Walter Hövel
Hier kannst du immer raus!
Das Schulgelände der Grundschule Harmonie als Teil des Lernkonzepts

 

Die Grundschule Harmonie war bei ihrer Gründung im Jahre 1996 umgeben von einer platten Wiese im Norden und Osten, einem asphaltiertem Schulhof im Süden und einem kleinen begrasten Hügel hin zur Straße im Westen.

Der Architekt Guido Casper[1] hatte ein wunderbares Schulgebäude mitten in ein „Niemandsland“ gesetzt, umgeben von Kuhweiden, die heute ringsherum mit Neubauten zugesetzt sind.

Alle elf Unterrichtsräume des Bungalowgebäudes haben einen eigenen Ausgang nach draußen. Dem Architekten war in seiner Studienzeit Hugo Kükelhaus[2] begegnet. So baute er ein Gebäude aus Holz, Beton und Glas, nicht einer Fabrik ähnlich, sondern als Haus offen zur Welt.

Auf der östlichen Seite wurde beim Neubau ein riesiges, mehrere Meter tiefes Loch gefüllt. Es machte den größten Teil des mehrere Tausend Quadratmeter umfassenden Schulgeländes aus. Unmengen von Erde wurden angefüllt und mit Raupenfahrzeugen verfestigt. So entstand eine Grasfläche, die bei Trockenheit hart wie Beton war und sich bei Regen in eine Matschwüste verwandelte.

Die Erbauer lobten sich, dass sie beim Bau der Schule 400.000 DM gespart hatten. Ein „Schulgelände“ hatten sie nicht im Visier. Eine Asphaltfläche, wie Schulen schon immer hatten, sollte auf der südlichen Seite reichen.

In der Schule selber entwickelten Thomas Stahl, Walter Hövel und das Kollegium einen Plan zur Gestaltung eines Geländes, das zum offenen, modernen Konzept der Schule gehören sollte. Ihnen schwebte vor, der Schule die Umgebung zu bieten, die eine Verkehrs-Konsum-Mediengesellschaft und eine gewöhnliche Lernanstalt den Kindern nicht mehr bieten konnte.

Wenn in unserem Land bis 1970 noch die Mehrheit der Kinder auf der Straße, früher in Stadt, Dorf und Natur aufgewachsen war, war die Orientierung der Kinder auf Medien, schulische Ausbildung und das „Zuhause“ bereits im vollen Gange.

Die Grundschule Harmonie wollte ein ganzheitliches Lernkonzept. Zu diesem gehörte der Gedanke, dass wenn viele Eltern und zunehmend die Gesellschaft den Kindern immer weniger Raum und Zeit gab, außerhalb der Schule zu lernen, was sie zum Lernen in der Schule brauchten, ihnen genau das in der Schule zu bieten.

Henning Schüler, der in dieser Zeit an der Uni Siegen arbeitete und den das Kollegium zur Fortbildung „Draußen lernen“ 1998 besuchte, formulierte fünf Jahre später im Jahre 2003, „Die Kinder haben das im Überfluss…, was sie vom Lernen abhält, aber ihnen fehlt, was sie zum Lernen brauchen. Die Voraussetzungen auf die Kinder angewiesen sind, um ihre Schullaufbahn zu meistern, erlangen sie oft nicht mehr außerhalb der Schule. Somit müssen diese Voraussetzungen zunehmend von Seiten der Schule geschaffen werden.“[3]

Wir hatten unter anderem ein Buch eines Kinder- und Jugendpsychologen[4] gelesen, der beschrieb warum „Huckleberry Finn nicht süchtig wurde“. Bei uns wuchs der Gedanke um die Schule eine offene Naturerlebnislandschaft zu gestalten, die das bot, was früher „natürlich“ in den Kinderleben auftauchte, heute nur noch in Fernseh- oder Computerbildern. Wir begannen seit 1996 das in unser Lernkonzept real einzubauen, was Kinder, was Menschen immer brauchen werden: den eigenen Kontakt zur Welt, das eigene Naturerleben, das Eigenerleben in selbst gestalteter menschlicher Lern- und Lebensgemeinschaft.

Viele verstanden überhaupt nicht, was diese Spinner[5] da wollten. Das-kostet-doch-Geld-Argument wurde schon damals gegen Dinge eingesetzt, die „man“ nicht wollte oder nicht verstand.

Wir legten einen Plan vor, der nachwies, dass alle (!) Kosten selbst finanziert werden, dass wir der Gemeinde etwas hinstellen, für was sie nichts bezahlen muss.[6] Wir kosteten nicht, wie ein ähnliches, wenn auch kleineres Projekt im benachbarten Ginsterweg, der Gemeinde alleine durch den Planungsentwurf 17.000 DM.

Besonders prekär war, dass direkt an das Schulgrundstück eine gesetzlich vorgeschriebene „Ausgleichsfläche“ ausgewiesen wurde, die nicht bebaut werden darf. Wir erhoben im Namen der Kinder und unseres Lernkonzepts Anspruch auf diese Fläche!

Ich weiß selbst nicht mehr, wie wir diese Aktion überhaupt starten konnten. Ich glaube wir haben einem mutigen Bauhofleiter und einem ebenso mutigen Mitarbeiter des Bauamtes der Gemeinde zu verdanken, dass am Samstag, den 25.April 1998 ein Bagger und eine Raupe mit Bedienungspersonal der Gemeinde dastanden und mitmachten. Über hundert Kinder, Eltern, Lehrinnen und Lehrer und Nachbarn kamen und gestalteten die ehemals platte Wiese und die kahlen Hänge zu einem Huckleberry-Finn-Schulgelände.

Thomas Stahl und viele, sehr viele andere Helfer hatten Pflanzgut, Sand, Lavaasche, Holz, Werkzeuge, Bauholz, und vieles anderes organisiert. Wir schafften es in nur einem Tag das Gelände anzulegen, wie es heute, 2015, noch immer existiert.

Da entstand ein Tümpel, ein riesengroßer Sandkasten, ein Krabbelröhre, eine Holzfestung, der dunkle Gang, ein Fußballfeld, Verstecke, Wege, Brücken, Balanciergelegenheiten, kleine Hügel, eine Hütte, Beete, und was sonst noch.

Jeder Baum, jeder Strauch, der dort heute wächst, wurde von den Kindern und ihren Erwachsenen gepflanzt (und verteidigt). Jeder Weg wurde gemulcht, große Steine wurden gelegt, Kiesbette angelegt…

Gebaut wurde nach einem groben Rahmenkonzept, ausgeführt wurde alles von kleinen Gruppen, bestehend aus Kindern und Erwachsenen, in eigener Verantwortung.

Alleine dieses Organisationsprinzip trieb recht viele Leute in der Gemeinde an den Rand des Wahnsinns. Dies widersprach aller Planungs- und Umsetzungserfahrung der kommunalen Mehrheit. Umso ungläubiger starrte man das Ergebnis an! Hatten einige noch stillgehalten, „weil das ja eh nichts gibt“, sah man sich nun einem mehrere hundert Quadratmeter großem „Schul- und Lerngelände“ gegenüber, das gar nicht hätte entstehen sollen.

Einige Zeit später war für einige die Stunde der Revanche gekommen. Der gleiche Lehrer, der maßgeblich an der Errichtung des Geländes beteiligt war, ging mit seiner Klasse zu einer nahe gelegenen 30 Jahre alten Buchenhecke, die einem Straßenausbau weichen sollte. Die Kinder organisierten eine Demonstration an Ort und Stelle und auch die Presse war zur Stelle.

Und jetzt tönten sie: Das ist das Einspannen von Kindern vor einen politischen Karren! Das ist gegen Sitte, Anstand, Schulgesetz, und, und, und.

Wir mischten uns nicht in diesen Streit ein! Wir schwiegen. Nach einigen Wochen, - die kommunalen und politischen Verstimmtheiten der Gemeinde hatten nicht aufgehört ihre Kampagne fortzusetzten, kippte die öffentliche Meinung. Es begann mit einem mutigen Kommentar vom Reporter Josef Röhrig im Kölner Stadtanzeiger. Er sagte, was wir wussten. Diese Schule hat nichts anderes getan als umzusetzen, was in Lehrplänen und Richtlinien steht. Sie hatten nicht nur zur Umwelterziehung[7] der Kinder beigetragen, sondern auch im Sinne einer demokratischen Gesellschaft die freie Meinungsäußerung von Kindern im eigenen Lernprozess unterstützt.

Ein lokaler Unternehmer, dessen Enkel an unserer Schule war, brachte alle Buchen, die aus der Beseitigung der Hecke, - die durchgezogen wurde,-  gerettet werden konnten, zur Schule. Wir gruben sie ein. So gibt es heute vier wunderbare Baumkreise auf der oberen südlichen Seite der Schule.

Unsere größte Belohnung für unser Engagement in die Gegenwart und Zukunft der Kinder erhielten wir vom Rhein-Sieg-Kreis. Im Jahre 2000 wurden wir mit dem Umweltpreis des Kreises ausgezeichnet. Dieser war nicht speziell für Schulen ausgeschrieben, sondern galt für alle Projekte unserer eine Million Seelen umfassenden Heimat. Bei der Laudatio verkündete der damalige Landrat Kühn ausdrücklich, dass wir diese Auszeichnung auch deshalb bekamen, weil wir sie „gegen den Widerstand der eigenen Gemeinde durchgesetzt hatten“.

 

Einige Menschen in Eitorf, bis in die Parteien und in die Verwaltung dämmerte, dass da etwas „Richtiges“ entstanden war.  Andere „Kräfte“ betrieben noch intensiver die Denunzierung unseres pädagogischen Konzepts. Sie sind heute immer noch aktiv, wenn die Grundschule Harmonie verschwinden soll, etwas, was sie seit der Gründung der Schule als Ziel geschworen hatten.

Das Schulgelände der Grundschule Harmonie wurde von nun an jedes (!) Jahr mit einer großen Aktion von Erwachsenen und Kindern in Stand gehalten und stetig erweitert. Jedes Mal kam etwas hinzu, mal Hochbeete, mal ein zweiter Sandkasten, mal ein DFB-Fußballfeld, mal Kükelhausspiralen ...

Einiges fiel immer wieder dem Vandalismus von jugendlichen Mitbürgern zum Opfer. Zum Schutz des Geländes wurde nichts Erfolgreiches unternommen. Trotzdem wurde das Gelände immer wieder von den Menschen der Schule repariert. Trotzdem gab es Jugendliche der Nachbarschaft, die sogar bei diesen jährlichen Aktionen mitmachten. Trotzdem blieb dieses Gelände nicht nur bestehen, sondern wurde – uneingezäumt, wie es geplant war – zum Treffpunkt von Kindern, Jugendlichen und Familien auch außerhalb der Schulzeit.

Teile der Gemeinde wechselten zu unseren Gunsten, andere, wie die Leitung des Bauhofs, zu unseren Ungunsten. Bauhofangehörige unternahmen immer wieder Aktionen wie die Sägeeinsätze im Gelände, besonders gerne im „Verbotenen Wald“[8]. Sie traten frech und übertrieben selbstbewusst auf und beriefen sich auf ihre Verantwortung für die Sicherheit auf Spielflächen und darauf, dass es sich schließlich nicht um das Schulgelände, sondern die „Gemeindeausgleichsfläche“ handle. Als sie während (!) einer Schulpause begannen Bäume umzusägen, hinderten die Kinder sie durch ihren direkten Körpereinsatz daran. Sie kamen wieder als die Kinder weg waren.

Solch ein Vorgehen von Ordnungs- und anderen Ämtern bis hin zum Absägen von Bäumen schildert Andreas Weber  2010 in der GEO Heft 8. Er schreibt u.a. über das Amtsdenken in ähnlichen Situationen in unserem Land: „Zwei Fraktionen (hatten) sich gebildet, die eine für die Kinder und die andere fürs Prinzip. Das Prinzip hatte gewonnen.“[9]

Aber es war nicht nur jugendlicher oder amtlicher Vandalismus. Auch unsere Eltern schnitten bei den jährlichen Aktionen gerne „etwas Gefährliches“ weg, „schlecht Aussehendes“ ab oder „schlecht Einsehbares“ runter. Sie hatten eher ein inneres Bild von einem „Park“ als einem Gelände, das ihren Kindern die Chance gab, unbeobachtet und wild eigene Erfahrungen in Leben und Lernen sammeln zu können.

Welche eine Freude ist es da erleben zu können, dass die große Mehrheit der Eltern dieses Gelände immer als Teil des Gesamtkonzepts der Schule verstanden hat. Welch eine Freude ist es, zu sehen, wie die Kinder eine solche Umgebung annehmen, um sie zu benutzen und zu erhalten.

Wenn die Zahl der erfolgreichen lernenden Kinder an der Grundschule Harmonie seit ihren frühen Jahren so erfolgreich war, so ist dies auch ein Verdienst eines anderen Denkens mit und über das Schulgelände hinaus.

Unter diesem Aspekt sind die heutigen Schulgelände im Westen Eitorfs an der Peter-Patt-, und im Zentrum an der Eitorfer Grundschule eine weitere Freude. Sie sehen – wie auch andernorts – wie  

„Nachfolger“ unseres Konzepts aus. Doch der entscheidende Unterschied bleibt. An den genannten Schulen wird das Schulgelände als Lernstressentlastungsraum in den Pausenzeiten genutzt.

In Harmonie sind die Kinder zu jeder Zeit im Gelände.  Sie entscheiden am gesamten Morgen, wo sie lernen, in der Klasse, im Flur, im Forum, in einem anderen Raum oder eben im Schulgelände. Das Gelände ist als Teil des Schulbereichs immer - auch beaufsichtigter - Lernbereich.

Richtige Konzepte setzen sich durch, selbst wenn ihre Pioniererscheinungen oft wegen zu frühen und kontroversen Entstehens in Frage gestellt und oft bis zur Zerstörung angegriffen werden.

Es lohnt sich nicht nur das Gelände um die Grundschule Harmonie zu erhalten, sondern mit ihm die Idee eines anderen Lernens für die kommenden Kindergenerationen zu übernehmen und die dazu gehörigen Lernkonzepte zu verstehen.

 



[1] „Lernräume Aktuell“ ist eine Beispielsammlung der Montagstiftung für gelungene pädagogische Architektur: http://www.lernraeume-aktuell.de/einrichtungen/gs-harmonie.html

[2] Hugo Kükelhaus.Unmenschliche Architektur. Gaia. Köln 1973

[3]Henning Schüler 2003. zitiert nach Anna-Lena Wohlgemut. Naturerfahrungen am Beispiel der Wildnispädagogik. Bremen 2015. S.22

[4] Eckard Schiffer. "Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde". Beltz.11.Auflage 2014

[5] Damals noch weit verbreitete Bezeichnung von Lehrkräften der Grundschule Harmonie

[6] Wir schlossen durch Sach- und Geldspenden die Bauaktion mit einem Plus von 3000 Euro ab

[7] Ein Lieblingsthema des damaligen Beigeordneten

[8] Im Südosten ist auf einer ehemaligen Obstwiese ein Wald ähnliches Areal entstanden, das die Kinder in Anlehnung an Harry Potter liebevoll den „Verbotenen Wald“ nennen.

[9]Andreas Weber. Mehr Matsch! Kinder brauchen die Natur! Ullstein 2011.