Nothing you can sing that can't be sung
There's nothing you can do that can't be done
John Lennon & Paul McCartney

 

Walter Hövel
Bedeutende Pädagoginnen und Pädagogen
Gedanken zur Verbesserung des Lernens

 

Eigentlich sollte dies ein kurzer Artikel werden. Er sollte ein paar Reformpädagog*innen nennen, deren Namen ich in meinen Seminaren erwähne. Aber es wurde mehr.

 

Nach 1980 wurden Pädagoginnen und Pädagogen aus der Bildung von Lehrer*innen zurückgedrängt. Begriffe wie Heterogenität, Nachhaltigkeit, Fördern, Diversität, Bindung, Classroommanagement, Vernetzung, Fachdidaktik, Schulentwicklung oder Inklusion bestimmen mehr und mehr die Aus- und Weiterbildung.

 

2018 sind es in der EU „soziale Integration, Unterstützung der Lehrerbildung, Mehrsprachigkeit im Klassenzimmer, Digitalisierung, Weiterbildung für Erwachsene, Förderungen innovativer Unterrichtsformen, Lehrlingsausbildung, Online-Learning“[1]

Vielleicht sind es auch andere Berufszweige, die andere Namen ins Spiel bringen. Da werden Hirnforscher a la Spitzer und Hüther, Kinderärzte wie Largo und Renz-Polster oder Therapeuten wie Juul und Winterhoff immer wichtiger.

 

Vielleicht ist es ein Zeichen der Komplexität und der Zeitveränderung. Bildung ist eine zentrale gesellschaftliche Größe geworden. Die Taten von ein paar genialen oder verändernden Menschen reichen nicht mehr, um das gesamte Feld der Pädagogik zu überblicken, zu verstehen oder gar zu verändern.

 

Vielleicht ist es auch eine jener gesellschaftlichen Pendelbewegungen. Nachdem zu lange eine Seite extrem bevorzugt wurde, schlägt das Pendel gerne, auch einmal populistisch, zur anderen Seite aus. Wenn die Gesellschaft versteht, dass sie nicht nur interdisziplinär „fächerübergreifend“, sondern ganzheitlich systemisch denken muss, gehen viele neue Aktivitäten in die Richtung verändernder Leitbegriffe. Beispiele, Projekte, Ideen und Knowhow hierzu werden dann gesucht.

 

Dagegen spricht, dass es heute allmählich deutlich wird, dass eine neue Haltung auch in Handlung umgesetzt werden muss. Dazu brauchen wir „Erneuerer“. Es braucht Menschen, die das neu Gedachte und Gesprochene in die Realität unseres Alltagslebens bringen. Und da lohnt sich wieder ein historischer Blick auf alte und gegenwärtige Erneuerer.

 

Mit „Hattie“ wurde nochmals oder wieder ein Name gefunden. Aber er verblasste aufgrund kaum vorhandener Eigenleistung und dem Versuch der Inanspruchnahme durch andere durch unpädagogische Ziele.

 

Zukunft braucht zur Integration der Auseinandersetzungen auch und neu eine Inklusion der demokratischen Gemeinsamkeiten. Vielleicht entstehen dann wieder neue Begriffe wie „die Heirat verschiedener Richtungen“ als „Marriage“, das „Back to Crucial Curriculum Learning“, die Entdeckung der Schnittstellen wie etwa der Ästhetik und der Menschenrechte  oder doch noch die Entdeckung des Lerners im „Fieldbook of Learning“.

 

In meinen Seminaren erinnere ich als Dozent bewusst an jene Inhalte, die mit Namen von Pädagogen, aber auch anderen Menschen verbunden sind. Eine Studentin sagte einmal „Es ist gut zu wissen, dass einige Menschen schon einige meiner Probleme lösten. Ich muss nicht alles neu denken“.

 

Ich würde ergänzen: Um neu zu denken und zu handeln, sollte man die eigene persönliche und gesellschaftlich historische Vergangenheit und Gegenwart kennen.


Zuerst erschuf Gott die Dummköpfe. Das tat er zur Übung. Dann erschuf er die Schulbehörde.
Mark Twain

 

Alleine die staatliche „Bildung“ ist ein riesiger Apparat!

 

„Die Pädagogik“, das sind bei weitem nicht nur Familie und Gesellschaft oder die einzelnen Abteilungen des Überbegriffs Schule, wie Kindergarten, Grundschule, Volksschule und dann über 20 verschiedene Schulformen unter Führung der Gymnasien und Berufsschulen. Auch das „ewige“ Zukunftsmodell Gesamtschule ist zu nennen. Leider geht es hierbei weniger um das Lernen der Menschen, als um die staatliche Erziehung der eigenen Untertanen in einen verbesserten Unterricht. Es geht um Soft“reformen“ a la Mittel- oder Sekundarschulen, die eher Vorhandenes erhalten.

 

Es gibt zudem die vielen Universitäten, Hochschulen und Fachschulen, die einen riesigen staatlichen und privaten Bereich der wissenschaftlichen und beruflichen Bildung umfassen.

 

Es gibt darin die „Aus“Bildung der Lehrerinnen und Lehrer in verschiedensten Studiengängen, in der staatlichen und privaten zweiten Phase der Lehrer*innenbildung, als auch ihre staatliche und nicht zu unterschätzende halb- oder vollprivatliche Weiter- und Fortbildung. Mit der Schulbuchindustrie, den Stiftungen und privatwirtschaftlichen- staatlichen Kooperationen sind alle großen und mittleren Industrien an der Bildung der Lehrkräfte beteiligt. Dies sind nicht nur Klett, Bertelsmann und Cornelsen, es sind alle Banken und Sparkassen und alle Firmen wie Bayer Leverkusen, Siemens, Bosch, Facebook oder Mercedes.

 

How do we make teachers see learning through the eyes of the students  ... and get students to see themselves as their own teachers?"
John Hattie

 

Schauen wir kurz auf die „Aus“-bildungen der Lehrkräfte in verschiedenen Studiengängen, verschiedenen Fakultäten, bei verschiedener Bezahlung!!! Es gibt eine Erste Phase, die in Bachelor- und Masterstudiengängen verschiedenster Hochschulen und den verschiedenen „Praxis“ anbietenden Schulen aufgeteilt ist. Es gibt eine Zweite Ausbildungsphase in den Händen einer staatlichen Lehrer*innenbildung, unabhängig von den Hochschulen, in Kooperation mit den verschiedenen über 30 Schulen. Dann folgt die „Dritte Ausbildung“ in den Händen des Alltags der Schulen und zunehmend in den Händen der privaten und staatlichen Fortbildungsindustrie. Zwischendurch bieten dir auf allen diesen Ebenen „Erasmus“, „Comenius“ oder andere Programme die Chance das Lernen in anderen Ländern der Erde kennenzulernen.

 

Das Kind ist unser bevorzugter „Untertan“. Es wurde gezwungen, die Überwältigung seiner eigenen Würde als „Gerechtigkeit“ zu erleben.
Alexander Mitscherlich

 

Damit sind noch lange nicht alle Teile des „Bildungsapparats“ aufgezählt. Es folgen die Schulverwaltungen. Jede Kommune (!) in Deutschland hat ihr eigenes Schulamt mit pädagogisch in der Regel ungebildetem Personal. Nur größere Kommunen erlauben sich in äußersten Ausnahmefällen die Abwerbung qualifizierter Kräfte. Es gibt die Schulämter der mittleren Schulaufsicht für die Grund- und Hauptschulen, die Förder- und Sonderschulen und die privaten Schulen. Es gibt in jedem der 16 Bundesländer mehrere Schulämter, die in Bezirksregierungen oder Landesschulämter untergebracht sind.

 

Last but not least gibt es in jedem Bundesland nochmals mehrere Landesministerien, die getrennt voneinander für Kindergärten, Schulen und Universitäten zuständig sind. Seit einigen Jahren haben dann noch Privatfirmen die Diagnose, Planung und Abwicklung der „Offenen“ Ganztagsschulen übernommen. Den deutschen Regierungen sind echte Ganztagsschulen, wie überall in der Welt üblich, zu „teuer“. Fragen der Inklusion z.B., werden Firmen und der „Kraft des Faktischen“ überlassen.

 

Etwa ein Inklusionsprozess wird „angehalten“. „Die Politik“ scheitert an der faktischen Kraft der Existenz eines gegliederten Schulsystems an der Umsetzung der eigenen Unterschrift bei der UNO.

 

Alle öffentlichen Schulen sind auf die mittelmäßigen Naturen eingerichtet
Friedrich Wilhelm Nietzsche

 

Zudem waren Lehrer*innen 25 bis 30 Jahre selber als Schüler*innen oder Student*innen an der Schule bevor sie Lehrer*innen wurden, - um bis zur Pensionierung weitere 30 bis 35 Jahre die Schulbank nicht zu verlassen. Wie wenige haben „echte“ Berufe oder Lebenssituationen erlebt?

 

Eine Maria Montessori, die Freinets, Viktor Frankl oder gar Augusto Boal gehören da nur noch in Zusatzausbildungen. Begegnungen mit dem Denken eines Lew Wygotsky, der Wilds, von Loris Malaguzzi oder John Dewey werden dem Zufall des Studienseminars oder den eigenen Studien überlassen.

 
Schulreform ohne Gesellschaftsreform ist ein Unding
Kurt Tucholsky

 

Ein ungelöstes Dilemma

 

Am Ende eines „erfüllten“ oder weniger befriedigendem Lehrer*Innenlebens gibt es keine Form des Auffangens der Erfahrungen der erfolgreichen Menschen mit und in Schule, Kindergarten und Gesellschaft. Alles wird darauf gesetzt, dass „das Wissen von selbst im System bleibt“. Welch eine Vergeudung von Ressourcen!

 

Einige Beispiele: Kennt man oder frau die Arbeit einer Schulrätin mit der Wirtschaft oder die pädagogische Arbeit einer ganzen Generation von Schulaufsichtsbeamten noch 40 Jahre später? Kennt die Bezirksregierung noch das Wirken von der eigenen Mitarbeiter, etwa im Sachunterricht, der Integration oder der QA? Kennt die Ministerin oder Schulleiter noch die Arbeit ihrer Vorgänger?

 

Du wirst heute wie damals nach oben befördert, wenn du eine Klasse führen konntest, eine Schule und einen Schulbezirk kurz geleitet hast. Es ist dein Zufall, was du über Schule, Bildung oder das Lernen weißt. Ein Studium der tausendfachen Erfahrung der Pädagogik fehlt.

 
Gleichwohl stößt die öffentliche Reformdebatte selten bis zum eigentlichen Problem, der hierarchischen Gliederung des Schulwesens in Deutschland, vor.
Professor Butterwegge

 

Es gibt Persönlichkeiten, die das Gesicht der Schule prägen

 

In der Pädagogik ist die Geschichte des menschlichen Lernens eher die Beschreibung einer Vorwärtsentwicklung zu mehr Qualität und Demokratisierung der Orte der Bildung, Familie, Kindergarten, Schule und weiteren Teilen der Gesellschaft. Hierbei halfen viele Denker, Psychologen, Ärzte, Künstler, Pädagogen, sogar, wenn auch mehr als selten vereinzelt Politiker. Die einen geben ihren Input um die Verwertbarkeit des „Humankapitals“ zu steigern, die anderen um die Menschenbildung zu verbessern. In der Pädagogik gehen beide Bemühungen oft in die gleiche Richtung.

 

Es gehört zum Doppelcharakter der Bildung zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse und der Verbesserung des menschlichen Denkens, dass immer wieder rückwärtsgewandte Menschen wie Petersen oder Hoernle bemüht werden.

 

Auffallend ist aber, dass die Mehrzahl der Pädagoginnen einen positiven Beitrag zum eigenen Verständnis der Menschen, zur Verbesserung des Verstehens des menschlichen Lernens und zur Weiterentwicklung der Bildung lieferte. Dann aber werden sie gerne zur historischen Person.
Andererseits pflegt die Mehrzahl der Juristen, Schulleitungen, Verwaltungsbeamten, Lehrer*innen und Bürokraten gerne das Gesicht der herrschenden Erziehung und Bildung. Schule wird aufrechterhalten.

 

Lernen findet trotzdem statt. Es ist anscheinend auch in seinem Trend zur veränderndem Demokratisierung nicht aufzuhalten. Es ist schon überraschend wie lernfähig und entwicklungsfähig die Menschen sind, obwohl die Erwachsenenwelt sich mit schlechter Erziehung und schlechter Schule so eine Mühe gibt.

 

Ich finde es wichtig in diesem Sinne in einer historischen Verbundenheit und Tradition zu leben. Ich kann Vorbilder brauchen, an die ich anknüpfen und mich selbst und vielleicht die historischen Verhältnisse weiter entwickeln kann.

 

Jedes Kind, das etwas taugt, wird mehr durch Auflehnung als durch Gehorsam lernen.
Peter Ustinov, englischer Schauspieler

 

Die Veränderung der Schule entsteht immer wieder außerhalb des staatlichen Bildungssystems

 

Gutes Lernen findet zweifelsfrei in der täglichen Schule statt. Eltern sagen dann, „mein Kind hatte Glück mit der Lehrerin, mit dem Lehrer“. Der Kern des Lernens, die Beziehung zwischen Menschen, scheint auch im staatlich-kühlen System zu funktionieren.

 

Sehr selten werden diese „guten“ Lehrkräfte bekannt. Gerne entledigt sich das staatliche System sich ihrer durch das tägliche Aufreiben in der Aufrechterhaltung des Systems Bildung. Die andere Möglichkeit ist sie im eigenen System „aufsteigen“ zu lassen. So werden sie der eigenen sich verbessernden Praxis entzogen. Sie übernehmen Schulleitungen, gehen in Bezirksregierungen und Ministerien. Dort leisten „im Großen“ nur wenige das, was sie vorher „im Kleinen“ leisteten.

 

Ein weiterer Grund für die Nichtattraktivität des „Schuldienstes“ ist die miserable bauliche, materielle und materiale Ausstattung staatlicher Schulen. Das Sparen ist das Prinzip des Sparens um möglichst hohe Profite für Firmen und Banken zu ermöglichen.

 

So ringt Schule mit sich selbst um eine Mindestqualifizierung die die Gesellschaft und die sie bestimmende Industrie und dem Einsparen auch im öffentlichen Sektor Bildung.

 

Bildung zum Erfolg wird der Familie, der bürgerlichen etablierten Familie überlassen, die Grundfinanzierung der Schule den ohnehin überschuldeten Kommunen. Diese werden so kurz gehalten, dass sie verarmt und von einer unflexiblen Bürokratie verwaltet sind.

 

Entsprechend sehen Schulgebäude wie Fabrik- und Verwaltungsgebäude aus. Sie sind kärglich eingerichtet und ohne Fantasie und gegen das Können der eigenen Architekten gebaut.

 

Die Ausbildung der Lehrer wird „billig“ gehalten, in unterfinanzierten Hochschulen und Lehrerseminaren. Gerne geben „reiche“ Menschen ihre Kinder an private Schulen einer besser finanzierten Ausbildung.

 

An dieser Stelle frage ich, warum „die staatlichen Schulen“ ihre Schulen nicht ändern, obwohl es in den reichen Ländern der Welt Geld ohne Ende gibt. Das Knowhow gibt es aus dem Heer der erfolgreichen alternativen Lernmodelle in der ganzen Welt. Die Frage muss erlaubt sein, dass es den Staaten mit ihrem Bildungsmonopol gar nicht zuerst um das Lernen geht. Schulen scheinen Herrschaftssysteme zu erhalten.

 

Die Unzahl der erfolgreicheren Schulen ist vielleicht sogar als Ventil der Hoffnung den konkret individuellen Ausweg aus dem Schmalspurlernen der Schulen bietet, um das Gesamtsystem der gesellschaftlichen Bildung und Ausbildung aufrechtzuerhalten.

 

Schließlich gibt es abertausende von Erzieher*innen und Lehrer*innen, die außerhalb der staatlichen Schulen ein bedeutendes Feld der Bildung bestellen. Vielleicht geht es in unseren Schulen nicht zuerst ums Lernen.

 

Es wäre töricht zu glauben, dass die in den kommenden Jahren erforderlichen Veränderungen
ohne grundlegende in der – individuellen wie kollektiven – Arbeitsweise von Institutionen möglich wäre
Peter M. Senge, US-Wissenschaftler

 

Das „zwingt“ „Freigeister“, „Versager“, „Aussteiger“ und „Querulanten“ ihr Leben in einer selbst geschaffenen Welt zu verbringen. Die Welt der alternativen Schulen und Pädagogik kennt kleinere Gehälter und größere Budgets für ihre Schulen. Gegen eine Montessori- oder Waldorfschule, gegen die Förderschule des Landschaftsverbandes Rheinland oder der Stadt Wolfsburg ist die staatliche Regelschule nebenan in der Regel ein Armenhaus.

 

Höchstens ein Zehntel der Veränderer kommt aus dem ärmlichen gestressten Milieu der staatlichen Schule. 9 von 10 Reformer der Bildung sind aus dem Teil der gerade einmal 6% der Schulen „in freier Trägerschaft“. Rechnet man hier die kirchlichen Träger und Einrichtungen der Superreichen runter, entsteht sogar ein Verhältnis von 1:95. Aus staatlichen Schulen kommen ein paar Reformer, aber wirklich realisiert werden Reformen außerhalb des offiziellen Systems!

 

Ist dies „gewollte Unfähigkeit“ oder „Langsamkeit“ oder kann der „kontrollierte Mensch“ nicht anders?

 

Auf lange Sicht war eine hierarchisch geordnete Gesellschaft nur auf einer Grundlage von Armut und Unbildung möglich
George Orwell, 1948 in 1984

 

Ein wenig Geschichte

 

Zuerst gab es in der Geschichte der Menschen wohl gar keine Schule. Die Gemeinschaft der Menschen war die Schule. Wissen, Können, Erkenntnisse und Fähigkeiten wurden an eigene Kinder, das Dorf oder „Zöglinge“ weitergegeben. Ohne Schrift geschah dies nur mündlich. Es gab Lieder, Geschichten, Bilder, Bauwerke, Theater und Tänze. Alles erzählend wurde alles in Versform weitergegeben. Jeder Mensch lernte innerhalb seiner Lebensgemeinschaft. Besondere Kenntnisse der Astronomie, der Bewässerung, des Agrarwesens, der Heilmittel oder Handelswege führten wohl allmählich zu Unterschieden zwischen den Menschen in ihren Gemeinschaften und wahrscheinlich zu Herrschaftsformen.

 

Es entstanden Priesterschulen und „Bildung“ der Reicheren, um mehr zu können als andere. Den einfachen Menschen blieben Handwerke, Ausbildungen und Werkstätten. Berufe entstanden. Später entwickelten sich Schulen des Kriegshandwerks, der Ideologien und der Qualifizierung von Zwischenschichten wie die der Schreiber, Priester, Ärzte oder Landvermesser.

 

“Intelligente“ Menschen wie Aristoteles übernahmen als Lehrer die Aufgabe der Erziehung und Bildung der reichen Kinder. Sie etablierten - den Lehrern helfend - den Berufsstand der Pädagogen, die die Kinder „zur Schule brachten“ und die „Kulturtechniken“ wie Rhetorik, Dialektik, Grammatik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie im Auftrag des Lehrers vermittelten. Diese „Schule“ war Jahrhunderte lang in der Regel nur für Knaben und für die Kinder der Reichen. Adlige lernten lange Zeit nur das Kriegshandwerk und hielten sich mit der Priesterkaste Menschen, die „die Künste des Geistes“ für sie beherrschten.

 

Mit der Industrialisierung begann die Zeit der Notwendigkeit der Besserqualifizierung von Arbeitskräften, also der Masse der Bevölkerung. Es entstanden einerseits eine Selbstbildung in „Arbeiterbildungsvereinen“, „Sonntagsschulen“ und später „Volkshochschulen“, andererseits setzten proletarische und aufgeklärte bürgerliche Kräfte Formen der „volkstümlichen“, eine für alle geltende Ausbildung, durch. Aber die herrschenden bürgerlichen Parteien etablierten auch eine Schulung der Kaufleute- und Bänkerskinder und eine hohe oder „höhere“ Bildung des Denkens, Wissens und „Rezeptemachens für andere“. Mit der bürgerlichen Gesellschaft entstand unsere Form der heutigen Schulen und des Studiums der „Wissen-Schaften“ an Universtäten und anderen „Kollegien“ gesellschaftlich relevanter Gruppen. Viele Reiche behielten „ihre“ privaten Schulen.

 

Gewerkschaften und demokratische Parteien traten vehement für die Schulpflicht oder das allgemeine Schulrecht und das Recht der Frauen auf Bildung ein. Sie wandten sich gegen eine in Klassen und Schichten segmentierende Erziehung, gegen die Schule für die Armen und die Schule für die Reichen. Sie traten ein für Einheits- und Gesamtschulen. Sie bekämpften das Recht der kirchlichen Ausbildung.

 

Sie forderten etwa wie die Humboldts oder ein Goethe eine ganzheitliche Pädagogik. Schon früher setzten sich „Aufklärer“ wie Johann Comenius für eine Schule für alle und eine allgemeine Bildung mit allen Sinnen ein. Kräfte wie Diesterweg forderten ein „genetisches“ Lernen und eine „Schule der That“. Ein Pestalozzi forderte die Gleichbehandlung aller Kinder oder ein Rousseau eine an der Freiheit der Natur orientierte Erziehung. „Von übel angewendeter Einschränkung und Zucht bei den Kindern kommen mehr böse Neigungen als von der Natur“ (Jean-Jacques Rousseau).

 

Bürgerliche Freigeister wie Stefan Zweig, Hermann Hesse oder Michael Ende wandten sich gegen das Lernen im Gleichschritt, die Vorgabe der Lehrinhalte und die Zwangsveranstaltung Schule. Erste Pädagogen wie Maria Montessoris, die Freinets oder Janusz Korczak forderten Rechte der Kinder und gründeten andere, demokratischere Schulen.

 

Einerseits realisierten die entstehenden Nationalstaaten ihre staatlichen Schul-Bildungs-Monopole. Andererseits gab es immer Versuche „alternativer“, aber vor allem privater, privilegierter Lehranstalten der Kirchen und Reichen als Internate, als „Winkel“- und „Klipp“schulen[2] , dann als „private“ oder „freie Schulen“.

 

„Wir sind Schüler von heute*, die durch Lehrer von gestern in einem System von vorgestern auf die Probleme von übermorgen vorbereitet werden sollen.
Die Schule hat keine Veränderungstradition. Sie hat keine Übung darin, mit Wandel umzugehen. Das vertraute Elend ist häufig näher, als das unvertraute Glück.“

Wilfried Schley, Schulentwickler 2001*

 

Die Nazis etwa ließen die staatliche Schule für „nur“ im Sinne ihrer Herrenideologie säubern, sie aber mit einem Alkoholiker Bernard Rust als Bildungsminister, weiterlaufen. Dagegen suchten sie zur Züchtung der eigenen Elite etwa in ihren „NAPOLAs“[3], Erkenntnisse alternativer Lernformen etwa bei einem Peter Petersen, aber auch aus anderen Bereichen alternativer Pädagogik, um sie in ihr System einzubauen.

 

Es wurde um die 1900er Wende die „Arbeitsschule“ als Schule für alle erfunden, die gesamte „Reformpädagogik“ entstand. Es bildeten sich „weltanschauliche“ Schulen, die sich vom Joch der Kirchen trennten. Es entstanden neue Formen des Lernens oft zwischen Staat und einem „privaten“ Sektor. Es gab die Bauhauspädagogik, das Modell einer Laborschule, die Ausbildung der Montessoripädagogik für die Arbeit in staatlichen und (!) eigenen privaten Schulen, die Freinetpädagogik meistens innerhalb der staatlichen Bildung. Ein Daltonplan oder später die „Schulreform“ innerhalb der staatlichen Schulen etwa um Wilfried Schley oder Michael Schratz[4] wurden erfunden. Stiftungen der Industrie, Ministerien und Kommunen unterstützen staatliche Neugründungen und Entwicklungen etwa in STEM- und MINTprojekten[5], mit einem Deutschen Schulpreis oder Schulen, die an Industrieunternehmen, etwa in Wolfsburg „angegliedert“ sind. Andere wie die „Waldorfpädagogik“ installierten unabhängige eigene Schulen mit einer komplett eigenen Ausbildung. die Gründung freier privater Schulen. Wieder andere versuchten sich von der existierenden Schule zu lösen. So werden bis heute „Freie Schulen“ gegründet. Diese entwickelten sich in Summerhill oder mit der Glockseeschule in Hannover und anderswo. Sie kooperieren etwa in eigenen Verbünden wie dem Blick über den Zaun oder in hochstaatlichen EU-Verbünden wie „Comenius“ und „Erasmus+“.

 

Es entstanden so auch bereits im 19.Jahrhundert kirchliche alternative Schulprojekte wir die Harmonyschools[6] oder nach vorne stürmende halb- oder ganzstaatliche Modelle wie das der Kibbutzim, der Gesamtschulen in Deutschland oder der Reggiopädagogik in Italien oder der skandinavischen und finnische Schule.

 

Wieder andere treten in die Spuren der Weiterentwicklung demokratischer Errungenschaften. Dies sind „klassische“ Pädagogiken wie Freinet, Jenaplan, Freie Schulen, Waldorf oder Montessori oder neue Formen wie „mobile“, KRAETZE, die EUDEC, „Aktive Schulen“ oder eine Sudbury- oder Homeschooling-Bewegung.

 

Aber auch privat-reich organisierte Schulen entwickeln in ihrer Priviligiertheit durchaus progressive weiterreichende pädagogische Ideen und Gedanken. Ganze „Firmenketten“ kooperieren mit Staaten und Kirchen und etablieren ihre Alternativen wie etwa die „International Schools“.

 

Menschen mit negativen Lernemotionen neigen eher zu rigiden Lernstrategien wie Auswendiglernen.

Sie lernen lieber fremdbestimmt und befolgen eher extern vorgegebenen Regeln.
Menschen mit Lernfreude erfahren flexibles, transfer- und verständnis-orientiertes Lernen. Ihre Selbstregulierung führt zu größerem

Lernerfolg. Lernfreude fördert die Ausdauer und Bereitschaft zur Anstrengung.
Frenzel, Stephens, Hagenauer, Hascher

 

Die Chancen der heutigen Lehrer*innen

 

Somit haben junge Menschen, die Lehrer`*innen vom Kindergarten bis zur Hochschule werden wollen viele Wahlmöglichkeiten nicht nur innerhalb der Pädagogik, sondern auch pädagogischen Systemen.

 

Ein weiterer privater Bildungsbereich, die „Nachhilfe“ wurde immer kommerzialisierter und als Mittel der Studienfinanzierung, des Nebenverdienst oder der „geringfügigen“ Zusatz- oder Grundverdiensts - von den Reichen - aus der „privaten Portokasse“ bezahlt. Mehr als 16% aller Schüler*innen sind in der bezahlten Nachhilfe, die – ohne schwarze und familiäre Nachhilfe - bald die Milliarden-Euro-Grenze überschreitet.

 

Sie können sich für eine staatliche Institution entscheiden, die es leider in vielen Ländern ihnen überlässt wie offen, demokratisch, inklusiv oder qualifiziert sie arbeiten. Leider bleibt es auch ihnen überlassen, was sie unter „Schülerzentrierung“, Selbstbestimmung, Eigenaktivität, Inklusion, Menschrechten und Demokratie verstehen. Sie können sich (leider vor allem in den deutschsprachigen Ländern) für eine Alters- oder Schichtenform der gegliederten Schulen entscheiden.

 

Sie können sich für eine private Schule, Kindergarten oder Hochschule entscheiden, die die Kinder der Reichen, also gegen private Bezahlung bildet und erzieht.

 

Sie können in den hoch dotierten und privilegierten Auslandsschuldienst gehen.

 

Sie können den schlecht dotierten aber Milliarden abwerfenden Bereich der „Nachhilfe“ oder des „Mentoring“ wählen.

 

Sie können direkt in der Industrie, ihren Instituten und Stiftungen arbeiten, die längst ihre eigene zusätzliche Aus- und Weiterbildung betreibt. Auch die UNO oder die EU sucht pädagogisch fitte Leute

 

Sie können in die immer größer werdenden gesellschaftlichen Wirkungsfelder der AWO, des Deutsche Roten Kreuzes, und vieler kleiner und großer Firmen der sozialen Arbeit.

 

Sie können sich für einen klassischen reformpädagogischen Weg innerhalb bestehender Institutionen oder in der staatlichen Schule wählen. Auch sie entwickeln sich weiter. So gibt es jetzt eine eigene pädagogische Weiter- und 2. Ausbilung mit einem „Glücklichen Profendariat“[7].

 

Sie können an den alternativen Entwicklungen der sich mehr und mehr internationalisierenden Bewegungen teilhaben. So lädt etwa der finnische Staat ausländische Lehrkräfte zu einer kostenfreien Zusatzausbildung in ihr Land ein.

 

Es ist viel Platz für Fähigkeiten und Berufungen der Menschen. Es gibt nämlich immer weniger den Glauben „an die richte“ Ausbildung oder Bildung. Die staatliche Bildung von Lehrer*innen kommt mit den gesellschaftlichen fachlichen und pädagogischen Anforderungen trotz ihrer Weiterentwicklung selbst oder gerade für die staatlichr Schule nicht mehr mit.

 

Erst recht gibt es keine universale Ausbildung für die vielen existenten pädagogischen Systeme.

 

Zum Beispiel setzen die „International Schools“ im Lehrer*innen zu finden, die ihren Ansprüchen entsprechen und sie sich weiterbildend begreifen schon lange „Head-Hunter-Firmen“ ein! Sie sehen die Masse der Lehrer*innen im staatlichen System als „damaged“ an.

 

Eine grundlegende Alternative sei noch zu nennen. Jemand, die oder der seine fehlende Qualifizierung zur Lehrer*in bemerkt, sollte den Mut haben, einen nicht-pädagogischen Beruf zu wählen. Dazu gehört auch, dass Ausbildende den Mut haben, dies Auszubildenden zu sagen.

 

Der Beruf der Lehrer*innen kennt genug Fälle von Burn-out, Resignation, Alkoholismus, Drogensucht, Depression, Selbstherrlichkeit, Ignoranz, Unfähigkeit, Bluthochdruck, Überanstrengung, schlechtem Unterricht, Langeweile, Angepasstheit, Despotismus, Aussteigen, „Blaumachen“ oder Tobsucht.

 

Allerdings hat der Staat alleine das Monopol der Ausbildung von Lehrer*innen. Selbst eine Waldorf-Lehrer*innen-Ausbildung kontrolliert er. Dieses Monopol musste er in einem langwierigen Prozess den Kirchen wegnehmen.

 

Heute „bedienen“ sich die Stiftungen, die Firmen, die Schulen der Reichen oder reiche Wohnviertel dieser Ausbildung. Sie holen sich die Besten der Besten ab.

 

Statt einer nötigen Schulreform, bekommen wir eine unnötige Rechtschreibreform
Erhard Blanck, deutscher Heilpraktiker

 

Lernen braucht Verstehen der eigenen Vergangenheit

 

Ich kann mich daran erinnern, dass es in meiner Ausbildung in den 1970er Jahren noch Vorlesungen oder sogar Seminare zur Geschichte der Pädagogik gab. Ich kann mich auch daran erinnern, dass diese so langweilig waren, wie manches Buch zur Geschichte der Pädagogik, dass ich heute noch besitze. Heute weiß ich, dass viele Dinge in der Schule, in der Bildung, beim Lernen erst verständlich werden, wenn du „die Geschichte als Geschichte dahinter“ kennst.

 

Du solltest wissen, dass alte Militärs oder Priester als gebildet galten und Lehrer wurden. Und natürlich dachten sie nicht nur militärisch, sondern gestalteten auch so die Schule, wie es sie heute gibt. Du kannst wissen, dass Knabenschulen in Jahrgängen zur Klasse gingen, damit sie gemeinsam ins gleiche Regiment einrücken konnten. Du kannst so wissen, dass Noten dazu dienten ärmere Schüler mit einem Schul- oder Hochschulstipendium zu versehen, was sich sonst nur die Kinder der Reichen traditionell und finanziell erlauben konnten. Du musst wissen, dass nicht ein Schleiermacher, die Humboldts oder Goethe die Gestalt der Schule bestimmten, sondern ein Staatssekretär Hannes Schulz, der im preußischen Kulturministerium dies 35 Jahre lang dies mit Klassen und Verordnungen schaffte, was wir heute als „Schule“ kennen.

 

Nur so kannst du der Frage nachgehen, warum der Nazizeit nicht die Taten der entschiedenen Schulreformer wieder aufgegriffen wurden oder warum sich der deutschsprachige Raum bis heute weigert die „Einheitsschule“ oder „Schule für alle“ wie alle (!) anderen Länder der Welt einzuführen. Nur „geschichtlich kannst du verstehen, warum die Lehrer*innen in Lettland und Moldawien um so viel schlechter bezahlt werden als jene in der Schweiz oder Luxemburg. Nur so verstehst du, warum die Kirchen nicht mehr die Lehrer*innen ausbilden und wann und wo der Staat deren Ausbildung wo übernahm. So verstehst du warum Eltern ein Mitspracherecht erhielten oder Schulkinder nicht mehr geschlagen werden dürfen. So kapierst du die Inklusion, die Rechte der Kinder und vielleicht sogar die Anti-Schul-Bewegung. Um die Rechtschreibreformen zu verstehen, musst du Bernard Rust und seine Vorgänger kennen.

 

So solltest du auch nur Lehrer*in werden, wenn du die Geschichte deiner eigenen Person, deiner Schule oder Gemeinde kennst.

 „Schule, das ist genau das Gegenteil von Leben und wer von uns mit dem Leben nichts zu tun haben wollte, ging zurück in die Schule“
Volker Pispers

 

 Bildung und Intelligenz lassen Menschen lernen

 

Die Pädagoginnen, die verändert haben waren und verändern waren zweifelsfrei alle gebildet und intelligent. Nur warum folgt ihnen nicht die Mehrzahl der Pädagoginnen und Pädagogen?

 

In tiefster Vergangenheit wählten die römischen Mitbürger ihre griechischen Sklaven als Erzieher und Lehrer. Anscheinend waren sie gebildeter als sie selbst. Dann sollen Mönche und Nonnen die Lehrer gewesen sein. Noch später hielt man dann jene für „gebildet“, die als Soldaten gedient hatten und vielleicht schon einmal fremde Länder als Sieger oder Gefangene gesehen hatten. Kein Wunder, dass Unterricht und Schule an militärischen Regeln und Erfahrungen ausgerichtet wurden.

 

Eine „gute“ Lehrerin hatte noch vor 100 Jahren Residenzpflicht, eine Vorschrift zur Kleiderordnung und es war ihr als „Fräulein“ verboten zu heiraten. Noch in den 1950iger Jahren bildeten die Kirchen die Lehrkräfte aus. Noch vor 50 Jahren bescherte man sich über die mindere Qualität der Lehrerausbildung, ihre „Volkstümlichkeit“ oder die schlagenden Schulmeister. Standen diese in der Tradition von Sklaven, Kirchenbediensteten und Militärs?

 

Auch wenn heute die pädagogische und fachliche Qualifizierung der Lehrkräfte gewaltig gestiegen ist, stehen sie immer noch im Ruf das Lehrer*innenstudium oft „als letzte Studienchance“ zu sehen, ein „Frauen“beruf“ zu sein, eine „Mittelschichten“herkunft zu haben“ und, dass die Lehrer*innen ,schlechter bezahlt, „unter dem Niveau derer sind, die die Wirtschaft einstellt“.

 

Warum bieten Schulen der Reichen und Privatschulen, private Fachschulen und international geförderte Bildungen, von den Absolventen teuer bezahlt, oft eine bessere Pädagogik und Ausbildung an als die staatliche Durchschnittsschule?

 

Schließlich und endlich tendiere ich dazu, dass wir Schule und Hochschule schon viel weiter und besser denken können, als Lehrer*innen dies in Haltung und Handlung umsetzen können.

 

Würde das bereits umgesetzt, was unsere pädagogischen Großköpfe der letzten 100 Jahre schon alles forderten, sähen Kindergarten, Schule und Hochschule heute schon ganz anders aus.

 

Aber vielleicht ist einfach nicht mehr drin. Trotzdem entwickelte und entwickelt sich das Fußballspielen, die Unterhaltung, die Arbeit, Wissenschaft, Forschung und das Leben. Da entwickelt sich auch unser Lernen.

 

Erziehung ist, die Kinder dahin zu bringen, die Fehler der Eltern zu wiederholen.
Arno Schmidt (1914 - 1979), deutscher Erzähler

 

Internationalismus

 

Alle Länder haben „ihre“ Reformpädagogen[8]. In Ungarn sind dies z.B. János Gáspár, Jósef Paszlavsky, János Ember oder Sámuel Prassai und in Portugal António de Macedo, Francisco Adolfo Coelho oder André de Gouveia. In Griechenland heißen sie Alexander Delmousos, Michael Papamavros, Miltos Kountouras, Nikolaos Kastanos oder Emmanouel Sarris.

 

Wenn sie bei uns unbekannt sind, sagt das nichts über deren Arbeit. Viele von ihnen haben Großartiges in ihren Ländern, in Europa und in der Welt geleistet. Viele von ihnen haben immer den Kontakt zu Pädagoginnen und Pädagogen anderer Länder gepflegt. Viele pädagogische Organisationen sind als internationale Bünde organisiert. Kaum ein Tag vergeht auf der Welt, wo nicht eine internationale Tagung der Hochschulen, Schulen, Regierungen, der Wirtschaftsunternehmen oder Gewerkschaften stattfinden.

 

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die „Reformpädagogen“ immer eine große internationale Familie gebildet haben. Von Beginn an pflegten sie ihre Zusammenarbeit, aus denen bis heute Freundschaften entspringen.

 

Dies bedingt auch die Ähnlichkeit der Ziele, Methoden und Intention dieser Pädagogiken. Heute versuchen die EU oder die UNESCO diese internationale Kraft für die regionalen, nationale und globale Entwicklung der Bildung zu nutzen. Mit vielen ihrer Milliarden schweren Programme wird die Verbesserung der Bildung vorangetrieben.

 

Pädagogik gehört niemals Regierenden, wirtschaftlich Mächtigen, reichen Gebildeten, Nationen, Völkern, Schichten, Klassen oder Kasten. Pädagogik gehört jedem Menschen an jeder Stelle der Welt.

 

Ich hätte gern eine Welt, in der das Ziel der Erziehung geistige Freiheit wäre und nicht darin bestünde, den Geist
der Jugend in eine Rüstung zu zwängen, die ihn das ganze Leben lang vor den Pfeilen objektiver Beweise schützen soll.

Die Welt braucht offene Herzen und geistige Aufgeschlossenheit, und das erreichen wir nicht durch starre Systeme, mögen sie nun alt oder neu sein.
Bertrand Russell

 

Pädagog*innen, die heute Veränderung beeinflussen

 

Meine folgende Nennung der für mich relevanten Reformer*innen[9] ist unterteilt.
Zuallererst beschreibe ich jene Menschen, deren Inhalte mich selbst mächtig prägten.
Jene folgen, die ich persönlich kennenlernen durfte und mich nennenswert beeinflussten.
Dann zählen ich die auf von denen ich hörte und die ich sehr schätze.
Im letzten Teil erwähne ich die, mit denen ich heftige Auseinandersetzungen pflege.

Und ganz am Ende erlaube ich mir eine persönliche Bemerkung.

 

Meine eigenen pädagogischen Prägungen

 

„Das Individuum selbst muss die festen Grundlagen seines Lernens schaffen,
wobei es die Möglichkeit von Erwachsenen und einer Umgebung hätte, die ihm hilfreich zur Seite stehen. In diesem Fall sprechen wir von Erziehung.
Wenn man von außen dem Kind einen Rahmen von Verhaltensregeln auferlegt, die seinen natürlichen Bedürfnissen fremd sind, sprechen wir von Dressur.“
Elise Freinet

 

Elise Freinet (1898-1983) war der weibliche Teil der Partnerschaft ohne die Celestin Freinet seine Pädagogik hätte nicht so entwickeln können. Ihre demokratischen und ökologischen Ansichten zur „Erziehung ohne Zwang“ gaben mir einen großen Teil meiner pädagogischen Richtschnur. Sie inspirierte mich beim Erlernen des Freien Schreibens und des Freien Ausdruckes. Sie machte mir immer klar, wie sehr die Ästhetik notwendiger Bestandteil jeder Pädagogik ist.

 

„Widerwille vor intellektueller Ernährung, der bis zur totalen Verweigerung gehen kann, Verkrüppelung des Individuums, Lebensuntüchtigkeit, Feindseligkeit gegenüber der falschen Kultur der Schule. Diese Mangelerscheinungen nenne ich Scolatismus“
Célestin Freinet

 

Célestin Freinet (1898-1966) war der männliche, viel schreibende Teil der Partnerschaft. Am meisten beindruckten mich seine Mathieu-Schäfer-Texte[10]. Er legte meine Grundidee der Demokratisierung des Lernens selbst, der Schule und bildenden Gesellschaft. Hier begriff ich die Kooperation, die Methode Naturelle und den Klassenrat.[11] Die Freinets entwickelten eine Pädagogik, die nicht ein undemokratisches vorgegebenes Lernen demokratisieren will, sondern entwickelten sowohl Lerntechniken, die in sich demokratisch sind und eine Lernumgebung, in der die Kinder ihr eigenes Lernen in eigener Demokratie aufbauen können.

 

„Es ist einer der bösartigsten Fehler anzunehmen, die Pädagogik sei die Wissenschaft vom Kind – und nicht zuerst die Wissenschaft vom Menschen“
Janusz Korczak

 

Janusz Korczak (1878-1942):  Als die deutschen Faschisten 1942 die Kinder seiner Waisenhausschule vergasten, boten sie ihm an ihn überleben zu lassen. Er lehnte ab und starb mit „seinen“ Kindern. Er formulierte ihre Rechte. Es war seine „Achtung“ der Kinder, das Recht „auf ihren eigenen Tag“ und „auf ihren eigenen Tod“. Diese und viele andere von ihm formulierte Kinderrechte ließen mich zum Menschenrechtler in der Schule werden. „Die Aufgabe der Pädagogik ist es, das Kind den Erziehern gewachsen zu machen“.

 

„Die Freiheit, „hat“ man nicht – wie irgend etwas, das man auch verlieren kann –, sondern die Freiheit „bin ich““
Viktor Frankl

 

Viktor Frankl (1905 – 1997) „schlich“ sich in mein Leben. Zuerst hörte ich von ihm über die Berliner Lernwerkstätten. Viel später benannte sich die Klagenfurter PH, mit denen ich seit 1996 kooperiere, in „Viktor-Frankl-Hochschule“ um. Er wurde mir selbst mehr und mehr Grundlage meines Menschbildes und des Umgangs mit mir selbst.

 

Der Wiener jüdische Psychologe wurde wie Hunderttausende andere von den Nazis in ein Konzentrationslager eingesperrt. Wie durch ein Wunder überlebte er. Er gab seine „Freiheit der eigenen Entscheidung, der Verantwortung für sich selbst“ niemals ab. „Wenn wir nicht mehr die Situation verändern können, sind wir gezwungen uns selbst zu verändern“.[12]
Sein Denken wurde zur Grundlage einer pädagogischen Denkweise, der Logopädagogik.[13] „Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden.“, sagte er, und „In Wirklichkeit gibt es aber nur zwei Menschenrassen, nämlich die ‚Rasse‘ der anständigen Menschen und die ‚Rasse‘ der unanständigen Menschen“. Er ist ein echter Wegweiser durch ein pädagogisches Leben, das sich auf die Würde jedes Menschen gründet.

 

„Ein Kind ist, was es sein kann“
Lew Wygotsky

 

Lew Wygotsky lebte von 1896 bis 1934. Im Studium begeisterte mich Lew Wygotsky. Ein damals junger Professor hatte in Moskau „Psycholinguistik“ studiert. Er vermittelte uns die Bedeutung von Sprechen und Denken, von Wygotsky, Galperin, Lurija, Leontjew und vielen anderen im Stalinismus oft geächteten sowjetischen Psychologen und Pädagogen. Ich begriff die Entwicklung unter anderem von Aufmerksamkeit oder Problemlösen. Die Interiorisationsmethode zur Rechtschreibentwicklung ist für mich bis heute der klügste Weg im Erlernen der individuellen Orthographie. Der Weißrusse Lew Wygotsky ist für mich meine Verbindung zu glaubwürdiger pädagogischer Wissenschaft und brauchbarer Fachdidaktik.

 

Seine bekannteste These: Die Zone der nächsten Entwicklung ist die Distanz zwischen dem aktuellen Entwicklungsniveau eines Kindes (oder lernenden Menschens), bestimmt durch seine Fähigkeit, Probleme selbständig zu lösen und der Ebene potentieller Entwicklung, in der Probleme mit Erwachsenen oder fähigeren Kindern gemeinsam gelöst werden. Der Weg vom Objekt zum Kind und vom Kind zum Objekt verläuft über eine andere Person.

 

“It is forbidden to walk on the grass. It is not forbidden to fly over the grass.”
Augusto Boal

 

Augusto Boal (1931-2009) ist kein Pädagoge, sondern Theatermensch. Der Brasilianer reiste, immer wieder eingesperrt, durch Brasilien. Er versuchte nicht die Bauern und Arbeiter zu belehren, sondern spielte mit ihnen das nach, was sie selber als Unterdrückung erlebt hatten. Eine solche Szene wurde so lange immer wieder gespielt, durch alle Zuschauer und Akteure so lange verändert, bis eine demokratische Lösung des Problems „spielend“ erarbeitet war. Anfang der 80iger Jahre lernte ich neben vielen anderen diese Form des Theaterspiels. Mit dem „Forumtheater“ erarbeitete ich in den Schulen „Stressszenen“, die Kinder erlebt oder provoziert hatten. Die Situationen wurden von allen, auch in vertauschten oder Zuschauerrollen bis zur Lösung für alle (!) gespielt. Mit Kindern wurde die Situation transparent gemacht wer zuhause bestimmt, wer den Fernseher ausmacht oder Situationen in denen geschlagen wurde. Das Kollegium übte so Beratungsgespräche und lernte sich selbst zu reflektieren. Auf meinen Fortbildungen arbeite ich so mit Studies, Lehrer*innen und Hochschuldozent*innen an Elterngesprächen, Konferenzsituationen, Umgang mit Kindern und unseren Problemen oder in systemischen Expertenkonferenzen.

 

Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.
Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen

Theodor W. Adorno

 

Bauhauspädagogik (1919-1933). Leider entdeckte wohl eine Firma, dass der Begriff „Bauhaus“ nicht geschützt war. Im ursprünglichen Bauhaus realisierten demokratische Künstler ihren Anspruch auf Emanzipierung von der Industrie um selbst ein industrielles Design zu entwickeln. Die Nazis verboten bei ihrer Machtübernahme sofort diese Institution.

 

Für mich war die Bauhauspädagogik immer die, in der Künstler*innen ihr Können in ein Lernkonzept gossen und nicht umgekehrt versucht wurde, Menschen in ein Konzept zu zwingen. Niemals konzeptlos machte das Können der Menschen das Konzept. Student*innen konnten bei Meistern lernen, wobei sie die Intensität und die zeitliche Länge ihres Studierens bei, mit und von ihnen selbst entschieden.

Sie formten den Inhalt ihres Erfolgs in eine Form alternativen Lernens. Diese gestaltenden Menschen hießen u.a. Henry van de Velde, Walter Gropius, Gertrud Grunow, Lyonel Feininger, Johannes Itten, Helene Börner, Josef Albers, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer, Lucia Moholy, László Moholy-Nagy, Lilly Reich, Joost Schmidt, Marianne Brandt, Alfred Arndt, Gunta Stölzl, Ludwig Mies van der Rohe und viele andere mehr.

 

Miro sagte, „man solle Bauhaus denken und sich vom Konzept nicht einengen lassen“. Wer heute wie ein Künstler denkt, wird oft durch Re-Formen von Schule und Bildung gebremst. Daher musst du „dein Bauhaus“ selber denken und machen! Für mich gibt es kein menschliches Lernen ohne Ästethik.   

 

           „Ich fordere Dich, weil ich Dich achte“
Anton Makarenko

 

Anton Makarenko (1888–1939). Berühmt wurde er durch die Gorki-Kolonie. Dies war ein Arbeitsheims für straffällig gewordene Jugendliche. So entstand unter extremsten Voraussetzung die erste koedukative pädagogische Einrichtung, in der verwaiste, verwahrloste und kriminalisierte Jugendliche, Kindersoldaten und Kinderprostituierte lernten zu lernen und anders zu sein. Durchaus im humanistischen Sinne erzog er kooperierende, allseitig gebildete Persönlichkeiten. Er erzog ohne Gewalt und autoritäre Lehrer. Wie bei den Freinets und anderen Pädagogen der Zeit gab es die „verinnerlichte Disziplin“, Selbstverwaltung und die Bedeutung der Arbeit als Kern des Lernens. Wie er den Stalinismus überlebte, wird wohl ein ungeklärtes Rätsel bleiben.

 

Das Auge schläft, bis es der Geist mit einer Frage weckt
Loris Malaguzzi

 

Loris Malaguzzi (1920–1994) gründete die Reggiokindergärten und die Reggiopädagogik. Kinder nehmen selber wahr und stellen ihre eigenen Fragen. Ihre eigenen Themen bearbeitend, stellen sie diese in ästhetischen Präsentationen vor. Loris Malaguzzi beschrieb sich als „Provokateur in Sachen Kindheit“. „Provokateure stören die Ruhe der Bürger, sie wollen aufwühlen und Versäumnisse zeigen. Kinder können uns mit ihren Problemen, aber vor allem mit ihren Fähigkeiten und ihrer Poesie stören.“

 

Er hatte wie die Freinets ein humanistisches Menschenbild und eine demokratische Gesellschaftsvorstellung. Sein Ziel war wie bei Korczak Kindern mit Achtung und eigenen Rechten zu begegnen. Er und seine Nachfolger schaffen es, dass Kinder sich selbst verwirklichen.

„Lernprozesse finden nur dann statt, wenn die kulturellen, historischen und institutionellen Kontexte,  in denen sich ein Individuum befindet, einbezogen werden
John Dewey

 

Citizenship education[14] Global Citizenship Education ist seit 2012 die Leitlinie der UNESCO. In den Sustainable Development Goals[15] werden die Grundzüge dieser weltweiten Grundlage jeder Erziehung beschrieben. Hierbei geht es zu allererst um die Bekämpfung der Armut, die Gesundheitsversorgung, die Bildung, die Gleichberechtigung, Klima- und Wasserschutz oder den Frieden. Alle Ziele basieren auf den Menschenrechten, der Demokratie oder der Inklusion. Hier steht der Aktionsplan der Menschheit, der die Aufgaben unseres Lernens beschreibt.

 

 

Begegnungen

 

Die Schule sollte in unserer neurotischen Gesellschaft mehr denn je ein Ort sein, an dem das akzeptiert und angenommen wird, was anderswo verboten ist.
Sie könnte zur Wiederherstellung des Gleichgewichts verhelfen
Paul le Bohec

 

Paul le Bohec (1921-2009) begegnete ich 1992 zum ersten Mal. Er bestimmte von da an meinen Weg als Pädagoge[16]. Er setzte mich auf die Spur der Freien Texte, der Selbstbestimmung des Lernens, der Fragen der Kinder, der Kindereigenen Theorien, der Natürlichen Methode des Lernens, der kooperierenden Gruppe, der Kinder- und Menschenrechte und mir zuzutrauen, dass zu tun, was jetzt sofort möglich ist.

 

„Anstatt die Kinder in das Denken der Lehrer zu drängen, ist es besser, sie ihre eigenes erforschen zu lassen, da dies ihrer Realität mehr entspricht“. Ich liebe sein Denken, weil es schlicht und genial ist.

 

Lernen nicht nur Zielperspektive, sondern Grundvoraussetzung
Falko Peschel

 

Falko Peschel und seine Frau Steffi arbeiteten an meiner Schule, der Grundschule Harmonie. Sie sind für mich das überzeugende Beispiel, dass Unterschiede in Haltung und Haltung überhaupt keine Rolle spielen, wenn man gemeinsam an der radikalen Öffnung der Schule für die Selbstbestimmung der Lernenden und den der Demokratie geht. Er entwickelte ein großartiges Werk des „Offenen Unterrichts“ und er und sie realisierten dies an Peter Simons Schule in Troisdorf, bei uns und an der eigenen Schule in Harzberg.

 

Aus dem Kreis heraus lassen sie Kinder ihr eigenes Lernen bestimmen und formen. Dazu sagte er: „Vielleicht würden wir es selbst auch als konkrete Utopie ansehen, hätten wir nicht die Erfahrung in unseren eigenen Klassen gemacht – und vorzuweisen.“

„Wer Menschen denkt, kann Inklusion“
Uschi Resch

 

Uschi Resch[17]. Diese Pädagogin lernte ich in Krakau auf einem internationalen Kongress kennen. Ich sah wie sie in Wien nach eigenen Konzepten, beeinflusst von den Freinets, Maria Montessori, Claus-Dieter Kaul[18], den eigenen Kindern und den Anforderungen des Alltags arbeitete. Wir heirateten und sie wechselte zu deutschen Schulen, später in die Schulaufsicht. Ohne die täglichen Gespräche mit ihr, dem Vorbild ihrer Arbeit und den vielen gemeinsam gestalteten Fort- und Weiterbildungen wäre ich niemals dahin gekommen, wo ich jetzt bin.

 

„Kinder lernen umso mehr, je weniger sie belehrt werden“[
Jürgen Reichen

 

Jürgen Reichen (1939-2009) begegnete mir oft. Er war einfach ein hoch spannender Beobachter der menschlichen Psyche und Veränderer von Lernen. Er hielt Vorträge, wo im Hintergrund die wissenschaftliche Begründung seiner Reden zu lesen war, während er wichtige Geschichten in seinem Schweizer Akzent erzählte.
Er erzählte vom „Lesen durch Schreiben“, „dem qualifizierten Nichtstun des Lehrers“, vom „Umgang mit begabten Kindern“, vom „Werkstattunterricht“ und seinem „Chefsystem“. Er bestimmte noch das Lernen der Kinder. Dies tat er allerdings sehr qualifiziert und begann Kinder in einem hohen Maße eigenaktiv und zunehmend selbstverantwortlich arbeiten zu lassen. „Ich will nicht unter-richten, ich will aufrichten“, sagte er.
Er war und ist einer der meist angefeindeten Pädagogen. Seine Gegner bekämpfen ihn und damit jede Modernisierung von Schule. Viele verstehen ihn nicht, - und andere tun es und bekämpfen ihn deshalb.
Er gab mir viele Anregungen und Gedanken, für was ich ihm sehr dankbar bin! Er war für mich immer ein Beispiel für Eklektizismus. Wir übernahmen vieles von ihm ohne seiner Didaktik zu folgen.

 

„Wenn Kinder aufhören zu kooperieren, dann wurde entweder ihre Kooperationsbereitschaft
überstrapaziert oder ihre Integrität verletzt. Es geschieht niemals, weil sie nicht kooperieren wollen.“
Jesper Juul

 

Jesper Juul ist ein Dänischer Familientherapeut. Er wird mich nicht kennen, aber ich hörte ihn und hatte das Gefühl ihn zu verstehen. Er arbeitet sehr systemisch und nicht mit einem Schuld-Begriff oder tradierten Ursache-Wirkung-Kategorien. Er hat mir erhebliche Anstöße im Verstehen von Kindern und anderen Menschen gegeben. Ich habe z.B. gelernt zu fragen „Was hat das Kind davon, dass es sich so verhält, wie es sich verhält“. Seinen Demokratiebegriff verstehe ich nicht.

 

Aber solche Gedanken gefallen mir: „Kinder fordern viel Aufmerksamkeit, aber sie brauchen nicht so viel, wie sie fordern.“ „Es ist viel wertvoller, sich um Kinder und Jugendliche zu kümmern, anstatt sie zu ‚erziehen‘“. „In den Systemen kann es den Kindern nie besser gehen als den Erwachsenen“ und „Gewalt als Mittel der Erziehung erzeugt keinen Respekt, sondern Angst“.

 

Wer benimmt sich schlecht, wenn er sich wohl fühlt[19]
Mauricio Wild

 

Rebeca (1939-2015) und Mauricio Wild. 2014 konnten meine Frau Uschi Resch und ich sie mit der Hilfe von Vivian Breucker[20] in Ecuador besuchen. Sie hatten bereits Ende der 1970er eine Freie Schule dort aufgebaut. Bekannt war sie durch den Begriff der „Nondirekten Erziehung“. Aus ihm entwickelten sich u.a. die „Aktiven Schulen“. Was mich vielmehr faszinierte waren ihre dreimonatigen Radtouren, die sie mit ihren Schülerinnen in den Anden unternahmen. Diese „Schule auf Reisen“ oder „Herausforderungen“ versuchte viele von uns nachzuahmen. Nun waren beide weit über 7o und empfingen uns mit dem Gedanken „Schule hat keinen Zweck“. Sie experimentierten mit Lebensgemeinschaften, die eine eigene Währung „Suenos“ hatten. In ihre Lerngebäude gingen Grundschulkinder nur noch in Begleitung eines Elternteils und später alleine. Im Gespräch mit ihm glaubte ich den Bogen von Hoimar von Ditfurth[21] über Frederic Vester[22], Heinz von Foerster[23] bis zu Humberto Maturana[24] zu hören.

 

„Es geht nicht um Korrektur, sondern um Verstehen“[25]
Urs Ruf, Felix Winter

 

Urs Ruf und Peter Gallin entwickelten in ihrem Schweizer Gymnasium das Dialogische Lernen. Sie orientierten sich an Wagenschein, an Wygotskys sozialkonstruktivistischen Lerntheorien, Weinerts Kompetenzmodell, Habermas‘ Wissensbegriff, Decis und Ryans Motivationstheorie. Sie entwickelten den Begriff der „Kernidee“ und machten „Lerntagebücher“ populär.

 

Ich begegnete Peter Gallin 1998 beim Abendessen des Wiener Kongresses zum 100.Geburtstag von Célestin Freinet. Er imponierte mir durch seine Wissbegierigkeit und Offenheit. Für mich steht im Mittelpunkt ihres Denkens, dass die Lernenden zuallererst ihre eigene Idee der Lösung suchen. Die Lehrkraft greift auch nicht in die Bildung der eigenen Theorien ein. Im Gegenteil macht er diese zur Grundlage nachfolgender Erklärung „gängiger“ Theorien und weiterer Lösungsstrategien von anderen. Das ist für mich echte Wertschätzung eines jeden Menschen und seines selbstbestimmten Lernens im Dialog mit anderen.

„Die einzige Zeit in der meine Ausbildung unterbrochen wurde, war meine Schulzeit“
George Bernard Shaw

 

Lernwerkstätten habe ich über Angela Bolland[26], Sven Trostmann, Ursula Carle, Herbert Hagstedt[27], Peter Wedekind[28], Jenny Wienecke, Karin Ernst[29] und viele andere mehr kennengelernt. Hier beflügelte mich immer der Ansatz zum eigenen Forschen, Fragen und Hypothetisieren, wie die Kinderfrage und die Reflektion des eigenen Lernprozesses im Mittelpunkt stand. Wir haben vieles davon im Alltag unserer Schule realisieren können!

 

Begrenze dein Kind nicht auf das, was du gelernt hast, denn es ist in einer anderen Zeit geboren
Jüdisches Sprichwort

 

Pia-Maria Rabensteiner und Gerhard Rabensteiner begegnete ich schon um 1997. Sie hospitierten bis 2014 jedes Jahr die Grundschule Harmonie. Pia Rabensteiner leitet die Servicestelle "Bildungskooperationen und internationale Kontakte" in Klagenfurt. Sie halfen mir zu verstehen wie wichtig die internationale Zusammenarbeit für jede Weiterentwicklung der Pädagogik ist. Beide schrieben u.a. ein tolles Buch über „Kooperative Pädagogik“[30].

 

When I was 5 years old, my mother always told me that happiness was the key to life.
When I went to school, they asked me what I wanted to be when I grew up. I wrote down ‘happy’.
They told me I didn’t understand the assignment, and I told them they didn’t understand life.
John Lennon

 

Ingrid Dietrich[31] publizierte Anfang der 1980er Jahre die „Politischen Ziele der Freinetpädagogik“[32]. Dieses Buch zeigte mir große Teile meines Weges.

 

Staatliche Schulen sind Kinder-Trivialisierungs-Anstalten
Heinz von Foerster

 

Wolfgang Mützelfeld und Lutz Wendeler[33] beeinflussten meinen Weg wesentlich. Bereits um 1990 begannen sie die Freinetpädagogik mit der Systemik zu verbinden. Von ihnen lernte ich Namen wie Heinz von Foerster, Gregory Bateson oder Humberto Maturana kennen. Als ich die Grundschule Harmonie-Pädagogik entwickeln konnte, gründeten sie den Kindergarten PrinzHöfte, dann die dortige Grundschule und später die Sek1-Schule in Bassum. Wolfgang Mützelfeld schrieb ein Schulprogramm[34], das der Zeit weit voraus war und ist. Er kehrte bald der Pädagogik den Rücken und wandte sich der Quelle seiner Erkenntnis, den Büchern zu. Lutz Wendeler arbeitete noch länger an der Freien Schule, um sich dann wieder mehr mir der Freinetpädagogik zu beschäftigen.

 

„Lose your mind and come to your senses.“
 Fritz Perls


Gestaltpädagogik weiß, dass über die eigene Veränderung der Lehrer*innen für sie ein Zugang zu den Schüler*innen entsteht. Nicht das Kind, sondern die Beziehung zu ihm steht im Mittelpunkt. Ein anderer Name für diese Pädagogik ist „Confluent Education“.

 

Gestaltpädagog*innen treten sie nicht für ein „Offenes“, sondern ein „persönlich bedeutsames Lernen ein“. Ein u.a. für mich bedeutsames Lern-Lehr-Verhalten ist die „Paradoxe Intervention“, die aus der Gestaltpsychologie kommt. Fritz[35] und Laura Perls[36] verbanden mit der Hilfe Paul Goodmans[37] die persönlichkeitsfördernden Richtungen einer humanistischen und sozialistischen Pädagogik und Psychologie mit demokratischen jetziger und tradierter Reformpädagogik wie Montessori und Freinet. Ich selber begegnete und begegne in meiner Praxis immer Menschen dieser Pädagogik wie Ursula Svoboda, Patricia Thaller, Olaf-Axel Burow oder Birgit Schulz. „Lernen ist die Entdeckung, dass etwas möglich ist“ (Fritz Perls).

 

„Man hatte sich, als wir Kinder waren, viel Mühe damit gegeben, uns den „Willen zu brechen“,     
wie die fromme Pädagogik das damals nannte, und hat in der Tat allerhand in uns gebrochen und zerstört, 
aber gerade nicht den Willen, gerade nicht das Einmalige und mit uns Geborene,
nicht jenen Funken, der uns zu Outsidern und Sonderlingen machte.“

Hermann Hesse, deutscher Dichter

 

International Schools. Die Reichen wollen eine Schule, die den heutigen Maßstäben des Lebens entspricht. Sie wissen, dass die heutige „vocational“ Bildung der staatlichen Schulen in der Regel nicht mehr ausreicht. Sie wollen eine Werteerziehung ihrer Kinder, ein Eingehen auf ihre Entwicklung kombiniert mit einer modernen Allgemeinbildung. Sie wollen offene Türen, open-minded Lehrer, „Werte-erzogene“ Kinder, Eigen-Aktivität beim Lernen und konfliktfreie Schulalltage. Um Lehrer*innen zu bekommen, die ihren Ansprüchen entsprechen, setzen sie „Headhunter“ und die entsprechenden Firmen[38] ein. So finden sie qualifizierte und qualifikationsbereite Menschen. Sie machen eine Pädagogik, die wir uns für alle Bevölkerungsschichten zumindest als nächsten Entwicklungsschritt der Schulen[39] nur wünschen können.

 

Ein Leben ohne Schule ist nicht möglich, aber sinnvoll
In Abänderung eines Satzes von „Querlenker“

 

Die EUDEC, die „europäische demokratische Erzieher-Konferenz“ seit 1993 international als „IDEC“, betont zwei Säulen ihrer demokratischen Erziehung als selbst bestimmtes Lernen unter Bedingungen der gleichwürdigen Kooperation und des gegenseitigen Respekts.

 

Kinder und Lernende entscheiden selbst über ihre Schulzeit, ihr Lernen und ihren Lebensweg. Sie anerkennen jedes Lernen innerhalb und außerhalb der Schule, in Spiel oder Netz in der gesamten Gesellschaft. Lernen bedeutet auch für sie Arbeiten. Besonderen Wert legen sie auf ein Demokratieverständnis, dass niemanden bei keiner Entscheidung ausschließt.

 

Als der Vorstand der EUDEC vor vielen Jahren an unserer Schule, der Grundschule Harmonie, tagte, hatten wir das Gefühl als Grundschule nicht wirklich gesehen zu werden. Ich nahm dies als positives Zeichen, dass es ihnen darum ging die Sek1 und die Sek2 zu verändern. Die Kapriole und andere Schulen sind Beispiele für die neue Veränderung in einer neuen Generation von Menschen.

Lernen muss für die Lernenden einen direkten Sinn haben, es muss etwas aus deren Lebenswelt erklären, verständlich machen
Jürgen Göndör, Sekundarstufenlehrer

 

Der Gedanke der MINT-Fächer, im englischsprachigen Raum „STEM“ genannt, wird seit einigen Jahren von der Industrie in die Schule getragen. Sicherlich verfolgen sie das Ziel für die eigene Sache zu werben. Eine „Übersetzung“ zu den Bedürfnissen der Kinder ist unbedingt nötig.

„Daher muss die Schule nicht so oder so sein, sie muss so und so sein, und die eine Schule so und die andere so“
Paul Michael Meyer, Schweizer Pädagoge und Literat

 

Coyote Education. Sie können selbst oder mit einer Klasse zu den Leuten fahren. Meistens haben sie ein großes Gelände, sehr nahe an ursprünglicher Natur. Ihr Lernmodell entlehnen sie Indianerstämmen, die ihre Kinder nicht direkt erziehen wollen. Vielmehr schaffen sie Situationen der eigenen und Gruppenerfahrung in der Natur. Sie stellen, „schlau wie ein Kojote“, Aufgaben, in denen Menschen konfrontiert mit der Natur sich selbst erfahren und so lernen. Sie fragen nicht „Was hast du gelernt?“. Stattdessen werden nur die Erlebnisse erzählt. Hier gehören Magie und Wissenschat zusammen.

 

Ähnliches vertritt etwa „das wilde Lernen“ oder andere Ansätze zum Lernen in und von der Natur.

 

Schafft das Unterrichten ab!
Walter Hövel

 

Daniel Greenberg gründete 1968 die erste Sudbury-Schule. Es folgen weitere demokratische Schulen, die nach dem Sudbury-Modell arbeiten. 72 Sudbury-Schulen gibt es 2017 weltweit. Bekannt wurden sie dadurch, dass ihre Schüler*innen auch außerhalb von Unterricht lernen. Konsequent entscheiden die Schüler*innen was, wann, wo, wie und mit wem sie lernen. Sie gehen weiter als die staatliche Grundschule Harmonie, die noch die schulische Anwesenheit und die Gültigkeit der Lehrpläne kannte. Hier geben die Schüler*innen den eigenen Lehrplan alleine als Individuum vor.[40]

 

 „If the emotions are free the intellect will look after itself“
 Alexander Sutherland Neill

 

Alexander Neill (1883 - 1973) traf ich nicht, aber seine Tochter und seine Enkelkinder an der Summerhill School in den 2000er Jahren. Einer meiner Kollegen arbeitete dort, eine Summerhill Lehrerin bei uns. Ich war nie besonders angetan von der Qualität des Lernens an der Summerhillschule.

 

Ich denke aber, dass der Grundgedanke Summerhills unverzichtbar ist: Die Kinder und Jugendlichen entscheiden jeden Tag, ob sie zur Schule gehen oder nicht. Beeindruckend fand ich das Kinder- und Jugendparlament der Schule. Sie bestimmen ihre Schule selbst, notfalls morgen anders als heute.

 

Sie feiern eine radikale Demokratie, die jeder Bildung innewohnen sollte! Leider verstanden sie nie ihr Denken auf eine Schule für alle, also auch die Armen zu übertragen.

 

Von mir geschätzte pädagogische Denker*innen

 

The self is not something ready-made, but something in continuous formation through choice of action
John Dewey

 

John Dewey (1859-1952) ist so etwas wie der Urvater aller modernen Veränderung von Bildung[41]. Er schaffte mit seiner psychologisch-soziologisch-pädagogischen Arbeit die grundlegenden Begründungen für (fast) jede pädagogische Notwendigkeit. Hier sind die Grundlagen der Demokratie und der Menschenrechte für jeden Lerner, die Kooperation und Vielfalt des Lernens zu finden. Sein wohl bekanntester Ansatz ist das „Learning by Doing“. Für die Begründung der Arbeit mit dem Klassenrat ist für mich ein Grundgedanke wichtig: „We do not learn from experience  … we learn from reflecting on experience.“ Eine in der Hirnforschung gerne gebrauchte Überlegung wurde bereits von ihm formuliert: „Hunger not to have, but to be“.

 

„Sollen die Bauernkinder bei uns schreiben lernen oder wir bei ihnen?“
L
ew Tolstoi

 


Lew Tolstoi (1828-1910) ist eigentlich als russischer Schriftsteller bekannt. Er gründete aber auch 13 Reformschulen für russische Bauerkinder. Sie waren das erste Beispiel für eine demokratische Erziehung. Er forderte eine schlüssige, einsichtige an der Realität orientierte Pädagogik.

 

Er forderte eine den verschiedenen kindlichen Persönlichkeiten angepasste Bildung. Das war ein deutlicher Vorgriff auf Diversität und Heterogenität. Er war ein Vorgänger von Freien Schulen wie Summerhill oder vieler moderner pädagogischen Ideen. Originalton Tolstoi: „Das einzige Kriterium der Pädagogik ist die Freiheit, die einzige Methode ist die Erfahrung“.

 

„Das ist gewöhnliche Pädagogik: Ungefragte Antworten und unbeantwortete Fragen“
Sir Karl Popper

 

Karl Popper (1902-1994) zunächst Pädagoge war österreichisch-britischer Philosoph. Er forderte die „Offene Gesellschaft“. Er kritisierte alle Formen der Unterdrückung und Einengung. Für ihn war Leben Problemlösen. Durch den Begriff der „Öffnung“ von Gesellschaft zeigte er auch Wege zum Offenen Unterrichten, oder besser zum Offenen Lernen.

 

 „Erziehung kann niemals neutral sein. Entweder sie ist ein Instrument zur Befreiung des Menschen, oder sie ist ein Instrument

seiner Domestizierung, seiner Abrichtung für die Unterdrückung.“
Paolo Freire

 

Paolo Freire (1921-1997) entwickelte in Brasilien ein Alphabetisierungsprogramm, das mit der Bewusstmachung der eigenen gesellschaftlichen Lage verbunden war. In den 1960er Jahren waren in Brasilien Analphabeten nicht wahlberechtigt. Er gab den Unterdrückten eine Stimme. Seine Kurse wurden mit Hilfe von 10 Bildern eines Künstlers auf Dias durchgeführt.

 

„Die Schule ist ein Schlachtfeld“
Maria Montessori

 

Maria Montessori (1870-1952). Wie sagte Claus-Dieter Kaul, der wohl beste lebende Vermittler von Montessori-Pädagogik: „Auch die Montessori hat sich von allen Leuten das Beste zusammengeholt!“ Ihre Pädagogik wird oft zu eng verstanden, wenn Kinder „im Käfig des Materials gehalten werden (Célestin Freinet). Es wird zu sehr praktiziert, was in einer „offiziellen“ Ausbildung vermittelt wird.

 

Aber ich halte es für schlichtweg genial, wie die Mathematik und ihr Verstehen im Be-greifen der Montessoripädagogik entwickelt wurden. Die „kosmische Erziehung“ greift das auf, was die jeweilige Zeit zu bieten hat.

 

Ich bewundere die Großzahl der Pädagogen und Pädagogen. Ich bewundere wie sie in ihrer Existenz zwischen staatlicher und privater Schule ihr Verständnis von Lernen in der führenden Position alternativer Pädagogik zum verknöcherten staatlichen System am Leben erhalten. Ich sehe wie sie in staatlichen Schulen und wie sie in privaten Schulen konkrete Schulentwicklung vorantreiben.

 

Durch ihre katholische und private Divenhaftigkeit hat Maria Montessori sicherlich zu den heutigen und vergangenen Problemen der Montessoripädagogik beigetragen. Heute gibt es eine sehr schillernde Lernlandschaft. Einerseits finden wir eine Form in der die Kinder schweigend aufgereiht zu finden sind. Wenn nur eine spricht ruft sie ein sofort von der Lehrerin angeschlagener Glockenton zurück ins Schweigen. Andererseits sehen wir Klassen, in denen alle am Boden sitzend und liegend, an ihren Tischen oder sonst wo mit Materialien die Welt entdecken. Sie reden immer miteinander ohne je laut zu werden. Die Lehrerin findest du irgendwo mitten unter den Kindern mit einem Kind arbeitend. Nur schade, dass dort zu oft die nächsten Schritte zur Selbstbestimmung des Lernens, hinein in die demokratische Kooperation und das Hineintreten in die Eigenqualifizerung auch im höheren Alter fehlen.

 

Sicherlich haben nicht alle Leute die Notwendigkeiten der heutigen Zeit erkannt. Aber sie bleibt die Galionsfigur jener Bildung, die Kinder ernster nimmt als viele staatliche Schulen. Sie hat die Rechte der Kinder als auch die Rolle im Kindergarten und der Schule in ihrer Rolle als gesellschaftliche Einordnungsbehörde begriffen.

 

Einige ihrer Aussagen: „Die Schule ist jenes Exil, in dem der Erwachsene das Kind solange hält, bis es imstande ist, in der Erwachsenenwelt zu leben, ohne zu stören“. „Die Schulen, so wie sie heute sind, sind weder den Bedürfnissen des jungen Menschen, noch denen unserer jetzigen Epoche angepasst.“

 

 „Aber statt es unsere Wege zu lehren, lasst uns ihm Freiheit geben, sein eigenes kleines Leben nach seiner eigenen Weise zu leben. Dann werden wir, wenn wir gut beobachten, vielleicht etwas über die Wege der Kindheit lernen“

 

„Die Schule sei keine Tretmühle, sondern ein heiterer Tummelplatz des Geistes“
Johannes Amos Comenius

 

Clara Grunwald (1877 – 1943) Trotz eines Streits zwischen ihr und Maria Montessori, setzte sich Clara Grunwald so lange als möglich für die neue Erziehung ein, bis die Machtübernahme der Nationalsozialisten dieser Entwicklung ein Ende setzte. Clara Grunwald wurde wegen ihrer jüdischen Herkunft Anfang 1933 mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums aus dem Schuldienst entlassen. Auch wurde ihr jedes Engagement für die Montessori-Pädagogik verboten. Sie wurde im KZ Auschwitz-Birkenau umgebracht.

 

„Wesentlich ist, dass das Kind möglichst viele Dinge selbst entdeckt. Wenn wir ihm bei der Lösung aller Aufgaben behilflich sind,

berauben wir es gerade dessen, was für seine geistige Entwicklung am wichtigsten ist.“
Emmi Pikler

 

Emmi Pikler (1902-1984). Die ungarisch-österreichische Ärztin und Pädagogin erkannte, dass die Persönlichkeit eines Kindes sich selbstständig entwickeln darf. Erwachsene bieten ihm Geborgenheit in sicheren und stabilen Beziehungen. Sie gestalten die Umgebung des Kindes entsprechend seinem individuellen Entwicklungsstand so, dass es selbstständig aktiv werden kann. Kinder brauchen behutsame körperliche Versorgung. Die Kommunikation mit dem Kind geschieht nach dessen eigenem Wunsch. Das Kind bewegt sich aus eigenem Antrieb und nach eigenem Rhythmus. Erwachsenen sollen nicht lenken oder beschleunigend eingreifen. Sein Spiel bleibt frei und ungestört.

 

„Denken heißt Überschreiten“
Ernst Bloch

 

Hugo Gaudig (1860-1923) Er vertrat ein arbeitspädagogisches Konzept. Im Gegensatz zu Kerschensteiner forderte er die Selbsttätigkeit als“ freie geistige Schularbeit“. Er wollte Gruppenarbeit und Projektlernen. Er suchte die gemeinsame Auswertung im vergleichenden Gespräch.

 

„Das Kind muss Methode haben“
Bertiold Otto

 

Bertold Otto (1859-1933) wurde vom kaiserlichen Kulturministerium unterstützt. Sein Hauptwerk hieß „Der Zukunftsstaat als sozialistische Monarchie“. Er vertrat recht krude, oft antiparlamentarische Ansichten zwischen Kaisertum und der sowjetischen Revolution. Trotzdem hatte er als überzeugter Sozialist recht beeindruckende pädagogische Ansichten. Für ihn fand die Bildung zu allererst in der Familie statt. Er forderte die letztendliche Abschaffung der Schule. Nichts desto trotz gründete er eine eigene, u.a. jahrgangsgemischte Schule. Für ihn galt die Kindheit als eigenständige Entwicklungsphase. Kinder fragen ihre Fragen! Kinder verlieren die Lust an Fragen, wenn sie nicht ernst genommen werden und sich weniger wert fühlen.

 

Otto sah, dass „in jedem Kind der Trieb nach dem ihm möglichen geistigem Wachstum vorhanden und wirksam ist“. Er wollte das Kind bei seinen eigenen Bedürfnissen abholen und entsprechend seinen Leistungen und „seinem Trieb nach geistigem Wachstum“ fördern. Von den Lehrern fordert er die vollständige Anerkennung der Kinder als Menschen. Er wollte „Freidenker“ erziehen.

 

Fritz Karsen sagte 1924 über die Berthold-Otto-Schule: „Wenn wir in Berthold Ottos Hauslehrerschule in Großlichterfelde gehen, so hat man das Gefühl, als kämen wir aus einem Reiche feinst durchdachter, um nicht zu sagen, ausgeklügelter Methoden, die den Geist zu selbsttätiger Arbeit führen sollen, in einen stillen klaren Bezirk, der ganz beherrscht ist von dem Vertrauen zur vorhandenen Selbsttätigkeit des Kindes und seinem Werden, von Geduld und Wartenkönnen. Berthold Otto weiß, dass die wahre Arbeit des Menschen aus seinem Lebensbedürfnis, seinem Arbeitsbedürfnis entspringt. So hat er versucht, mit wundervollem Radikalismus die Schule ganz auf dem elementaren Bildungstrieb des Kindes aufzubauen.“

 

„Das bewusste Einsetzen, das die Bedürfnisse des Erziehers befriedigt, zerstört das Selbstbewusstsein des Kindes, macht es unsicher und gehemmt.“
Alice Miller 

 

Alice Miller (1923 – 2010)[42]. Mit ihren Büchern gab sie uns den Mut so zu sein wie wir sind, unsere Vergangenheit besser zu verstehen und Kinder so zu akzeptieren wie sie auch ohne uns sind.

„Das Schlimmste, was ich erlebt habe, war die Schule. Wenn ich das noch einmal erleben müsste, würde ich lieber sterben.
Ich will schon allein deshalb keine Kinder haben, weil sie in die Schule gehen müssten“
Janosch, deutscher Illustrator und Schriftsteller

 

Adolf Reichwein (1898 – 1944) Er war ein Museumspädagoge, den die Nazis als Schulmeister in ein bayrisches Dorf versetzten. Dort entwickelte er mitten im Faschismus seine Reformpädagogik. Er vertrat die Arbeitspädagogik und Projektarbeit. Er war ein früher Vertreter des Medieneinsatzes. Als aktives Mitglied des Widerstands wurde er verhaftet und ermordet.

„Omnes Omnia Omnino Excoli. - Allen, alles, allseitig-gründlich lehren“
Johann Amos Comenius

 

Johannes Comenius (1592 – 1670) wurde zur Leitfigur einer europäischen Bildung auserkoren. Jan Amos Komenský wurde in Mähren geboren und arbeite u.a. in Tschechien, Schweden, Polen, Litauen, Transsylvanien, Deutschland, den Niederlanden, England und Ungarn. Er sprach tschechisch (er selbst sagte „Böhmisch“), Latein und viele andere Sprachen. Er forderte immer die Stärkung der eigenen regionalen Sprache als auch einer für alle gemeinsame Sprache der Verständigung. Er forderte die Muttersprache vor die Fremdsprache zu stellen!
Er trat ein für ein ganzheitliches Lernen mit allen Sinnen in einer Schule für alle. Er forderte ein eigenaktives, praktisch anschauliches Lernen ohne Zwang. Er wandte sich gegen jede Form von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Bereits zu dieser Zeit trat er für eine Schulpflicht, Koedukation und Bezug zum Alltag der lernenden ein. Er trat für die Verkürzung der täglichen Schulzeit ein! Gleichzeitig präzisierte er, was er unter „lebenslangem Lernen“ verstand.

 

Er forderte Unterricht in der Muttersprache und Chancengleichheit für Mädchen. Er forderte die Förderung der Armen sowie der „geistig Zurückgebliebenen“. Er vertrat eine gegenseitige Ergänzung von guter Fachdidaktik und der Mathetik des Lerners.

 

Einige seiner vielen Zitate: „Denn weise hat der gesprochen, welcher sagte, die Schulen seien Werkstätten der Menschlichkeit, indem sie eben bewirken, dass der Mensch wirklich Mensch werde“[43] „Wir Erwachsenen, die wir uns allein für weise halten und euch für töricht, uns allein für mündig halten und euch für kindisch, wir werden zu euch in die Schule geschickt! Ihr seid uns zu Lehrern gegeben; euer Tun soll uns Vorbild und Beispiel sein.“

 

„Education is the most powerful weapon with which you can use to change the world“
Nelson Mandela

 

Nelson Mandela (1918 - 2013) gründete in der Gefangenschaft der Weißen eine Universität im Gefängnis auf Robben Island. Die Dozenten waren die Gefangenen selbst, die sich gegenseitig das Wissen beibrachten. Nach 27 Jahren nahmen selbst die Aufseher an dieser Uni teil.

„Und wen erstaunt es, dass also die Unzufriedenheit ausbricht?
Die junge Generation beginnt den Betrug wahrzunehmen. … zu Unlust, zur Heuchelei, zu Kriegen, Napalm, Flächenbombadierung, zu einer folternden Polizei, zum Völkermord, zu Wahnsinn, zu Verzweiflung. Und ferner zu Schlagworten, zum Einschläfern, zum Betrug durch Reklame, zu einer gewissenlosen Vergiftung von Körper und Geist. -  Nach alledem besteht die Forderung nach einem ganz anderen Unterricht zu Recht.“
Friedrich Weinreb, jüdisch-chassidischer Schriftsteller 1910 – 1988

 

Die Kibbuzim waren seit ihrer Gründung pädagogische Laboratorien. Viele von ihnen pflegen auch heute noch die demokratischen Rechte und leben in einer tradierten, sich immer wieder anpassenden Kooperation von Menschen in Kollektiven.

 

In Köln wurde die Geschichte erzählt, dass einer der Söhne eines recht bekannten und außergewöhnlichen Lehrers in der Drogenszene abzutauchen drohte. Er schickte seinen Sohn ein Jahr in ein Kibbuz nach Israel. Er kifft zwar noch immer, ist aber heute ein bekannter und erfolgreicher Kölner Musiker geworden.

 

„Die Schule war die schlimmste Zeit meines Lebens“
Michael Ende, deutscher Schriftsteller

 

Ruth Cohn (1912-2010) war die Begründerin der Themenzentrierten Interaktion (TZI) und eine der einflussreichsten Vertreterinnen der humanistischen und der psychodynamischen Psychologie. „Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion“. Sie und ihre Theorie halfen bei der Gründung verschiedener Schulen, die auch heute noch existieren.

 

Auch hier wird in der Gruppe in persönlicher Entwicklung gelernt. Sachbezogenes und Personenbezogenes Lernen werden verbunden.[44]

Wenn Sie das Kind etwas lehren, so hindern Sie es daran, es selbst zu entdecken. Sie stiften Schaden.
Jean Piaget

 

Jean Piaget (1896-1980) war ein Schweizer Biologe und Pionier der kognitiven Entwicklungs-psychologie sowie Begründer der genetischen Epistemologie. Ob man für oder gegen ihn war, ihn verstand oder nicht, er war gut zwei Jahrzehnte lang Begleiter jeder ernsthaften wissenschaftlich pädagogischen Arbeit. Für mich ist er einer der Pioniere, der der Erziehung die Beschäftigung mit anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen brachte, um Kinder, Menschen und ihr Lernen zu verstehen.

 

„Die Schule verwischt die Eigentümlichkeit eines Menschen“
Franz Kafka

 

Ovide Decroly (1871 – 1932) hatte in seiner belgischen Reformschule L’Eremitage mit einer Schuldruckerei experimentiert.

 

„Was erlaubt ihr euch?“
Greta Thunberg

 

Fritz Karsen (1885 – 1951) Er war als Mitbegründer des „Bunds der Entschiedenen Schulreformer“ einer der führenden Bildungsdenker der Weimarer Republik. Gesamtschule, besser „Einheitsschule“ und Zweiter Bildungsweg sind mit seinem Namen verbunden. Als Mitglied der SPD trat er für „weltanschliche Schulen“ ein und vertrat viele Positionen der fortschrittlichen demokratischen amerikanischen Schule.
Die Nazizeit verbrachte er in der Schweiz, in Frankreich, Kolumbien und den USA. Nach dem Krieg arbeitete er kurz in Deutschland, dann wieder in den USA und Ecuador. Einer seiner Mitstreiter war Paul Östreich.

 

Der Anspruch, andere Menschen zu verbessern, zu ändern, kann durch keinen Trick der Welt mit den Ideen von Toleranz, Respekt,

Vertrauen in Übereinstimmung gebracht werden. Von Demokratie gar nicht zu reden.
Ekkehard von Braunmühl

 

KRAETZAE, eine Berliner Initiative fordert den flächendeckenden Verzicht auf Erziehung, auch anti-autoritäre. [45]

 

Twenty years of schooling - and they put you on the day shift
Bob Dylan

 

Minna Specht (1879-1961) Sie war eine Sozialistin, die zeitlebens für die Rechte, vor der armen und verfolgten Kinder eintrat. Sie begann, abgeschreckt von der Realität der staatlichen Schule auf einer Stelle als Privaterzieherin, 1902 an einer privaten Höheren Töchterschule, dann war sie wieder an der Henkelschen Privatschule in Hamburg. Sie selber sammelte in dieser Zeit studierend regelrecht pädagogische und fachliche Qualifikation.

 

Mit Leonard Nelson trat sie ein für die Unverletzbarkeit jeder Person, gegen Ausbeutung, für uneingeschränkte Meinungsfreiheit, Ablehnung der Kirchen, die Durchsetzung der Gleichheit von Mann und Frau, der Schutz der Kinder vor jedem „Missbrauch elterlicher Gewalt“ und eine Gesetzgebung zum Schutz der Tiere. Eine auf dem Mehrheitsprinzip basierende Demokratie lehnten sie ab. 1918 ging Minna Specht an das Landerziehungsheim von Hermann Lietz.

 

Dann gründeten sie auf der Walkemühle, eine eigene Bildungsinstitution für Alt und Jung. Sie wollten freie, mutige Persönlichkeiten, die einfach und solidarisch in Gerechtigkeit lebte. 1933 wurde die Schule von den Nationalsozialisten besetzt, 1934 von ihnen „enteignet“.

 

Minna Specht ging ins nach Dänemark und gründete eine Schule. Sie ging danach nach Wales und später nach England. Hier wurde sie immer wieder behindert und zunächst interniert, dann anerkannt und unterstützt. Nach Kriegsende übernahm sie 1946 die Leitung der Odenwaldschule. Sie musste sie damals durch Entlassung der Lehrerschaft und der Ideologie entnazifizieren. Leider blieb ein Stück Menschenverachtung zurück. Sie starb hochbetagt in Bremen.

 

Wer ein Kind ständig mit Kursen füttert, gibt ihm das Signal „Du bist dazu da, unsere Erwartungen zu erfüllen“. Damit demütigen sie das Kind.
Remo Largo

 

Remo Largo oder andere Kinderärzte wie Helmut Renz-Polster[46] geben Erziehung und Bildung heute Einblick in die unzähligen Irrtümer und Falschhandlungen unseres Lebens mit (gegen) Kinder[47]. Immer wieder gab es Ärztinnen und Ärzte, wie Montessori, Korczak oder Pickler, die die Pädagogik zu Recht kritisierten und bessere Wege aufzeigten.

 

Die Schule von heute behindert das Lernen
Oskar Negt

 

Oskar Negt gab als Soziologe der Arbeit wichtige Anstöße zu einer freieren Schule. Er war Mitbegründer der Glockseeschule in Hannover.

 

Auseinandersetzungen

 
„Die Erziehungswissenschaft, auf deren Grundlagen der Jenaplan ruht, … wandte sich eindeutig gegen jeden Liberalismus und Internationalismus,

gegen Demokratie und Individualismus, … gegen die idealistischen Theorien von der Menschheit
Peter Petersen in: „Schule im Nationalsozialistischem Staat“ 1935

 

Peter Petersen war ein deutschnationaler Pädagoge, der mit fliegenden Fahnen zu den Nazis überlief.
Seine Jenaplanpädagogik gewann nach dem 2.Weltkrieg vor allem Anhänger in den Niederlanden. Wichtig war die niederländische „Weltorientierung“, die in den 70er Jahren vor allem zur Ablösung des volkstümlichen Heimatkundeunterrichts durch den wissenschaftlichen Anspruch des Sachunterrichts beitrug. Die Jena-Plan-Pädagogik zeigte die Bedeutung der Feier, der Planung des Kreises, der Zusammenarbeit in der „Familiengruppe“, jahrgangsübergreifende Klassen und der Eigenverantwortung der Lernenden.

 

Die Jena-Plan-Pädagogik konnte sich vielleicht vom faschistoiden Ursprungsdenken eines Petersens, aber nie von ihm selbst befreien. Er sorgte auch für den Begriff der „Erziehungswissenschaften“ im deutschen Sprachraum.

 

Originalton Petersen 1941: „Einen einzigen Tag gründlich eine Schule für Farbige besuchen, etwa in Südafrika, …  dürfte  genügen,  jeden  der  den  Menschen  liebt  und  achtet,  von  Rassenmischung  abzuschrecken. Er  wird  mit  Grauen  feststellen,  was  für  ein  Verbrechen  es  ist,  Gelbe  mit  Weißen,  Schwarze  mit  Gelben,  Schwarze mit Weißen, Mischlinge wieder mit Mischlingen usf. zu paaren, und zwar wegen  der  seelischen  Entartung,  die  so  oder  so  letzten  Endes  unvermeidlich  ist.“

 

Noch 1954 „warf“ er Hitler „vor“ „das Volksleben in seinen Grundlagen erschüttert und verwildert, das deutsche Volk rassisch verunreinigt und aufgelöst“ zu haben. Das ist rechts blinken und rechts überholen.

 

Unbedingt festhalten will ich aber ausdrücklich die Tatsache, dass bei allen Jena-Plan-Leuten, die mir jemals begegneten, niemals ein Faschist oder Deutsch-Nationaler war. Ob sie Werner, Elise, Alban oder Jupp heißen, sie alle sind glühende Demokraten!

Während meines neunjährigen Eingewecktseins an einem Augsburger Realgymnasium gelang es mir nicht, meine Lehrer wesentlich zu fördern
Bertolt Brecht

 

Edwin Hoernle war der Berater der KPD in Erziehungs- und Agrarfragen und wirkte später in der DDR. Er trat konsequent für eine „Einheitsschule“, also „Schule für alle“ und eine Trennung der Bildung von Kirchen und Religionen ein.

 

Allerdings war eine Veränderung hin zu den Rechten der Kinder, also eine Selbstbestimmung des Lernens weniger sein Anliegen. Diese notwendige „Reform“ des Schulwesens fehlte dann auch in der DDR und in vielen Köpfen der Linken in der Bundesrepublik bis in die 70er Jahre. Dies führte vielerorts zur falschen Trennung in eine äußere und innere Schulreform.

 

Unsere Aufgabe ist es zu verstehen, Kinder und ihre Sprache zu verstehen – nicht umgekehrt. Ihre Sprache ist ein Abenteuer, sie forschen darin und damit.
Christian Schreger, Wiener Lehrer

 

Otto Glöckel (1874 – 1935) sozialdemokratischer Politiker und Schulreformer Österreichs trat als fortschrittliches Kind seiner Zeit für die Gesamtschule gegen die kirchliche Vormachtstellung an öffentlichen Schulen ein. Er leistete Großartiges in Bereichen des pädagogischen Experiments und der Verbesserung des Lernens für alle.

 

„Die erste 'Frauenbewegung' war Evas Gebärde, als sie die Hand nach der Frucht vom Baum der Erkenntnis ausstreckte.“
Ellen Key

 

Ellen Key (1849-1926) aus Schweden war nicht nur als Lehrerin feministisch. Sie war anti-kirchlich, individualistisch, internationalistisch und pazifistisch. Sie trat für eine Kindbezogene Pädagogik ein.

 

Ihr verdanken wir heutige Gedanken des naturwissenschaftlichen Lernens nur für Mädchen oder andere Einstellungen, die den Weg über die Koedukation hin zu einem Geschlechterbewusstsein gehen. Leider sind auch Behindertenfeindliche und undemo-kratische Bemerkungen[48] aus ihrem bürgerlich-elitären Denken heraus bekannt geworden.

 

 „Schulhäuser wecken böse Erinnerungen an die unfreieste Zeit des Lebens“
Tobias Prüwer

 

Georg Kerschensteiner (1854 -1932) war der Begründer der „Arbeitsschule“ als eine Abart der Handlungsorientierung. Er vertrat eher konservative Erziehungsziele bis zum unbedingten Gehorsam. Immerhin vertrat er die Eigenbewertung schulischer Leistungen durch den Schüler.

Und ich schleppte all die Jahre die Fünf hinter mir her, wie ein Sträfling die schwere Kugel an seinen Füßen
Heinrich Böll

 

Helen Parkhurst (1886 bis 1973) war als US-amerikanische Reformpädagogin Begründerin der Dalton-Pädagogik, die an österreichischen und niederländischen Schulen heute praktiziert wird. Sie gibt die Aufgaben der Lehrer den Schüler*innen vorher zerstückelt als Ganzes.

 

Schule war für uns Zwang, Öde, Langeweile, eine Stätte… die auf unsere realen und auf unser persönliches Interesse keinerlei Bezug haben konnte…

um des Lernens willen, das uns die alte Pädagogik aufzwang.
Stefan Zweig

 

Die Landschulheimbewegung hat viele Namen wie Edith und Paul Geheeb, Hermann Lietz, Gustav Wyneken, Max Bondy, Martin Wagenschein und viele mehr im In- und Ausland hervorgebracht. Viele ihrer Lehrkräfte und Schulen versuchten mit anderen Lehr- und Lernmethoden fernab der Staatsschule das Lernen und Leben der Menschen freier zu machen.

 

Man möge es mir verzeihen oder nicht, aber sie haben mich nie besonders interessiert. Die Verquickung von Geld, elitärem Denken, falsch verstandenen sexuellen „Freiheiten“, Klassendünkel, Schulgeldern, politischen und hochschulischen Seilschaften ließen mich zwischen tiefer Anerkennung vieler pädagogischer Leistungen und ihrer „Sektenhaftigkeit“ schwanken.

Ich habe stets starke Zweifel daran gehabt, ob der Mensch durch Erziehung überhaupt irgendwie geändert, gebessert werden könne

Hermann Hesse

 

Rudolf Steiner (1861 - 1925) konzipierte 1919 die erste Waldorfpädagogik als Betriebsschule. Seit 1973 haben „die Waldorfianer“ eine eigene, wenn auch staatlich kontrollierte Lehrerinnenbildung. Im März 2017 gibt es 561 Waldorfkindergärten und 237 Waldorfschulen in Deutschland, weltweit 1857 Waldorfkindergärten in 65 und 1092 Waldorfschulen in 64 Ländern.

 

Ich schätze ihre anthroposophische, den Menschen und ihrer Entwicklung zugewandte Seite. Ich hadere mit ihrer Einengung der menschlichen Erziehung, die ihren Einsichten und Ansichten vom menschlichen Leben entsprechen. Ich übernahm gerne jene Teile ihrer Pädagogik, die ich als demokratische Angebote an die Kinder finden konnte. Das wieder „Schule“ schaffen, stelle ich in Frage.

„Die bürgerliche Freiheit ist die Voraussetzung für jede weitergehende Errungenschaft“
Antonio Gramsci 1935

 

Anmerkung zur Abgrenzung von Falschentwicklungen
in der Odenwaldschule und anderen unzähligen pädagogischen Einrichtungen

 

Private und staatliche Schulen, Kindergärten, Heime, kirchliche oder politische Gruppen und Familien sind gesellschaftliche Schnittstellen, an denen Kinder und Jugendliche gerade für jene erreichbar sind, die diese missbrauchen. Es ist unser aller und staatliche Aufgabe alle Formen des Missbrauchs von Sexualität, Gewalt, faschistischen und fundamentalistischen Ideologien, Abhängigkeit und Armut so zu bekämpfen, dass Kinder und Jugendliche in sicheren und gesicherten Umgebungen aufwachsen können.

 

Es gibt Lehrer, die den Versuchungen erlagen und ihre Macht, die Erziehung und ihre Positionen in unmenschlicher Weise ausnutzen. Sie haben der demokratischen Veränderung von Schule, Lernen und Gesellschaft größten Schaden zugefügt. Unsere Aufgabe ist es aufzupassen. Schützen wir Kinder - und uns selbst.



[1] Zitiert nach Prof. Andrea Platte, TH Köln

[6] Die Harmonieschule in Eitorf zählte nicht zu ihnen

[9] Eine vollständigere Auflistung, die allerdings auch Namen wie Gerold Becker, Hartmut von Hentig oder Gustav Wyneken enthält: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_bekannter_Reformp%C3%A4dagogen

[10] Hering, Hövel, Immer noch der Zeit voraus.

[12] Viele weitere seiner Zitate sind hier zu finden: https://www.goodreads.com/author/quotes/2782.Viktor_E_Frankl

[16] Walter Hövel. Begegnungen mit Paul le Bohec. Drückt aus was euch beeindruckt. Eitorf 2017. Download: https://www.walter-hoevel.de/freinetp%C3%A4dagogik/dr%C3%BCckt-aus-was-euch-beeindruckt-paul-le-bohec/

[17] Lehrerin Wien, Schulleiterin in Eitorf, Schulrätin im Rheinisch-Bergischen-Kreis

[19] Vortrag um 1996 in Wien

[20] Lehrerin an der Deutschen schule in Quito, Ecuador, Geschwister-Scholl-Gymnasium Pulheim. Didaktische Leiterin von Bonns 5. Gesamtschule

[21] "Der Geist fiel nicht vom Himmel", 1976

[22] Denken, Lernen, Vergessen, www.youtube.com/watch?v=wUdeIhKBj2U

[24] Baum der Erkenntnis, 1990

[26] Forschendes und biographisches Lernen

[27] Lernwerkstätten - Potenziale für Schulen von morgen, 2014

[30] Gerhard Rabensteiner / Pia-Maria Rabensteiner. Kooperative Lehr- und Lernkultur. Schneider Verlag

[32] Ingried Dietrich. „Die politischen Ziele der Freinetpädagogik“. Weinheim 1982

[39] In diesem Aufsatz sind - wie in anderen Ländern und Sprachen - alle Bildungseinrichtungen vom Kindergarten über allen Formen der folgenden Schulen bis zu „Hoch“schulen und Institutionen der Fort- und Weiterbildung gemeint. Wunderbar ist, dass z.B. im Englischen diese Spannweite mit dem Wort „students“ erfasst wird und alle „Hochschulen“ mit „university“ übersetzt werden. Eine Selektierung der Bildung findet in vielen, vor allem skandinavischen Ländern, in der gemeinsamen Ausbildung von Kindergarten-, Grund- bis Hochschullehrer*innen nicht mehr statt. Sie werden nicht nur gleich gebildet, sondern auch gleich bezahlt.

[42] Ihre beiden ersten Bücher: Das Drama des begabten Kindes und Am Anfang war Erziehung

[44] Vgl. Svoboda, Scala, Gut. Gestaltpädagogisch lernen und beraten. dVb 2012