne benutzen:

Lerngruppen, Gespräch, Freie Arbeit, Schulleben, Spiel, Feier, Wochenplan, Kurs, Ausstellung, Eigenbewertung, Stammgruppe, Schulwohnstube, keine Noten, Bewegung, gegenseitige Hilfe, Wahlkurse, Familienschule, Kreis, Gemeinschaftsleben, Erziehungswissenschaft.

 

 

 

Interessant wäre dabei, die Unterschiede zwischen Petersen und Freinet herauszustellen.

 

Hier soll es zunächst einmal um eine erste Bestandsaufnahme der politischen Aussagen Petersens und seiner Anhänger gehen.

 

 

 

Im Vorwort seines Buches "Praxis der Schulen nach dem Jena-Plan", Weimar 1934 - (das von der Universitätsbibliothek entliehene Buch stand früher in der Erzieher Akademie der Adolf-Hitler Schulen) - schreibt Petersen vom gradlinigen Aufsteigen des Jena-Plans aus der deutschen Bewegung der "Neuen Erziehung": "Diese begann in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als 'Schulreform', um die deutsche Schule, eine 'deutsche Lebensschule zu erreichen. Hinter uns liegt also ein zähes, opfervolles Ringen völkischer Vorkämpfer für eine wahrhaft deutsche Schule ....... "

 

 

 

Als das Entscheidende sieht Petersen an die "Durchformung des Gemeinschaftslebens als des besten Quells und Antriebs für Charakterbildung und Lernarbeit …"

 

 

 

Petersens Pädagogik hat eine "Volkstheoretische Grundlegung": "Die dem Jena-Plan zugrunde liegende Padagogik ist eine erziehungswissenschaftliche Disziplin, die Erziehungswissenschaft aber, auf welche sie sich stützt, das erste System, welches auf einer Volkstheorie ruht … Alsdann stellen sich Schulen dar als Zellen von volksbildender Kraft und sind nicht mehr nur Veranstaltungen zur Unterrichtung des völkischen Nachwuchses in allerlei Wissenswertem und in Fertigkeiten ... so muss eine wahre Volksschule in ihrem Rahmen diese oberste Lebensgemeinschaft des Menschen im Kleinen darstellen. Nur dann wird sie 'Schule zur Volksgemeinschaft' sein und Schule unserer Epoche werden."

 

 

 

Auch die körperlichen Schädigungen (Bewegungsarmut die durch die alte Lernschule bedingt seien, erfahren bei Petersen eine 'volkstheoretische Grundlegung': "Ist Volk eine Wirklichkeit, so wendet sich mein Sinnen sofort in ganz anderer Weise auch der Substanz zu, welche das Volk tragt. Ich blicke auf das Körperliche im vollen Bewusstsein, dass es der Träger des Seelischen und Geistigen ist ... damit werden die physiologischen und biologischen Betrachtungen zu einer Angelegenheit ersten Ranges auch für den Pädagogen.“

 

 

 

Er erkennt, wie in erschreckendem Maße die überlieferte Schule die Gesundheit der Schüler schädigt ---- so waren unsere Erziehungswissenschaft und Pädagogik offen für alle zuträglichen Forderungen der Hygiene, Eugenik, Rassenlehre und Erbwissenschaft von jeher."

 

 

 

An anderer Stelle führt Petersen aus: "Denn es geht schon bei der Frage der Gesundheit um weit mehr und um Ernsteres als um 'Turnstunden', und zu meinen, man löse diese Dinge auf dem Wege der 'täglichen Turnstunde', wird in dieselbe Sackgasse fuhren, wie nach 192o, wo das gleiche Allheilmittel bereits angepriesen und von Fanatikern versucht wurde, um zu scheitern. Die Schule lerne heute u.a. in diesem Punkte von der HJ und der SA. Die Losung sehe ich in der Richtung eines Massenspiels der Schuljugend Jahnscher Art, zur Erziehung 'tummeliger Kerle, angewandt auf unsere Verhältnisse und verbessert durch unsere Einsichten und vermehrten Kenntnisse von Spiel und Bewegung seit der Bewegung zur Pflege volkstümlicher Spiele und Leibesübungen über Rhythmik und Gymnastik bis zu den Formen neueren Wehrsports im Gelände."

 

 

 

Für eine zehnjährige allgemeine Volks-Schule nach dem Jena-Plan bringt Petersen Argumente, die uns heute wohl kaum bekannt sind und sicherlich dem widersprechen, was wir als reformpädagogische Ansätze betrachten: "Alle Versuche haben darüber belehrt, das in solcher Schulform die alten Schulforderungen wie Auslese der Tüchtigen, nationale Einheitsschule, soweit gelöst sind, als sie überhaupt mit, organisatorischen Mitteln zu lösen sind. Wir kommen auch auf keine andere Weise zu einer höheren Schule, die wirklich Eliteschule ist. Gerade wer von den

 

 

 

Wörter und Begriffe, die wir gerne verdrängen:
Wehrsport, Auslese, Volkssturm, Rassenlehre, Erbwissenschaft, Eugenik, Gefolge, völkische Vorkämpfer, E. Krieck, wahrhaft deutsche Schule, Aufnordung, Volkheit des Dritten Reiches, Durchformung, Erbbedingtheit, Führer, Minderwertigkeit, Eliteschule, Schule zur Volksgemeinschaft, Volksgut, Autorität der Sitte, Höhere Schule, Volksdienst, gesund empfinden, Ordnung und Autorität.

 

 

 

'Naturgrenzen' geistiger Bildung überzeugt ist, muss eine Schulorganisation verlangen, welche die größtmögliche Sicherheit für eine richtige Einschulung auf der 'Höheren Schule' gibt, und das ist, wie die Erfahrungen in Jena gezeigt haben, in einer zehnjährigen Schule unbedingt der Fall."

 

 

 

Als "der unerlässliche Rahmen für die Charakterentwicklung" führt Petersen aus: "Aus drei Bezirken erheben sich autoritative Bedingungen im Sinne des Gesetzes; zu unterscheiden als die 'Autorität der Institutionen' wie sie der so oder so gegebene Schulraum, die Schülerzahl, die Richtlinien usw. setzt, die 'Autorität der Arbeitsbedingungen', das Ordnung, Pünktlichkeit, Sorgfalt in der Behandlung der Arbeitsmittel, Fleiß, Ausdauer, Aufmerksamkeit usf. Dinge sind über die es nicht zweierlei Meinung geben kann ... dazu die 'Autorität der Sitte', ihr ortsüblicher Umgangs- und Verkehrston u. dgl. m."

 

 

 

Dagegen werden Schülerparlament, Schülergericht u.a.m. als "Spielerei", als "törichte Formen" angesehen, da sie den Schülern nicht die volle Verantwortung soweit sie ihm "jeweils zugemutet werden kann" ermögliche. Denn - und hier kommt ganz stark das 'Führerprinzip' durch; "Die gesund empfindende Schülerschaft will Ordnung und Autorität ... das bedeutet, sie verlangt nach dem Führer.“

 

 

 

Und der Jena - Plan setzt von seinem ersten Beginn auf den Lehrer als den Führer seiner Gruppe.“

 

 

 

Diese soll sich wie ein Gefolge um den Gruppenleiter entfalten. Diese um ihren Führer gescharte Gefolgsgemeinschaft ordnet innerhalb ihres Raumes, der 'Schulwohnstube', alle Fragen des Zusammenlebens …"

 

 

 

Alleine schon die Terminologie lässt Petersen als Wegbereiter einer 'nationalsozialistischen Einheitsschule' erscheinen.

 

 

 

Selbstbestimmung? Erziehung zur Kritikfähigkeit? Erkennen und Verbessern der eigenen Lage? Aufgreifen gesellschaftlicher Probleme? - bei Petersens Erziehung für und durch die Volksgemeinschaft habe ich solche Vorstellungen bisher nicht finden können.

 

 

 

Freiarbeit, Wochenplan u.a. laufen auf Zielsetzungen hinaus, die auch früher schon von fortschrittlichen Kräften abgelehnt worden sind.

 

 

 

Eine engere Verbindung zwischen Leben und Schule stand im Mittelpunkt reformpädagogischer Bemühungen.

 

 

 

Aber unter dem Vorzeichen von Petersen?

 

 

 

"Immer sind es also wirkliche Aufgaben , aus dem Leben der Schüler oder der Schule oder der Volksgemeinschaft des Ortes, des Vaterlandes aufgegeben, an denen sich der Charakter zu bewahren hat."

 

 

 

Das sich Petersen auf Ernst Krieck, führender Rasse - und Zuchtideologe der Nationalsozialisten, beruft, passt ganz ins Bild der bisherigen Ausführungen: "Das auch Ernst Krieck die Jahrgangsklasse abgeschafft wissen will, ist ja aus seiner 'National-politischen Erziehung' seit 1932 Gemeingut aller Lehrer geworden."

 

 

 

Sein Eintreten für ein System jahrgangsübergreifender Lerngruppen verbindet Petersen mit Kritik an der Arbeitsschule, wobei er lediglich den Aspekt der Leistung anspricht: "Alles was bisher vom Methodischen her versucht worden ist, angefangen von der Arbeitsschulbewegung bis zum Gesamtunterricht ... hat keine besseren 'Leistungen' und Endergebnisse gebracht als das alte klassenunterrichtliche Verfahren."

 

 

 

Den Vorteil seines klassenübergreifenden Systems beschreibt Petersen wie folgt:

 

Und diese Führer züchtende Kraft des Gruppensystems haben wir überall beobachten und schätzen können.

 

 

 

Zum Thema 'individuale Strukturen' beruft sich Petersen auf Protagonisten 'erbbiologischer Forschung': "Alois Fischer als Vertreter einer rein 'psychischen Konstitutionsforschung' findet die Übungsfähigkeit erbmäßig bestimmt; Kroh und seine Schüler wissen die Erbbedingtheit in Farb – und Formeindrücken nach; die Zwillingsforschung macht die erbliche Bedingtheit sozialer und sittlicher Eigenschaften sehr wahrscheinlich. Das dasselbe von der musikalischen Begabung, selbst von den schulischen Leistungen gilt, ist schon langer bekannt."

 

 

 

Und Petersen fügt selbst hinzu "Zu diesen Konstanten kommt diejenige der Intelligenz... Im Schulanfänger wird uns ein Kind zugeführt, das in allen wesentlichen Stücken fest geworden ist."

 

 

 

Kein Wort von unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen, denen auch zu Petersens Zeit von anderen Pädagogen eine bedeutende Rolle zugeschrieben wurde.

 

 

 

Grundlage der Individualisierung Petersens ist die Erbwissenschaft und Eugenik (Lehre von der Verbesserung des biologischen Erbgutes): "Die Pädagogik muss voll übernehmen, was auch Erbwissenschaft und Eugenik sie lehren: Alle Erziehung kann nur individuelle Erziehung sein."

 

 

 

Wenn alle bisherigen Aussagen lediglich als Anbiederung an das damals herrschende Nazi-System gedeutet werden konnten und den Zweck gehabt hatten, seine Pädagogik weiterführen zu können, dann hatte Petersen sich wohl nur geschickt verkauft – allein mir fehlt der Glaube!

 

 

 

M.E. brauchten ihm nicht erst die Nazi-Begriffe wie 'Volksgemeinschaft' u.a. angedient werden. Die Ausführungen der nach Petersen arbeitenden Lehrer schließen sich ideologisch gesehen den bisher gebrachten Zitaten an.

 

 

 

So schreibt E. Thomaschewski in seinem Arbeitsbericht 'Hilfsschule und Jena-Plan':

 

"Wenn in unserm zukünftigen Staate die Aufnordung beginnt, die alles Faule abstößt und die Quellen der Minderwertigkeit im Sinne der Erbuntüchtigkeit verstopft, also praktisch die Zahl der Hilfsschüler auf Fälle erworbenen Schwachsinns ... vermindert, durfte die Form der Hilfsschule von selbst eine wesentlich andere werden."

 

 

 

Auch die folgenden Zitate sind Petersens o.a. Buch entnommen.

 

 

 

Thomaschewski fährt fort: "Ich bejahe bewusst und willig den Dienst an den Familien als meinen Volksdienst ---- damit nach einem Worte Petersens, die junge Generation organisch in ihr Volkstum hineinwachse, sich schicksalhaft mit ihm verbunden fühle." - was dann ja auch bald grausame Wirklichkeit werden sollte.

 

 

 

Ein Herr Vahle schreibt: "Nach der nationalsozialistischen Revolution war mir klar, das der neue Staat auch eine anders geartete Schule haben musste. Eine Schulreform musste kommen ----und durch die anschließende 'Pädagogische Woche' in Jena mit dem nötigen Rüstzeug ausgestattet, ging ich in Varl an eine Schulreform, um zu einer dorfeigenen Schule im Sinne des nationalsozialistischen Staates zu kommen. Zunächst wurde die Dorfgemeinde mit der Schulreform bekanntgemacht. Sie bejahte im allgemeinen die Umformung der Schule, die die Kinder erziehen will zur echten Volksgemeinschaft im Sinne unseres Führers Adolf Hitlers."

 

 

 

Da konnte Herr Petersen ja stolz sein: seine Saat ging offensichtlich auf, seine Anregungen fielen auf fruchtbaren Boden – erstaunlicherweise auch noch in der Nachkriegszeit und selbst bei Leuten, die nach Freinet arbeiten.

 

 

 

Über die Umgestaltung des Schullebens äußert sich ein W. Schwier: "Damit ist in der 'freien allge-meinen Volksschule' jene Erziehung gewährleistet, die das Kind als deutschen Menschen in die Volkheit des Dritten Reiches hineinstellen will."

 

 

 

Eine letzte Kostprobe Petersenschen Gedankengutes soll uns Hans Pieper (deutscher Gestapo-beamter und SS-Führer) liefern:

 

"Alle guten Charaktereigenschaften, die dem Kinde im gesunden Volkskörper einmal einen inneren Halt geben können, sind hier zu Haus, als da sind: Freundschaft, Kameradschaft, Führerschaft - Wer wollte sie im nationalsozialistischen Staat missen? Wohl keiner! Darum ist sie auch die Schule, die der neuen nationalsozialistischen Weltanschauung von allen Arten am nächsten kommt. Möge sie schon bald die Erziehungsstätte und das Gemeingut des ganzen deutschen Volkes werden."

 

 

 

Deutlicher geht's wohl kaum! Oder haben seine Epigonen den großen Meister vielleicht nur missverstanden? - Warum hatte er sie dann im 3.Teil seines Jena – Planes zu Worte kommen lassen sollen?!