Walter Hövel
Schlechte Erfahrungen - schlechte Freunde

 

Geschrieben um 2013

 

 

 

Ich glaube, in den letzten sieben Jahre eine Menge schlechter Erfahrungen gemacht zu haben, mit staatlichen „Qualitätsanalyse“ in NRW und privat-wirtschaftlichen Kontroll- und Belobigungssystemen der Schulentwicklung („Deutscher Schulpreis“, „Exzellenzforen“) .

 

 

 

Hier geht es zu aller erst um diese Arroganz durch Erstellung von „Kriterienlisten“ und das Bestimmen und Entsenden von „Experten“ funktionierende Systeme „bewerten“ zu wollen. Es gibt Preise oder Noten.

 

 

 

Preise und Auszeichnungen sind eine alte Tradition unserer historischen Entwicklung. Sie wurden und werden von feudalen, totalitären, aber auch bürgerlichen Staaten vergeben. Besonders ausgeprägt ist dieses System im Bereich von Uniformträgern, neuerdings von Medien („DSDS,“ „Schlag den Raab“ oder „Holt mich hier raus“).

 

 

 

Noten sind dem Schulwesen entstanden und werden beibehalten, obwohl jeder weiß, dass sie weder Leistungen widerspiegeln noch zur intrinsischen Motivation, also dem Lernen, dienen.
Diese Bewertungssysteme dienen ausdrücklich nicht der Beratung, sondern einem Ranking nach vorgegebenen äußeren Kriterien, die sich nicht auf die Entwicklung eines Systems bestehen. In der Notendiskussion wissen wir, dass es sich hierbei um den unpädagogischen, also einen „gesellschaftlichen“ Leistungsbegriff handelt.

 

 

 

Die Kriterien sind im Kern einer veralteten Auffassung von „gutem Unterricht“ und einer Individualisierung im Sinne von „individueller Leistungsbewertung“ garniert mit neueren (???) Erkenntnissen der Wichtigkeit von Teamarbeit, der Öffnung, der Demokratisierung, der Entwicklung von Eigenverantwortung und Eigenaktivität gespickt. Letzteres führt dann auch zu den Schnittmengen, die Gespräche mit engagierten Lehrern möglich machen. Im Kern aber geht es um Fragen wie „Wer führt wieder eine gute Regie im Unterricht?“, „Wird hier Lernzeit vergeudet?“, „Wie dokumentieren Sie?“ und „Wer kontrolliert Sie?“

 

 

 

Weil ich diese „Übergriffigkeit“ und „Abgehobenheit“ der Jurybesuche für eine Verstärkung des zwanghaften Verhaltens von Staatsschule gegenüber Kindern, Jugendlichen, Lernern, Lehrerinnen, Lehrer und Schulleitungen halte, war es mir in den letzten Jahren eine Freude, eine andere Art der gegenseitigen freiwilligen Beratung mit zu entwickeln. Hier gelang es eigene Vernetzungen zwischen Schulen aufzubauen, selbstorganisierte Arbeitskreise und Fortbildungstreffen zu organisieren, ein System regelmäßiger Hospitationen mit Feedbackrunden an der eigenen Schule zu installieren. Du konntest beim „Blick über den Zaun“ mitzumachen ( obwohl hier diese Ideologie des staatlich/privatwirtschaftlichen Blicks von oben auch wirken kann) oder sogar im europäischen Comeniusrahmen Freiräume nutzen, die aufgrund der Entfernung zur Zentralmacht, die mit eigenen Vorstellungen zu benutzen sind. Besonders freuten mich Einladungen „als geladener Berater“ von Schulen wie der Freien Schule PrinzHöfte, der Luxemburger Eisschoul oder der Hamburger Stadtteilschule Winterhude.

 

 

 

Hier ließ sich eine eher britische Tradition der Forschung und Theoriebildung verwirklichen. Ausgehend von subjektiven eigenen Erfahrungen konnten Beratungsgespräche auf Augenhöhe entstehen, die einerseits Lernen als ganzheitlichen Vorgang des Menschen im Vordergrund sehen und andererseits, dass hoch komplexe Schulentwicklung nur von den Menschen selbst nach eigenen (!!) und nicht fremden Vorgaben gemacht werden kann.

 

 

 

So besuchte ich in diesem Jahr die Grundschule der Stadtteilschule Winterhude. Meine Gedanken verschriftliche ich nun als Brief an die einladende Hamburger Schule und meine eigenen Schule, die Grundschule Harmonie.

 

 

 

Ich erinnere mich gut an die übernervöse Diskussion im „Blick über den Zaun“, als der Skandal an der Odenwaldschule aufgedeckt wurde.

 


Ich unterstelle Niemandem eine Beteiligung in irgendeiner Art. Aber was vielleicht den Leuten selber deutlich wurde, war ihre Verflechtung, das Zuspielen, das Verabreden und Verseilschaftung in der deutschen Reformbildungsszene, hinein in Universitäten, Schulen, Ministerien, Stiftungen und Verlage. Sie mussten merken, dass sie alle irgendwie - somit auch in den Skandal – verstrickt waren.

 

 

 

Es gab den langgezogenen Augenblick des Hinterfragens des eigenen Handelns der einen, die Neuorientierung in der Netzknüpfung neuer Machtbeziehungen und Ränkespiele, des Aussitzen der einen und des Weiterhandelns jener, die dem Kern der Verfilzung relativ fern waren.