Walter Hövel
Lehrer*innen und Student*innen über die Präsentations- und Darbietungsformen mit Freiem Ausdruck “

Was hast du bei der Präsentation gesehen?

Präsentation ist Bestandteil des Lernens
Von 1995 bis mindestens 2015 gab es an der staatlichen Grundschule Harmonie keine Noten, Tests oder Klassenarbeiten im Lernalltag. Das Lesen der Grundschulrichtlinien in Nordrhein-Westfalen ließ es zu, dass Leistungen von Schüler*innen außer im Zeugnis nicht mehr benotet oder ertestet wurden.

Und es geschah genau das, was zu erwarten war. Der Wille zum Lernen erlahmte bei den Kindern nicht. Er wuchs zur menschlichen Selbständigkeit. Er wuchs 20 Jahre lang, weil die Schule von Beginn an mit besonderen Orientierungen für die Schülerinnen und Schüler arbeitete.

 

Jeder Tag begann mit der Kreissituation, in der jedes Kind jeden Morgen lernte zu entscheiden und zu erklären, was er oder sie er- oder bearbeitete. Wie das ohne Wochenpläne, Pensenbücher oder andere Lehrervorgaben geschieht wird beschrieben in der Reggiopädagogik, der Freinetpädagogik, dem Offenen Unterricht a la Falko Peschel [1], den Publikationen der Grundschule Harmonie selbst[2] und in anderen Quellen, wie etwa beim „Blick über den Zaun“ oder anderswo.

Der Lernalltag kannte im Zentrum die autonome Lernselbstbestimmung der Kinder. Sie entschieden an was, mit wem, wann und wie sie arbeiteten. Zu diesem individuell und kooperativ freien Lernen kam die „Kinderuniversität“[3] mit der freien Wahl der Kinder- und Erwachsenenexperten. Dazu kam die große Zahl der demokratischen Gremien vom Klassenrat bis zur Schulversammlung oder dem Kinderparlament. Diese hatten die vordringliche Aufgabe dieses Lernen abzusichern und weiter zu entwickeln.

 

Vor allem in den Klassen wurde die Pflege der Präsentation immer weiter vorangetrieben. Hierbei halfen klassische pädagogische Mittel, der freie Ausdruck, die elektronischen Medien, das Draußenlernen, Bücher über Bücher, die Bildungs- und Erziehungsgemeinschaft der Erwachsenen der lernenden Schule, die Menschen aus dem Dorf (der Kommune) und –last but not least – die Kinderideen.

Die Präsentation zeigt, mit einem von den Kindern selbst bestimmten Publikum, in wie weit es den Lernenden gelingt, das von ihnen selbst Gelernte auch anderen –sofort – vorzustellen und zu lehren. Dies erfasst eine viel größere Reichweite als jeder Test oder jede Benotung vorgegebenen Lern- und Lehrstoffs es können.

 

 

Hinzu kamen die Mittel der Selbsteinschätzung durch die Reflektion des Lernenlernens im regelmäßig wiederkehrenden Klassenrat und der Selbsteinschätzung durch die entsprechenden halbjährlichen „Selbsteinschätzungsbögen“[4] mit dem anschließenden Gespräch Kind-Eltern-Schule. Hierbei steht immer die weitere Lern- und Arbeitsplanung des Kindes im Mittelpunkt des Gesprächs. Es dient der Entwicklung des Weiterlernens des Kindes (und der Erwachsenen).

Lernen auf Fortbildungen
Entsprechend bieten viele Fort-Bildungs-Pädagog*innen in ihren Seminaren selbständige individuelle und kooperative Arbeitsphasen mit anschließender Präsentation an. Zu vielen Studierenden und Lehrenden ist dies weder in ihrer eigenen Schüler- noch Lehrerpraxis begegnet. Sie müssen diese Erfahrung nachholen, weil ein solches Lernen in der Zukunft der Schule und der Bildung mehr und mehr verlangt werden wird.

Hier die Kommentare einiger lernender Lehrerinnen nach der Ersterfahrung solcher Präsentationen:

„Geschichten als Klang, mit Klang[5] … Ein Gespräch zwischen Tochter und Vater anhand eines Briefes, als ‚Schweigen-reden-können‘.“

„Ich habe mein eigenes Schattenspiel[6] nicht gesehen. Ich konnte spielen, weil ich nicht direkt gesehen wurde. Ich hatte das Erlebnis Bühne und meines eigenen Größerwerdens“

„Das war dann ‚meins‘.“

 

 

„Dinge, eigenes Tun und Lernen bekamen eine andere Wertigkeit durch Präsentation“.

„…mit so „wenig“ Dingen so viel aussagen (Dimensionenbuch[7]), aus Nichts, Punkt, Strich so viel entwickeln und dann zeigen können.“

„Die Entdeckung, die Natur entdecken, sich selbst und daraus entstehend die Ästhetik…“

„Die Atmosphäre, der Zauber des Moments!“

„Als wir ankamen, war das alles nicht. Was aus „Nichts“ geschaffen wurde!“

„Die wertschätzende Atmosphäre…“

 „Ich war überrascht: Das können die doch nicht machen, so mit dem Freien Ausdruck einsteigen… aber jede hat ihren Platz gefunden…es ist ganz viel entstanden.“

„Die Vielfalt, sie hat mich angetriggert. Daraus entsteht die Lust etwas und mehr zu machen.“

 „Erfolgserlebnisse,… es blieb spannend, auch bei Müdigkeit weiter machen wollen…und es kommt etwas Schönes dabei raus.“

 

„Recht simple Materialien werden mit Leben gefüllt.“

 „Der eigene Prozess und der Prozess der Gruppe gestalten sich, gestalten den Raum der Ausstellung. Und dann werde ich Gast in einem anderen Raum, der so eine Gestaltung wie der unsere erfuhr. Gast in ähnlich entstandenen Environments.“

„Ich konnte Mathe ansehen, obwohl Mathe nicht meins ist.
Ich konnte Mathe machen, obwohl es auch nicht meins ist.“

 



[1] Peschel, Falko. Offener Unterricht : Idee, Realität, Perspektive und ein praxiserprobtes Konzept in der Evaluation. Schneider-Verl. Hohengehren

[3] ebenda

[4] Geben Sie bitte auf www.grundschule-harmonie.de in der Suchfunktion „Selbsteinschätzungsbögen“ ein.

[5] Bevor die Teilnehmerinnen Zeit haben eine eigene Zeile zu schreiben, hören sie einen Ton. Nach einiger Zeit des Schreibens den nächsten. Das zehn bis zwölf mal. Die Töne sind ein Flötenton, an einander geriebenes Papier, glucksendes Wasser oder ein paar Sekunden absoluter Stille. Die Technik ist zu finden in
Ute Geuß, Walter Hövel, Schreiblandschaften, kooperative und freie Texte,

Download: http://www.grundschule-harmonie.de/artikel-pdf/pdf_3/Schreiblandschaft.pdf 2011

[6] https://gerd-haehnel.de/menschenschattenspiel/

[7] Eine Gruppe der Teilnehmerinnen hatten sich zur Aufgabe gestellt ein „Buch der Dimensionen“ zu gestalten. Sie benutzten bei ihren vielen Materialien eine Schuldruckerei. Die vierte Dimension war in einer Buchseitenvertiefung eingelagertes Daumenkino. Damit wurde die Vierte Dimension erklärt.